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Kategorie: Allgemein (Seite 8 von 77)

Album Of The Week – Faraday – Vice Versa


Es ist Juli 2011. Sommer: „unser Debütalbum „vice versa“ ist fertig! Leider ist es auch das Abschiedsalbum…“. Ähem. Nö! Dann stellt sich Ernüchterung ein. Irgendwann. Faraday haben 2007 die EP „Dying Art Of Composure“ herausgebracht und seitdem wartete ich auf eine Album. Man denkt ja immer bei vielversprechenden EPs, dass durchbrechende Album erreicht recht schnell die Hörer schafft. Aber dann verstummt die Band. Kaum Beiträge auf myspace, blogs etc. Und dabei kleineren Bands die Informationslage doch dann eher dürftig ist und oftmals nur lokal etwas zu erfahren ist, musste ich davon ausgehen, dass Faraday still und heimlich die Verstärker ausgestellt haben und nun Schluss ist.

Doch nun – vier Jahre nachdem ich die EP hier zum Album der Woche erklärte – werde ich überrascht. Zum einen, weil doch ein Album produziert wurde, zum anderen, weil es sowohl das ersehnte Debütalbum aber auch das Abschiedsalbum der Band ist. So ist das mit heimlichen Lieben. Man wird wohl nie ganz enttäuscht.

Wie präsentiert sich nun „Vice Versa“? Zunächst knüpft es nahtlos an die EP aus dem Jahre 2007 an. Viele schöne Ideen, spannende Post-Rock-Strukturen, immer wieder das Spiel zwischen Abwarten, Aufbauen und Losschlagen, was diese Musik so spannend macht. Vielleicht sind ein wenig die expressiveren Ausleger zurückgedrängt worden, die auf Dying art of composure“ noch verstärkter im Vordergrund standen. Auf „Vice versa“ hält sich das Schlagzeug zurück, der Sprechgesang wird behutsamer eingesetzt und auch die shouts sind merklich reduziert. Man vergleich einfach mal „Dont‘ drink and dial“ aus dem Jahre 2007 (wenn man denn die EP noch zur Hand hat) und „Apause“ von der neuen Platte. Der verspielte Post-Rock steht im Vordergrund und auch die Indiestrukturen – das Angepasste – treten deutlicher hervor.

Nichtsdestotrotz bleibt Faraday mit ihrem ersten und letzten Album dem gewohnten, spannenden Gemisch aus Post-Rock, Indie und Emo treu und auch im Jahre 2011 sind sie eine kleine Assozitationsweckungsmaschine zwischen Bands all dieser Genre. Schon gleich der Opener „More A.M.“ mit leicht befremdlichen Einstieg, holt einen nach wenigen Sekunden im Jahre 2007 ab. Mit vielen Gitarren und ordentlich Druck findet man sich sofort im Faraday-Universum zurecht. Harmonie, Tempowechsel  vor einer wunderbar dahingrollenden Grundstruktur. Doch trotz des gesamten Variantenreichtumes des Gitarrenspiels mit Melodien und Harmonien und der Rückbesinnung auf das Genregemisches bleibt das Album doch an manchen Stellen harmlos, zwar begeisternd, aber eben nicht allzu überraschend. Wenn die Karriere der Band weitergehen würde, dann wäre hier noch Luft nach oben.

Schade, dass es das letzte Kapitel der Band ist. Aber gut, dass es trotz des allgemeinen Härteverlustes so ein gutes und ausgewogenes ist. Das Album gibt es für einen „den-suche-ich-mir-selbst-aus-Preis“ bei bandcamp.

myspace | bandcamp

 

Tagwerk

Was ich in den letzten Wochen getrieben habe? Naja. Zwei Google+-Einladungen (jetzt erkennt man, dass die Namesgebung google+ wirklich Problematisch ist, da Komposita mit Bindestrich immer dämlich aussehen) erhalten, die mich nicht in den neuesten Scheiß‘ des Webs gebracht haben. Ich fühle mich in meiner Early-Adopter-Ehre wirklich angegriffen. Stehe vor den Toren, lechzend nach nach der neuen schönen Welt und kann nicht rein. Sehe nur die Profile, die Unterhaltungen, ohne wirklich daran teilnehmen zu können. Und jetzt kommt’s: Wenn Google wirklich so schlau ist, wie alle Apokalypse-Privacy-Artikelschreiber dieser Welt es vorzeichnen, dann bin ich der lebende Beweis, dass es nicht so ist. Google kennt mich nicht. Sonst wären würden sie mich freigeben. Welch‘ Arroganz. Herrlich.

