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Die Brücke

Sieh mich an, sieh nicht hinab. Zurückgeschaut haben wir oft genug und selten so den Drang verspürt zu gehen. Wenn das Heute auch nicht mehr bringt als gestern, bleibt mitunter bloß nostalgisches Schwelgen in der wohlig duftenden Erinnerung an die Blüte unserer Tage. Also sieh nicht hinab und fass mich bitte bei der Hand! Ich spüre andere schon gaffen, geifern unverwandt. Geht, fahrt ihr nur weiter, die Hölle ist euer, heim zur Familie oder in andere Gemäuer. Manchmal war es so richtig nett, wär auch ich hier geblieben, doch erkennt man kaum noch, wer einen wirklich liebt.

Die Welt ist voll von Dieben, tägliches Leben kreist über uns, verstrickt mittels aufschiebender Worte, zeigt noble Gesten und erwartet doch scheinbar, dass sich ein Glied aus der Reihe löst, um als nächstes Opfermahl gepickt werden zu können. Dich Nein, Vergänglichkeit wird erst vergehen, wenn wir nicht mehr sind, dessen bin ich sicher. Und vielleicht sind die Abschiedsschmerzen, die zeitweise mein Gewissen martern, ja gerade die Geburtswehen von etwas Neuen, Wunderbarem. Ja, wenn ich hier so stehe und nach unten sehe, scheint mir der Himmel näher als Mutter Erde. Und sie wird mir bestimmt nicht nehmen, dass ich eins mit ihm werde.

Nun, wir werden sehen … Werden Freuden uns verstehen? Uns verzeihen, uns verfluchen? Uns nachgehen? Bin ich doch überrascht, wie sich jeder Zug Atem als Leben ausgibt und mir sagenhaft sanft berauschend schmeckt. Rückt uns das Ende nah, scheint uns der Sinn des Lebens plötzlich wieder da. Aber nein, was drängt sich da zwischen meinen Entschluss? Es sind die, die  stets bereit sind, zu verbieten und sich verweigeren zu vergeben. Egal. Es ist Zeit, die Schwelle zu queren. Was meinst du? Lass uns endlich gehen! Hin zu zukünftiger Erinnerung, die wir zurücklassen, zusammen mit der sicherlich bestürzten Umsorgung unserer Körper, der gelassenen Entwöhnung so mancher Stichelei. Traum kann endlich zu Wirklichkeit werden. Wir nehmen uns, was wir wollen! Wir nehmen uns, was uns gehört! Wir nehmen uns Leben. – Hand in Hand. Wir entschweben auf blutrotem Teppich, höher und höher hinein, in die Tiefe der Unendlichkeit.

Gott, war ich früher krank.

8 Kommentare

  1. Das stelle ich auch fest. Jedes Mal aufs Neue. (Welch spannende Vorstellung, irgendwann zehn aufeinander aufbauende „Gott, war ich früher krank.“-Statements zu haben. Mit 18 sich über sich selbst mit 16 aufregen, mit 20 über 18 (Und wie man sich damals über 16 aufgeregt hat.), mit 23 über 20 (Und wie man sich damals über 18 aufgeregt hat.) usw. Ein Hoch auf die Entwicklung der Selbstliebe, mit und über die Zeit.)

  2. OMG das kenn ich auch noch. (Ich möchte fast behaupten, du hast das von mir!!!)

  3. Auch gut sind, die die immer schon überlegen alles gewusst haben und mit kühlen Zigarrenstummel sich in Lehnstühlen räckeln und irgendwie alles irgendwie halt kennen… aber sich dann beim Butterbrot schmieren die Hand brechen.

  4. wem galt denn dein letzter kommentar?

  5. Mhh. Weiß nicht, wenn ich beim letzten Kommentar vor mir hatte. Menschen in Lehnstühlen halt, obwohl ich niemanden kenne, der einen hat.

  6. was sind eigentlich lehnstühle?

  7. Stühle mit hohen Lehnen, die so hoch sind, dass sie dich regelrecht einen fast verschlossenen Raum bilden, aus dem der Blick auf die Welt ungerührt von dieser selbst bleibt.

  8. danke für die dezidierte begriffserklärung. gefällt mir gut, ich brauch mehrere von den teilen!

Kommentare sind geschlossen.

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