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Monat: Februar 2011

WERBUNG: ThurMensa

Jan Raasch (@janraasch) hat sich ein wenig Mühe gemacht und die Speisepläne der Thüringer Universitätsmensen in eine nette Webapp gepackt. Das schöne an WebApps ist, dass sie im Prinzip nichts anderes sind als eine für Touch-Devices optimierte Website, die dann im Iphone fast wie ein normale App integriert werden können. Binnen weniger Sekunden kann nun der Ipod Touch- oder Iphone-User, aber auch der normale Mac- oder PC-Benutzer über seinen Browser sich flux über die aktuellen Speisen der Mensa seiner Wahl informieren. Der Name der Webapp: „Thur Mensa

Schön ist, dass die aktuellen Speisen des Tages optisch nett und technisch schnell zugänglich gemacht werden. Leider fehlt die Vorschau für die kommenden Tage. Auf jeden Fall aber ein Vorschritt gegenüber den umständlichen und auf Smartphones nur schwer zu lesenden Varianten, die das Studentenwerk Thüringen selbst bereitstellt. Außerdem handelt es sich bei ThurMensa noch um Version 0.1. Somit ist ja noch Luft nach oben. Tolle, kleine App.

Leben im Giftkreis

Als ich letztens beim Zahnarzt saß, registrierte ich in den Augen des Behandelnden Unbehagen. Die Verfärbungen an dem einstmals so krönenden Weiss meiner Zähne, bereitete offenbar Kopfzerbrechen, so dass ein „professionelle Zahnreinigung“ extrem notwendig wurde. Es war dann leicht schmerzlich. Brachte mich aber zum Nachdenken über Zahnhygiene und dann wieder auf die Ursache dieser offenbar so grässlichen Verfärbungen. Eine Ursache ist Kaffee. Naja und Kaffee.

Jeden morgen schwappt eine tiefschwarze Flüssigkeit mit absoluter Regelmäßigkeit durch meinen Mund. Auch eine Zigarette kann dabei brennen. Heute viel mir auf wie stark diese Genussmittel, diese Drogen, in unserer kulturelles Verständnis eingedrungen sind. Starbucks, ästhetische Zigarettenreklame und auch Alkohol, als die einzige Möglichkeit die Party in Schwung zu bringen oder die Depression im Zaum zu halten.

Wie dicht ist der moderne gar postmoderne Mensch mit diesen Giften durchsetzt? Es ist wirklich unglaublich wie stark die industrialisierten Länder des Westen offenbar abhängig sind:

Alkoholkonsum:


(via Good)

Tabakkonsum:


(via WHO)

Kaffeekonsum:


(via Murdelta)

Während es sich bei Alkohol und Tabak klar um Suchtmittel handelt, verwässert diese Wahrnehmung bei Kaffee. Kaffee gilt als Genussmittel, wobei dies jedoch nicht an der biochemischen Zusammensetzung liegt, die dann doch nicht so gefährlich ist, sondern vielmehr ist dies ein kultureller Deutungsprozess. Allen gemeinsam ist aber die Zugehörigkeit zu einem gewissen Lebensstil. Aber offenbar ein Lebensstil der objektiv von Abhängigkeit, Selbstzerstörung und Raubbau am eigenen Körper geprägt ist. Ich wittere so etwas wie „Entfremdung von der Natur, von sich selbst.“ Individualisierung und Entfremdung gehören irgendwie zusammen.

