urbandesire

searching since 2004

Kategorie: Urban Desire (Seite 4 von 19)

Kurz nach dem Kontakt ausgekratzt

Hundreds düdeln bitter durch die Boxen. Lange nichts mehr geschrieben. Sehr lange nicht mehr. Mein Gott. Meine persönliche These für das Ausbleiben der Worte auf diesen Webseiten war mein allgemeiner Gemütszustand. Ein wahrlich trefflicher Indikator für eine sehr lange Zeit. In Wochen und Monaten der Traurigkeit und dem Mangel an Möglichkeiten dem Leben Positives und Schönes abzugewinnen, steigt die Frequenz an kleineren aber auch teilweise umfangreicheren Beiträgen immens an. In verdichtet, verschrubbelten Sätzen wird es traurig, enttäuschend und bitter. Man weiß nicht, um was es denn letztlich wirklich gehen soll. Trauriges wird nicht offen ausgesprochen, sondern hinter unpersönlichen Personalpronomen, reflexiv-überanstrengten Vergleichen codiert. Geht es mir gut, betrübt nicht viel die kleine Seele des urbandesire, dann wird es still bzw. leer. Das Blog ist somit wie ein Warenhaus. Haben die Menschen Begierden, brauchen Waren für Weihnachten, dann ächzen die Rolltreppen des Warenhauses unter den Menschenmassen. Sind die Bedürfnisse befriedigt, dann wird das Warenhaus immer leerer, stiller bis es irgendwann vielleicht konkurs anmelden muss. urban desire eben.

So einfach scheint es dann aber doch nicht zu sein. Als ich begann auf dieser Website zu schreiben, waren Blogs noch neu und aufregend. Man folgte den großen Namen – den Dons, dem Spreeblick, dem amypink usw.; las und freute sich. Man stand auch selbst unter der Doktrin, du bist der Sender. Alles was du wahrnimmst, alles was dich interessiert, was dich fasziniert, gehört gefälligst „ver“bloggt. Redundant sein gehört zum Alltag. Ich hatte damit vor Jahren aus anderen Gründen Probleme – als langsam die Kommerzialisierung Einzug erhielt in der Landschaft, die man damals noch mutig „Blogosphäre“ nannte. Heute interessiert mich dieses Thema nicht mehr so sehr. Die wirtschaftliche Auswertung von eines Weblogs hat – und das habe ich damals für mich nicht wahrhaben wollen – durchaus Vorteile auch für mich gebracht. Es entstanden zahlreiche spannende Projekte – ich weise da in Richtung blogwerk, amypink, spreeblick und vermutlich viele weitere Beispiele, die es durch Professionalisierung geschafft haben aus Blogs Jobs zu kreieren, aber für mich trotzdem interessant blieben. Ich wollte es damals für mich selbst irgendwie nicht wahrhaben. Aber das nur am Rande.

Ein weiterer wichtiger Einschlag war twitter und mit ihm tumblrblogs sowie das ganze Gedöns der Social Networks, die ich mir gruppen- und themenspezifisch zurechtgelegt habe. Hier landet jetzt offenbar mein Alltag. Die kleinen Sentenzen, die Feststellungen des Tages, die blöden Linkfunde und all‘ der Mist mit dem ich sonst die Beiträge hier gerne befüllt habe und darauf folgen vor allem mit einem direkten sozialen Umfeld, aber auch mit im Netz gefundenen Bekannten wirren Austausch hielt. Heute irgendwie alles bei twitter oder auch nicht.

Ich dachte dann stets – als mir dies bewusst wurde – jetzt ist die Bahn frei für wirklich gute, durchdachte, teilweise lange, teilweise persönliche Einträge. Aber es kam irgendwie nichts. Gut. Ich war ca. 1 Jahr lang damit beschäftigt meinen Abschluss an der Universität zu machen, was mich in einen Modus des ständigen Schreibens versetzte und ich mir heute entschuldigend sagen kann, dass ich am Abend, wenn ich aus der Bibliothek kam, leer geschrieben war und mein Denken eh‘ nur um Akademisches kreisten, das wiederum kaum jemand ernsthaft interessieren kann. Lustige vielleicht beschreibenswerte Anekdoten passierten ehestens mal am Kaffeeautomaten, die dann aber im allgemeinen Trubel der Zeit untergingen.

