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Autor: urbandesire (Seite 9 von 206)

Olafur Arnalds – For Now I Am Winter

fniaw

Es gab hier lange nichts mehr zum Thema Musik – keine wirren musiktheoretischen Essays und die letzten Rezensionen zu Platten stammen auch aus dem Jahr 2011. Doch heute ist ein Tag, an dem es sich wieder lohnt. Pünktlich zum Frühlingsanfang ist die neuste Platte von Ólafur Arnalds For Now I Am Winter in den Läden, den Online-Stores und auf den bekannten Download-Plattformen aufgeschlagen.

Früher trafen mich Platten ja meistens unvorbereitet, aber seitdem die Künstler auch ganz gerne Mal auf allen Social-Media-Kanälen feuern, kann man erstens eine Neuerscheinung kaum noch verpassen und zweitens eine adäquate Vorfreude und Erwartungshaltung aufbauen. So einige Informationen werden dann wohldosiert gestreut – hier etwa die Hintergründe zum This Place was a Shelter oder auch, da Arnalds ja jetzt quasi erstmals auf einem Major erschienen ist eine Single plus Video.

Aber mit der Erwartungshaltung ist das ja so ein Sache. Gerade bei Ólafur Arnalds. Seine Musik ist nicht nur weit weg vom Mainstream, sondern muss auch kategorial anders behandelt werden als das neue Album deiner Electric Superdance Band. Trotz aller teilweisen elektronischen, post-rockigen und teilweisen indiepoppigen Einschübe, handelte es sich bei Arnalds einzelenen Werken stets um klare definierte Instrumentalmusik, bei der entweder das Klavier umsäuselt wurde mit elektronischen Klängen oder kammermusikalische Streicherarrangements den Ton angaben. Innerlich hatte ich das Gefühl, dass diese Konstellation nie ausgereizt werden kann, da ich auch beispielsweise nicht müde werden, die noch stärker bis ausschließlich auf das Piano konzentrieren Werke von Ludovico Einaudi zu hören. Doch bei den letzten Veröffentlichungen spürte man meiner Ansicht recht deutlich, das Arnalds kein großes Interesse hatte, an dieser an sich funktionierenden Konstellation etwas zu ändern. Einschneidend empfand ich dann 2012 die Kooperation mit Nils Frahm. Logischerweise rückte die Electronic mehr in den Vordergrund – zwar immer noch getragen von den Streicherarrangements – aber eben konzentrierter.

Vielleicht ist ja von diesem musikalischen Ausflug etwas hängen geblieben. Auf jedenfall bemerkt auf For Now I Am Winter einige Neuerungen. Die auffälligste ist vielleicht: es gibt Gesang. Richtig, da singt jemand. Es ist Arnor Dan, Sänger der frisch gegründeten Band Agent Fresco. Nicht mein Fall. Aber gut. Die zweite Neuerung, die dann doch recht fix auffällt, ist das die Arrangements opulenter geworden sind. So beginnt der Opener Sudden Throw wie gewohnt nur um sich nach knapp 1:30 Min. in orchestrale Höhen aufzuschwingen. Dies bedeutet aber nicht Orchester anstatt der typischer Kammermusik. Denn im zweiten Song Brim werden diese Elemente unter einen für Arnalds Verhältnisse recht zackigen Beat miteinander verwoben. Ich finde das äußerst gelungen.

Auch der Song Reclaim ist ein mustergültiges Beispiel für diese musikalische Horizontöffnung. Mit dem Zusatz, dass auch noch Gesang zu hören ist. Beeindruckend ist für mich auch das Neuarrangement von This Place Was a Shelter, das als eher kurzes Outro bereits auf der Living Room Songs EP zu hören war und eine beeindruckende Metamorphose durchgemacht hat und vielleicht neben Only The Winds zu den stärksten Songs des Albums gehört.

Als Fazit kann man nur sagen, dass es sich bei For Now I Am Winter vielleicht um das viellseitigst und somit auch bisher beste Album von Ólafur Arnalds handelt. Denn die Erweiterung seiner bisherigen musikalischen Spielart durch stärker hervortretende elektronische und rhythmische Elemente sowie die wunderbar eingeflochteten Orchesterabschnitte sind äußerst gelungen. Nichts verdeckt sich gegenseitig, spielt sich gegenseitig aus, sondern geht eine wundervolle bis imposante Symbiose ein. Die Elemente besiedeln einander und verstärken sich. Einzig der Gesang ist wie bereits erwähnt nicht mein Fall. Das liegt aber vermutlich nicht an der Tatsache, dass mit gesanglichen Parts an sich experimentiert wurde, sondern vielmehr an der mir nicht zusagenden Stimme von Arnor Dan.

