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Die Institution der Unschärfe

Wer fotografiert, wird früher oder später mit dem leidigen Problem der Schärfe bzw. Unschärfe konfroniert. Meist als erstes lernt man, dass die Schärfe in der Fotografie sich nur über einen bestimmten Bereich erstreckt. unscharfDieser Bereich wird Tiefenschärfe oder auch Schärfentiefe genannt. Als zweites kriegt man häufig mit, wie man diesen Bereich steuern kann: Das heißt mit einer kleinen Blendenöffnung (= kleines Loch durch, aber große Blendenzahl) erreicht man einen großen Tiefenschärfebereich. Je größer die Blendenöffnung (= großes Loch, aber kleine Blendenzahl) wird, desto geringer wird der Bereich der Schärfe.

Dies führt den Standardanfänger dazu endlich abgebildete Personen oder Objekte vom Hintergrund freizustellen, da dieser nun Unscharf ist: KLICK. Später wird man immer experiementeller und setzt noch mehr auf diesen Effekt, indem der Bereich der Schärfe so klein gewählt wird, dass nur noch wenige Details scharf sind: KLICK. So lernt jeder diesen Effekt für die Fotos zu nutzen.

An anderer Stelle taucht das Problem der Schärfe wieder auf. Diesmal aber nicht als gestalterisches Mittel, sondern als technische Variable. In ellenlangen Threads in diversen Fotoforen oder auf Fotoportalen wird darüber debattiert, welches Objektiv denn nun das Schärfste sei. Dabei hat jeder seinen Favoriten und sieht diesen als: „Die Linse ist echt knackscharf.“ an. Festzuhalten bleibt, das Festbrennweiten, also Objektive mit denen man nicht zoomen kann, im Bereich scharfe Abbildung, klar im Vorteil sind.

Trotzdem bleibt anzumerken, dass jede Linse, wenn sie gut justiert ist, durchaus passable und scharfe Bilder auf Film oder Sensor bannt. Sicherlich sieht man Unterschiede, die ich persönlich als marginal empfinde. Zusätzlich steht den digitalen Fotografen in Form der digitalten Bildnachbearbeitung eine weitere Möglichkeit offen, Bilder schärfer zu bekommen. Durch diverse Tools ist es möglich, die Bilder nachzuschärfen. Leider passiert es aber zu häufig, dass dadurch Artefakte im Bild ersichtlich werden (wenn überschärft wurde), die das bestreben des schärfenden Fotografen aufzeigen.

Andere Formen von Unschärfe sind die klassische Bewegungschärfe, die häufig dazu dient, ein Bild mit Dynamik auszustatten: KLICK. Aber auch das Weichzeichnen von Bilder ist eine einfache Methode Bilder zu „unschärfen.“

Zwar stellen diese verschiedene Techniken und gestalterischen Methoden Konzepte in der Fotografie dar, jedoch überwiegt die Ansicht, dass gute Fotos scharf – besser knackscharf – sein müssen. Diese Drang zu Perfektion, der durchaus von der Produkt- und High-key-Fashionfotografie angeregt wurde, stellt derzeit die gewünschte und allgemein erwünschte Ästhetik in der Hobby- und Amateurfotografie dar.

Wie dies aber immer so ist, gibt es Widerstand. Zum einen wären da die Lomographen und holgaphilen Fotografen, die im Prinzip auf technische Exaktheit verzichten, sondern den Moment im Mittelpunkt iher Kreativtät sehen. Daher auch die 10 goldenen Regeln der Lomographie. Dadurch begründete sich eine ganz neue Kunstform der Fotografie, die Unschärfe zwar nicht als muss, aber als einen wesentlichen Bestandteil der „Plastikspielzeug“-Kameras ansah: KLICK.

lensbaby2.0Das Einfallstor der Unschärfe in die professionelle Fotografie bzw. die analoge wie auch digitale Spiegelreflexfotografie wurde durch das Auftreten einer kleinen lustigen Linse aus Amerika beschleunigt: das Lensbaby. Dies ist kein Objektiv im herkömmlichen Sinn. Die Technik orientiert sich an den Tilt&Shift-Objektiven, mit denen es möglich ist, Bereich der Schärfe nicht nur in der Tiefe, sondern auch in der horizontalen und vertikalen Lage zu verschieben. Somit ergeben sich wunderbare Effekte, die Landschaften wie Modelleisenbahnanlagen aussehen lassen.

Ebenso wird beim Lensbaby durch das Verschieben eines Schlauches (siehe Erklärung auf lensbabies.de). der Schärfepunkt bestimmt und auch damit lassen wunderschöne und unscharfe Bilder schießen: KLICK oder KLICK. Mittlerweile ist das Lensbaby in der Version 3 angekommen, in der es nun endlich möglich ist, die Fokussierung dauerhaft festzulegen.

Trotz all diesem muss klar sein: um Unschärfe oder Schärfe jeweils in Szene zu setzen wird der andere Bruder immer benötigt. Kein Begriff von Schärfe ohne Unschärfe, keine schöne Unschärfe ohne Schärfe. Hoffen wir darauf, dass uns die Unschärfe für immer erhalten bleibt und irgendwann mehr Leute die leicht versteckte Ästhetik dahinter erkennen. Bis dahin: Bend it Baby!

6 Kommentare

  1. Klasse Artikel, bitte mehr davon. Plane gerade vom unkontrollierten Kleinbild-Digicam-Knipser zum möchtegern Hobby Knipser umzusteigen und bin gerade in der Anschaffungsphase D-SLR-Kamera. Kann im Moment gar nicht genug INPUT bekommen, vor allem wenn so kurzweilig verfasst 😉

  2. wirklich gut und interessant geschrieben, sowas les ich doch gern!!
    habe mich grade dazu entschieden, mir doch ein lensbaby zu kaufen…bääh…böser post der verführt mich zum kaufen…
    😉

  3. @ Crosa: Danke… na dann spar mal. 😉

    @ Robat: Danke: Willst du unseres zu einem fairen Preis haben? Will nämlich sobald das 3.0er Lensbaby in Deutschland verfügbar ist, umsteigen… (naja Ani müssen wir da wohl auch noch fragen, schließlich gehört es zur Hälfte ihr). 😀

  4. @ marcus: also wenn ihr das baby tatsächlich abgeben wollen würdet, dann könnt ihr mir ja mal ein preis sagen…;)
    aber doofe frage, passt das denn auch bei meiner canon?

  5. Eine gelungene Einführung in das Thema. Btw: Ich bin keiner dieser Schärfefreaks, zeichne in PS oft nur leicht nach. Ich bin aber immer wieder erstaunt, wie detailiert die klassischen Festbrennweiten (50mm etc) auflösen.

    Noch eine Info: normalerweise stellt das Objektiv auf dem anfixierten Punkt folgendermaßen scharf: 1/3 davor und 2/3 dahinter.

  6. @ Tim: Danke. Die Info mit der ungefähren Größe des Schärfebereichs habe ich mir geschenkt, da ich froh war, diese Thematik überhaupt in einfachen Worten ausdrücken zu können. Ziel war es somit, nicht weiter zu verwirren. Trotzdem gut für alle Fotografen zu wissen. 😀

    Leider bin ich nicht im Besitz einer Festbrennweite (bis auf das Lensbaby :-D). Daher kann ich die Diskussion nur von außen nachvollziehen. Für mich ist jedoch die Idee oder das Problem dahinter viel interessanter, dass durch das Fehlen des Heranzoomens eine ganz andere Art zu fotografieren entsteht. Man muss sich viel mehr bewegen und seinen Standpunkt verändern.

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