(Inspiration via kraftfuttermischwerk)

links for 2011-02-11

 

 

  • „Much of design critique is focused on photography and other graphics. It’s time to shed light on the most basic element of communication: the type. At Fonts In Use we’ll catalog and examine real-world typography wherever it appears — branding, advertising, signage, packaging, publications, in print and online — with an emphasis on the typefaces used. Our effort begins here, with a regularly updated collection of case studies and trend reports. We’ve invited experts from various fields to comment on how type is used (and misused) in graphic design today. In our first few installments, magazine designer Marc Oxborrow has an emotional reaction to the redesign of Bloomberg Businessweek, the Font Bureau’s Sam Berlow notices that the type specimen has become a design genre, I point to some recent projects in which type — and especially typeface selection — plays a central role, and instructor and historian Indra Kupferschmid reminds us that the real Bauhaus wasn’t all geometric and experimental letterforms. This blog is a prologue of more to come. Behind the scenes, we’re building a searchable, sharable archive of typographic design, indexed by typeface, industry, and medium. And you’re invited to join us. Stay tuned.“

    tags: fonts typo typographie web webdesign inspiration

  • Die “Lichtgestalt” der deutschen Politik, Karl-Theodor zu Guttenberg, soll seine Dissertation mit nicht gekennzeichneten Zitaten aufgefüllt haben. Was mit einem Beitrag der Süddeutschen begann und dann auch die FAZ auf den Plan rief, bei der Guttenberg die Einleitung seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, hat inzwischen das Internet erreicht

    tags: promotion doktorarbeit tbz artikel plagiat guttenberg

  • Dies ist eine kollaborative Dokumentation der Plagiate – jeder ist eingeladen, hier mitzuarbeiten. Fragen und Anregungen am Besten als Tweet an @PlagDoc Ergänzungen und Änderungen in diesem Wiki sind transparent und jederzeit nachvollziehbar. Jede Bearbeitung wird protokolliert. Siehe: Letzte Änderungen (ohne Diskussionsbeiträge) Guttenbergs Dissertation und die Plagiatsvorwürfe werden seit dem 16. Februar 2011 intensiv in nahezu allen deutschsprachigen Medien behandelt. Einen ersten, kontinuierlich aktualisierten Überblick zur Berichterstattung bietet z.B. news.google.de (auch chronologisch sortiert) Anmerkung: Wir sind gerade von Google Docs zu Wikia umgezogen, weil der Ansturm zu groß wurde. Vielen vielen Dank für die bisherige Hilfe – und weiter so! You rock!

    tags: promotion doktorarbeit guttenberg wiki plagiat

„Hypothesen sind Netze, nur der wird fangen, der auswirft.“

Druck. Wir stehen unter Druck. Ich stehe gerade ein wenig unter Druck. Denn der Dystopist hat einen interessanten Artikel zur aktuellen Guttenberg-Plagiat-Doktor-Gedöns-Affäre veröffentlicht. Es ist natürlich ein teilweise interessanter Einblick eines Forschers, der sich im Wissenschaftsbetrieb befindet und die Standard-Meinung zu Plagitaten und nicht richtig gekennzeichneten Zitaten aufführt. Schön und gut. Scheinbar kommt noch mehr. Aber bisher wird für mich beim Dystopisten, aber auch in den einschlägigen Medien, eine wichtige Kernfrage unterschlagen.

Es ist für mich nur von minderen Interesse, dass eine bisher so glaubwürdige Person wie Herr von Guttenberg plötzlich und vermutlich auch eindeutig des Promotionsplagiates überführt wird – ähnliche Auseinandersetzungen gab es bei Kohl, bei Putin und im literarischen Betrieb vor ein paar Monaten bei Airen und Helene Hegemann – wenn man sich den Workflow eines Politikers ansieht, ist das selbstständige Verfassen von Reden und Manuskripten eher die Ausnahme; ein weltweites und durchaus akzeptiertes Phänomen. Natürlich darf dies nicht für eine Doktorarbeit gelten, denn gerade hier steht die intellektuelle Eigenleistung des Verfassers im Vordergrund mit dem Mindestziel neue Aspekte zur Debatten der Forschung beizutragen, verschiedene Aspekte neu zu kombinieren oder sie an gewissene Themen mit eigenem Standpunkt abzuarbeiten. Das entdecken von neustem Land ist vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften meiner Ansicht nach eher selten. Es ist ein beständiges Aufsitzen auf vorhandenem, ein Remix, der unterfüttert wird durch noch nicht in den Kreislauf eingebrachtem Wissen, durch sprachliche Prägnanz von Aussagen, die so noch nicht hervorgehoben wurden. Was wichtig ist und worin in dem Dystopisten nun auch zustimme, ist das faire Kennzeichnen der entlehnten und zitieren Stellen. Das ist einfach Wissenschaft, das macht jeder und das ist auch notwendig, damit die Forschung weitergehen kann. Denn durch das Fehlen von Quellen – ein Phänomen, dass es übrigens auch extrem bei den gerade so schön auf das Thema schlagenden Mainstreammedien gibt – wird die Arbeit zum Inselmedium und somit nicht richtig nachvollziehbar, woher all das kommt: eine Sackgasse. Wissenschaftliche Arbeiten leben von offen gelebter Intertextualität und sind Oszillationsmedien.

