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Kategorie: Urban Desire (Seite 9 von 19)

Ausgebrannt

Ich spüre gerade wie man ausbrennt. Lange Zeit dachte ich immer, es wäre vergleichbar mit einen starken Feuer, das einmal entzündet, mit hochroten, gelblich schimmernden Flammen in den Nachthimmel der eigenen Seele ragt. Ich dachte, es war dann doch nett anzusehen; so wie es das schwarze Innenleben erleuchtet und man kurzzeitig im Rausch der Geschäftigkeit gepaart mit Stolz durch die Welt lodert. Doch eigentlich ist das Ausbrennen ein sehr verhaltener Vorgang. Vergleichbar einem Kaminfeuer, das aber nicht nur im Sims selbst brennt, sondern sich hundertfach in allen Bereichen des Lebens ausdehnt.
Dabei knirscht und fiept es leise. Es zermalt dein Inneres; immer weiter und weiter. Irgendwann ist da der Zeitpunkt, an dem das Hochgefühl langsam abebbt. Der Schmerz kommt. Zunächst wird dieser nur registriert. Er ist halt da und tut weh. Man hetzt aber weiter. Kein Stillstand und der Schmerz der Flammen wird zur Gewohnheit. Du schliesst die Augen und aus dem dahinschwappenden Flammen wird langsam ein Strudel. Er zerrt an dir. Blut gerinnt, dein Körper wird fest, hart und ist gespannt. Du fährst dir über die Arme und kannst die Härchen nicht mehr spüren. Du bist kaltes, hartes Wachs. Adern schiebst du wie dürre Zweige über deine Handrücken. Sie knirschen. Bald sind es nur noch Sterne, die du siehst, wenn du die Augen schliesst.

Doch dann wird es erst richtig schlimm. Die Flammen brannten die ganze Zeit, nicht groß, nicht intensiv, doch verkohlten sie dir jeden letzten Rest Vernunft und du verstehst wie stark der Körper von der Seele abhängig ist. Die Zahlen auf der Waage nehmen Größen an, die du seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hast, der letzte Film, den du im Kino gesehen hast, ist schon seit Wochen auf DVD erschienen, die letzten vier Bücher liegen angefangen irgendwo in deinem Zeitchaos… du kannst dich an den Inhalt der ersten 10 Seiten sowieso nicht mehr erinnern. Jede Stunde Schlaf ist eigentlich nur ein Luftholen zwischen dem Wachzwang. Jedes Gespräch wird umhüllt von Hast. Du fragst häufiger nachdem, was eigentlich besprochen werden sollte.

Wenn du ausbrennst, lässt sich das Leben dazu Zeit. Es ist nicht der Lucky Strike, der dich mit einem Schlag vernichtet – große Zerstörung verträgst du, ziehst dich zurück in den Bunker – aber wenn das Feuer einmal dein Herz erreicht hat und schrittweise alles in dir verkohlt, dann ist dies der wahre Rundumschlag, der Leben auslöschen kann.

Das Leben als ewige Wiederkehr

Das Leben läuft weiter. Mit Sicherheit. Ich weiß nicht, ob du es geahnt hast, ob du die möglichen Zeichen sahst. Du sahst ihr im Kerzenschein in die Augen, das Radio spielte irgendwas, es war ja egal. Woche für Woche hattest du dein Leben in Position geschoben. Pläne geschmiedet. Keine Angst gehabt. Ausgerichtet auf den wichtigsten Fixpunkt im Universum. Man sah es am Glanz in deinen Augen. Das war etwas Besonderes. Das Leben ist schön, sagtest du immer. Immer wieder. Was hast du nur alles gegeben? Und jetzt wird es dir genommen.

Am Anfang geht es nach dem Krieg nur um das Begreifen.  Das Leichenzusammenkehren passiert gleichzeitig mit einem in-sich-verschlungen sein.  Doch Tatsachen sind keine Träume und keine Wünsche.  Sie müssen verstanden werden. Das bedeutet nicht, dass du Entscheidungen bis in den letzten Winkel der Logik durchdringen musst… kannst du auch gar nicht. Manchmal reicht einfach auch nur das Abfinden, das Akzeptieren. Irgendwann klaut dir deine Geist die Illusion der Perfektion dieser Zeit. Du siehst überall Risse und überall Dreck. Und bis dahin ist es okay, betrunken traurige Musik zu hören.

Danke Gott für dieses Leben

Es ist unfair im strömenden Regen an roten Ampeln warten zu müssen. Die Kapuze ist vollkommen durchgeweicht und das Regenwasser bildet kleine Bäche, in denen es über die Jacke abläuft. Die Brille ist voller winziger und auch nicht mehr so winzigen Tropfen. Die Hände werden nass und immer kälter.

Doch es gibt noch etwas unfaireres. Genau dann, wenn sich im strömenden Regen ein Pärchen neben dich an die Ampel gesellt, das quietschvergnügt unter dem Schirm steht und schnulzige Blicke tauscht. Doch die Gemeinheit endet hier nicht. Denn sie küssen sich, zumindest glaube ich, das durch mein eingeschränktes Sichtfeld erkennen zu können. Er streichelt auch ihre Wange und wischt einen Tropfen weg. Meine Füße sind nass. Die Stoffschuhe halten dem Wasser nicht mehr stand. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, sie fasst seine Hand und sie gehen über die Straße. Ich bleibe stehen, denn seitdem ich von der Polizei wegen des Überquerens einer roten Ampel ermahnt wurde, ist es mir unangenehm Steuergelder nachts um elf zu verschleudern, wenn doch richtige Verbrecher gefangen werden könnten.