Seitdem habe ich nieder so richtig begonnen zu schreiben. Weder akademisch, was beim momentanen Status meines Projektes noch nicht so schlimm ist, aber auch nicht privat. Ich bin zu einer Rezipiermaschine verkommen, die die gesamte Freizeit damit beschäftigt den Informationen hinterherzulaufen, Blogs zu lesen, Blogs zu scrollen, Podcasts zu hören, Podcasts als gespielt zu markieren, twitter zu aktualisieren und sämtliche Read-Later-Services und Bookmarkdienste zu befüllen. Traurig irgendwie. Aber auch hier denke ich, ist das alles nicht so schlimm. Die Halbwertszeit für all eure Texte, Verlinkungen, Kommentare, Bilder usw. beträgt nach meinen Erhebungen knapp 3 Wochen. Danach erleidet letztlich alles das Schicksal von „Als gelesen/gespielt/gesehen markieren“ und verschwindet in irgend so einem Archiv bei google oder sonst wem.

Der momentane Schreibstatus liegt zwischen zwei Fronten. Die Front Nummer eins brüllt mich an und sagt: „Verschwende deine »Schreibkraft« nicht. Spare sie dir für den täglichen Kampf an deiner Arbeit, für die Emails an Freunde usw.“ Die zweite Front sagt: „Das Problem liegt tiefer. Es ist nicht die Schreibkraft, die dir irgendwie oder irgendwann ausgehen kann oder bereits ausgegangen ist. Es ist ein Knoten im Kopf, der sich einfach nicht lösen will. Du bist innerlich verstummt. Spürbar daran, dass du zu vielen Dingen einfach keinen Kommentar mehr abgeben willst. Einfach munter, ohne tiefe Reflexion darüber, ob es jemanden, dir selbst etc. was bringt, ob das richtig ist, ob das alles bis auf das letzte richtig recherchiert, redigiert ist, zu schreiben, kannst du nicht mehr, traust du dich auch nicht mehr. Und auch die zweite Quelle von Artikel ist versiegt. Innerliches, Aufgregendes, Anregendes aus deinem Leben zu berichten, zu beschreiben, zu reflektieren, traust du dir ebenfalls nicht mehr zu. Denn du müsstest für dich selbst im Klartext sprechen, Namen nennen, Situationen beschreiben, die dich erkennen lassen, die dich verbundbar machen. Nicht länger hinter symbolischen Worten und Ausdrücken verstecken, das wäre der Preis, den du Seite Jahren nicht bereit bist zu zahlen. “

 

Die miese Bredouille

Das Gefühl nicht unterscheiden zu können, ob die momentane Befindlichkeit auf das Wetter und die tägliche Lichtzufuhr zurückzuführen ist oder ob da doch Tieferes in einem schlummert, ist nah an einer miesen Bredouille. Stichhaltig analysiert sind Kälte, die Dunkelheit ab halb vier und dieser miesrige Morgennebel sichere Indikatoren, das Gefühlspendel in die eine Richtung ausschlagen zu lassen. Man teilt das mit vielen. Die andere Richtung des Pendels klingt, aufgrund des Unangenehmen, was sich mit ihr verbindet, trotzdem wesentlich weniger verlockend. Wenn sich da nun doch was Schlimmeres anbahnt. Etwas, dass man im täglichen Eifer übersehen hat, dessen Fragwürdigkeit und Konsequenz sich nie stellte, etwas, das einen überrennen wird, dem man sich letztlich widerwillig entgegenstellen muss im tiefen Wissen, nicht standhalten zu können. Auch das teilt man mit vielen.

