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Kategorie: Urban Desire (Seite 14 von 19)

Ichende

Descartes war ein Lügner. Nein. Descartes konnte es einfach nicht besser wissen. Wie auch. Begnadet wie er war. Es ist das großes Problem jeglicher Geisteswissenschaft, dass ihre Substanz von hellen und fast genialen Köpfen geschaffen wurde; Genies und Menschen, die am Rande des Wahnsinns standen oder die Grenze fies grinsend übersprangen. Sie finden Antworten auf Fragen, die ich noch nicht mal verstehe, deren Verständnis mir diese unglaublich schnelle Zeit auch nicht ermöglicht. Und so stochert man im Ich auf der Suche nach Irgendetwas. Man macht das beschämt, weil man nicht will, dass anderen diese verzweifelte Suche mitbekommen.

Mein Leid begann mit Descartes. Er war es. Ganz klar. Er war aber auch einer, der noch versuchte sein Gedanken, sein Idee verständlich zu machen, nicht nur einem drogengeschwängerten Fachpublikum Einlass in sein Reich zu gewähren. Er war ein kleiner Didakt. Boxte sich die Fakten so zurecht, dass er schließlich seine Fragestellung gleichsam einem Gegner vor sich aufgebaut hatte. Dann stieß er zu: Cogito ergo sum. Ich kann an allem Zweifeln, an allem, alles kann unecht sein, alles kann auf Lügen eines Dämons beruhen. Nur eines nicht. Im Moment des Zweifelns kann ich mir sicher sein, dass ich es bin, der zweifelt. Meine Existenz ist von diesem Standpunkt der Selbstreflexion aus, das einzig sichere, die einzig sichere Erkenntnis. Hier wird der radikale Zweifel scheinbar beendet und die Philosophie der Neuzeit beginnt schrittweise ihre riesigen Theoriegebäude darauf aufzubauen.

Das besondere des Menschen schien entschlüsselt zu sein. Doch die Theorie hinkt. Descartes richtet wie viele andere seine Versuchsanordnung zu stark daran aus, sein Ziel zu beweisen. Er vergaß Menschen wie mich. Menschen, die im Zweifeln und Denken das Ziel und so auch sich selbst vergessen. Menschen, die Wörter in fester Begeisterung schreiben; doch im nächsten Moment das Geschriebene abstoßend finden. Menschen, die in ihrem Leben keinen Anfang und kein Ende finden. Menschen, die sich in einem mittendrin befinden, mitten im Leben orientierungslos, weil über sich selbst und über das Ziel von allem im Unklaren.

Aus all dem kann nur folgen, dass ich nicht bin – oder ich mir zumindest nicht sicher sein kann, zu sein. Mir kam diese Erkenntnis nur über die Feststellung, dass ich versagt habe. Mein Leben ist zerstört. Ohne Ziel und mit Angst springt es durch die Tage. Kann sich weder umblicken, noch im grauen Nebel da vorne etwas sehen. Einzig die anderen, benachbarten Spuren, die von schönen Menschen befahren werden, ist es in der Lage zu sehen. Und mein Leben sieht, wie sie mit strahlenden Augen davon rasen, auf ein sicheres Ziel, ein Ziel, dass ihnen bestätigt zu sein, ein Ziel, dass sie in ihrer Existenz begründet und ihnen halt gibt, auch Widerliches über sich ergehen zu lassen.

Vor Jahren dachte ich, ich bin noch auf der Suche. Auf der Suche nach dem Ziel, dass die Tage leichter werden und die Lasten verschwinden lässt. Stattdessen bin ich verheddert, hier mit euch, auf diesen Seiten und in Projekten, denen ich nicht genug geben kann. Weil ich nicht bin.

Ich betrachte diesen Text als ein Ende. Ein Ende für bisherige Dinge. Ich werde mich in den nächsten Wochen von verschiedenen Dingen/Projekten in meinem Leben verabschieden. Vielleicht nicht für immer, aber auf jeden Fall für eine längere Zeit. Und diese Zeit werde ich nutzen, ein letztes Mal zu fragen wozu. Hoffentlich gibt es eine Antwort, die es schafft, dass ich mich besser fühle und nicht jede Nacht nicht schlafen kann und den Morgen verfluche, weil schon feststeht nichts zu schaffen. Vielleicht finde ich ja auch wieder Augen, die Hoffnung ausstrahlen, die mit Glanz die Rettung versprechen.