Die Ampel bleibt weiter rot. Die beiden sind schon auf der anderen Straßenseite angekommen. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. Mir ist kalt. In diesem Moment rast ein Auto an mir vorbei und spritzt mich komplett (!) nass. Alles, aber auch alles war nass und schwer und scheiße.

Danke Gott für dieses Leben. Einsam kroch in nach Hause.

Bahnfahrt

Ich hab ja dann heute früh meinen Ipod vergessen. Es gibt schlimmeres. Sehe ich ähnlich. Trotzdessen verlief dieser Tag aufgrund einer kleinen Ungereimtheit völlig anders. So stellte ich in der Thulb den Rechner hin und begann zu arbeiten; ohne davor, wie üblich, die wichtigsten Schlagzeilen und Jenenser Blogs abzusurfen, Auch hatte ich keine Lust den obligatorischen pre-Hausarbeits-Weltschmerz-Blogeintrag zu verfassen. Ich schob die Schuld auf den gestrigen, verstörenden Tag. Denn als ich gestern im Zug saß und von Heimat zu Heimat fuhr, da setzte sie sich neben mich. Im Gepäck hatte sich Tasche und Instrumenten-Tasche, die ich als freundlicher Student der Geisteswissenschaft und natürlich schwachen armes gerne über unseren Köpfen verstaute.

Wie der Automatismus im Leben so läuft, blieben wir natürlich im Gespräch. Sie studiert, was sonst, Musikwissenschaften in Weimar und war auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie das ganze Wochenende belastet hatte. Sie sei froh, endlich zurück in ihre Wohnung zu können. Schlaf sei das Primärziel. Doch ich erfuhr noch mehr. Das letzte Semester hatte sie im Ausland verbracht. Nordeuropa war das Ziel. Doch sie war enttäuscht, nichts von alledem, was versprochen wurde, konnte gehalten werden. Die Unterkunft war noch okay, die Lehre war es auch, aber dass sie die mühsam erarbeiteten Scheine nicht in Weimar einbringen durfte, wurmte sie.  Es schien fast so, meinte sie, dass sie vergeblich dort spielte und lernte und arbeitete. Nichts wurde ihr gewährt. Alle vergleichbaren Themen musste sie in Weimar noch einmal belegen. Irgendwie tat sie mir dann Leid. Der Zug passierte gerade Gera und zu fortgeschrittener Stunde, ich war ja bereits ein wenig länger unterwegs als sie, wurde ich von dem schlecht gedämpften Geratter müde.

Doch scheinbar hatte sie lange keinen Kontakt mehr mit zuhörenden Menschen gehabt. Sie redete weiter und ich hörte zu. „Ich habe für dieses Semester da oben so viel aufgegeben.“ Der kurze Abriss der Geschehnisse, die mir da erläutert wurden, zeigten wirklich wie sie die Welt in Flammen hinter sich zurückgelassen hatte. Freunde und Freund enttäuscht, Mutter verärgert (Vater gab es nicht mehr) und jetzt als sie zurückkam, musste sie mit der Einsamkeit Vorlieb nehmen. Ich munterte sie auf. Natürlich versuchte ich es nur. Ich überlegte kurzzeitig meinen seelischen Müll in die Waagschale zu werfen um in einer ausgleichenden Funktion, ihr Schicksal abzumildern. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tat, weil mein Zielbahnhof heranraste oder ich doch irgendwelche Skrupel hatte.

Am Schluss blickte ich sie an und sagte: „Ziemlich viel für eine Stunde.“ Ich denke in diesem Moment wurde ihr die Skurilität der Situation bewusst. Einem Fremden alle diese Dinge zu erzählen, die man ansonsten nur seinen besten Freunden auf einem Blog mit Geheimadresse mitteilt, war irgendwie anormal. Bevor ich aufstand und gen Tür tändelte, versprachen wir uns, uns nie wiederzusehen.

Bewahre die Zeit

Ich befülle meine Lunge mit Feuer. Kurz. Und lass es danach erkühlt wieder heraus. Die Fensterwand an der anderen Seite der Straße ist fast nicht mehr zu erkennen. Diese Herbstnebel ist wieder da. Wie oft wurde hier schon darüber geschrieben. Dick und milchig liegt er in den Straßen – erstickt Gedanken.
Wie oft wollte ich jetzt schon bei dir klingeln. Immer wieder stand ich vor deinem Haus. Blinzelte um sicherer zu sein, dass doch noch Licht brennt. Wie oft stieg ich die Stufen zur Tür hinauf. Wie oft stand ich vor dem Klingelbrett, um dann doch den Finger wieder zurückzuziehen, ihn wieder in die Tasche zu schieben. Zu gehen.
„Es ist nichts.“ ist der schlimmste Satz, den man sagen kann. Ohne Worte ausgedrückt zeigt er sich nur in leeren Blicken, die nichts mehr wollen. Vielleicht nie etwas wollten.

Wir waren auf der Suche nach einem gemeinsamen Himmel. Da, wo Sterne zueinander passen. Da, wo nicht nur ein Mond über uns wacht. Da, wo am Tage die Sonne nie in den Augen schmerzt. Du lebst nun unter einem anderen Himmel. Deine Sonne steht höher und hier bei mir verdecken die Wolken den Mond. Ich hatte die Tür offen gelassen. Früher bist du hineingeschlichen. Hast dich niedergelassen und wolltest nicht gehen. Jetzt schließe ich die Tür hinter mir. Du musst vorbeigehen. Manchmal achtest du vielleicht, ob der Türspalt erleuchtet ist.

Unwissenheit ist nur die naive Form der Ungewissheit. Vor, zurück und nichts geht. Die Tür bleibt wohl zu. Ich habe jetzt das Fenster offen und warte darauf, dass der Nebel ins Zimmer zieht. Die Lungen sind immer noch voll von Feuer. Es ist kalt. Rum gefriert nicht.

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