urbandesire

searching since 2004

Kategorie: Urban Desire (Seite 11 von 19)

Sinnvolle Verständnislosigkeit

Man macht Fehler. Versucht sie sich einzugestehen, doch es nutzt nichts. Man sagt Dinge, die man lieber nicht gesagt hätte. Man wird von Menschen enttäuscht, von denen man es nicht erwartet hätte, nur um am nächsten Tag selber Menschen zu enttäuschen. Scheinbar liegt darin der Wahnsinn. Es ist eine Mechanik des Leidens. Man dreht sich im Kreis, um auf einer Seite das Porzellan festzuhalten, reißt man aber mit den Rest des Körpers gezwungenermaßen Wände ein, die alles tragen sollten.

Dann kommen Menschen, die sagen dir, das ist alles nur ein Spiel, das gespielt werden muss. Es gibt Regeln, an die kann man sich halten. Aber die Regeln existieren sowieso nur des Spieles wegen. Es geht auch nicht darum zu gewinnen oder nicht zu verlieren, es geht um die Teilnahme am Spiel selbst. Man spielt ein Spiel, um es zu spielen. Irgendwie ist da ein Zirkel festgetackert. Es ist vollkommener Quatsch ein Spiel des Spieles wegen zu spielen. Man spielt ein Spiel, um es zu gewinnen oder mitleidig zu verlieren.

An solchen Tagen würde ich mich gern in meine Kindheit zurückziehen. Durch die Potenzierung der Möglichkeiten fühlt man sich nicht gleich als Versager, weil das Leben an einem vorbeiging. Alles liegt noch vor einem. Alles kommt noch. Entscheidender ist jedoch, dass nichts gekommen ist. Es ist irgendwas passiert, nur nie das, was passieren sollte.

Es gibt lange Tage, an denen man nachts weinen könnte, an denen man sich dafür hasst, dass man diese Zeilen schrieb. Doch im Eigentlichen nicht dafür, dass man sie schrieb, sondern, dass sie gelesen werden und Bedeutung zugeschrieben wird. — Ja, ihr da draußen: lest dies. Hört auf mich kaputtzumachen. Hört einfach auf.

Der Satz

Es gibt Sätze, die will man einfach nicht lesen. Doch dann muss man durch. Man findet das Subjekt, schon gleich folgt das Objekt, das man dann selbst ist, und schließlich bringt ein Prädikat die Gewissheit, dass der bereits beginnenden „Tonfall“ im Satz in Bezug zu sehen ist mit dem gesamten Satzinhalt. Die ausschmückenden Worte dazwischen, dahinter und davor dienen rein der Zurückhaltung, evt. auch der Schadensbegrenzung. Jedoch bleibt der Satz der Satz. Es gibt halt Spiele, die kann man nicht gewinnen; an manchen Tagen eben nur verlieren. Sätze versteht man häufig viel zu gut.