So blickt man im alltäglichen Vielerei in manchen ruhigen Momenten auf dieses innere Pendel, spürt, wenn es am Ende des Ausschlages kurz seinen Vortrieb verliert – gleich diesem wahnsinnigem Augenblick auf einer Schaukel, der der Magengrube vorspielt, dass die Schwerkraft sich am Körper vergeht – nur, um dann erneut an Fahrt aufzunehmen und wild zur anderen Seiten hetzt. Diese andere Seite ist aber nicht dieser kalte und dunkle Ort, von dem der Pendelschlag ausging, nein, dieser Ort ist die trostlose Hölle des Zweifels, die Insel voller Leid. Das Pendel scheint hier seine Beschleunigung ins Unendliche auszudehnen und strebt fast danach in diesem abartigen Ort gezogen zu werden. Der Moment des letzten Vortriebs wird so gleichsam und endlich und man suhlt sich in seiner eigenen Hilflosigkeiten in diesen widerlichen Zweifeln, in all dem, was einen verhindert glücklich zu sein. Wenn man wirklich Glück hat, sackt man nicht unter den Schwerpunkt seiner selbst.

Akademische Einsamkeit II

 

Links ein Bücherstapel. Rechts ein Bücherstapel. Auf dem Regal stapelt es sich auch. Hinter… der Schrank ist auch schon zu gestapelt. Wo anfangen? Die erste Aufgabe ist vergleichbar einfach. Erstmal nur ein Paper. Nicht viel. Ein paar Seiten zusammenhängend, argumentativ ausgewogen über einen doch recht abgrenzten Sachverhalt schreiben. Nichts großes. Nichts verblüffendes. Dazu mischt sich die Hoffnung nach Regen. Ich bin produktiver, wenn es regnet. Oder wenn es bewölkt ist.

Ich suche gerade nach alten Notizen. Und stelle mir dabei vor, wie mein produktiver Arbeitsablauf aussehen würde, wäre ich ein komplettes Digitalisat. Wäre doch das Heraussuchen einer alten Notiz – dessen Inhalt nur noch vage in meinem Gedächtnis vorhanden ist und dessen pointierer Ausdruck mich nun gerade reizt – so einfach wie einen vor Wochen gelesenen Beitrag im GoogleReader wiederzufinden: paar grobe Stichwörter in eine weise und weiße Suchleiste gehackt; ein Viertel Wimpernschlag später, prangt die gesuchte Information mit Unterstreichung der Stichwörter vor mir auf dem Bildschirm. Ich markiere sie und schicke sie mit einem Wisch in ein Textdokument, dass nicht mehr auf meinem Rechner liegt, sondern im Netz in der Cloud. Der Inhalt hovert sich sanft in das Dokument hinein, formatiert sich, passt sich seiner Umgebung an. Übrig bleibt ein kleiner Punkt, der ihn letztlich bezüglich seiner Herkunft identifiziert. Gleichzeitig öffnet sich dezent ein kleines Fenster, dass mir mitteilen will, dass die Literaturangabe erkannt wurde, nach meinem Vorgaben – die ich widerrum auch nur aus anderen Vorgaben angepasst haben – formiert wurde und das entsprechende Buch meiner persönlichen Forschungsbibliothek unter den genannten Stichworten hinzugefügt wurde. Ich weiß jetzt, dass im Hintergrund ein Räderwerk (ich denke diese Metapher wird bald verschwinden) sicherstellt, dass der Aufsatz, wenn nicht gleich das gesamte Buch aus dem Codex in meine Bibliothek portiert wird und gleichzeitig auf allen Lesegeräten, auf allen Rechnern, die Zugang zu meiner Bibliothek haben zugänglich sein wird … und der dort entnommen Sachzusammenhang markiert wird.

Im Dokument wartet bereits ein Bekannter. Er bekam heute morgen die Nachricht, dass ich gestern Nacht für ihn relevant Textteile fertiggestellt hatte. Er hatte weiter oben ein paar Absatz gegengelesen und sie mit Anmerkungen bestückt. Ich kann sehen, wie seine Augen noch einmal durch das Dokument flitzen, wie er mit einer Geste über Teile des Textes hinweg, weitere Informationen freischaltet, die ihn tiefer bringen. Diese Informationen setzen sich aus Forschungsbeiträgen anderer zusammen, aus Informationen und Werktiteln aus den Codices und aus den geteilten Notizen der Forschungsgruppe, der wir beide angehören und natürlich Quellen über Quellen.