Ich freue mich darauf, die Songs im Juni in Karlsruhe live zu hören.

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Woran wir kaputtgehen

Woran wir kaputtgehen, sind nicht die Debakel unseres Lebens, sind nicht die Fehlschläge, sind nicht die böse gemeinten und ihre Wirkung nicht verfehlenden Worte… woran wir kaputtgehen, ist die Komplexität jeder Entscheidung, wenn wir sie einmal wirklich durchdenken und konsequenzenaufgefächert im Vorhinein überblicken wollen. Aber … fuck … das geht nicht. Es klappt einfach nicht. Jede Sache, die man tut, jede Entscheidung, die man treffen will, gelangt nur mit wenig Mühe in einen nicht enden wollenden Denkprozess, der schließlich weder Anfang noch Ende kennt. Alles ist mit allem verbunden, Konsequenzen sind querverstrebt, nichts, was man anpackt bleibt ohne Folge für die Statik des Ganzen. Man kann es nicht auflösen, ohne sich letztlich nicht selbst aus der Gleichung zu streichen.

Wir können es nicht mehr überblicken: die Finanzen, die Schulden, die Sorgen… das Leben. Daran werden wir kaputtgehen.

Die Brücke

Sieh mich an, sieh nicht hinab. Zurückgeschaut haben wir oft genug und selten so den Drang verspürt zu gehen. Wenn das Heute auch nicht mehr bringt als gestern, bleibt mitunter bloß nostalgisches Schwelgen in der wohlig duftenden Erinnerung an die Blüte unserer Tage. Also sieh nicht hinab und fass mich bitte bei der Hand! Ich spüre andere schon gaffen, geifern unverwandt. Geht, fahrt ihr nur weiter, die Hölle ist euer, heim zur Familie oder in andere Gemäuer. Manchmal war es so richtig nett, wär auch ich hier geblieben, doch erkennt man kaum noch, wer einen wirklich liebt.

Die Welt ist voll von Dieben, tägliches Leben kreist über uns, verstrickt mittels aufschiebender Worte, zeigt noble Gesten und erwartet doch scheinbar, dass sich ein Glied aus der Reihe löst, um als nächstes Opfermahl gepickt werden zu können. Dich Nein, Vergänglichkeit wird erst vergehen, wenn wir nicht mehr sind, dessen bin ich sicher. Und vielleicht sind die Abschiedsschmerzen, die zeitweise mein Gewissen martern, ja gerade die Geburtswehen von etwas Neuen, Wunderbarem. Ja, wenn ich hier so stehe und nach unten sehe, scheint mir der Himmel näher als Mutter Erde. Und sie wird mir bestimmt nicht nehmen, dass ich eins mit ihm werde.

Nun, wir werden sehen … Werden Freuden uns verstehen? Uns verzeihen, uns verfluchen? Uns nachgehen? Bin ich doch überrascht, wie sich jeder Zug Atem als Leben ausgibt und mir sagenhaft sanft berauschend schmeckt. Rückt uns das Ende nah, scheint uns der Sinn des Lebens plötzlich wieder da. Aber nein, was drängt sich da zwischen meinen Entschluss? Es sind die, die  stets bereit sind, zu verbieten und sich verweigeren zu vergeben. Egal. Es ist Zeit, die Schwelle zu queren. Was meinst du? Lass uns endlich gehen! Hin zu zukünftiger Erinnerung, die wir zurücklassen, zusammen mit der sicherlich bestürzten Umsorgung unserer Körper, der gelassenen Entwöhnung so mancher Stichelei. Traum kann endlich zu Wirklichkeit werden. Wir nehmen uns, was wir wollen! Wir nehmen uns, was uns gehört! Wir nehmen uns Leben. – Hand in Hand. Wir entschweben auf blutrotem Teppich, höher und höher hinein, in die Tiefe der Unendlichkeit.

Gott, war ich früher krank.

Die Schreibma‘ schine

»Selbstzweifel? – Ja, die habe ich. Das sind so Heimsuchungen, da hilft kein Erfolg und kein Lob. Wissen Sie … Ach was, da darf ich du sagen? – Abends ist man allein in seiner Stube, und die großen Autoren, die Meister, schauen einen von den Wänden an, ihre Bücher schweigen in den Regalen, und man sitzt über seinem Blatt und kritzelt vor sich hin –«

Die Autorin Judith Schevola zu Christian Hoffmann in Der Sturm von Uwe Tellkamp über Selbstzweifel beim Schreiben (S. 405)

Wie ich das kenne. In meinem Büro thront hinter mir ein 2,20 Meter zwanzig hoher Altar der Weisheit. Noch lebende und schon tote Menschen haben sich fein säuberlich dort versammelt, um mich schweigend zu quälen. Mit der Last dieser Männer und Frauen im Rücken komme ich ins Grübeln. Kann ich wirklich schreiben?

