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Kategorie: Urban Desire (Seite 8 von 19)

Jenseits jeglicher Skalen II

Du stehst auf und deine Augen sind verklebt vom Salz deiner Tränen. Du reißt mit aller Gewalt die Wimpern auseinander, um überhaupt etwas zu sehen. Der Blick in den Spiegel offenbart die Qual und Leere der Nacht. Tonlos führst du die Zahnbürste in den Mund. Du bist allein.

Am Frühstückstisch liegen noch die Krümel vergangener Nächte auf dem Tisch. Sie leisten dir Gesellschaft. Dein Teller will sie beiseite schieben. Er schafft es nicht; er kann sie nur verdecken. Der Kaffee läuft schwarz in die Kanne. Gurgelnd, fasst verreckend füllt die Maschine die Kanne. Du wolltest den ganzen Morgen schon etwas aufschreiben. Eigentlich nur etwas gestehen. Du bist froh darüber, dass neben der Kaffeetasse kein Stift liegt, der dich nötigen würde, diese in sich gelogenen Fetzen auf deine Hand und deine Finger zu kritzeln. Alles, was du in den letzen Monaten aufgeschrieben hattest, waren Sätze, die ein Anführungszeichen als Vorbote trugen. Ausdruck deines Kampfes gegen die Planlosigkeit. Dabei merkst du nicht, dass dein Leben ein einziger Plan ist. Gefühlt mit Bahnfahrten, Fressstunden und ein wenig Geficke am Abend.

Dieses Leben ist zu einem System geworden, für das es keine Alternative gibt. Und wie immer, wenn es keine Alternative gibt, bleibt es so. Es ist unbeschreiblich beängstigend wie schnell das alles passierte. Vor wenigen Monaten dümpeltest du noch zwischen großen Träumen, unbeschreiblichen Augen, atemlosen Nächten und unendlichen Morgenden herum und heute sitzt du allein in einem kalten Raum. Die Hand auf deinem eigenen Bauch. Das Schlucken fällt schwer und wird nur möglich durch Kaffee. Immer wieder schiebst  du diese schwarze Flüssigkeit in dich hinein in der Hoffnung danach nicht mehr derselbe zu sein. Doch all dies befindet nicht über deine Identität, es ist doch nur das gefärbte Wasser ohne Funktion.

In dir steckt keine feste Identität… nur noch Entitäten. Dies ist dir klar geworden, als du in den Spiegel oder in die Schaufensterscheiben dieser Stadt blicktest. Das bist nicht du. Zurückgefallen aus einer seienden Identität in eine sich ständig wandelndes, unspezifizierbares Dasein… jenseits jeglicher Skalen. Noch klarer wurde es dir als wildfremde Menschen deinen Zustand bemerkten und befremdlich die Lippen spitzten. Sie sprechen nicht mehr mit dir, sie nehmen dich wahr, glauben aber, nicht deine Sprache zu sprechen. Irgendwie stimmt das ja auch. Du bist vermutlich der einzige Mensch, der noch nicht mal seine innere Stimme versteht. Sie spricht in einer dir unbekannten Sprache. Manchmal des Nachts brüllt sie dich an und fängst im Schlaf an zu weinen oder schüttelst dich unter Tränen. Am nächsten Morgen habt ihr beide euch beruhigt. Nur noch deine Augen sind verklebt.

Jenseits jeglicher Skalen

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Gebrochene Herzen sind etwas Schlimmes. Am Tage sind sie rational. Alles hat Ursachen, Zwecke, die Logik läuft. Doch des Nachts geht gleichsam mit der Helligkeit der Welt auch die Helligkeit der gebrochenen Herzen verloren. Zweifel an allen Fronten, unbeschreibliche Ängste und der kindliche Trotz von Verflossenen summieren sich zu nutzlosen Leid auf. Wie ist dieses Lächeln zu verstehen? Wie dieser Blick zu deuten? Wo hat das alles seinen Anfang genommen?

Auf der Suche nach einer Gebrauchsanweisung hat man sich im Strudel des Gefühls verloren. Deutet falsch und dann wieder richtig. Was bleibt ist ein chronischer Weltschmerz jenseits jeglicher Skalen. Doch es fühlt sich so gut an. Der Weg ins Nichts ist seltsam abgelaufen. Teil von etwas zu sein bedeutet stets Einsamkeit aufgrund der Ungewissheit noch nicht getroffener Entscheidungen, die dann schließlich in ihrer Konsequenz als Bollwerk vor einem stehen können.

Was bleibt ist süße Ungewissheit und eine Hand im Haar, die sagen will: „Bleib doch, bleib doch.“

Als ich von Kakao auf Kaffee umstieg

urbHast du dich selbst vergessen? Eher nein. Irgendwo zwischen den Fragen liegst du noch. Dazwischen vielleicht. Alle paar Wochen kommt die große Abrechnung. Hast du dir das selbst alles so vorgestellt? War so zurechtgelegt, geplant? Zweifel vergehen niemals, sie werden nur andere. Als du noch nicht hier angekommen warst, hattest du ein Bild von dir selbst und ein Bild von deiner Zukunft. Irgendwie sah das anders aus. Irgendwie war da mehr Licht und logischerweise weniger Dunkel.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich vor Jahren in meinem Zimmer mit dem blauen Teppich und dem kalten Metall saß. Es muss auf dem Sofa gewesen sein. Der Staub zwirbelte durch die Luft und das leere Fenster gab den Blick frei auf den blauen Himmel. Der passte nicht zum Blau des Teppichs. Akzeptiert. Ich las damals Bücher, die eigentlich keine Bücher waren. Popliteratur nannte sich das Phänomen in den Endneunzigern. Im Prinzip nichts anderes als die Worte talentfreier Autoren. Jedoch warfen sie mit Signalwörtern um sich. Es ging um Musik, um Partys, ums Saufen und irgendwie auch ums Kotzen. Liebe wurde begriffen als das Korpulieren in variantenreichen Stellungen mit immer neuen Partnerinnen.

