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Kategorie: Urban Desire (Seite 19 von 19)

Stadtmenschen

Meine Verwandschaft besteht tollerweise aus den verschiedensten Menschen. Da meine Mutter nochmal geheiratet hat, brachte mein Stiefvater einen riesigen Rattenschwanz an tollen Verwandten in die Familie mit ein. Früher nervte mich es immer ein wenig, wenn wir „aufs Land“ fuhren, um sie zu besuchen. Sie wohnten allesamt in kleinen Dörfern rings um meine Heimatstadt verteilt. Sie lebten auf Bauernhöfen, in großen und kleinen Häusern. Eine Schwester meines Stiefvaters lebte in einer Molkerei und produzierte dort bis zum kapitalistischen Umbruch 89/90 Käse. Und es war meistens stinklangweilig. Schön waren aber immer die Feierlichkeiten, wenn alle 8! Geschwister mit Anhang und Kinder zusammenkamen. Das war eine Meute, unglaublich.
Auf so einer Party fragte mich mal mein Onkel, der bis auf sein kleines Dorf nicht viel gesehen hatte: „Marcus, wenn man dir in Chemnitz die Augen verbindet und dich irgendwo in Chemnitz aussetzt, dir dann die Augenbinde abnimmt, würdest du dann wieder nach Hause finden?“ Ich meinte klar doch. Warum auch nicht? Schließlich kennt man fast alle großen Straßen Versorgungsadern der Stadt. Und wenn man mal in einer Nebenstraße ist, trifft man spätestens nach fünf Minuten auf die erste Straße, die man kennt und die einen nach Hause oder zumindestens in die Richtung führen kann. Weiterlesen

Der Tod der Wählscheibe

Das Telefonieren hat sich schon längst geändert. Früher Ganz früher wurden Telefonate noch von einer Telefonistin erstellt. Man kennt das ja aus diversen Filmen, in denen immer viele Frauen in einem riesigen rumorenden Raum vor großen braunen „Schaltsschränken“ mit Löchern und Steckern zusammensaßen, ein Kopfhörer auf den Ohren und ein ständiges „Warten Sie… ich verbinde“ im Mund. Letztens warte ich am Bahnhof auf den Zug. Da rief mich eine ältere Dame an und wollte einen Herrn Lehmstedt sprechen. Ich sagte ihr natürlich, dass ich dieser Herr nicht sei und sie antwortete darauf: „Oh, dann bin ich wohl falsch verbunden.“ Wir werden doch gar nicht mehr verbunden. Die klassische Handvermittlung ist doch schon seit langem ausgestorben. Die Damen sitzen doch gar nicht mehr in den rumorenden Räumen und verbinden unsere Telefongespräche.

Denn irgendwann erfand mal einer Verfahren, was solche Damen überflüssig macht. Ich glaube es heißt „Impulswahl“. Das Schöne an dieser Technik war, dass man ohne mit einer jungen Dame zu sprechen, direkt die Nummer des gewünschten Gesprächspartners wählen konnte und ihn somit sofort erreicht. Entscheidend war dafür das „Wählrad“. Ein Wort/Archaismus das/der heute praktisch ausgestorben ist.

Ich kann mich noch erinnern an 1987 als ich zum erstem Mal das große grüne Telefon im Garten meiner Großeltern wahrnahm. Ich liebte die Geräusche, wenn man den Telefonhörer von der Gabel nahm, wenn man die Drehscheibe bewegte und der elektronische Impuls freigesetzt wurde. Dies zitternd-schmätzende Geräusch, wenn die Wählscheibe zurückfährt. Das Knacksen in der Leitung.

Und heute? Heute herrscht Stille in der Leitung. Elektronisch Tasten signalisieren über Töne, die aus einem Lautsprecher kommen, dass sie gedrückt wurden. Ohne eine Knacksen wird die Verbindung erstellt, das Gespräch ist rauscharm. Welch‘ Komfort.

Doch auch das diese Mehrfrequenzverfahren der Tasttelefone, die die Wählscheiben ablösten, sterben aus. Bald exisitert nur noch VoIP. Ohne Wählscheibe und ohne Knacksen.

Das Krankenhaus

Heute hatte er geträumt, dass seine Familie mit ihm im Auto einen Ausflug gemacht hat. Sie fuhren auf einen Berg und auf dem Gipfel war ein Unfall, der Verletzte lag da und blutete stark. Sein Vater befühlte ihn kurz und packte den Mann an, der mit geschlossenen Augen auf der Straße lag. Sein Vater war stark mit sehnigen Armen, er rannte los. Keiner begriff warum, er rannte mit dem Verletzten einfach los. Leland versuchte hinterher zu kommen und er fragte im Laufen seinen Vater was sei. Der Vater schrie: „Da vorne ist ein Krankenhaus!“ Woher sein Vater das wusste und warum er nicht mit dem Auto hingefahren ist, davon konnte er nichts wissen.

