urbandesire

searching since 2004

Kategorie: Urban Desire (Seite 1 von 19)

Von Blumen im Internet (Nachtrag)

Das Thema lässt mich nicht los. Kurz nach dem Verfassen meines Artikels – einem Plädoyer das eigene Blog als freie, unabhängige Blume der sonst so von Konzernalgorithmen durchsetzten Social Media-Welt entgegenzusetzen – bin ich auf einen interessanten Beitrag von Alan Jacobs, einem Professor für Literatur am Baylor College (USA), gestoßen.

Sein Beitrag macht explizit, was ich implizit an meiner eigenen Blogautorenbiographie erarbeitet habe: wir dürfen die Errungenschaften des freien Publizierens und Lesens im Internet nicht einfach aufgrund von Bequemlichkeit und Reichweite, die von Social-Media-Konzerne generiert werden, aufgeben. Die großen Player in diesem Spiel haben Geschäftsmodelle[modern_footnote]Allen voran Facebook, das vermutlich auch irgendwann gemerkt hat, dass es gar keine neutrale Social Media-Plattform ist, sondern vielmehr ein Werbevermarkter: The Facebook Brand[/modern_footnote] mit Zielen und inhärenten Logiken, die ihren Nutzern Kompromisse (Datensparsamkeit, Algorithmen, …) und möglicherweise auch Gefahren (Datenschutz, Radikalisierung) aufbürden. In dieser Abwägung sollten wir als Nutzer des Internets oder als (noch-)Nutzer von Social Media-Webseiten mit Bedacht handeln und uns ein wenig Gedanken über die möglichen, zukünftigen Folgen unseres gegenwärtigen Handelns machen.

Alan Jacbos findet für diese Welt der Social-Media-Webseiten ein interessantes Bild, dass er sich von Tolkien borgt. Im Herr der Ringe gibt es die Stelle, in der der Zauberer Saruman mit Mordor kooperiert und Isengart in eine massive Industriestätte umwandelt, die nichts zurücklässt als verbrannte Erde, tiefe Gruben und nicht mehr bestellbares Land:

It is common to refer to universally popular social media sites like Facebook, Instagram, Snapchat, and Pinterest as “walled gardens.” But they are not gardens; they are walled industrial sites, within which users, for no financial compensation, produce data which the owners of the factories sift and then sell.

Den Gefahren und Kompromisse der „walled industrial sites“ a.k.a. Social Media-Webseiten möchte Jacobs mit der Fähigkeit begegnen, zu lernen außerhalb dieser eingezäunten Industriestätten, die letztlich zu nichts anderem werden als Industriebrachen für die freien Gedanken, zu leben. Das offene Internet nutzen, eigene Websites betreiben, freie Technologien einsetzen (er erwähnt dafür zahlreiche Fertigkeiten und Techniken, wobei das Programmieren explizit nicht dazugehört (gut!)) sieht er als entscheidende Komponente und bedeutende Fertigkeit des einzelnen, mündigen Bürgers. Er begründet dies u.a. mit einer Denkfigur eines deutschen Philosophen. Hans Jonas „Prinzip der Verantwortung“ ist vielen sicherlich eher bekannt aus umwelt- bzw. bioethischen Debatten. Die zentrale Leitmaxime…

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.

… soll Orientierung dabei bieten, möchte man erkennen, was in einer technologisierten Welt als wünschenswert angesehen werden soll. Jacobs leitet daraus eine Art Verantwortung für uns Heutige ab. Ähnlich wie in den Debatten um Nachhaltigkeit kann  Jacobs dahingehend verstanden, dass wir uns Gedanken machen sollten, was wir hinterlassen. Entweder eine eingzäunte, algorithmisierte Welt der Social-Media-Industriebrachen, von denen wir abhängig sind und die uns, zumindest zum Teil, die Freiheit des Diskurses, der Offenheit und Interoperabilität rauben – oder aber ein nicht immer einfaches Leben (ja man verliert ja die Reichweite, die Lemminge zu erreichen) in der freien, wilden Welt des Internets.

