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Kategorie: Urban Desire (Seite 15 von 19)

Parkbank

In mir lebt eine Imitation meiner selbst. Gestern Nacht kam sie raus. Es war 4.09 Uhr und ich beendete die Arbeit. Habe verschiedene Dinge erstellt, für gewisse Jenaer Vereine. Ich stand dann auf dem Balkon. Hände ans Geländer und betrachtete die Schemen der Bäume, die sich im Wind wiegten. Und plötzlich sprach mich Jemand an. Er saß in den vergilbten Korbsesseln, die seit meinem Einzug auf dem Balkon vor sich hin verwittern. Kleine, weiße Farbpartikel, die vom Rattan abgeplatzt waren, hatten sich auf seinem schwarzen Hemd angesammelt. Er hatte seinen Arm auf die Lehne gestellt und seinen Kopf mit dieser Konstruktion abgestützt. Er blickt mit leerem Blick auf die wiegenden Schemen.

Die Stimme klang gleichsam fremd und vertraut. Der Tonfall war mir bekannt. Irgendwoher, irgendwann. Er sprach über Parkbänke. „Sie sind unglaublich traurig…“ sagte er „während alle darauf Sitzenden immer wieder verschwinden, manchmal spurlos, häufig bewusst, stehen Parkbänke fest verwurzelt mit ihrem Untergrund, verschraubt mit dem Boden, einbetonierte schwere Stahlträger…“ Ich sah ihn an. Die Augen blickten noch immer hinüber zu diesen vermutlichen Bäumen. Leicht viel Regen auf das Geländer und ließ das Metall klingen.

Er verstummte. Vermutlich lauschten wir beide dem Schlag der Tropfen, genossen die Schallwellen, die dem restlichen Regen den Takt zu geben schienen. „Du bist eine Bank. Man kann auf dich bauen, auf dich setzen.“ Er atmete laut ein und wieder aus. „Aber du bist gefangen. Weil du einbetoniert bist. Fest mit dem Boden verwachsen. Kommst nicht raus, kommst nicht vom Fleck. Du willst immer mitgehen, wenn wieder einer aufsteht. Du wartest immer darauf, dass dich jemand mitnimmt. Aber alle sehen, dass man dich nicht mitnehmen kann. Und so stehst du da. Schmiedest den ganzen Tag pläne, wohin du willst, was du alles machen möchtest und vergisst dabei, dass du nicht weg kannst, dass du still stehst. Einbetoniert.“

Er hörte auf zu sprechen und blickte mich an – zwei, drei Sekunden. Er schüttelte den Kopf. Ich blickte weg. Ich suchte im Regen nach einzelnen Tropfen, deren Weg nach unten ich verfolgen konnte. Langsam wurde aus dem Schwarz der Nacht ein Dunkelblau. Die Sonne kam.

urbane Internetverbindungen

Es kann sich dabei nur um Zivilisationsmüll handeln. Anders ist es nicht zu denken. Niemals.internetkabel als zivilisationsmüll
Diesen durchaus ansprechenden Haufen digitalen Schrott entfernte ich heute von der Hinterseite meines Rechners. Er diente nur einem Zweck. Er sollte die WG kommunizieren lassen. Dies schaffte dieser Haufen durch Teleportation in „The Cloud“ und einem überteuerten ISDN-Telefonanschluss.

Was sehen wir denn da:

  • NTBA-Box (großes weißes Ding)
  • Splitter (kleines weißes Ding)
  • ISDN-Modem (rechts unten)
  • DSL-Modem-Router (rechts oben)
  • Basisstation des Telefons plus Mobilteil

Zusätzlich natürlich Stromkabel für jedes Gerät eines. Und dazu verschiedenste Telefon- und Netzwerkkabel, damit alles allumfangend miteinander verbunden ist. Im Kreis sozusagen. Jetzt die Frage: Geht das nicht einfacher? Ich will mich jetzt nicht über den Fehler der Telekom auslassen, auf ISDN zu setzen (den ich natürlich nachahmen musste), aber es ist schon unglaublich, was sich da alles hinter einem interfähigem Rechner formiert. Die Stromkosten dabei noch nicht mal bedacht. Es scheint zu Stimmen, wenn man immer sagt, es wird alles schwieriger.

Blogosphäre – Ein geistiges Niemandsland

Vermutlich lese ich die falschen Blogs. Vermutlich. Nur andauernd werden Beiträge in meinem Feedreader gespritzt, die leidliche Themen auseinanderklamüsern. Grob über den Daumen gepeilt geht es darum: Wie kann ich in der Blogosphäre bekannt werden, um dann endlich mit meinem Blog Geld zu verdienen? Und wenn diese Frage nicht direkt gestellt wird, wird schreckliche Bannerwerbung geschaltet oder sich an noch schrecklicheren und absolut hirnverblödenden Marketingaktionen beteiligt. Sozusagen als bereits von der Muse Geküsster.

