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Monat: September 2009 (Seite 3 von 4)

Der Steinmetz

Im Prinzip ist es spannend wie so eine Arbeit entsteht. Es ist ein steter Wechsel zwischen Suchen und Filtern. Erst macht man den Mund unglaublich weit auf, um soviel wie möglich einzuatmen an Informationen, Theorien, Gedanken, Fehlern und Richtigkeiten. Anschließend beginnt man plötzlich wieder auszuspucken. Jedoch nicht ohne sich einen Filter vor dem Mund zu halten, der davor bewahren soll, wichtiges zu verlieren.

Es ist heute schon spannend, welche Transformation diese Arbeit erfahren hatte und irgendwie auch noch aufregend, wohin es gehen wird. Ich weiß, vielleicht ist es mangelnde Planung, dass Konzepte nicht aufgeben, ständig alles umstruktiert, -sortiert und -gewertet wird, doch erst im Vollzug merkt man doch, ob es funktioniert. Klar, man kann sich die Funktionsweise einer Gleichung oder eines Programmcodes 10mal abstrahieren und laut Formalia müsst alles klappen, aber erst wenn man nachrechnet oder kompiliert, erfährt man das wirklich Ergebnis. Entweder gibt es eine reelle Lösung bzw. das Programm macht, wozu es gedacht war oder eben nicht. Wenn Letzteres eintrifft, geht man auf Fehlersuche und zumeist findet man die Formalität oder den Denkfehler, der alles ins Gut rückt. Okay, ganz so einfach ist das beim Verfassen einer Magisterarbeit nicht. Aber zumindest ähnlich. Man erkennt geistige Sackgassen oder stellt kritische Zusammenhänge fest. Ist es beispielsweise bereits an dieser Stelle schon notwendig auf die diskurstheoretischen Eigenheiten der Archivpoetik einzugehen. Klar, es ist ein Methodenkapitel, aber die theoretische Betrachtung der Archivpoetik steht noch aus und soll erst später folgen. Erst, wenn man es niedergeschrieben hat und den Übergang und Anschluss zum nächsten oder gar übernächsten Arbeitsteil gefunden hat, kann man wirklich erst wissen, ob es richtig war.

So ist dieser Text wie eine rauhe Steinplatte, die mich mit grober und sanfter Bearbeitung langsam mit sanften Rillen durchziehen will, in denen der Blick langsam durch das Textem meiner Überlegungen fahren kann und manch’ Kurve mitmachen muss und vielleicht nicht den Überblick verliert und mit mir an das Ziel gelangt. Ich bin ein Steinmetz, der in beständiger Lektüre des niedergeschriebenen Erlesenen die Rillen und Spuren deutlicher ziehen will, dabei aber auch nur die eigene Perspektive besitzt und nur so auf ein gutes Gelingen seines Werkes hoffen kann – auf das die Rillen und Spuren deutlich sind.

Relative Glaubwürdigkeit

Also, heute schaffst du 2 Seiten. Du musst nur früh genug aufstehen, rechtzeitig mit der Arbeit beginnen und dann wird das was. Ein sehr gewichtiger Punkt dieses “Seitendenkens” ist eine Lüge. Und zwar der einfache Fakt, dass Seiten schreiben gar nicht so einfach ist. Viel zu selten hört man das genüßliche Klackern der Tasten – so in etwas wie beim Verfassen dieses Beitrages – vielmehr ist es ein langsames Rollen durch die Seiten umrandet mit einen Bucht aus Ahnungslosigkeit und dem steten Zweifel kann man das so schreiben, ist das nicht zu oberflächlich, am Thema vorbei, jetzt schon zu viel, zu viel verraten, überhaupt richtig, sinnvoll, verständlich, … [weiter ausfüllbar]?

Es ist jedes Mal das Gleiche. Mit großem Enthusiasmus steige ich den Tag ein, große Ziele jeden Tag… doch wenn ich am Abend das Ergebnis zusammenfasse, muss ich regelrecht kratzen. Alles irgendwie aus den Furchen herauskratzen, um nicht zu sagen, ich habe gar nichts gemacht. Das nervt.