We can live elsewhere and otherwise, and children should know that, and know it as early as possible. This is one of the ways in which we can exercise “the imperative of responsibility,” and to represent the future in the present.

Ein paar spannende Gedanken, die Jacobs da äußerst, gesättigt offenbar von seiner extremen Belesenheit:

Alan Jacobs: Tending the Digital Commons: A Small Ethics toward the Future. In: The Hedgehog Review 20(1), Spring 2018.

Wenn…

Bild aus der Galerie Müllheim,BaWü

Wenn Tränen deine Augen kleiden, aber du keine Zeit und keinen Platz hast, dein neues Kleid zu wechseln… Wenn die Hand hastig, die Falten glatt zieht, die deine Haut altern lassen… Wenn zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nur dunkle Nacht herrscht und du glaubst nach jedem Schließen der Augen, einem tiefem Atemzug und dem bedächtigen Öffnen der Augen das wiedergewonnenes Licht vielleicht alles anders werden lässt… oder zumindest die Zeit zurückschiebt. Zurück. Wenn du aus Einsamkeit beginnst mit dir selbst zu sprechen, der klägliche Versuch dir selbst auf irgendeine Weise Mut zukommen zu lassen… und wenn du merkst wie peinlich all das ist… Wenn du schon mit Schmerzen und schwerem Kopf jeden Tag aufs Neue aus dem Bett steigst; beim Tritt auf den Teppich vor dem Bett der Horizont verschwimmt… Wenn Gedanken ins nichts abschweifen und du dir dessen plötzlich bewusst wirst; wenn du merkst du hast die ganze Zeit an eine Sache gedacht, die es zu begreifen gilt; Wenn du Schuld verteilst, Schuld auf dich nehmen willst, wenn du der Ohnmacht nicht Herr wirst; wenn du weißt, das nur du darin gefangen bist… Was dann?

Bis mich das Licht vertreibt (Tocotronic, 2018)

Industrieschnee

(Aus den Archiven… Entwurf vom 1. April 2016)

„Man muss es aushalten. Irgendwann wird es besser.“ Manchmal verfluche ich es, dass es so einfach ist, diese Sätze auszusprechen und damit einem vermeintlichen Tipp an andere zu geben, wie man mit Einsamkeit umgehen soll. Wenn jedoch wieder die Dämonen in einem selbst hochsteigen, gerufen von dem tagelangen Nebel, der das Haus umgibt, der durch die Fenster hineinkriecht, der die Wärme des Zimmers überwindet und sich eisig um dein Herz legt, ja, dann ist es genau dieser Moment, in dem die Routine und die Geduld, die diesen eben genannten Sätzen innewohnt, der Panik des Alleinseins und der Einsamkeit weicht.

Realistisch betrachtet habe ich recht schlechte Chancen, der Einsamkeit zu entkommen. Schrittweise immer weiter in den Süden geschlittert, Zelte abgebrochen und nie zurückgewandt. In jeder Stadt, in der ich lebte und liebte, habe ich Freunde oder Bekanntschaften zurückgelassen, die ich nicht und die mich nicht mehr besuchen und bei denen es nach all der vergangenen Zeit schwierig, wieder aufeinander zuzugehen. Menschen, die ich neu kennenlerne, warne ich schon immer vor: ich habe ein soziales Aufmerksamkeitsdefizit, das sich auch auf Menschen, die mir eigentlich am Herzen liegen, ausdehnt. Reibt man sich nicht mit einer gewissen Beständigkeit in meinen Alltag ein, verliere ich die Menschen aus dem Blickfeld, auch die, die ich liebte, die mir am Herzen liegen oder die mir wichtig sind. Die Augen werden taub. Das Ohr verstummt. Die Stimme blind. Trotzdessen bin ich traurig diese Menschen verloren zu haben. Seltsam.