Schlimmer aber als das guttenbergsche Ignorieren dieses Forschungsgrundsatzes ist der Shift der Debatte. Erstens: Von was soll all das ablenken? Riesige Artikel auf den wichtigsten Seiten der Zeitungen. Meldungen und Artikel zu viel wichtigen Themen: Finanz- und Wirtschaftskrise, HartzIV-Debatte, Revolutionen auf dem afrikanischen Kontinent und im Nahostraum sowie der eigentlich aufsehenerregende Tod von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan werden mit einem Streich zu kleinen Anhängseln auf Seite drei. Gleiches gilt für die Onlinemedien. Kein Besuch der Nachrichtenseiten war möglich, ohne auf der Startseite in prominenter Positionen Variationen des guttenbergschen Gesichtes in zum aktuellen Stand der Debatte passenden Ausdrücken zu sehen; gepaart mit Stockfotografien von Bücher- oder Blätterstapeln. All das ist beileibe nicht so wichtig, nicht weltbewegend. Ein kleiner Skandal, eine kleine Affäre, die in den nächsten Jahren nur noch in irgendwelchen TopTen-Listen der blödesten Fehltritte des politischen Berlins auftauchen wird.

Vielmehr sollte man das Entdecken des Plagiates als Ausgangspunkt nehmen, um über die Ursachen nachzudenken, die ich nicht unbedingt in der persönliche Fehlstellung und Selbstwahrnehmung des Betroffenen sehe, sondern vielmehr in einem Systemfehler, der durch zahlreiche hochschulpolitische Reformen noch verstärkt und begünstigt wurde und mit einer Wesensveränderung der Akademiker einhergeht. Der Dystopist spricht den Stress und die Belastung von Bachelorstudierenden an. Ich will das jetzt nicht überbewerten, aber es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die ich hochschulpolitisch als sehr problematisch empfinde. Es ist die Verschulung des Studiums zur Effizienzsteigerung, zur Ökonomisierung und Monetarisierung des akademischen Bereichs. Der deutsche Physiker Harald Lesch sprach in einem wunderbaren Rant in einer Folge des Podcasts „Elementarfragen“ über die fehlende Kultur des Vertrauens im Dunstkreis der Universitäten, die ein ruhiges Forschen verhindert und so auch das Entstehen von intellektuellen Höchstleistungen teilweise unterbindet. Ratingagenturen bewerten Studiengänge mit falschem Maß und beenden das wilde „Herumspinnen“ der Akademiker, was primär vielleicht nicht zielführend wirkt, aber wie die Geschichte stets bewiesen hat, mittel- und langfristig immer wieder neue Entdeckungen und Erkenntnisse ermöglichte: „Ein Mangel an Phantasie bedeutet den Tod der Wissenschaft.“ ((Johannes Kepler)) Man studiert nicht mehr für das Thema, für die eigene intellektuelle und menschliche Weiterentwicklung, sondern soll passend und plan für die kommende Karriere studieren. So der Plan und ein Teil der Kritik Leschs.