Das nächste was er von seinem Traum übrig geblieben war, war eine große Allee mit Buchen, welche in der Mitte eine Straße zum Krankenhaus hinführen ließ. Er rannte seinem Vater voraus, er traf als erster im Krankenhaus ein und schrie mit einer brüllenden und fast überschlagenden Stimme das Krankenhauspersonal zusammen, dass sein Vater mit einem Verletzten gleich hier ankommen würde. Die Schwester und vielleicht auch Ärzte, wenn die nicht gerade wieder im Pausenraum über ihr Gehalt sprachen, würden wie Hühner aufgeschreckt und bereiteten die Ankunft des Verletzen vor, eine Trage würde hergebracht und diverse Ständer mit Infusionen, als wüssten sie, was dem Verletzten zu gestoßen wäre.

Dann kam endlich sein Vater, sein Hemd war blutverschmiert und er schwitzte am ganzen Körper. Sie packten den Verletzten auf die bereitgestellte Trage und als er sich nach seinem Vater umsah, lag dieser selbst auf der Trage.

Wieso?

Das Kreuzfahrtschiff

Ich bin erwacht und stieg in meine Klamotten. Danach lief ich aus der Chemnitzer Wohnung meiner Eltern. Die Straßen waren weiss. Es war aber kein Schnee, denn es war heiß wie im Hochsommer, wie an den Tagen, wo nur das Stehen in der Sonne, das Wasser in deinem Körper verdampfen lässt. Ich ging die Straßen entlang und kam am Schloßteich an. Dies ist eine kleiner See inmitten von Chemnitz. Im Sommer wird auf diesem gerudert, im Winter Schlittschuh gefahren. Inmitten dieses kleinen Teiches, der an der tiefsten Stelle nur rund 2 Meter tief ist und am Rand komplett von Betonplatten umgeben ist, lag ein riesiger Kreuzfahrtdampfer. Ein riesiges, weißes Schiff, mehrere Stockwerke hoch. Riesengroß und weiß lag es da.

Meine Familie war bereits an Board gegangen und hatte sich auf die weiß gestrichenen Liegestühle, die auf der Hauptpromenade standen, gesetzt. Was sie genau Taten, ich weiß es nicht.

Aus irgendeinem Grund bekam das Schiff Schlagseite, fing Feuer und begann zu sinken. Ich schickte alle runter vom Schiff und rannte die gepflasterten Straßen durch ein mir unbekanntes Wohngebiet entlang. Als ich nach kurzem Suchen die Feuerwache fand, war diese ein riesiges, graues Haus ohne Zugang, ohne Fenster. Es klebte nur ein Zettel an der Wand, der aussagte, dass die Feuerannahme auf der gegenüberliegenden Seite in der Mitte sei.

Ich drehte mich um und erblickte ein riesiges Hochhaus mit Balkons, die sich in Dreierreihen vom Boden bis zum Dach des Hausen erstreckten. In der mittleren Reihe sah ich einen Balkon, der eine überdimensionales Plakat enthielt, auf dem „Feuerwehr“ stand. Ich rief hoch und ein alter Mann antwortete mir. Ich sagte, dass mein Kreuzfahrtschiff im Schloßteich brannte und versank. Der Alte sah mich an und meinte, während er ein Würstchen vom Grill auf dem Balkon nahm, dass es sinnlos wäre, da noch jemanden hinzuschicken. Ich protestierte. Plötzlich stand ein alter Bekannter neben mir, wer es war, ich weiß es nicht mehr. Nachdem ich ihm die Lage erklärt hatte, sagte der Alte vom Balkon, dass er nun doch 4 Feuerwehrmänner zum Schloßteich schicken werde.

Ich dankte ihm und rannte mit meinem Freund, der auf einem Fahrrad unterwegs war zurück. Ich, mitten auf einer leeren Straße. Links und rechts parkende Autos. Mein Freund hielt plötzlich an und sprach mit einem Mädchen. Ich rannte weiter.

Als ich am Schloßteich wieder ankam, war die Feuerwehr bereits vor Ort. Ich sprang noch einmal kurz auf das Schiff. Rannte in meine Kabine und holte mein persönliches Zeug.

Als ich wieder festen Boden und den Füßen hatte, wachte ich auf.

Interpretationen?

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