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Kategorie: Urban Desire (Seite 10 von 19)

Neustart

Es gibt Enttäuschungen im Leben, über die kommt man nie richtig hinweg. Auf unerklärliche Weise sind diese Enttäuschungen immer mit Menschen verbunden, die einem wichtig sind. Oder danach: wichtig waren. Aber eigentlich noch wichtig sind. Noch enttäuschender ist es dann, wenn man feststellen muss, dass Reden – das Allheilmittel – doch nichts taugt. Und man fragt sich, ob dieser desolate Zustand nun auf die Situation, auf die Personen oder auf einen selbst zurückzuführen ist.

Im Zweifelsfalle würde ich immer auf mich selbst tippen. Nichts ist schlimmer als verletzter Stolz, nichts ist schlimmer als gekränkte Menschen, die blindlings in Wut und Zorn um sich selbst schlagen. Am Ende wacht man aus der Betäubung auf: blind, desorientiert, aber vor allem mit einem grobmaschigen Gedächtnis ausgestattet, das soviel durch die Lücken fallen ließ. Die Tage kreiseln um einen. Der Morgen wird der Abend, der Abend wird der Morgen… dazwischen nur dagesessen und dem Kaffee beim Frieren zu gesehen.

Leider gibt es in sozialen Beziehungen keinen Neustartknopf. Obwohl diese Metapher darüberhinweg täuscht, dass auch ein Neustart theoretisch nur noch mal die ganzen Gefühle neulädt, noch mal von Vorne beginnen lässt… jedoch die letzten Abstürze tief im Gedächtnis behält. Ein wirklich Neustart ist nicht möglich.

Ein Samstag

Früher liebte ich Samstage. Sie waren die wunderbarsten Tage der ganzen Woche. Der Freitag ist auch nicht schlecht. Das Wochenende liegt noch vor dir, trotzdem hast du meist einen harten Tag hinter dir. Der Samstag bedeutete jedoch Arbeitsfreiheit und die Option den Tag bis ins Endlose zu strecken, da doch am nächsten Morgen ausgeschlafen werden konnte. Ich tat sinnlose Dinge: Ausschlafen, etwas Lesen, ich lief manchmal einfach so durch die Stadt, abends dann Freunde treffen, trinken, trinken und sich über die Zukunft freuen.

Seitdem ich im Hauptstudium angekommen bin, hat meine Woche vollends ihre Struktur verloren. Es macht einfach keinen Unterschied, ob es sich um einen Dienstag oder einen Samstag handelt. Samstag sind die Termine ein wenig anders, aber der Trott des Tages ist dem eines Wochentages identisch. Einfach identisch. Die besondere, herausgelöste Stellung des Samstages ist zerstört worden durch Arbeit, Termine und Ängsten.Früh aufstehen, dann irgendwie antriebslos und kreativitätsfrei die Luft verpesten, dann mit schlechtem Gewissen endlich aufraffen, nur um nach wenigen minderproduktiven Stunden endlich mit dem Verdienen des Lebensunterhaltes zu beginnen.

Mein heiliger Samstag, oh du mein heiliger Samstag säkularisiert durch die Hölle des Lebens, zerfressen von der Angst des Lebenden, belacht durch die Lebenden. Sei stark, irgendwann sind wir wieder vereint.

Alone with everybody

Der Kaffee steht still im Glas, kalt schon seit Stunden. Die Musik säuselt durch den Raum. Nichts bewegt sich, alles steht still. Die Hände liegen still im Schoß. Die Brust senkt sich langsam, nachdem sie sich kurz zuvor gehoben hatte. Alles ist wie immer. Es ist der erste Tag, der seit langem ohne Regen grau ist. Klopfzeichen von den Nachbarn beenden den Schlaf. Ich stehe auf und mache den Rechner an und starre auf das Weiß des digitalen Papiers. Irgendwie haben sich ein paar Buchstaben in den letzten Wochen dort versammelt. Verstreut säumen sie die Ecken, irgendwie ohne Sinn. Der Stillstand des Zimmers hat sich heute auf meinen Geist übertragen.