Vorsicht vor dem Wahl-O-Mat

Ich habe eigentlich nicht viel Zeit. Nur kurz etwas zur Bundestagswahl. Der Wahl-O-Mat wird an mancherlei Stelle angepriesen als die ultimative Wahlhilfe: „Mach den Wahl-O-Maten und du weißt, was du wählen solltest (willst; wirst)!“ Der Wahl-O-Mat besitzt schon seine Berechtigung keine Frage. Er fungiert mehr oder minder als Filter und siebt die seitenlangen Wahlprogramme und Grundsatzprogramm der demokratischen Parteien nach Thesen, auf die die Parteien festgenagelt werden können. Es ist doch irgendwie verständlich und gleichzeitig aber auch traurig, dass dieses hochkomplexe Gebilde der Staatssteuerung (also das, was die Politik so betreibt) nicht schnell erworben und begriffen werden kann.

Ich denke, es ist für die Macher des Wahl-O-Mats ein jedes Jahr neu aufkommendes Problem wie detailliert die Auswertung der Parteiprogramme sein muss. Zu detailliert würde die Informationslast bei der Entscheidungsfindung zwischen Ja, Nein und ich weiß nicht am Wahl-O-Maten schnell so verkomplizieren, dass es Grundfragen, Unterfragen und Detailfragen geben müsste. So bleibt es bei wenigen Politiken gespickt mit Detailfällen. Steht jetzt die Frage zum Atomausstieg in direkter Verbindung mit der generellen Energiepolitik der Parteien … d.h. welches zukunftsfähige und realistische (vor allem finanzierbare) Konzept legen die Parteien bei einer Befürtwortung des Atomausstiegs vor. Entscheidender an dieser Stelle bleibt ja zu Fragen sind sich die Wahl-O-Mat-Nutzer und gleichsam Wähler der Konsequenzen eines Atomausstieges oder der Fortführung der Atomenergie als Lieferant für Industrie und Haushalte bewusst. Der Wahl-O-Mat kann dies an dieser Stelle nicht leisten.

Auch beim Mindestlohn stellt sich die Frage. Bis auf CDU/CSU und FDP wird dieser einheitlich von den bisher im Bundestag vertretenen Parteien gefordert. Jedoch unterscheiden sich die Forderungen: Die Linke will 10 €, die SPD beispielsweise 7,50€ … das scheinen im Detail nur kleinere Unterschiede, jedoch stellt sich bei den vielen Arbeitnehmern, die davon dann betroffen sein könnten die Frage, wie möchten die Parteien das finanzieren. Unterschiede, die der Wahl-O-Mat nicht anzeigt, ja gar nicht wiedergeben kann. Denn seine einzige Fähigkeit ist das Anzeigen von Tendenzen… Weiterhin werden auch die Gründe ausgespart, die die Parteien zu solchen Programmpunkten bewegen. So soll der Mindestlohn den unlauteren Wettbewerb der Löhne (Stichwort: Dumpinglöhne) beenden und den Unternehmern „verlässliche Regeln für einen fairen Arbeitsmarkt“ ((aus dem Deutschlandplan (pdf, 233Kb) von Frank-Walter Steinmeier))  zur Seite stellen. Mindestlohn vernichtet keine Beschäftigung, sondern – so die Argumentation – moderate Mindestlöhne befördern die Beschäftigung positiv. Dem kritischen Zeitgenossen wird auffallen, dass an dieser Stelle der Beweis oder zumindest das Argument fehlt, warum das passieren sollte. Warum schafft es das Festsetzen von Löhnen am unteren Rand der Einkommensspanne nicht nur Jobs nicht zu vernichten, sondern die Beschäftigungskurve sogar anzukurbeln? Ungeklärte Frage. Weder im Wahl-O-Mat und was noch schlimmer ist, auch nicht im Deutschlandplan Frank-Walter Steinmeiers oder auch dem Programm der Linken. Dabei ist es doch wichtig die Konsequenzen und Realisierungskonzepte von politischen Konzepten zu kennen.
Die Gegenseite argumentiert dagegen klassisch. Die Festsetzung von Mindestlohnen behindert den Wettbewerb und Arbeitgeber werden sich dreimal überlegen, ob sie ihr Unternehmen mit neuen Arbeitskräfte belasten, auch weil ja gerade in Deutschland die Lohnnebenkosten im Vergleich zum Ausland recht hoch sind usw. usf.