Nein.

Ich habe im Prinzip gar keine Zeit noch wirklich Lust das Google+-Universum (da schon wieder) zu erforschen. Darüber lesen, reicht wirklich aus. Scheint aber nett zu sein. Was ich eigentlich getrieben habe, war das abarbeiten von langwierigen Projektlisten. Neben einer Hochzeitsfeier in Nordthüringen – meiner ersten wirklich erzkatholischen Trauung – war es ein spannendes Webprojekt. Von der Hochzeit wird es hoffentlich demnächst einige Fotos hier zu sehen geben.

Das Webprojekt, das ich hier kurz vorstellen möchte, ist die Internetpräsenz für einen neuen Studiengang des Universität Jena. Der neuartige Fernstudiengang „Bio-Konfliktmanagement“ (BioMER) brauchte eine adäquate Webpräsenz, denn schon bald sollen zahlreichen Studenten diesen Studiengang nutzen, um sich im Bereich der Konfliktlösung in der Biotechnologie weiterzubilden. Zusammen mit dem Lehrstuhl erarbeitet ich aber nicht nur ein Design-Konzept, sondern wir entwickelten ein kleines Kommunikationskonzept aus Anschreiben, Workshops und vielem mehr, um die Infos kurz vor Start des Studiengangs noch an den Mann zu bringen.

Da ich mir meine Webprojekte normalerweise aussuchen kann und oftmals auch genügend Zeit für Gestaltungsideen und das Entwickeln der Seite selbst habe, war dieser Auftrag von erhöhter Spannung. Denn hier musste binnen drei Wochen von der ersten Ideenfindung bis zum Launch der Seite alles schnell geplant, koordiniert und vermittelt werden. Ein wenig länger hat es leider gedauert – aber schließlich kamen wir doch gut voran. Die Website steht ins Netz und erzeugte bisher auch genügend Anfragen. Und ich bin fast ein wenig stolz, denn dass, was unter www.master-biomer.de steht, kann sich sehen lassen:

Ich müsste mal wieder bloggen

… ja, stimmt.

Das Eis meiner Begriffsstutzigkeit

Das Buch (Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“) war – was mein Verständnis des Zeitproblems anlangt – die Axt, die das Eis meiner Begriffsstutzigkeit sprengte […] Daß ganz gleich, was wir denken, die Zeit ein unhintergehbare Voraussetzung dieses Denkens ist, dass wir uns nie Zeit ohne Zeit und auch nie keine Zeit ohne Zeit vorstellen können, daß Zeit wie der Raum eine Grundmodalität unserer Welt- und Selbstsicht darstellt, und zwar jeder uns irgendwie begreiflichen Welt, nicht nur des Newtonschen vierdimensionalen Universums […].

aus: Thomas Lehr – Das gestörte Experiment.
Literarische Seitenblicke zur Naturwissenschaft (SPRITZ 2006)

urbandesire.de – Jahrescharts 2010

Wenn ich die Statistiken von last.fm an jedem Jahresende auswerte, um die Jahrescharts zusammenzustellen, dann glaube ich in jedem Jahr erneut, dass die richtigen guten Sachen dann doch nicht herausgekommen sind. Im letzten und vorletzten Jahr ließ ich mich zu der Bemerkung herab, das Jahr als schwach einzuschätzen. Obgleich ich einschränkte, dass es vermutlich an meinem steigenden Alter liegt. Ich weiß es nicht. Dieses Jahr war ganz in Ordnung: schöne neue Hardcore-Platten, ich entdeckte gegen Ende des Jahres meine Liebe zu Deep-Techno, Electro und Dub Step (alles natürlich in Maßen) und ab und an mal eine nette Indie-Perle.

Es ärgert mich noch immer, dass ich keinerlei statistische Fähigkeiten habe und somit aus dem vorhandenen Datensatz bei last.fm nicht viel machen kann. So zum Beispiel keine Skalierung in der Form, wie sich das Erstspieldatum eines Albums auf die Position im Ranking auswirkt. Was nichts anderes heißt, wie stark die Relevanz eines Albums, das erst im November herausgekommen ist, für die Jahrescharts. Egal. Die zehn Positionen bleiben recht subjektiv ausgewählt.