Meine Überlegungen zu dieser Frage ((nach dem Genuß einer wirklich schönen Folge von Holger Kleins Ortsgesprächen mit Malte Welding, der teilweise über das Schreiben bzw. die Schwierigkeiten des Schreibens sprach)) kommen nun zu folgenden wirren Erkenntnissen. Ich habe noch nie in meinem Leben etwas für mich selbst geschrieben. Ich bin wie viele andere auch ein Auftragsarbeiter. Ich bin eine Agentur des Schreibens, die letztlich wie eine Maschine – eine Schreibma‘ schine – funktioniert. Es kommt ein Auftrag hinein, eine Anforderung, ein Knopf wird gedrückt und die Maschine kommt in Gang. Sie arbeitet nicht von selbst. Sie arbeitet nur streng teleologisch. Sie muss zum einen angestellt werden durch ein meist nicht instrisisches Ereignis und zum zweiten muss diese Schreibma‘ schine das Ziel kennen, das als grundlegende Prämisse auch beinhalten muss, erreichbar zu sein. Sonst steht diese Maschine still. Das klingt ja an sich erstmal nicht so schlecht. Das Problem ist nur – ich weiß nicht, was ich das tue. Warum ist das so?

Dass ich eine Schreibma‘ schine bin, war in der Schule aufgrund der Kürze der Texte immer nie ein Problem. Ich hatte soviel Wissen oder glaubte so viel Wissen zu haben, dass ich endlos viele Seiten in Textinterpretationen schreiben konnte. Schnell und schmutzig. Ich mochte das nie. Mir tat die Hand weh. So habe ich bei Schulaufsätzen auch nie erst einen Entwurf geschrieben und danach noch eine Reinschrift angefertigt, denn einen Unterschied hätte man rein optisch kaum erkennen können. Ich schrieb also aus praktischen Gründen sofort das endgültige Urteil über einen Text oder die Antwort zu einer Frage.

Es war also zweierlei, dass ich heute als problematisch empfinde. Zum einen habe ich offenbar nie viel nachgedacht, über das, was ich da schreiben sollte oder woltte und letztlich auch geschrieben habe. Es war fast ein Automatismus. Basierend auf einem Gedicht einer Epoche, die wir Wochen zuvor im Unterricht meist ausgiebig behandelt haben, wurde eine recht allgemeine und weite Frage gestellt. Am weitesten war wohl der Rahmen abgesteckt, wenn es hieß: „Interpretieren Sie dieses Gedicht und gehen sie dabei auf … ein.“ Naja. So las man das Gedicht und versuchte, Sinn in dieses Gedicht, diesen Text oder ähnliches zu bekommen. Es sollte kohärent sein. Man freute sich, wenn man mal eine Metapher, Synkope oder ähnliches fand. Letztlich glaube ich aber, habe ich das Gedicht oder den Text selten verstanden, sondern einfach nur weltlich-alltägliche Sinngebungsverfahren angewandt, gemixt mit offenbar ausreichend literaturgeschichtlichen und historischen Wissen, um meist auf meinem guten Ruf in der Schule aufbauend, eine okaye Note abzustauben.

Viele meiner Deutschlehrerinnen haben das nie erkannt. Ich war kein guter Deutschschüler. Ich machte nur den Eindruck. Ich vermittelte ernsthaft den Eindruck mich für Literatur zu interessieren, dabei kann man die Bücher, die ich privat, ohne den Zwang der Schule, in meiner Freizeit gelesen habe, an zwei, drei Händen abzählen. Aber mit diesem Ruf im Gepäck lief ich wunderbar durch die Schuljahre. Es gab quasi nur zwei Stellen, an dem diese Fehleinschätzung auffiel. Zum einen ein Deutschaufsatz in der 7., 8. oder 9. Klasse bei einer recht seltsamen Lehrerin. So inkompetent diese Frau auch war, hatte sie doch einen ausreichend analytischen Geist, um bei meinen Erörterungsaufsätzen, aber auch beim Rest meiner Mitschüler zu erkennen, dass wir alle nicht strukturiert denken und noch weniger strukturiert schreiben konnten; dass wir eine Frage nicht wirklich verstanden, zerlegten, analysierten, durchdachten, sondern einfach hirn- und zielfrei darauflos schrieben. Wir waren Schreibma‘ schinen. Ein einziger Mitschüler hatte beim ersten Deutschaufsatz, bei dem mir dieses Phänomen bei uns anderen zuerst auffiel, aber nicht klar wurde, eine sehr gute Note erhalten. Warum? Weil er nachdachte, strukturiert und nicht episch ausladend antwortete, sondern ein Problem sah, es analysierte, erkannte und strukturiert in der richtigen Wahl der Argumente darauf antwortete.