Doch nicht ganz. (wie immer) Ich denke nach über die Menschen, die mir Ärger bereiteten und bereiten. Was tun sie nur gerade? Doch eigentlich ist es egal. Zur Fußnote verkommen füge ich den Worten auf dem Weiß der Leere weitere Buchstaben hinzu. Der Tag graut gen dunkel weiter. Der Nachbar klopft auch schon nicht mehr. Ich stehe auf. Das Herz bleibt sitzen.

Morsches Holz

Sich nicht sicher zu sein, was man tut und mit der quälenden Frage: Ist es das Richtige?… startet wieder mal ein Sonntagmorgen. Es ist früh. Die Straßen sind noch still. Kaum ein Lachen auf den Fußwegen, kaum ein Motorengeräusch in den Asphaltschluchten. Doch in wenigen Minuten kriechen sie wieder wie kleine Ameisen aus den Häusern. Laufen die einst stillen Straßen entlang. In hübscher Kleidung, zurechtgemacht und nicht ziellos.

Kennt man die Wahrheit, wird es einsam. Wörter auf weißem Papier sind dann das einzige, an das man sich klammern kann. Nichts ist jedoch schlimmer als die Sorgen. Man sorgt sich der Konsequenzen der verlorenen Zeit, die man leichtsinnig verstreichen ließ und man dummerweise heute nicht mehr weiß, warum man das tat. Ganz innen drin tobt der Streit, ob nun alleinige Verantwortung für den desolaten Zustand vorliegt oder ob nicht die Außenwelt einen kaputtgemacht hat. Man denkt an die Menschen, denen man die Verantwortung gerne dafür zuschreiben möchte. Man hat sie lange nicht mehr lächeln gesehen. Man hat sich eigentlich lange gar nicht mehr gesehen. Einsam sind Sonntage dieser Tage. Und es scheint kein Rezept für Besserung zu geben. Bevor der Tag wirklich beginnt, sucht man nach der Substanz, die einen kreierte. Es ist morsches Holz – altes, fauliges, morsches Holz – nicht gebaut um standzuhalten, nicht wasserfest und viel zu schwer, um an der Wasserkante zu schwimmen. Jeder Schlag dagegen lässt es brechen, zerbröseln und man hält es in den Händen. Schützen kann es nicht mehr.

Sinnloser Zweckoptimismus lässt den Zeiger der Uhr jetzt weiterlaufen, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde um Stunde… bis es irgendwann wieder Zeit wird, in die Matrazengruft zu steigen. Schlafen, der Zustand des Wartens auf die Sorgen von Morgen.

Stoptag

Jeder kennt es sicherlich. Man lebt in den Tag, dieser beginnt, man macht etwas und dann bleibt alles stehen. Der Tag stoppt einfach. Es ist fast so als würde man am Anfang des Tages in ein Auto gestiegen sein, mit dem man besinnungslos in irgendeine Richtung fuhr bis plötzlich das Benzin alle ist. Dann blickt man vom Lenkrad und Tacho auf und die Fragen kommen. Sie klopfen einfach an deine Scheibe. Kurbelst du das Fenster herunter? Lässt du die Fragen zu?

Ich denke nichts ist schlimmer als die Tatsache, dass gewisse Dinge unausgesprochen im Raum stehen bleiben. Sei es aus Enttäuschung oder Bitternis. Doch es gibt nun mal Tage, da kann man nicht antworten, denn man weiß die Antwort selbst nicht. Man geht vielleicht sogar soweit, dass man glaubt, es gibt überhaupt keine Antwort. Somit stellt sich letztens nur noch die Vermutung ein, dass es schon eine Antwort geben muss, nur ob wir fähig sind sie zuerkennen, ungewiss bleibt. Der Tag steht still.

Das alte Pärchen da drüben hält Händchen.

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