Wir hatten dieses Thema nun schon öfter hier. Ich stelle mir dir Frage, ob sich das Gefühl der Einsamkeit wandelt… mit der Zeit. Fühlt sich Einsamkeit mit der Zeit, nicht weil sie länger andauert, sondern weil man selbst älter wird, anders an? Ist dies möglich? Etwa deswegen, weil man als Erkenntnis der Vielzahl zerschissener Beziehungen mitgenommen hat, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, Nähe zuzulassen und sich den Menschen, die man mag oder liebt, vollumfänglich und ehrlich zu widmen.1 Die Einsamkeit, die mir hier vorschwebt, ist eine sehr duldsame Einsamkeit, die stoisch akzeptiert und sich selbst in den Alltag einpreist. Man selbst arrangiert sich mit ihr, kokettiert auf eine gewisse Weise damit, die kurz davor steht, Mitleid bei anderen dafür einzufordern: „Der einsame Held brödelt vor sich hin.“ Das ist dann schon fast attraktiv, meint man.

Doch dann trifft man neue Menschen. Und ich erwische mich dabei, wie ich versuche, die Einsamkeit zu verbergen. Es scheint, dass Einsamkeit an dieser Stelle plötzlich und noch deutlicher zu einem Makel des eigenen Fehlgehens wird. Ein Mal der eigenen Unfähigkeit oder Asozialität, die die soziale Attraktivität unter Null sinken lässt. Die Einsamkeit erscheint als etwas, dass das Unglücklich sein vor Augen führt. „Was hast du Freitagabend eigentlich gemacht?“ Die Antwort „Youtube-Videos bis halb elf und danach facebook-google-stalking alter Bekannter von Grundschule bis Jetztzeit. Alkohol war auch Teil davon…“ ist dann nur noch der Offenbarungseid, den man tunlichst vermeiden sollte. Der innere Selbstdarsteller schreit dich dann auch an: „Sag wenigstens, dass du was gelesen hast. Roman, Sachbuch, egal… Hauptsache lesen!“ Natürlich sind Aktivitäten, Hobbys und Interessen Teil eines gesunden Soziallebens. Doch gibt es auch Menschen, die sich verkriechen. Menschen, die aus der Vielzahl der Möglichkeiten, die sich ohne Weiteres, unglaublich günstig und schnell realisieren lassen, einfach nicht wählen können. Menschen, die sich trotz großem Tatendrang am Morgen, am Ende des Tages eingestehen müssen, nur minimale Erfolge herbeigeführt haben, was das Großziel des Couchverlassens angelangt.

Ich weiß nicht, ob es nicht letztlich ein Verkriechen vor der Welt ist? Einfach weil man mit deren Vergnügungssucht nicht zurechtkommt, die stets weitereilt von Ereignis zu Veranstaltung. Oder ob, es ein Fehlen am Menschen ist, die einen Mitreißen, die einem die Augen öffnen für die Schönheit einfach am Leben zu sein und zu leben?

  1. Und jetzt bitte nicht mit dem Gurkenargument kommen, dass wenn man jemanden wirklich liebt, sich dieser Zustand des beständigen Widmens, in-das-Leben-einbauen und Zusammenseinwollens ganz von allein einstellt… meine Erfahrung, nicht nur an mir selbst, zeigt, dass dem schlicht und ergreifend einfach nicht immer so ist. []

Fremdheit

237HVielleicht geht es vielen so? Berlin erscheint auch nach wiederholten Besuchen zunächst als fremd, als seltsam riechender lärmenden Raum, der – teilweise erbaut auf Müll – seine große Klappe niemals halten kann und in immer bunteren Sprachen rumort und blubbert. Es ist ja nun gottseidank nicht so, dass ich genötigt wäre in dieser sich zu wichtig nehmenden Metropole leben zu müssen. Ich komme alle paar Jubeljahre mal vorbei und steuere spionagenhaft – still und lautlos – durch ihre (kulturellen) Versorgungsadern. Man will ja nicht vollgesuppt werden. Bedächtig achtet man darauf in den S- und U-Bahnen nicht allzu häufig mit zugekniffenen Augen aus den Fenstern zu starren, wenn der Zug in die Bahnhöfe einfährt. Denn ein echter Berliner, also jemand der da offenbar länger als ein halbes Jahr lebt, merkt sich die Ansagen oder hört diese als Bestätigung eines Wissens, dass er bereits besitzt. Der Touri und die Fremden starren aus den Zügen und kriegen hochrote Köpfe vom Aufspringen, wenn die Zielbahnhof erreicht ist und der Ausstieg droht.