So ist ein Doktortitel – dies jetzt bitte nicht über alle Maßen allgemeinernd verstehen – nichts weiter geworden als ein Karriereschritt, bei vielen nicht mehr eine Tat aus innerer Überzeugung sich einem Thema hinzugeben, zu einer Debatte etwas beizutragen. Ein Doktortitel ist Prestige, der offenbar ein weiterhin hohes Ansehen in der Gesellschaft geniesst, der den Promovierenden irgendwie profiliert und zu höherem Respekt verhilft. „Herr Dr. Soundso“ wird so Teil der intellektuelle Elite der Gesellschaft. So die Wahrnehmung. Dass diese vielleicht durchaus richtige Wahrnehmung der Promotion jedoch dazu führt, dass eine solche nur noch als Durchlauferhitzer für eine angestrebte Karriere umfunktioniert wird und fungiert, ist die eigentliche bedauerlich Fehlentwicklung, die an diesem Skandälchen sichtbar wird. Seien wir ehrlich: Man kennt das Leben und den Arbeitstag von Politikern, man kennt den Arbeitsablauf des Abfassens einer ernsthaften wissenschaftlichen Arbeit. Beides ist nahezu nicht – und wenn nur unter großen gar riesigen Entbehrungen – vereinbar. Dass bei Guttenberg nun zu Tage tretenden Plagiat ist nicht nur Ergebnis von formalen Fehlern und mangelnder Sorgfalt (dafür ist das Ausmaß zu umfangreich), sondern von mangelndem Herzblut und falscher Motivation. Die Motivation bestand vielleicht nur darin, dem guten Ton zu entsprechen, die eigene und intellektuelle Leistungsfähigkeit zur Schau zu stellen und sich in späteren politischen Debatten etwas mehr Gewicht verschaffen zu können. Natürlich sind dies alles nur Mutmaßungen meinerseits, jedoch kann ich mir jenseits einer Ghostwriter-These, diese zahlreichen „Schlampereien“ in einem eigenen Baby „Doktorarbeit“ nicht anders erklären.

Das skizzierte Phänomen ist aber leider nicht nur ein Einzelfall eines populären Promovierenden Guttenbergs, sondern eine durch politische Fehlentscheidungen, die von unserer Gesellschaft akzeptiert und teilweise von den Medien gefeiert wurden, heraufbeschworene Entwicklung akademischer Bildung in Deutschland. Schade, dass dies in den Debatten kaum oder nur wenig abgebildet und nachgezeichnet wird. Einige wenige Artikel beschäftigen sich aber mit dieser Frage:

Der Titel des Beitrages ist ein Novalis-Zitat.

UPDATE: Da ist mir dann doch ein Artikel der Zeit vom 16.02.2011 entgangen, der sich der Frage von Hochschulpolitik respektive Leistungsdruck an der Universität und Guttenbergs Plagiat als prominentes Beispiel für diese Entwicklung stellt. Dagny Lüdeman, die Redakteurin im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE ist, wittert einen gewissen „Opportunismus“, der den Grund abliefert sich einem Dissertationsprojekt zu widmen. Das ähnelt meinen Überlegungen stark. Schade, dass dieser Aspekt in den Medien nicht weiter verfolgt wurde. (01. März 2011)

Das Eis meiner Begriffsstutzigkeit

Das Buch (Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“) war – was mein Verständnis des Zeitproblems anlangt – die Axt, die das Eis meiner Begriffsstutzigkeit sprengte […] Daß ganz gleich, was wir denken, die Zeit ein unhintergehbare Voraussetzung dieses Denkens ist, dass wir uns nie Zeit ohne Zeit und auch nie keine Zeit ohne Zeit vorstellen können, daß Zeit wie der Raum eine Grundmodalität unserer Welt- und Selbstsicht darstellt, und zwar jeder uns irgendwie begreiflichen Welt, nicht nur des Newtonschen vierdimensionalen Universums […].

aus: Thomas Lehr – Das gestörte Experiment.
Literarische Seitenblicke zur Naturwissenschaft (SPRITZ 2006)

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