Geldlos

Wtf? Meinetwegen mag das ja für Organisationen noch ein Schritt sein, sich ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Aber warum Privatblogs mit ihren sinnlosen Gesülze aus „Heute war wieder ein Scheißtag…“, „Seht mal; das habe ich gerade bein yousevenmytubeloadvideo gefunden…“ oder „Dieses Plakat habe ich letzte Woche gesehen und mit meinem neuen Finnenhandy gleich mal geknipst… cool was?“ an sowas beteiligen, bleibt mir schleierhaft. Aber vermutlich sagen sich alle Beteiligten, der urbandesire, der ist ein Außenstehender und der ärgert sich nur, weil er das alles nicht abbekommt… – den Ruhm und das natürlich das Geld.

Okay, ich gebe es zu. Ich verdiene das Geld, um die Hostingkosten zu refinanzieren in dem ich dreimal die Woche in einem Supermarkt geplünderte Regal wieder mit Ware zu knalle. Von daher.

Bloglos

Wieso ich Blogs mochte? Es lag an dem unglaublich spannenden Gemisch aus Kreativität, Kunst, Selbstdarstellung und dem Interesse am Neuen. Gern dürfte auch mal abgeschweift werden und dabei ein bisschen „Neues Medium“ gespielt werden. Gehört dazu. Zum Geschäft. Betrachtet man jedoch heute die allseits beliebten Charts – dbc, bsc – dann rangieren da unter den Top Hundert immer dieselben Verdächtigen und produzieren tagtäglich ein Gemisch aus Newsverwertung via Googlenews, SpOn usw. (jaja und das (via) nicht vergessen), gruseligen Video-, langatmigen Webfunden und persönlichen Gedanken, die nicht gerade unterstreichen, dass die Blogger ja eigentlich angeben, die Bildzeitung zu meiden und das Bildblog zu lesen. Somit sind zahlreiche Blogs nicht mehr als ein widerwärtiger Aufguss einer Popkultur, die schon vor Jahren von den Feuilletons deutscher Zeitungen zerrissen wurden. Auch aufgrund ihrer Zweitverwertung und der immer wieder fehlenden Eigenleistung. Blogger spielen Rollen, aber ohne Masken. Sie spielen Journalist, sie spielen Aufklärer, sie spielen Erfinder. Doch erfunden haben sie nichts. Sie haben es bei google gefunden oder in der Zeit.

Kulturlos

Jahrelang stritt ich mit zahlreichen Menschen über die Relevanz dieser Blogosphäre – die für mich zu einer neuen medialen und gesellschaftlichen Macht aufgestiegen war. Subjektiv sah ich darin den Großstädter, den urbanen Menschen, der versucht in jedem Winkel der Straße und in jeder Minute des Tages den Zeitgeist aufzuspüren, sich aber immer bewusst, woher er kommt. Dass er aus einer Kulturnation kommt, dass es schwierige Dinge gibt, über die es sich lohnt nachzudenken (auch wenn manchmal kein Ergebnis und vor allem kein Geld einbringt). Doch all das sind Blogs nicht. Blogs sind nicht die neuen Medien, kein Graswurzeljournalismus und Blogger sind auch keine neue gesellschaftliche Entwicklung. Blogs wissen nichts von der großen Kultur, der sie entstammen. Sie kennen keinen Zugang zu den Großen der Welt. Ihre Referenz reicht nur bis zum nächsten Link und dabei hoffen vielleicht wenige, dass sie durch die endlose Rückführung eines Links an die komplette Kultur des Abendlandes angebunden sind. Doch sie sind es nicht. Die meisten jedoch scheinen in ihrem Zeitgeist- und „daistderneuetwitterklon“wahn nicht mal im geringsten zu spüren, woher sie stammen und was sie da eigentlich für eine Sprache sprechen. Neue Generationen sind immer dafür bekannt alles auf den Kopf zu stellen und dem Leben der Menschen etwas bleibendes zu hinterlassen. Etwas, weswegen man ihrer gedenken wird. Doch Web2.0 bietet kein Revolution, sondern nur neue Wege miteinander zu kommunizieren: „Wir sind das Web.“ Aber mehr als darüber zu quatschen können sie auch nicht.