Es wird also klar, dass die Komplexität politischer Entscheidungen und Forderungen nicht abgebildet werden. Noch ein Beispiel. Der Rückzug aus der Bundeswehr aus Afghanistan. Die Mehrheit der Bevölkerung fordert diesen, wollte diesen Krieg nie. Nur die Linke fordert ihn als einzige Partei im Bundestag. Es ist leicht zu fragen, was Deutschland denn am Hindukusch zu suchen hätte, jedoch muss man sich auch die Gegenfrage gefallen lassen, was passieren könnte, wenn die Bundeswehr oder gleichsam die internationale Gemeinschaft sich zurückziehen würde. Afghanistan ist seit der Niederschlagung der Taliban und dem versuchten Wiederaufbau des Landes unter demokratische Flagge kein wirklich befriedetes und noch weniger ein stabiles Land. Es könnte nach dem Abzug der Koalitionstruppen zu einem wiedererstarken der Taliban kommen, ein mögliches politisches Chaos wäre denkbar. Auf jeden Fall stehen die Chancen auf Frieden in Afghanistan nicht automatisch besser, wenn die ausländischen Truppen abziehen. Zumal noch die Bedeutung des östlichen Nachbarn Pakistan als mittlere Atommacht hinzuaddiert werden muss. Pakistan ist den islamistischen Gruppierungen Afghanistans durchaus friedlich gesinnt. Man sieht also, dass der Fall nicht allzu einfach ist und ein Abzug der Truppen durchaus Raum für Diskussion lässt und unter verschiedenen Perspektiven gewertet werden muss. Es ist leicht im Wahl-O-Mat die These anzukreuzen, aber schwer die Konsequenzen aufzusuchen und zu bewerten.

Ein letztes Beispiel sollen die Bürgerrechte sein. Online-Durchsuchung, bundesweite Volksentscheide, kommunales Wahlrecht und Bundeswehreinsätze im Innern spiegeln dabei die Eckpunkte dieses Politikbereiches wieder. Aber allein ein Blick auf den alternativen Wahl-O-Maten des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung zeigt erneut, dass dieser Politikbereich durchaus komplexer gesehen werden kann: Neben Onlinedurchsuchung treten da Themen wie die neue Gesundheitskarte, die Überprüfung der Gesetze auf Verfassungskonformität als unabhängige Kontrolle im Vorfeld, Gesichtserkennung, Nacktscanner am Flughafen, Vorratsdatenspeicherung, Pässe mit Fingerabdruck usw. ufw. auf. Es ist also klar wie viele spezielle Subthemen beim Wahl-O-Mat der bpb unterschlagen werden und unterschlagen werden mussten, um überhaupt irgendwie sinnvoll zu sein. Neben dieser hier auftretenden Mehrfachkodierung durch Subthemen eines Hauptthemas wie Bürgerrechte stellen sich bei den Bürgerrechten ebenso die Fragen der Realisierung und Konsequenzen.

Es ließe sich dies vermutlich auf alle Thesen, Fragen bzw. Themen, die die Wahl-O-Maten verhandeln, ausweiten. Politik ist zwar schön vermittelbar durch markige kraftvolle Ausdrücke, hoffnunggebende Claims und klare Sätze. Jedoch nur vermittelbar – nicht unbedingt richtig, angemessen oder gar ehrlich. Man sollte immer berücksichtigen, wenn es so einfach wäre, dass ein Satz ausreicht, alles zu sagen; dann stimmt etwas nicht. Politik und Wahlkampf ist immer ein Hin-und-Her von Positionen, Ideologien, Ansichten, Hoffnungen zu deren Vermittlung kräftige Trauben herausgepickt und ins rechte Licht gerückt vorgelegt werden, währenddessen die knautschigen Rosinen gerne mal versteckt werden.