In wenigen Tagen muss ich den Text für die gesamte Forschergruppe freischalten. In einem große Diskussionsthread bestehend aus zumeist Videokommentaren, aber auch Audiostellungnahmen sowie Textanmerkungen und der Einbringung eigenen Notizen in die Gruppenpools werde ich ein Feedback erhalten. Danach ist wieder jemand anderes dran. Auch er wird mit Kommentaren bedacht usw.

Ich hoffe es regnet bald.

Möhreneintopf

Take your time… don’t live too fast,
Troubles will come and they will pass.
Go find a woman and you’ll find love,
There is someone up above.

Ich bin immer wieder beeindruckt, was man für kleine Schlösser aufbauen kann. Vor allem in welch‘ kurzer Zeit. Vor wenigen Wochen, oder sind es doch schon Monate, saß ich frierend in einer spanischen Wohnung und schlug mich mit einem wackligen Wlan herum. Dabei verfolgte ich meine für wissenschaftliche Arbeiten so typische Schwammtaktik. Ich sog alles in mich auf, was irgendwie relevant werden könnte. Großes hatte ich vor. Zunächst vielleicht nicht ich selbst, sondern mein Mitbewohner.

Noch bevor ich meinen Universitätsabschluss überhaupt abgelegt hatte, stieß er mich beständig in den Rücken über eine Promotion nachzudenken. Ich wich immer aus. Denn im Grunde war ich davon nicht überzeugt. Ich, der sich in 14 Semestern durchs Studium gekämpft hatte, ich der an jedem noch zu kleinem Thema zu scheitern drohte, den Stoff für seine Prüfung ins Unendliche ausdehnte, nur um diesen am Ende so in- und auswendig zu können, dass das Lernen zur Qual aus einem Gemisch von Langweiligkeit und Angst wurde; ich sollte nun promovieren.

Missbilligend und stets skeptisch begab ich mich an die Aufgaben. Und begann das kleine Schloss zu bauen. Irgendwie immer mit dem Gedanken im Hintergrund, dass dieses kleine Schloss im Interesse und in der Gunst anderer landen wird. Alles lief gut. Eigene und fremde Begeisterung bestärkten. Verdammt es läuft gut. Schritt 1 geschafft, Schritt 2 geschafft, Rausch, Rausch, Schritt 3

Wenige Wochen später hat man nun eine halbschale Gewissheit, es nicht geschafft zu haben. Irgendeine Warteliste eben. Da wo schließlich alle stehen. Ich frage mich nun nicht, warum es inhaltlich, thematisch, präsentativ oder auch biographisch nicht geklappt hat. Ich stelle mir die Frage, warum ich daran kaum einen Gedanken verschwendet habe. Welch‘ Hybris trieb mich an und verklärte Blick und Urteilskraft?

Nun ist schon wieder Sommer. Menschen trennen sich, verändern sich, verlieren sich aus den Augen, essen zu viel oder zu wenig, sterben oder quälen sich durch den Alltag. Es ist schon wieder Sommer und ich bin kein Schritt weitergekommen. Keine mystisch angehauchte Erleuchtung, keine Erkenntnis, nur Stillstand und die stetig größer werdende Erkenntnis, die Lösung nicht zu kennen. Alles auf Anfang.

Dienstag gibt es Möhreneintopf.

Das Eis meiner Begriffsstutzigkeit

Das Buch (Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“) war – was mein Verständnis des Zeitproblems anlangt – die Axt, die das Eis meiner Begriffsstutzigkeit sprengte […] Daß ganz gleich, was wir denken, die Zeit ein unhintergehbare Voraussetzung dieses Denkens ist, dass wir uns nie Zeit ohne Zeit und auch nie keine Zeit ohne Zeit vorstellen können, daß Zeit wie der Raum eine Grundmodalität unserer Welt- und Selbstsicht darstellt, und zwar jeder uns irgendwie begreiflichen Welt, nicht nur des Newtonschen vierdimensionalen Universums […].

aus: Thomas Lehr – Das gestörte Experiment.
Literarische Seitenblicke zur Naturwissenschaft (SPRITZ 2006)

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2026 urbandesire

Theme von Anders NorénHoch ↑