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Von Blumen im Internet (Nachtrag)

Das Thema lässt mich nicht los. Kurz nach dem Verfassen meines Artikels – einem Plädoyer das eigene Blog als freie, unabhängige Blume der sonst so von Konzernalgorithmen durchsetzten Social Media-Welt entgegenzusetzen – bin ich auf einen interessanten Beitrag von Alan Jacobs, einem Professor für Literatur am Baylor College (USA), gestoßen.

Sein Beitrag macht explizit, was ich implizit an meiner eigenen Blogautorenbiographie erarbeitet habe: wir dürfen die Errungenschaften des freien Publizierens und Lesens im Internet nicht einfach aufgrund von Bequemlichkeit und Reichweite, die von Social-Media-Konzerne generiert werden, aufgeben. Die großen Player in diesem Spiel haben Geschäftsmodelle[modern_footnote]Allen voran Facebook, das vermutlich auch irgendwann gemerkt hat, dass es gar keine neutrale Social Media-Plattform ist, sondern vielmehr ein Werbevermarkter: The Facebook Brand[/modern_footnote] mit Zielen und inhärenten Logiken, die ihren Nutzern Kompromisse (Datensparsamkeit, Algorithmen, …) und möglicherweise auch Gefahren (Datenschutz, Radikalisierung) aufbürden. In dieser Abwägung sollten wir als Nutzer des Internets oder als (noch-)Nutzer von Social Media-Webseiten mit Bedacht handeln und uns ein wenig Gedanken über die möglichen, zukünftigen Folgen unseres gegenwärtigen Handelns machen.

Alan Jacbos findet für diese Welt der Social-Media-Webseiten ein interessantes Bild, dass er sich von Tolkien borgt. Im Herr der Ringe gibt es die Stelle, in der der Zauberer Saruman mit Mordor kooperiert und Isengart in eine massive Industriestätte umwandelt, die nichts zurücklässt als verbrannte Erde, tiefe Gruben und nicht mehr bestellbares Land:

It is common to refer to universally popular social media sites like Facebook, Instagram, Snapchat, and Pinterest as “walled gardens.” But they are not gardens; they are walled industrial sites, within which users, for no financial compensation, produce data which the owners of the factories sift and then sell.

Den Gefahren und Kompromisse der „walled industrial sites“ a.k.a. Social Media-Webseiten möchte Jacobs mit der Fähigkeit begegnen, zu lernen außerhalb dieser eingezäunten Industriestätten, die letztlich zu nichts anderem werden als Industriebrachen für die freien Gedanken, zu leben. Das offene Internet nutzen, eigene Websites betreiben, freie Technologien einsetzen (er erwähnt dafür zahlreiche Fertigkeiten und Techniken, wobei das Programmieren explizit nicht dazugehört (gut!)) sieht er als entscheidende Komponente und bedeutende Fertigkeit des einzelnen, mündigen Bürgers. Er begründet dies u.a. mit einer Denkfigur eines deutschen Philosophen. Hans Jonas „Prinzip der Verantwortung“ ist vielen sicherlich eher bekannt aus umwelt- bzw. bioethischen Debatten. Die zentrale Leitmaxime…

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.

… soll Orientierung dabei bieten, möchte man erkennen, was in einer technologisierten Welt als wünschenswert angesehen werden soll. Jacobs leitet daraus eine Art Verantwortung für uns Heutige ab. Ähnlich wie in den Debatten um Nachhaltigkeit kann  Jacobs dahingehend verstanden, dass wir uns Gedanken machen sollten, was wir hinterlassen. Entweder eine eingzäunte, algorithmisierte Welt der Social-Media-Industriebrachen, von denen wir abhängig sind und die uns, zumindest zum Teil, die Freiheit des Diskurses, der Offenheit und Interoperabilität rauben – oder aber ein nicht immer einfaches Leben (ja man verliert ja die Reichweite, die Lemminge zu erreichen) in der freien, wilden Welt des Internets.

We can live elsewhere and otherwise, and children should know that, and know it as early as possible. This is one of the ways in which we can exercise “the imperative of responsibility,” and to represent the future in the present.

Ein paar spannende Gedanken, die Jacobs da äußerst, gesättigt offenbar von seiner extremen Belesenheit:

Alan Jacobs: Tending the Digital Commons: A Small Ethics toward the Future. In: The Hedgehog Review 20(1), Spring 2018.

1 Kommentar

  1. Ich lese diesen Blog, wenn auch sehr unregelmäßig. Und das könnte ebenfalls ein Problem sein. Ich antworte jetzt auf einen Eintrag, der bereits 2 Monate alt ist. Das mache ich sonst nie.

    Aber verstehe ich Dich richtig: Du meinst, wir sollten alle Blogs nutzen, von 1 Freiheit her?

    Ich kann das Argument verstehen, dass individuelle Blogs gegenüber Facebook, Youtube etc. den Vorteil haben, nicht Element eines Konzernalgorithmus zu sein. Gleichzeitig halte ich es für gefährlich davon auszugehen, dass individuelle Blogs voll unabhängig wären.
    Ganz basal: Um einen Blog zu betreiben, brauchst Du immer noch Zugang zu bestimmter Hardware und Software und die Kompetenz damit umzugehen. Das ist alles heute für die meisten Leute leichter zugänglich als noch vor 15 Jahren, aber immer noch nicht für alle.

    Neben diesen Punkt würde ich aber vor allem den Fokus darauf setzen, dass die meisten Leute, die versuchen, gelesen zu werden, sich zumindest einen Stück weit dem Publikum anpassen müssen. Die Geschichte der musikalischen Independent-Label ist hierfür eventuell eine geeignete Analogie: Entweder die Label haben gelernt, wirtschaftlich zu denken, oder sie sind bankrott gegangen. Und diese Spirit of Independence lese ich auch in Deinem Blog-Post heraus.
    Zugleich, und hier muss ich meine Aussage etwas relativieren, geht es bei einem Blog, der gelesen werden will, nicht gleich um den Lebensunterhalt, wie es zumindest bei einigen Indie-Labels angedacht war. Das ist ein gehöriger Unterschied. Dennoch wird ein Blog, der gelesen werden will, nicht völlig ohne Einbeziehung möglicher Erwartungen potenzieller Leser_Innenschaft hantieren können.

    Ein simples „Kampf den Konzernen“ durch Rettung des „freien Internets“ unterschlägt für mich, inwiefern auch das „freie Internet“ niemals völlig frei war.

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