Jetzt knapp zehn Jahre danach (ich glaube, dass ich das erste Mal »10 Jahre« schreibe über etwas, was ich schon mit Verstand begriff und das nicht im gleißenden Licht der Kindlichkeit steht) habe ich solche Partys erlebt. Wenngleich auch das Korpulieren fehlte und auch der üppige Drogenkonsum, der dafür notwendig zu sein schien. Normales Leben eben, ohne stilisierte Selbstdarstellung zum Verkauf einer immer größeren Auflage. Naja jedenfalls gab mir all dies ein zukünftiges Lebensgefühl… so wird es werden… so wird es sein, denn so ist es gedacht. Ich denke es würde für alle sehr peinlich werden, wenn ich jetzt beschreibe, wie ich mir die Zukunft ausmalte. Auf jeden Fall spielten Agenturen, tolle Jobs und Zeit eine große Rolle. Es war eine Mischung aus Büchern, Musik, Menschen und einer alles umfließenden Glückseligkeit, die damals nicht danach fragte, wie es weitergehen soll… wo die Reise hingeht. Weiterlesen

panta rhei

Es soll sich regen, schaffend handeln, Erst sich gestalten, dann verwandeln; Nur scheinbar stehts Momente still. Das Ewige regt sich fort in allen: Denn alles muß in Nichts zerfallen, Wenn es im Sein beharren will.

Der Mensch lebt ja bekanntermaßen nur einmal. Okay, lassen wir den östlichen Religionen ihren Glauben. Jedoch… wenn man sich die Tatsache vor Augen halt, dass man alles nur ein einziges Mal machen kann (das gilt jetzt auch für die Buddhisten und Hinduisten, denn man wird ja als gleiches nicht als dasselbe reinkarniert), verliert das Leben irgendwie an Fröhlichkeit.

Das Sitzen in einer Kneipe mit Zigarette im Mund und vor sich hin dösendem Bier geschieht so nur ein ein einziges Mal. Der Moment einer grausamen Prüfung, wenn man in den Blicken des Prüfers die Enttäuschung über die gegebene Antwort entdeckt, gehört dann aber auch zu den Dingen, die nur eine einziges Mal durchgestanden werden müssen. Es ist auch nicht möglich den Besuch einer Stadt zu wiederholen. Die Parameter haben sich geändert. Man reist erstens nicht in dieselbe Stadt und ist zweitens auch nicht mehr man selbst. Die Parameter haben sich nur um winzige Millimeter verschoben. Alles ist anders. Die Zeit kennt keine Identität. Die Zeit kennt keine Kopie und die Zeit kennt keine Wiederholung (jedenfalls solange nicht bis eine mathematische Formel das Gegenteil beweist).

Das führt zur unvermeidlichen Erkenntnis, dass sich alles bewegt. Alles geht voran, getrieben vom Riemen der Zeit, der uns Individuen voranpeitscht zum Nichts. (heißt das jetzt, dass es im Ganzen doch etwas Unveränderliches, Statisches gibt? – das Nichts). Somit bleibt natürlich die Frage am Ende stehen, wie das Leben als ein Spiel betrachtet werden kann? Wenn Menschen dann meinen, das Leben sei ein Spiel wird es problematisch. Ist das Spiel des Lebens freiwillig oder erzwungen? Hat es eine klare Verortung und Verzeitlichung? Hat es Regeln? Sind diese Regeln gesetzt oder veränderbar? Spielt man es des Sieges wegen oder des Spieles selbst wegen?

Diese Fragen kreisen tief um die Definition des Spiels. Jeder kann sie an das Leben anlegen und für sich selbst beantworten. Jedoch unter der Prämisse der vorherigen Absätze kann eine Eigenschaft für das Spiel ausgeschlossen werden. Das Spiel ist nicht wiederholbar. Allenfalls erneuerbar, auffrischbar. Doch du spielst ein Spiel nie ein zweites Mal. Die Parameter sind andere.

Doch was nützen dir diese Erkenntnis. Naja, zunächst kannst du mit einem gewissen Lächeln auf Menschen schauen, die in ihren Lebensbeschreibungen in etwa Sätze angeben so wie diesen: „Lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre.“ Doch sollte man den Spruch womöglich upgraden: „Lebe jeden Tag absolut, denn er ist der einzige seiner Art.“ Ob du nun diese Tage absolut gar nicht oder absolut seiend lebst, ist dir dann selbst überlassen.

Das waren die Worte zum Sonntag. Am Mittwoch.

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Ich würde gerne zu BastiHs Herztönen (und eigentlich auch dazu) etwas schreiben, doch irgendwie will mein Geist gerade nicht. Ich ahne warum. Aber ihr solltet diese Texte lesen. Es wird euren Tag nicht retten, aber vielleicht euer Leben. Von mir nur so viel dazu wie es enden wird:

»Ich bin gewitzt, abgebrüht, ich durchschaue alles. Mich wird nichts mehr überraschen. Alle Katastrophen, die ich noch zu überstehen habe, werden mein Leben nicht auseinanderwürfeln. Ich bin darauf vorbereitet. Ich habe genügend von dem, was man Lebenserfahrung nennt. Ich vermeide es, enttäuscht zu werden. Ich wittere schnell, wo es mir passieren könnte. Ich wittere es selbst dort so lange, bis es mir auch dort passieren könnte. Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts verletzten. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe im Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren an Sehnsucht…«

C.H., Drachenblut/Der fremde Freund

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