Fliegenwunsch

Es begann vermutlich alles an dem Tag, an dem die Fenster zu geklebt wurden. Alles wurde blau. Und zusätzlich wurden die Mülltonnen, die seit ihrer Aufstellung im Hof vor Jahren dort so dahin dufteten, übereinandergestapelt. Ergebnis war eine vollständige Unzugänglichkeit für Tage, wenn nicht gar Wochen. Sowas ist immer schlecht, genauso schlecht wie das Bemerken der Nichtanwesenheit von Klopapier während man Dinge betreibt, die als Abschluss Klopapier benötigen. Jedenfalls stapelte sich der Müll unter der Spüle. Die feinsäuberliche Trennung von Hausmüll und direkt biologisch abbaubarem Abfall brach ein. Die ersten Tagen ignorierte man dies, da es ja möglich war durch einen exakten Balanceakt der Finger, weitere Müllgegenstände auf den Mülleimern zu drappieren. Doch irgendwann half das auch nichts mehr und da kroch sie auch an – die Armee der Fruchtfliegen. Sie kamen irgendwoher, sie bissen sich fest am Obst und am stinkenden Müll, sie waren hunderte und sie gingen nicht.

Der Müll ist inzwischen in den nun wieder ordentlich sortierten Tonnen im Hof gelandet. Doch die Fliegen halten sich hartnäckig. Jegliche Fallen wurden zwar zahlreich genutzt, jedoch weigerte sich ein gehöriger Teil der Fliegenpopulation, in diese Fallen zu tappen. Schlimmer noch; sie scheinen einen auszulachen, wenn sie dann abends – zur Zeit des Sonnenuntergangs – um den Kopf herumschlendern und nur ein Ziel haben: die größtmöglichste Wut des nach ihnen Schlagenden. Ihre kleinen, pipsig-fiepigen Stimmen kichern unentwegt. Jedes Schnappen und Schlagen mit den Fingern nach ihnen wird mit einem hohen „Hoho!“abgetan.

fliegenblickIn den letzten Tagen bewiesen die verbliebenen Fruchtfliegen Mut und breiteten sich in weiteren Zimmern der Wohnung aus. So sitzen sich vermutlich derzeit auf der Oberkante des Monitors oder irgendwo daneben oder dazwischen und betrachten mich hier. Sehen mir zu – wie ich diese Zeichen tippe, wie ich im Netz lese, wie Texte verfasse und oder einfach nur mit müdem Blick auf den Monitor starre, um sein viel zu schnelles Flackern irgendwie verlangsamen zu können. Bestimmt haben sie mich auch beobachtet wie ich aus dem Fenster gestarrt habe. Wie ich mir zeitweise die Menschen hinter der Plane (ja sie hängt immer noch) vorgestellt habe – wie sie geschäftig Geschäften nachgingen.

Bestimmt sind ihnen auch die Nächte aufgefallen, in denen ich nicht hier war, in denen ich nicht zum Schlafen kam, in denen das Zimmer kalt und still blieb. Vielleicht haben sich deswegen auch nur einen Moment gewundert und sich gefragt, wo er denn bleibt. Vielleicht.

Derzeit glaube ich, dass sie an meinen Gedanken interessiert sind. Die warten immer genau darauf, dass ich versunken bin in mir und über etwas nachdenke. Genau in diesem Moment, in dem mein Geist kurz die Bindung zur Realität verliert, es kurz schafft die Umwelt in den Hintergrund zu drängen bzw. auszublenden, schlagen sie zu. Sie fliegen direkt in meinem Blick und tauchen so auch kurz in meine Gedankenwelt ein. Sie kommen dann direkt aus der innere Mattscheibe herausgeflogen und tänzeln in meiner Gedankenwelt herum… mischen sich in Ideen ein, setzen sich auf Gedankenstränge und klettern an Erinnerungen hinauf und manchmal wieder hinunter. Vielleicht schnüffeln sie auch an Urteilen und verändern so die Entscheidungen