Kunstlos

Die Blogs haben es verpasst zur Kunst zu werden. Vielleicht liegt es an ihrem durchaus technischem Ursprung. Der Nerd konnte vielleicht ein Blog umsetzen, doch oftmals fehlten ihm die Möglichkeiten aus dem Fachkontext auszubrechen. Also ließ er die Technik reifen, so dass irgendwann der Noob das Ruder übernehmen konnte. Doch auch der hat es nicht zur Kunst gebracht. Bloggen ist Alltag. Bloggen ist beliebig. Jeder tut das, was er am schlechtesten kann und schreibt darüber und versucht, dies dann in letzter Konsequenz zu Geld zu machen. Und zwischendrin werden Videos gezeigt.
Irgendwo zwischen all diesen Einträgen hat ein Blog die Fähigkeit verloren, zur Kunst zu werden. Zu bleiben. Anzudauern. Heute ist es nur noch eine Datenbank, vielleicht ein bisschen buntes Layout und ein paar Euro mehr auf der Bank. Doch in zwanzig Jahren wird die Einträge in der Datenbank keiner mehr lesen wollen. Wenn man sie denn überhaupt noch wiederfinden würde. Text und Kommunikation sind im Netz zu Ware und zum Gebrauchswert verkommen und somit nicht mehr stetig. Sie schwirren an, sind ein paar Monate wichtig und versinken dann im Nichts.

Vielleicht gehören Blogs auch zu einer Technologie, die erstmals nicht von Künstlern genutzt werden kann. Sie haben es geschafft den Buchdruck, das Radio, das Kino, das Fernsehen und in Maßen auch das Internet zu vereinnahmen. Doch die Blogs bleiben Mobterrain… ein geistiges Niemandsland. Aber vielleicht lese ich auch nur die falschen Blogs.

Das kalte Feld

Mit der Zeit stellt sich Allmählichkeit ein. Die Ruhe der Nacht durchfließt jeden. Es ist die Zeit Gedanken zu ordnen und sich ausgiebig mit der Versuchung zu beschäftigen, das Leben der anderen besser zu finden. Nicht neidvoll, sondern über sich selbst enttäuscht tauscht ein Gedanke den Weg mit einem anderen. Treiben es wild in dir. Hängen sich an Kleinigkeiten auf, nur um schließlich wie ein weißes Tuch, dass an einem morschen Nagel gehängt wurde, mitsamt diesen fortgerissen zu werden. Großspurig fährt dir die Angst durch die Haare und du streichelst mit deinen Fingerspitzen das kalte Feld. Doch in all dem beschäftigt versuchst du nur das unabänderliche Leben in dir und um dich zu ersticken und zu vergessen. Doch nirgends, nicht im tiefsten Versteck der Nacht, nicht in dir selbst wirst du dich verstecken können. Es wird dich finden. Du hockst im kalten Feld, die Füße eng an die Brust gezogen, pressend und mit strahlend traurigen Augen und willst auch, da so viele andere auch anders werden, dich neu erfinden. Klebst jedoch fest. Hier im kalten Feld.

Gerädert.

Nach dem krachigen, letzten Wochenende mit Probearbeit bei unser aller Lieblingslebensmittelsupermarkt, einer 15 stündigen Hochzeitsmarathonreportage und der Nachfeierei meines Geburtstags bei meinen Eltern mit abschließender Zertrümmerung des Handwurzelknochens meiner Großmutter fühle ich mich derzeit – aber eigentlich schon seit Tagen – wie gerädert. Ich bin ständig müde und stecke meine Umgebung mit andauernder Gähnerei an.

Nach einem ermüdenden Seminar (Ich  h a s s e  ÄDL.) und der Erkenntnis, dass nichts meine Aufmerksamkeit länger als 5 Minuten behaupten kann, sitze ich jetzt hier in diesem widerlichen Kerker von organisierten Bücherstapeln, die alle eine Nummer tragen und was sagen wollen, und denke an nichts. Neben mir liegen Blätter, Bücher, eine Lateinklausur, Stifte. Doch nichts in mir vermag es, daraus etwas Sinnvolles zu kreieren. Etwas, dass mich weiterbringt, dass auf meine Bedürfnisse Rücksicht nimmt, dass mich interessiert.

Nach einem vernebelnden Blick in die Blogosphäre – Blogos est deus inversus – sehe ich Tag ein, Tag aus das Gleiche. Immer wieder. Man braucht so unglaublich viel Zeit all die Feeds und Kommentare zu lesen und immer wieder sieht man großartige Texte, Ideen, verspielte Bildlichkeiten, die aus dem Nichts kommen und nach wenigen Tagen im Strudel des Interesses in die Dunkelheit der Vergangenheit einkehren werden.

Ich muss weiter. Meinen Weg, der derzeit wie schon seit Jahren kein Ziel besitzt.

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