10. Fotos – Porzellan

Fotos sind eine Band, für die man sich irgendwie rechtfertigen muss. Jedenfalls empfinde ich das so. Also ich muss mich dafür rechtfertigen. Während ich das Debüt nicht allzusehr leiden konnte, gefiel mir der zweite Release „Nach dem Goldrausch“ schon eher.  Indie, der immer etwas gedrosselt wird. Chöre, Streicher und Melodien und Riffs, die gerne hängenbleiben können. Nichts Außergewöhnliches. Dann kam „Porzellan“. Und ich kann die Entscheidung der Band nur begrüßen, nicht an der Stelle wieder angesetzt zu haben, wo das letzte Album stoppt. Es bleibt zwar bei der Klarheit und Simplizität der Vorgänger, aber auf einmal ist über Fotos die Nacht aufgestiegen. Das Vokabular, die elektronische Instrumentierung, die ganze Stimmung ist in einen tiefen Nebel eingehüllt, der mit einem ordentlichen Schuss Shoegaze-Industrial serviert wird. Ein Song wie „Nacht“ spricht an dieser Stelle Bände. Düster, ein elektronisches Depeche Mode-Riff, ein bisschen The XX-Distanziertheit. Wunderbar. Das Album rutscht in die TopTen, weil ich so eine musikalische Weiterentwicklung fabelhaft finde.

9. Eels – Endtimes

Schwere Entscheidung. Wie wahnsinnig muss man eigentlich sein, drei Alben innerhalb eines Jahres zu veröffentlichen. Mit der Trilogie – Hombro Lobo (Juni 2009); End Times (Januar 2010); Tomorrow Morning (August 2010) setzt E diesmal zwar keine absoluten Maßstäbe, aber für einen Platz innerhalb der TopTen reicht es allemal. Hätte er die Songsauswahl der Trilogie nur verdichtet und daraus ein einziges Album gemacht, dann wäre ein Platzierung weiter vorn möglich gewesen. Aber nun gibt es zu viele Schwachstellen auf den Alben verteilt, die so dahinplänkeln ohne zu berühren. Exemplarisch – nun ja – auch aufgrund seiner doch besonderen Güte, hat es End Times, die Mitte der Trilogie, auf Platz 9 geschafft. „Hombre Lobo“ trotz schöner düsterer Ansätze und einer gewissen Nähe zu meinem Eels-Allzeit-Favoriten „Souljacker“ gelingt es nicht ganz „End Times“ außer Kraft zu setzen. Dafür ist dieses Album so gespickt mit Trauer und Verzweiflung, dass man es unter der sanften Haube des allzu oft musikalischen Dahingeplänkels fast vergisst schmerzhaft zu genießen.

Es ist das Album danach. Nach dem Zusammenbruch, nach der Trennung… es fasst das Nach des Endes. Mit der genialen Songidee wie „Little Bird“, dem traurigen Einstieg mit „The Beginning“ und dem genialen „Unhinged“.

8. Jónsi – Go

Das ist mein Wecker. Irgendwie so „Go Go Go Kit Kit Kitty“ beginnt es. Die ersten Takte des Morgens, der die Nacht nicht so recht verdrängen will. Das Album hat mich überrascht. Hätte man das letzte Sigur Rós-Album „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ nicht gehabt, hätte man von etwas Neuem sprechen können. So ist es zumindest ähnlich, ohne dabei nur ein Aufguss zu sein. Ich bereue es, die aufwendige Tournee, die Jónsi in den letzten Monaten hinter sich gebracht hat, nicht genutzt zu haben. Aber sei’s drum. „Go“ ist ein hervorragendes Album eines herausragenden Musikers. Sehr zu empfehlen sind auch die zahllosen Live-Mitschnitt und Unreleased Songs, die dieser verrückte Type da in seinem Blog Victory Rose zusammengestellt hat.

7. Console  – Herself

Ich bin ja stolzer Besitzer einer Original The Notwist-Autogramm-Caféserviette. Immer wenn ich dann das neue und von mir lang ersehnte Konsole-Album höre, fasse ich wie ein kleines Kind die Autogrammserviette an und drücke sie an mein Herz. So verzückt bin ich von „Herself“. Die neuste Auskopplung von Martin Gretschmann, dem Mann hinter Console, bewegt sich in der Knautschzone von Elektropop und Ambient. Und dieser Mix wird belebt von der wunderbaren Stimme von Miriam Osterrieder, die in Songs wie „Bit for Bit“ oder  „A Homeless Ghost“ einfühlsam die Cyberpunk-Seele zum schwelgen bringt: „Bit For Bit We’re All Alone“. Ein wunderbares Album, wenn man abends wieder mal allein vor dem php-Code, den css-Hacks oder der entseelten Facebook-Pinnwand sitzt.