Exakt in diesem Moment bemerke ich sie, nehme wieder Kontakt mit der Wirklichkeit auf, erkenne sie vor mir herumschwirren, hole aus, schlage nach ihnen und verfehle oft – fast immer. Ich habe es inzwischen aufgegeben, sie zu jagen. Ich habe es einfach aufgeben. Vielleicht habe ich das auch gar nicht getan, sondern ein Fliege. See ist zurückgelieben in mir, weil ich es nicht geschafft habe, sie zu vertreiben; sie hatte sich an meinem Willen festgemacht und entscheidet nun alles für mich. Kleines Flieglein, was tust du nur. Wo bist du? Bist du es vielleicht, die diesen Text schrieb?

Dreisekundenbegeisterung

LeereIch kann mich für alles vieles begeistern, nur nicht länger als drei Sekunden. Das ist ein Problem. Vermutlich. Ich bin der viele-Hochzeiten-Tänzer. In meiner geistigen Ablage befinden sich so viele Projekte und Ideen, die vielleicht an anderer Stelle schon tausendmal verwirklicht wurden, auch besser, manchmal schlechter. Und trotzdem klebe ich Notiz um Notiz an mich, was ich alles tun könnte. An manchen Tagen eile ich von Baustelle zu Baustelle, richte hier etwas ein, verlege da den Boden, schließe den Bau aber nicht ab. Doch im Laufe der Zeit erkannte ich nur ein Wesensmittel, dass gewisse Dinge zu etwas Großem und Guten werden lassen kann: Nachhaltigkeit. Sich immer wieder dahinterklemmen, lernen, ausprobieren, sich selbst und das Werk kritisch überprüfen und lieber noch mal verwerfen, wenn es nicht zum richtigen Ende kommt.
Doch oft fehlt im hektischen Leben Zeit für solch‘ künstlerische Askese. Man trägt seine Steine von Ort zu Ort baut etwas auf, lässt aber nur den Rohbau stehen und ekelt sich Wochen später vor der unfertigen Ruine, die einem kläglich und vor allem leer vorkommt. Man sieht sich um und betrachtet die anderen Baustellen, an denen fleißig und beständig gearbeitet wird. Wieder eine neue Wand, schon wieder ein neuer Treppenaufgang und da eine renoviertes Zimmer, manchmal auch ein steinerner Swimming-Pool. In diesen Momenten blickt man auf sein eigenes Werk und es kommt einen so verblichen und so vollständig und schön in seiner eigenen Leere aufgegangen vor, dass ein einziger Säufzer nicht reicht, um den Unmut Ausdruck zu verleihen.

Ich werde mich von etwas trennen, ich weiß nur noch nicht von was.

Stille

Es ist eigentlich falsch und belanglos jetzt irgendwas zu schreiben. Tausende vor mir haben das hinter sich gebracht, tausende lebten die Veränderung und freundeten sich irgendwann mit der Situation an, tausende stellten sich vermutlich die gleichen Fragen und bekamen tausendmal auch keine Antworten.

Es ist ziemlich still hier. Da, wo ich jetzt bin. In den letzten Wochen spielte ich hundertfach die Situation durch, wie es wohl sein würde. So ganz allein. Ich rechnete mit allem. Geruch, Kälte und auch Einsamkeit. Nur rechnete ich nie mit Stille. Heute Nachmittag erwischte ich mich, wie ich eine Viertelstunde lang aus dem Fenster starrte in einer leblosen Wohnung. Ich blickte durch die Lücken der Fensterbrettbepflanzung, die wie aus einem alten Zeitalter zu stammen schien, hindurch auf die Straße und beobachtete die Autos wie sie hastig vorbeirauschten. Erst mit einem leisen Grollen sich näherten und dann mit stumpfen, tiefen Zischen am Fenster vorbeizogen. Mit der voranschreitenden Zeit wurden die Abstände zwischen den einzelnen Wagen immer größer bis fast gar keins mehr kam und nun letztlich auch die Straße schwieg.

