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Kategorie: Urban Desire (Seite 13 von 19)

Rotwein

the driverEin Liter Rotwein ist zuviel. Immer. Zu jedem Zeitpunkt. Wo war ich? Ach ja. Ach nee. Ich weiß es nicht. Irgendwo zwischen hier und nirgendwo. Der Beifahrersitz ist leer. Keiner, der auf der anderen Seite das Fenster herunterkurbelt und nach Luft schnappt. Niemand, der sich genüsslich in den Sitz presst, während die Straßen außerhalb langsam im Grau der Stadt versinken. Einfach nur so herumfahren. Einfach nur den Straßen der Stadt folgen. Irgendwann kommen Landstraßen – düster und dunkel. Die Hand am Lenkrad friert und fragt sich: „Soll ich loslassen, dem Nichts das Steuer in die Hand drücken, dem Zufall das Gaspedal und dem Glück die Kontrolle über das Radio. Seit Wochen werden nun dort schon dieselben Lieder herausgepresst. Keine Abwechslung. Man sollte das Licht anmachen. Die anderen sollten einen sehen. Sollten sie.

Clean Up Your Mind

clean your mindDu senkst den Kopf und hörst das kristallene Glitzern der Brausetablette, die gleichmäßig im Wasserglas zergeht. Langsam färbt sie das Wasser ein; in diesem Moment sollte sie auch den Geschmack entfalten. Du lehnst am Fenster, den Kopf auf der Schulter abgestützt, betrachtest die Menschen auf der Straße, die den Berg hinunterlaufen… immer schneller. Nach etwas hast du Sehnsucht. Wenn du nur könntest, würdest du es tun. Doch du traust die nicht, siehst die Blicke, die dich streifen, irgendwie nach dir fassen und doch nach anderem sinnen. Die Lage scheint aussichtslos und schwere Regentropfen bestätigen dich. Du sitzt da, bist deprimiert und tippst seltsame Texte in dein Blog. Langsam findest du den Weg, scheinbar. Das wichtigste Ereignis dieser Woche war es, deinen Terminkalender aus dem Briefkasten zu fischen und dich genüsslich hinzusetzen und ihn zu bestücken. Jetzt steht da dein Name darin… nur deiner… sonst kennst du ja keinen. In die freien Spalten der Wochentage hast du Termine, Aufgaben, Zeiten und dann doch andere Namen gekritzelt. Aber diese Namen kennen dich nicht, wie du sie schließlich auch nicht kennst. Es sind nur Termine. Irgendwie soll dir dieser Kalender Mut zusprechen.  Mit jeder einzelnen Seite und Spalte soll er dich festhalten, damit du wenigstens an etwas glauben kannst. Kurzzeitig hast du auch überlegt – aus übereilten Perfektionismus – alte Termine nachzutragen.

Nach den persönlichen Angaben folgt ein weiterer, kleiner Kalender, der vermutlich für Geburts- und Jahrestage gedacht ist. Du trägst deinen Geburtstag ein. Den kennst du. Da bist du sicher. Die Feder setzt ab und zweifelt: „Wer sollte da jetzt noch rein?“ Ist es noch jemand wert? Oder ist dir, wie du anderen, jeder egal. Letztlich setzt du doch noch einmal an. Einige wenige Ausgewählte – der enge Tempelkreis sozusagen – wird eingetragen. Sei es auch nur aus dem Grund, dass du dich vor den peinlichen Blicken scheust, die dir entgegenragen, wenn jemand aus Versehen deinen einzelnen Namen in diesem Kalender entdeckt und sich fragt, wie eingebildet jemand sein kann, der nur seinen eigenen Geburtstag einträgt.

Du steckst den Kalender weg. Morgen wirst du mit großen, runden Kreisen hinter den Terminen versuchen, die Ordnung wiederherzustellen.