Dieses Phänomen der Schreibma‘ schine, sich argumentenfrei durch den Text zu schlagen, war auch ein Verdienst unserer Lehrer. Man muss es meiner Ansicht nach auch mal gesagt bekommen. Man muss es mal in den eigenen Texten gesehen haben, sonst gibt es keine Linderung. Aber meine Lehrer haben mir so eine eher sekundäre, nicht primär auf Wissensformationen ausgerichtete Kompetenz nie beigebracht. Vielleicht haben sie das auch nie erkannt. Aber vermutlich doch. Aber bei einen Klassenverband von ca. 20-25 Individuen mit gleichzeitgen hohem Stoffpensum pro Stunde und Notendruck, bleibt einfach keine Zeit sich für so etwas Zeit zu nehmen. Meine Lehrer quälten sich vermutlich durch unsere Texte, suchten Sinn und hatten einfach nicht die Zeit und vielleicht auch nicht die Kompetenz unseren Argumentationen abzuklopfen, Missstände aufzudecken, zu analysieren, warum es so schief ging. Mit jedem einzelnen… bis er in einem begrenzten Maße verstanden hatte, wie Konversation, Argumentenaustausch, Informationen strukturiert wiedergeben können bis hin zur Analyse von Fragen und Aufgabenstellungen funktionieren kann. Da war die Wurzel des Problems.

Das zweite Mal, dass diese Missstände deutlich auftauchten und einen Ausschlag in meiner Biographie und meinem Selbstverständnis zeigten, war die Abiturprüfung – Deutsch-Leistungskurs. Ich war schlecht. Obgleich der Text in meiner Erinnerung nicht schlecht war. Ich bekam keine gute Note, obgleich mir meine Lehrerin versicherte, dass sie mich verstanden habe, aber auch nur sie. Der oder die Zweitkorrektorin konnte sich nicht durch diesen argumentativen Dschungel schlagen wollen oder können. Sie verstand nicht, was ich da schrieb (ich verstehe es im Übrigen heute auch nicht mehr) und gab eine ausreichend schlechte Note. Hier hätte ich aufhorchen sollen. Ich tat es aber nicht und kam mit mangelnden Schreibtalent und mangelhaft erlernten Kenntnissen in den Schriftbetrieb überhaupt: die Universität.

Hier gab es Linderung. Aber auch die Verschärfung des Problems.

Meine allererste Hausarbeit schrieb ich in einem einführenden Proseminar der germanistischen Literaturwissenschaften logischerweise am Ende des ersten Semesters. Thema war: Gottfried Benns „Gehirne“. Kurze expressionistische Prosatexte, die ich mir nicht wirklich frei ausgesucht habe, sondern von einer Liste wählte. Es gab keine Fragestellung. Auf dieser Liste stand – neben vielen anderen Texten – nichts weiter als der Name des Autors und das Werk. So begann ich unbekannterweise mich an Text und möglichen Inhalt einer Hausarbeit heranzutasten. Ich erprobte meine Recherchefähigkeiten. Wir sollten kein Schneeballsystem anwenden, sondern systematisch vorgehen. Ich probierte die entsprechenden Nachschlagewerke aus, fand Bücher, fand diese aber nicht in der Bibliothek. Fernleihe. Okay. Ich bestellte, so glaube ich. Irgendwann ging ich dann doch einfach mal an den Regalteil der für Benn bestimmt war und griff nach allen Büchern, die irgendwie „Gehirn“ im Titel trugen. Ich las und folgte dem Schneeballsystem und fand immer mehr Literatur. Ich kopierte, katalogisierte, suchte und kopierte wieder.