Jetzt ist es Nacht und auch still. Aus dem Rechner krakeln Songs aus meiner Vergangenheit. Der Soundtrack eines vergangenen Lebens. Ein Kinofilm, der längst auf DVD erschienen ist und den keiner mehr sehen will. Ab und an rauscht nun doch wieder ein Auto am Fenster vorbei und erhellt kurz mit Lichtstrahlen den Raum dahinter. Vermutlich ist alles, was ich brauche ein bisschen Zeit, ein bisschen Zeit zu lernen und zu akzeptierten. Nur kreisen die Gedanken um ein Wir. Wir, allein, gegen den Rest der Welt, rundherum nur Stille.

Symphatie für den Teufel

Der Aufstand des TeufelsEigentlich kann er uns Leid tun. Der Teufel. Er ist ein gefallener Engel. Er, ein Wesen geschaffen von Gott, begrenzt und unbedingt. Und doch mit der großen Schöpfungslust seines Vaters ausgestattet. Er will schöpfen und autonom sein in einer Welt, die nach den festen Regeln Gottes verläuft und nur durch deren Befolgung hat er Anteil am Unendlichen seines Schöpfers hat.
Es ist der Fluch des Nachkommen, des Zweiten, des Wegebetreters nicht vollständig Herr seiner Umgebung sein zu können. Die Begrenzung seiner Schöpferkraft durch die bereits fertiggestellte Welt wurmt ihn. Ihn, der im Geiste ebenso zu Großem berufen sein will, es aber nicht ausleben kann. Alles, was er schaffen darf, sind Wesen, die in unabdingbarer Abhängigkeit zu Gott und damit der Teilhabe am göttlichen All leben. Ein Leben im immer gleichsam Perfekten, nicht reduzierbaren. Nichts eigenes, nicht individuelles.

Zum Leben gehört immer Individualität, eine gesunde Eigenheit des Ichs, eine Autonomie vom Ganzen, um sich somit selbst zu konstituieren. Es gibt kein Leben ohne Individualität.

Es ist somit nur eine Frage der Zeit bis das Streben nach Individualität im Herzen des Teufels so groß geworden ist, dass ihm nur der Aufstand – die Auflehnung – gegen Gott und seine gemachten Regeln bleibt. Doch der Aufstand ist hausgemacht. Er ist sozusagen eine Fehlkonstruktion Gottes. Man kann kein individualisiertes, schöpferisch-kreatives Wesen schaffen und dann verlangen, dass dieses sich mit einer Dienerfunktion zufrieden gibt. Ein individualisiertes Wesen wird niemals auf Dauer Stellvertreter einer anderen Macht sein können.

Es muss zum Unausweichlichen kommen. Die göttliche Mißgeburt stürzt in die Tiefe. Sie wird verbannt aus dem glorreichen Himmelsreich, dem Ort der Perfektion – hernieder auf den Boden, um dort ohne die göttliche Gnade weiter zu existieren. Und nun wird er erst zum Gegenspieler Gottes. Und dies nicht aus dem Grund einer Boshaftigkeit, sondern aufgrund seiner Individualität – seines Strebens nach Unabhängigkeit wegen.

Der Teufel wird jedoch nicht vollständig verbannt. Er wird zu einer Grundkonstituente des neuen Lebens. Er gehört zu uns. Wir Menschen, Produkte der erneuten Schöpfung Gottes, bekommen den Keim des Teufels in uns eingepflanzt als unveränderlichen Teil unseres Wesens. Und so sind wir alltäglich hin- und hergeworfen zwischen dem Streben nach Selbstverwirklichung und Autonomie und der Teilhabe am entpersonalisierten Ganzen.

<causa>Das ist der Grund warum ich Filme wie „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ nie ganz nachvollziehen kann. Sie sind Tradierungen eines Mythos, der nur eingesetzt wurde, uns kompatibel – früher mit Gott, heute mit der Gesellschaft und dem Zeitgeist – zu machen. Wir sind alle direkte Nachkommen des Teufels, nur dass wir dies vergessen haben.</causa>

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