Ja, droht. Denn hier wartet die nächste Herausforderung: Geht man nun nach links oder rechts? Verlässt man den Bahnsteig zum Anschluss oder zum Ausgang in die eine oder in die andere Richtung? Auch wenn es Schilder gibt, so schnell ist der Fremde nicht orientiert und muss anschließend doch wieder eine Richtungskorrektur vornehmen. Achtet doch einfach mal auf die verwirrt umhersteuernden Fremden in den Bahnhöfen der Stadt, die sich wie eine seltsame Erkrankung durch das Gewebe eines Körpers strauchelt.

Doch trotz all der Befremdlichkeit rutscht man in dieser Stadt erstaunlicherweise so schnell in die Phase der Vertrautheit, die im Wesentlichen aus einer Haltung reinen Desinteresses besteht. Es ist einem schlicht alles egal, genau wie den anderen hier, die mit dir durch diese Stadt laufen, fahren oder neben dir an irgendeiner Ecke sitzen. Die Leute sehen hier schon im Durchschnitt so fertig, bescheuert oder verwirrt, übertrieben, pompös, grandios oder heldenhaft aus, dass man sich wegen der eigenen Anwesenheit und Teilnahme am Leben der Stadt eigentlich keine Gedanken machen muss. Man kann Jogginghosen zu wirklich jedem Anlass tragen, man kann sich zu jedem erst einmal komisch benehmen oder seltsame Dinge verlangen. Alles in dieser Stadt ist schon eingepreist. – – Wenn man nicht gerade mit einem eintattooweirden oder blutig eingeritzten Hakenkreuz auf der Stirn daherkommt, muss man sich eigentlich um Nichts Sorgen machen (vermutlich stellt auch Letzteres den Durchschnittsberliner vor nur wenig oder gar keine Akzeptanzprobleme).

Nun gut, ich war aus der Provinz im Südwesten in den Nordosten, in die Metropole gekommen. Dabei hörte ich Geschichten, die mich an meine Begegnung mit der Metropole erinnerten. Fremdheit und deren Überwindung. – Eine gute Freundin tut sich auf diversen Dating-Portalen um. Nach Jahren der Einsamkeit, in denen eben nicht so viel ging, war sie fast gepackt von einem Fieber zwischen Chatting, Dating und der nächsten wilden Geschichte im Bett. Vielleicht übertreibe ich, aber ich hatte das Gefühl, wir sprachen fast ausschließlich über diese neuen Entwicklungen. Von Dates, die mit seltsamen Sprüchen begannen, ironiefreien Chats, bei denen sie intellektuell völlig überlegen war, und schnellen und schmutzigen Treffen, bei denen zwischen digitalem Kennenlernen und der ersten körperlichen Nähe nur wenige Stunden oder Tage vergingen.

Ich hing an ihren Lippen, aber eben anders als die anderen. Die ganze Zeit fragte ich mich, wie sie diese Fremdheit überbrückt und in den Modus der Nähe gelangt. Vermutlich ist diese Frage eigentlich naiv. Wir sind ein soziales Wesen und ein nicht zu verachtender Teil und Wesens ist darauf ausgelegt, zu kooperieren, Nähe zu suchen und Verbindungen zwischen uns und den anderen zu detektieren. Aber in diesem Moment fragte ich mich wirklich, ich der seit über zwei Jahren keine Nähe mehr hatte, ob man diese Mauer bestehend aus Fremdheit auch nur für einen kurzen Moment überwinden kann, ohne hemmungslos sich selbst zu verlieren. Wie wird aus einem Chat-Gesicht mit kurzen Sätzen ein Treffen zum Ficken oder gar noch mehr?