Irgendwann hatte ich einen meiner Meinung nach einen recht stattlichen Kopienstapel zusammengetragen, so glaubte ich . (was natürlich mengenmäßig, aber auch inhaltsmäßig heute absolut lächerlich erscheint). Ich ging also daran, dass Werk zu lesen. War nicht allzu lang… gut 1700 Worte. Anschließend las ich die zusammengetragene Sekundärliteratur, machte Notizen, strich an und begann eine Hausarbeit zu schreiben nach Maßgabe der Techniken des wissenschaftlichen Arbeits des Moenninghoff-Meyer/Krentler-Bandes. Eines kleinen UTB-Bändchens, dass uns Literaturwissenschaftler in die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens einführen sollte.

Der erfahrene Student oder sich im Umfeld des akademischen Bereiches aufhaltende Mensch wird erkennen, dass an dieser Vorgehensweise etwas faul war bzw. etwas fehlte. … Richtig. Die Fragestellung. Ich hatte keine verdammte Fragestellung. Ich las weder das Werk, noch suchte ich die Sekundärliteratur und las diese unter einer bestimmten Fragestellung. Ich begann einfach, ohne Methode, ohne Theorie, ohne Leitfragen, ohne Konzept, das Werk anhand aller Sekundärliteratur und meinem wenigen abitürlichen Gehirnschmalz zu interpretieren bzw. irgendetwas zu schreiben. Natürlich hielt ich mich an die Formalia, zitierte genau, gab Quellen an, hielt Randbreite und Länge der Arbeit ein, gab dem Ganzen eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss, wobei der Hauptteil in einzelne Kapitel eingeteilt wurde, aber all das geschah, ohne jemals wirklich in den Text, den Autor, die Zeit, die möglichen Debatten, ohne einen Blick in die Theorie eingedrungen zu sein.

Ich gab die Arbeit ab und bekam eine gute Note. Was ja gut war und meinen bisherigen Referenzleistungen, vor allem in der Schule, entsprach. Ich hatte damals gar keine Ahnung, was, bevor man anfing zu schreiben, letztlich alles beachten, vor allem durchdenken, musste. Und ich bin gewissermaßen empört über die mangelnde Betreuung, die mir damals zuteil wurde. Ich bin von einer gewissen akademischen Schüchternheit betroffen und mir fällt es nicht leicht mit Dozenten und Professoren ins Gespräch zu kommen, für solche Fälle hätte man Sicherheitssysteme einbauen sollen, die mich und andere dazu genötigt hätten, beim Dozenten aufzukreuzen und auf diese fehlenden Fragestellungen aufmerksam zu machen. Leider geschah dies nicht.

Mit der Zeit wurden die Arbeiten schlechter an der Uni schlechter – oder die Dozenten kritischer. Aber das ist verständlich. Schreitet man voran durch die Semester des Studium, ändert sich die Erwartungshaltung der Dozenten zurecht. Nur wurden mir persönlich nie gezeigt, nie beigebracht, wie dies richtig geschieht. Erst spät, quasi zum Ende meines Studiums verstand ich es systematischer vorzugehen. Dies bezog sich nicht nur auf die Seite der Fragestellung: Fragestellungen sind essentiell, denn sie bestimmen den Verlauf deiner Arbeit, Probleme müssen durchdrungen werden, um eine geeignete Fragestellung überhaupt zu erkennen, sie müssen ernsthaft analysiert werden, unwichtige und fremde Dinge müssen teilweise mutig abgeschlagen werden, anderes müssen ausgrenzet werden. Nur dies kann die Basis sein in einem Aufsatz, einer Hausarbeit oder einem anderen akademischen Paper überhaupt einen klaren und vermittelbaren Gedanken entwickeln zu können. Nur so kommt man auf der anderen Seite überhaupt so weit, dass man überlegen kann, was man da schreibt. Denn letztlich ist es der optimale Zustand bereits im Vorhinein die Argumente, die Struktur genau geplant zu haben. Teilweise oft durchdacht, um die Schwächen zu kennen, sie vorbeugend auszumerzen.

Diesen Zustand habe ich bisher ganz selten erreicht und bewundere ich immer wieder Menschen, denen es gelingt, scheinbar mühelos, über längere Zeit einen Gedanken zu entwickeln, ihn immer wieder aufzunehmen, zu formen, zu drehen, weiterzuentwickeln und besser zu machen. Es fällt mir meist schwer. Mein Weg ist der aufwendige Weg des Trittbretts: Nach jedem geschriebenen Satz stelle ich die Frage, kommt die Information bzw. kann die Information ankommen, die ich mitteilen will. Ich extrapoliere aus dem Geschriebenen, dem gerade Fixierten, stets nur den nächsten Schritt und hoffe im Ungefähren da zu landen, was man als Ziel des Gedankens bestimmen kann.

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