Die Wahlentscheidung sollte nicht vom ja oder nein zu bestimmten Thesen des Wahl-O-Matens abhängig gemacht werden. Vielmehr sollte er dazu dienen, mit dem großen Mysterium der Politik Kontakt aufzunehmen und anhand der vorgeschlagenen Themen ruhig auch für sich selbst weiterzurecherchieren, einfach mal das Hirn einsetzen und es sich selbst nicht zu leicht zu machen, dann ist auch der Wahl-O-Mat und jegliche Umfrage eine praktisches Tool im Vorfeld der Bundestagswahl.

UPDATE: Es gibt noch ein paar weitere kritische Stimmen zum Wahl-O-Mat – hier bei: Guardian of the Blind, der sich die Zeit nahm einzeln die Thesen und Fragen abzuklopfen.

Das Erdbeben von Lissabon

TP: Als ob der jüngste Tag kommen sey…

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21280/1.html

Album Of The Week – The xx – xx

Oh mein Gott. Ich muss die Kategorie eigentlich umbennen. Das Album of the week ist schon lange kein Album der Woche mehr. Seit dem 1. März steht da Tomte mit Heureka. Wer jetzt hier zu den analytischen Geistern gehört, könnte vermuten, dass es eventuell daran liegt, dass die Musikindustrie derzeit nichts verwertbares veröffentlicht. Dem ist aber nicht so. Vielmehr hat mir irgendwie immer die Lust gefehlt in den letzten Monaten Platten zu besprechen. Aus bekannten Gründen geloben ich nun aber mal keine Besserung, sondern präsentiere euch nur mal eben fix das aktuelle Album der ähhh Woche.

the_xx_blogEin gewisser Minimalismus schwingt mit, betrachtet man das Cover des Debütalbums xx von The xx. Das Cover ist sogar so schlicht, dass man eigentlich im Netz gar nicht nach einer jpg-file suchen müsste, sondern es in Photoshop auch selbst erstellen könnte. Bei Albumnamen und Bandnamen geht es gleich weiter. Alles schön schlicht. Bis auf das berühmte „The“, das vermutlich weniger ästhetisches Statement ist als dann doch den Coolness-Faktor zu verstärken sucht. Basic Space mehr braucht es dann nicht. Die Platte klingt in ihrem Minimalismus, in ihrer reduzierten Form extrem erwachsen. Nur die Stimmen verraten das doch junger Alter der vier Londoner. Es könnte der Vorwurf des Langweiligen kommen – oder gar schlimmer des betont Langweiligen. Alles ist reduziert, es herrscht manchmal momentlang Stille, die Texte werden gehaucht und nur ab und an pocht der Drumcomputer durch die Boxen. Alles scheint in Schwebe zu liegen, die Musik gleitet umher, still und in die Stille selbst verliebt. Doch ist es keine Langweile. Es ist die andächtige Liebe in die Ruhe, leicht tändelnd durch das Leben zu schreiten und einer sanften Melodie zu folgen, die einen beruhigend nach wilder Macht gen Morgen dösen lässt.

Langeweile hört sich anders an. Haben doch diese vier jungen Menschen gute Recherche in der Musikgeschichte der letzten Jahre, zum Teil Jahrzehnte betrieben. Gar manches Riff nimmt Anklänge an Interpol oder den Editors ohne deren treibende Kraft zu übernehmen. Auch Bloc Party sind vernehmbar. Das Tastenspiel des Keybords stammt hingegen aus älteren Dekaden. New Order schwingt da mit. Garniert alles durch diesen durch komplette Platte zurückgehaltenen Gesang. Melancholisch, irgendwie traurig und zuürckhalten, nur niemals aufregend.

The xx sind vielleicht nicht der nächste Superhype wie etwas die Artic Monkeys oder Bloc Party, jedoch wird sich die Platte sicherlich in einen Musiksammlungen wiederfinden, wenn der nächste Partyabsturz durch laute Musik in der Nacht geheilt werden muss. Dafür eignen sich die vier auf jeden Fall. Auch ohne langweilig zu werden.

Als Video sehen wir „Crystalized“ – einfach nicht auf die Typen achten… 😉 :

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