Was meine Freundin da berichtete, war für mich schon mehr als eine Herkules-Tat. Denn hier wurden nicht nur seelische Masken entrissen, sondern auch Kleidungsstücke herabgezogen, die beide jeweils für sich eigene Wahrheiten hervorbringen, die im städtischen Alltag sonst gut gehütet sind. Interessant finde ich vor allem die zwei Begriffe von Nähe, die sich abzuzeichnen scheinen.

Auf der einen Seite die mechanische Nähe. Hier kommt die Biologie zum Zuge, denn es zeigt sich, dass für den reinen körperlichen Akt die Biologie einige Vorkehrungen getroffen hat, um zum Vollzug zugelangen, ohne dabei ernsthaft wirkliche Nähe des Typs II zuzulassen, den ich umschreiben würde als eine emotional-intellektuelle Nähe. Wiederum scheint es auch eine ganze Reihe von Dates zu geben, die langwierig den Typ II umspielen und lange Zeit oder gar nicht zu Typ I gelangen. Sicherlich gibt es auch Zwischenstufen, aber die in keinster Weise repräsentative statistische Auswertung der Treffen offenbart einen „bi-stabilen“ Ausgang der Treffen. Entweder Typ I, bei denen die Treffen nicht annähernd in die Reichweite einer emotional-intellektuelle Nähe gelangen. Oder aber Typ II, bei denen erst nach langer Zeit eine mechanische Nähe zugelassen wird.

Aus all dem folgt keine Erkenntnis für mich in diesem Text. Die Gründe für diese Beobachtung kann sich jeder selbst denken. Dies vor Augen geführt zubekommen, hinterlässt bei mir nur einen offener Mund gefüllt mit Erstaunen. Und ich finde diesen Moment, indem Fremdheit zu Nähe wird, einfach nur interessant. Es ist ein Kippbild menschlichen Sozialverhaltens. Deswegen finde ich folgendes Fotoprojekt so interessant, das sich diesem seltsamen Moment widmet, immer wieder versucht sich diesem zu stellen und ihn festhalten will:

“In my work titled „intimate strangers“ I suggest randomly chosen strangers to have an intimate acquaintance. I take photographs with them in their private space; their living rooms, bedrooms, bathrooms, back yards, and any place that’s scorched with their personal memory. I request that they look at me, think about me, and remember me. The encounter is singular and short, and harbors a sensation of its infinite possibilities, a unique and magical moment overpowering the everyday stale and automated existence. In every encounter I stage an intimate moment, an artificial acquaintance.”
initimate stranges

aus: intimate strangers1

  1. Für Bilder auf der Projektseite auf next klicken []

Pete und Pete

Vor ein paar Tage bei Vox.com einen spannenden Beitrag gefunden. In den USA hat Nickelodeon offenbar damit begonnen, alte Shows aus den 90ern erneut auszustrahlen. Und da sind sie wieder die Erinnerungen: Rockos modernes Leben, Doug, Hey Arnold!, Ren&Stimpy, Rugrats, Clarissa und viele viele mehr und … vor allem Pete und Pete. Bevor es das Internet gab, also bevor es Internet für mich gab, was letztlich bis 2001 (!) dauern sollte, war das allnachmittägliche Zappen nach der Schule durch die Cartoon- und Kinderserien der Sender heiliges Ritual und lieb gewonnenes Ritual.