Die, vor denen wir Angst haben

Er saß auf Partys selten still in der Ecke. Er war im Rausch. Aus seinem Mund sprudelten unentwegt Gedanken, manchmal auch Hoffnungen. Er tanzte, rauchte und trank. Unbekümmert blendete er alles aus. Er war wie im Rausch. Aufgestachelt und aufgekratzt atmete er schneller. Zug um Zug bog sich sein Leben. Es bog sich um ihn herum, bis es ihn gefangen hatte. Er konnte nicht entkommen.
Jetzt saß er auf Partys still in der Ecke, wenn er überhaupt noch hinging. Seine einzige Hoffnung, dass dem, was jetzt ist, Besseres folgt, wurde beendet. Schlicht und abrupt war das. Ein einziges Gespräch, tief versunken in den Gedanken des anderen, erkannte er kurz die Wahrheit. Er hatte sich in diesem Moment von allen Gründen befreit. Er fragte sich nicht warum, warum er das wolle oder verlieren würde. Er beendete die Welt der Gründe. Denn eines war ihm nun klar. Alle lebten in der Welt der Gründe. Alles hatte seine Gründe. Dass es regnete, konnte begründet werden; dass die Sonne schien, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen gut lief, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen schlecht lie,f konnte vielfach begründet werden. Er hasste sich und die Menschheit dafür zwischen allem und jedem Relationen zu sehen und… diese zu begründen. Doch die Begründung hilft nicht, sie ist nichts als ein kurzer Augenblick des Durchatmens. Spätestens zum nächsten Herzschlag kommt sie wieder auf: die Frage nach dem Warum?
Immer wieder Gründe, Ursachen, Wurzeln, Motive, Anlässe und Auslöser. Immer wieder und wieder und wieder. Kein Grund hält für immer, wird immer wieder hinterfragt. Niemand ist sich dieses beständigen Leidens bewusst, niemand erkennt, dass darin das Unglück aller liegt. Das Leben leidet, weil es zersetzt wird bis auf das letzte Warum. Und anschließend der Grund für das Warum gesucht wird. Alle leiden und niemand erkennt das Unglück darin. Bis auf ihn. In diesem Moment war ihm klar, dass es für ihn keinen Grund mehr gab. Der Status des Unbegründbaren war einfach da. Und er war zu dem geworden, vor dem er immer Angst hatte.

2. Thüringer Bloglesung

So jetzt ist es soweit. Die 2. Thüringer Bloglesung wird in der kommenden Stunde im Kulturbahnhof eröffnet. Ich selbst werde in diesem Jahr nicht lesen, da sich genügend kompetente Blogger eingefunden haben, die ihr publiziertes Werk einer aus anderen Bloggern bestehenden Schar präsentieren möchte. Wer zu diesem Ereignis nicht direkt vor Ort sein kann, dem sei der untere Player empfohlen, mit dem versucht werden wird, die Lesung dem Rest der Welt zu zeigen.

mogulus entfernt

Hofgeschichten

Die dreckig-braunen Kartoffeln kochen im Topf. Mutter kommt und gisst sie ab. Ich stehe am Fensterbrett und betrachte durch den dort ansässigen Kräutergarten den Hof. Unter der Fensterreihe verläuft eine Reihe Mülltonnen. Jedem Fenster seine Mülltonne. Der Geruch zieht nur im Winter zaghaft nach oben. Im Sommer quillt er bei jedem Öffnen der rostigen Metalltonnen gen Himmel und legt sich schwer über mein Bett, dass direkt vor dem Fenster steht. In meinem Zimmer sitze ich ungern, um aus dem Fenster zu blicken. Es ist zu weit rechts, man kann die gegenüberliegende Häuserzeile kaum noch sehen. Außerdem sieht man die Bank nicht. Diese Bank scheint in unserem Hof eine Art Heiligtum zu sein. Seit ich denken kann sitzen dort jeden Sommer die dicken, alten Nachbarsfrauen und blicken jedem hinterher, der an der Bank vorbei geht. Die einzige Hofstraße, die genau dort eine Biegung macht und zu einem größeren Parkplatz führt, grenzt an und so entgeht den Frauen nichts. Weder Kinder, die sich zwischen den Autos auf dem Parkplatz herumdrücken, noch die Säufer, die aus der Kneipe rausfallen. Denn der „Pub“ hatte hier schon seit Jahren seinen inoffiziellen Hinterausgang.

Eine der dicksten und ältesten Frauen auf der heiligen Bank war Frau Mischalke. Sie lebt vermutlich in diesem Hof seit dem Krieg und gehörte zum harten Kern der Bankpatrouille. Denn auch bei schlechtem Wetter ließ sie es sich nicht nehmen, mit Steppdecke und Schlüssel in der Hand ein, zwei Stunden mit wechselnden Partnerinnen auf der Bank auszuharren und den sich mit Schirmen und Zeitungen bedeckenden Heimgekommenen nachzurufen, dass sie gefälligst nicht so rennen sollen, es sei ja schließlich glatt.

Weiterlesen

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2026 urbandesire

Theme von Anders NorénHoch ↑