6. The Chariot – Long Live

Wow. Das neue „The Chariot“-Album „Long Live“ ist wirklich lang. Mit einer Spieldauer von gut 30 Minuten überragt es den Vorgänger „The Fiancée“ mit gut 29 Minuten über eine (!) Minute. Der Name ist also Programm. Oder so. Musikalisch hat sicher ehrlicherweise nicht viel getan. Alles dabei: Metal-Gehämmer, Biester-Punk, Screams, Shouts und jede Menge Wut. Alles fein garniert mit der fast unmenschlichen Stimme von Josh Scogin (jap, ehemaliger Norma Jean-Christen-HC-Super-Duper-Band-Sänger). Also alles dabei für einen feinen Tanzabend mit Freunden und genießbar ab mittlerer Hörsturz-Lautstärke. Wer mit Chaos,  5-sekündlichem Melodikwechsel und jeder Menge Christenschmerz zurechtkommt, kann hier getrost hinhören – alle anderen werden es nie verstehen. Zu empfehlen sei noch das wirklich witzige Video zu Track No. 7: „David De La Hoz“. Und jetzt Schluss.

5. Trent Reznor – Atticus Ross: The Social Network

Der Trent. Düster. Düster und vor allem ruhiger ist er in den letzten Jahren geworden. Und genau das hat sich David Fincher für seinen Score zu „The Social Network“ zu Nutze gemacht. Herausgekommen ist bestimmt genau das, was Fincher vorschwebte. Wunderbar schwirrende Elektronik in stets sanften Mollakkorden, ein ergreifender Soundwall nach dem anderen, der sich vor dem Auge auftut und versucht der Aufbruchstimmung – damals 2003/2004 – nahezukommen. Funktioniert perfekt im Film. Spannenderweise ist der Score aber auch ohne die visuelle Unterstützung von Fincher ganz nett anzuhören, was für die Klasse von Trent Reznor und Atticus Ross spricht. Sehr zu empfehlen und deswegen zurecht in der Mitte der Jahrescharts platziert.

4. Philip Selway – Familial

Philip Selway hat auf “Familial” irgendwie alles richtig gemacht und er hat mit seinem ersten Soloalbum etwas gemacht, was man aus dem Umfeld von Radiohead wohl nicht erwartet hätte. Familial ist nicht wie Yorkes Eraser-Platten eine Electro-Fummelei hart an der Grenze des Hörbaren, sondern wunderbar sanfte Indie-Folk-Acoustic-Musik, die mit elektronischen Spielereien so sparsam verfährt, dass diese fast ins Unhörbare versinken. Ebenso richtig war es auch – so sehr ich auch Thom Yorke verehre – diesen eben nicht auftreten und das obligatorische Ständchen singen zu lassen, sondern vielmehr einen eigenen Schritt zu gehen, der die musikalischen Spuren Radioheads nicht verleugnet, aber eben doch bewusst anders klingen will. So ist bereits der Opener “By Some Miracle” richtungsweisend. Mit spärlicher Instrumentierung, gehauchtem Gesang und wenig sparsam eingesetzten elektronischen Effekten schlürft sich das Album ins Ohr und geht nicht mehr aus dem Ohr. Mal hier noch ein Piano, mal ein paar mehr elektronische Tipser und stets der gehauchte Gesang oder ein sanfter Background-Chorus. Es gibt keinen wirklichen Ausfall in den gut 32 Minuten. Allenfalls “Broken Promises” zieht dann doch zu sehr seinen Weg in Richtung eines schlechten Weihnachtslied-Refrains. Kann aber damit dieses hervorragende Album nicht wirklich trüben. (siehe Rezension)