Man müsste aus heutiger Sicht mit der nun inzwischen angeeigneten Vernunft all diese Serien noch einmal sichten, um vielleicht zum ersten Mal zu erfassen, welche pädagogische Raffinesse in ihnen lag und somit welche pädagogische Relevanz diese für meine eigene Entwicklung hatten. Und damit meine ich jetzt nicht irgendwelche popkulturellen Referenzen oder irgendwie geartetes Fakten nahe kommendes Wissen. Es geht mit vielmehr um das, was man für gewöhnlich moralisches Wissen oder auch moralische Kompetenz nennt. Also all das, was – etwas böse ausgedrückt im Elternhaus und in der Schule zu kurz kommt, da die Hektik des Alltags eine intensive Aneignung dieses Wissens verhindert. Was ist gut? Was ist böse? Wie verhalte ich mich richtig bzw. konkreter welches Verhalten muss ich an den Tag legen, um von anderen bzw. einer moralische Gemeinschaft gewertschätzt zu werden. Der findige Leser erkennt an dieser Stelle natürlich eine Überlegung, die unter anderem von Richard Rorty vorgebracht wurde und der ich im Wesentlichen zustimme.

„Die Lektüre […] von Romanen kann es Lesern ermöglichen, ihre Vorstellungskraft von den Scheuklappen zu befreien, die ihnen Eltern, Lehrer, Sitten, Gebräuche und Institutionen angelegt haben, und auf diese Weise ein höheres Maß an Individualität und Eigenständigkeit erlangen.“?1

Streicht aber an dieser Stelle den Roman oder die Literatur… oder besser erweitert diesen eben auch mit Fernsehserien, Filmen etc. Wie dem auch sei… interessiert eh‘ keinen. Irgendwann speiste dann auch unser heimischer Kabelanbieter diesen seltsamem „Kindersender“ mit dem orange-weißen Logo ein. Und die oben genannten Serien bereicherten meinen Nachmittag. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge, sollte ich doch nicht den ganzen Nachmittag fernsehen, lieber Schulaufgaben machen oder lernen und wenn schon nicht das, dann wenigstens raus und vor die Tür gehen und mich ein wenig bewegen. Nachvollziehbar finde ich diese Wünsche wenigstens. Eine Serie möchte ich aber ein wenig herausheben: Pete und Pete. Immer wenn die ersten paar Takte des Opening Themes der fiktiven Band Polaris anlaufen, dann fühle mich in eine quasi unbeschwerte Zeit zurückversetzt, in der alles möglich, obgleich vieles verboten war und genügend Zeit existierte, die noch neue und so wundervolle Welt zu entdecken. Kindheit halt:

https://www.youtube.com/watch?v=WY_3uxzkoV4

Warum hebe ich diese Serie so heraus? Für mich war Pete & Pete eine der ganz wenigen Serien, bei der die gerade formulierte Erkenntnis, dass mit dieser Serie mein moralischer Kompass, mein Verständnis von gut und schlecht, von akzeptablem oder auch überbordend richtigem Verhalten herausgebildet wird, bereits damals deutlich vor meinen Augen stand. Ich spürte das als Kind bzw. sehr junger Erwachsener, dass diese Serie trotz ihrer teilweisen strangeness, die mit Belanglosigkeiten aufgefüllt wird, einen fetten moralischen Kompass hat, der manchmal deutlicher oder manchmal auch nur durch die Zeilen der Protagonisten hindurch deutlich wird.

Die reflektierte Art des Eltern Petes – quasi erwachsen – das Verhalten, die Fehler, die Gefühle und Sorgen seiner Umwelt, d.h. seiner Familien, seiner Freund, Bekannter und Fremder zu beschreiben und einzuschätzen imponierten mir. Auch das am Ende, was man heute vermutlich als „zu platt“ empfinden würde, immer kleinere Lehren, die zu verbesserten Weltzuständen führen würden, wenn wir sie alle beherzigen würden, ist ein unglaublich wichtiges Feature der Serie. Somit: Jedem sei sie ans Herz gelegt. Kauft euch die DVD oder durchforstet das Netz nach Folgen. Lohnt sich.

 

 

  1. Rorty 2003, 50 []
Ältere Beiträge

© 2018 urbandesire

Theme von Anders NorénHoch ↑