Zahnbürsten

In dem Moment als die Tatsache an die Straßenbahnfensterscheibe klatschte, dachtest du über früher nach. Eigentlich dachtest du gar nicht an früher… zunächst nicht. Du hast dir die Frage gestellt, ob es einen gewissen Punkt gibt, an dem alles schwieriger geworden ist. Du sahst vor Kurzem eine Episode von Lauras Stern und warst überwältigt von der Einfachheit, mit der dort dem Leben begegnet wurde. Kleinigkeiten, die an manchen Tagen wunderschön funkeln, aber an anderen schwer im Herzen liegen, werden aufgedröselt, analysiert und mit einer moralisch richtigen Lösung beseitigt. Dabei dachtest du schließlich an früher wie du mit blauweißem Schlafanzug auf den kalten Fliesen des Badzimmers standest und dich fertig für die verhasste Nachruhe machtest. Du standest auf Zehenspitzen – damit das Blut in deinen Füßen nicht allzu stark abgekühlt würde (doch eigentlich wusstest du dies damals noch gar nicht) – du hast einfach gefroren.
Um die Zeit zu vertreiben und einen Badbesuch mit entsprechender Länge herauszuarbeiten, hast du Grimassen gezogen, die mit seltsamen Grunz- und Knacklauten versehen wurden. Abschließend öffnetest du den Wasserhahn und eine reißenden Strudel Wasser marschierte den Abfluss des Waschbeckens hinunter. Es war die Imitation des abschließenden Abspülens von Zahnputzbecher und Zahnbürste, die reglos und vollkommen unberührt im Bad zurückblieben als du das Licht gelöscht hattest. Die allabendliche Zeremonie wurde durch den Gute-Nacht-Kuss beendet und du bist im Bett verschwunden, Licht aus, Gespenster projizierten sich nun von ganz alleine an die Wand.
Irgendwo in dieser Kette muss ein Fehler gelegen haben, denn nur wenige Augenblicke nach deiner Einkehr in Kissen, Bettlaken und Decke ging die Tür auf, das Licht knackte an und eine hochgezogene Augenbraue wollte sagen: „Deine Zahnbürste ist noch ganz trocken. Komm, putz dir die Zähne.“ Wenige Momente später folgten die Worte aus dem geschwungenen Mund deiner Mutter. Jetzt die Augen zukneifen und einem der Agonie ähnelnden Tiefschlaf vorzutäuschen, wäre bei dieser eindeutigen Sachlage wohl eher schändlich gewesen.
Schon leicht benommen, entstiegst du dem Bett und verrichtest unter den langsam müder werdenden Augen deiner Mutter – die Zahnpasta brannte und der Fußboden war immer noch widerlich kalt – die Arbeit am Zahn. Ohne wiederholten Gute-Nacht-Kuss gingst du abermals nicht ins Bett. An diesem Abend bist du mit dem Geschmack und dem Geruch einer industriellen Kräutermischung im Mund eingeschlafen – die Monster an den Kinderzimmerwänden rochen es auch.
Laura hatte auch solche Probleme und – unglaublich – genau wie diese fiktive Figur aus bewegten Strichen mit in Kindersprache gepressten Gedanken eines Erwachsen, der sich krampfhaft hineinzuversetzen sucht, was ein Kind in den jeweiligen Situationen sagen würde, folgte ich der Aufforderung meiner Mutter und verrichtete unter ihrer Aufsicht wie gefordert.
Heute überprüft keiner mehr die Zahnbürste. Die Kindheit ist vorbei und die Frage, wann dies geschah wird mit Leere beantwortet. Niemand hält dich mehr auf dem Weg. Du springst von Zeit zu Zeit, Tag zu Tag und bist an nichts außer an dein eigenes Ich rückgekoppelt – manchmal nicht mal an das. Überall erblickst du Glück, Wege des Glücks; nur hast du ab einem bestimmten Punkt verlernt, den richtigen Weg einzuschlagen. Stattdessen schlägt das Leben auf dich ein, während du stumm unter Tische kriechst und mit angezogenen Beinen auf etwas wartest. Auf was? Vielleicht, dass heute Nacht wieder jemand feststellt, dass deine Zahnbürste erneut trocken blieb.

Es scheint sich um Weihnachten zu handeln

Weihnachten

Fast schon wieder schön, dieses orangefarbene Licht der Straßenlaterne dort draußen. Es ist warm, es strahlt und ich glaube, kleine Schneeflocken umtanzen es. Die Plane ist ab, das Gerüst verräumt und der Blick ist wieder freigegeben auf die Straße. In der Zwischenzeit ist Weihnachten irgendwo rausgekrochen. Zumindest scheint es so: In diversen Einkaufsmärkten stehen schon seit langem riesige Süßwarenstrecken mit allem, was gut schmeckt und folgen haben kann: Zahnausfall und/oder Dickbäuchigkeit (nein, entgegen der verbreiteten Meinung machen Lebkuchen nicht schwanger); ich glaube auch Holzbuden an zentralen Orten der Stadt gesehen zu haben. Im Gesamten handelt sich um die Jahresendzeitstimmung. Medien präsentieren Jahresrückblickssendungen, Blogs veröffentlichen „Bestof-Listen“ – sei es nun von Filmen, Musik oder Toilettensitzen. Es ist egal, jeder zieht sich zurück und Resümee. Vielleicht liegt das an den langen Tagen. Jetzt besteht Zeit, zu reflektieren, um im Nachhinein Existenzen und deren Handlungen Sinn zu verleihen.