3. Escapado – Montgomery Mundtot

Fies, wenn einem die Band wegstirbt. Alle austreten bzw. es ja schon reicht, wenn der Sänger aussteigt. So geschehen bei Escapado – der norddeutschen Hardcore-Hoffnung der letzten drei Jahre, die mit „Hinter den Spiegeln“ und „Initiale“ einen ganz eigenen, oft belächelten Weg gegangen sind. Mit dem nun dritten Album „Montgomery Mundtot“ wird dieser Weg – vermutlich wegen des unerschrockenen und auch Hintergrundsstrippenzieher-Gitarristen Sebastian Henkelmann – auch einfach weiter beschritten. Escapados Musik lebt, nicht wie immer gesagt wird von den Texten oder den Vorschusslorbeeren, die Hardcore-Bands in unserem subkulturignorierendem Land ab einem bestimmten Status nun mal erhalten, sondern von dem Spiel des eben bereits erwähnten Sebastian Henkelmann. Das, was er da im Studio aber auch live ganz unaufgeregt – fast entspannt – an Sound, Gitarrenriffs, Verspieltheit und Einfallsreichtum im Gitarrenspiel an den Tag legt und hörbar produziert, ist es, was diese Band vorantreibt. Gepaart mit dem neuen Sänger Felix Schönfuss ist ein wunderbares drittes Album herausgekommen. Bei dem man sich bloß fragt, was ist ab Song fünf passiert? Viel zu entspannt für eine Hardcore-Platte wird es da, aber gut. Trotzdem fein gemacht – es passt ja erst zusammen, wenn es sich widerspricht. Platz 3.

2. Gisbert zu Knyphausen – Hurra! Hurra so nicht

Ich finde ja ein „Übersong“ macht zwei, drei mittelmäßige Songs wett. Und genau das ist der Grund für Platz zwei für „Hurra! Hurra so nicht“. Das neue Album von Gisbert zu Knyphausen versammelt jede Menge guter bis sehr, sehr guter Songs in seinen gut 45 Minuten Spielzeit. Neben dem für Gisbert imposanten Opener „Hey“, dem wunderschönen „Seltsames Licht “, einer beeindruckenden Introspektive wie „ Morsches Holz“ und vielen mehr. Allen ist gemeinsam, dass Gisbert als Singer und Songwriter stets mit textlichem Sachverstand im Mittelpunkt steht. Die Musik begleitet ihn, es lohnt sich also stets die Texte zu hören, zu deuten oder zum Teil auch zu verstehen. Der Übersong des Albums – wahrscheinlich der beste in Gisberts Karriere ist für mich „Kräne“, der auch so ein peinliche Auskopplung wie „Melancholie“ vergessen machen kann. Danke für das schönste Sommerlied der letzten Jahre.

1. The Hirsch Effect – Holon: Hiberno

Finale. Das ist jetzt ein wenig speziell. Das ist jetzt auch nicht mehr nur Musik. Das ist Kunst. The Hirsch Effect machen vor, was Dieter Bohlen, The Scorpians oder auch die gesamte versammelte Riege von Castings-„Stars“ und Casting-„Bands“ in ihren kompletten Karrieren nicht hinbekommen haben. Auf „Holon: Hiberno“ versammeln sich pro Song mehr musikalische Einfälle, Tempowechsel, Ideen, Rhythmusdrehereien als die eben genannten auf drei Alben (wenn sie denn überhaupt so viele haben) insgesamt produzieren können. Deswegen ist es auch schwer, diese Musik zu hören. Man kann sie auch nicht hören, man muss sie begreifen, das Unstete nicht nur als Merkmal anerkennen, sondern einzuordnen wissen. Auf „Holon: Hiberno“ ist ein Song nicht einfach ein Song, sondern es sind musikalische Gebilde mit Themen, Motive, Ideen usw., die sich über mehrere Tracks erstrecken können. Dabei werden Riffs, Schreie, Chöre, elektronische Schnispel und vieles Weitere in Szene gesetzt, ohne bloß aneinandergereiht zu werden. Dazu gesellt sich ein skandierender Gesang, der die Musik mehr umspielt als sie ihn. Schließlich endet es oft im Soundbrei, der dann plötzlich durchbrochen wird von Ruhe und Ordnung – nur ein Durchatmen bis es weiter geht mit der Soundhölle. Dieses Muster nun über mehrere Tracks entfaltet, lässt das Hören dieses Debütalbums zu einer kleinen intellektuellen Herausforderung werden und sucht auf dem deutschen Markt seines Gleichen. Deswegen Platz 1. Einen Eindruck kann man sich im Stück „Vituperator“ holen, in dem das eben erklärte Prinzip in knapp 6 Minuten durchgespielt wird.

So. Das war es für 2010. Raussuchen könnte ihr euch den Krempel ja selbst.

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