Im Freundes- und Bekanntenkreis macht man sich unbeliebt, wenn beim vermutlich letzten Treffen in diesem Jahr kein „fröhliche Feiertage und ein guter Rutsch ins Neue“ über die Lippen schwabt. Es werden die digitalen Kommunikationskanäle genutzt – eine SMS, eine Email, eine per Email versandte Powerpoint-Präsentation (inklusiv Rentieren). Man besorgt noch Geschenke. Ist es eigentlich noch in, in überfüllten Einkaufszentren sich über deren Überfüllung zu beschweren? Oder macht man sowas gar nicht mehr?

Aber vermutlich ist es wirklich die beste Zeit, sich über die eigene Existenz Gedanken zu machen. So verknüpft sich Weihnachten seit Jahrzehnten mit den neu vorgenommenen Zielen für das kommende Jahr. Ein Jahreswechsel ist mit der heiligen Dreieinigkeit des Einschlafens – Schlafens – Aufwachens so untrennbar verbunden wie ein Weihnachtsmarkt mit vernebelndem Glühweinduft. Sobald die Tage im Dezember zweistellig werden, macht sich ein Jeder Gedanken. »Wo kam ich her?« »Was bin ich jetzt?« Und natürlich die unlösbare Frage: »Wo geht es hin?«. Nun. Es geht dahin – das Leben. Soviel ist sicher: Unaufhaltsam bahnt es sich seinen Weg durch die Jahre, durch die Zeiten und macht nur manchmal kurz Stopp. Vielleicht an Tagen wie diesen. Und so plant man sich selbst. Nächstes Jahr wird alles besser. Der Graus der vergangenen zwölf Monate wird sich nicht wiederholen. Niemals. Aber das ist falsch. Der Graus der vergangenen zwölf Monate wird sich »so« nicht wiederholen. Ich selbst kann jetzt nicht wirklich sagen, ob das Jahr, das nun verschwindet – abgelegt in irgendeiner Chronik oder irgendeinem Archiv – nun zu den bessern zählen wird oder eher nicht. Es ist noch nicht einmal rum und alles hat sich schon irgendwie relativiert.

Und so plant man Pläne bis in die letzte Sekunde des alten Jahres, verspricht sich bis zur letzten Bewegung des Uhrzeigers im alten Jahr diese einzuhalten und schon beim ersten Glockenschlag im neuen hat man die guten Vorsätze gleich wieder vergessen. Es gibt nämlich gar keine Jahre. Es gibt sie einfach nicht. Die Zeit dreht sich nur auf Uhren im Kreis. Es beginnt nichts am 1.1. und es endet auch nichts am 31.12. Nein. Das ist nur ein Illusion, derer wir alle uns bedienen – sei es aus dem Grund Dinge zu vergessen oder neu zu beginnen. Natürlich gibt es Jahreszeiten und die – so sagt es selbst unsere Erfahrung, ohne auf Gelehrte zurückzugreifen – kehren auch immer wieder. Die Astronomie lehrte uns Sonnenumrundungen mit Jahreszeiten und schließlich mit Jahren zu verknüpfen. Meinetwegen.

Ich persönlich habe für mich eine andere Jahresdefinition, die sich nicht an astronomischen Mutmaßungen Erkenntnissen orientiert. Ich lebe derzeit im Jahr 3. Die persönlichen Gründe, die zu dieser Einschätzung führten, würden – so glaube ich – die Blogosphäre in die Luft sprengen und für mehrere Monate unblogbar machen… so entschwebt ihr also – mit diesem Wissen im Hinterkopf – auf einer Illusion in ein „neues“ Jahr.

I can’t live my life being nervous about tomorrow

Die Fahnen wehen [frag.]

Jeder Tag trennt mehr. Die Besatzung holt die Leinen ein. Das Schiff legt ab und steuert mit mäßiger Fahrt auf eine ungewisse Zukunft zu. Die Sonne scheint und das Gras glänzt grün. Es ist in den letzten Tag in Form gebracht worden. Man hatte es zurechtgestutzt, dass es zur großen Abfahrt perfekt aussieht. Die Besatzung steht mit weißen Uniformen an Deck und winkt fröhlich. Das Schiff nimmt langsam Fahrt auf, immer schneller. Bis es nur noch ein kleiner, weißer Punkt am Horizont ist und schließlich verschwindet. Ich stehe am Ufer und blicke in die Wellen. Leerer Horizont. Jeder Tag trennt mehr.

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