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Monat: November 2008

lost in humanities

Jetzt frag mich doch mal einer, was ich in meinem Studium gelernt habe. Tja, eine ganze Menge. Ich könnte an dieser Stelle über den ontologischen Gottesbeweis berichten oder auch darüber wie ich endlich verstand, dass diese ganzen Versmaße – der gebildete Mensch weiß natürlich, dass es sich hier um den Daktylus, Trochäus, Jambus und im gewissen Maße auch Anapäst um einst (und eigentlich noch immer) griechische Versmaße handelt, bei denen nur ein Faktor verändet wurde. Die Griechen messen ihr Versmaß der Zeile nach der Länge der Silben; bei uns Mitteleuropäern spielt dies keine Rolle. Es geht nur darum, ob die Silbe betont wird oder nicht. Nett eigentlich, dass mir dies die Schulbildung nicht vermitteln konnte. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen wie ich damals  – ich glaub es war ein Goethe-Seminar – dagesessen habe und den Mund vor Staunen und Verwirrung nicht mehr schließen konnte. Seis drum. Solche Wissensbrocken schleudern noch immer durch mein geistiges Universum. Nun geht die Studienzeit irgendwie demnächst (bald, absehbar, oder doch irgendwann?) zu Ende und man klopft seine Wissen Skills nach Verwertbarem ab. Nicht viel, was da im Kampf ums Überleben übrig bleibt.

Gestern saß ich im Büro. Es war Samstag. Man gab mir den Schlüssel, damit ich auch arbeiten kann. Nun ja, eigentlich wollte ich das. Während ich die Aufgaben vorantrieb, dachte ich kurzzeitig darüber nach, was der Sinn von Geisteswissenschaften sein soll. Ich kann bis auf einen einzigen keinen erkennen. Die Lage der derzeitigen Geisteswissenschaft ist so desolat und aussichtslos – daraus entstehend ist die moderne Geisteswissenschaft auch rückwärtsgewandt. Sie begreift ihre desolate Lage und orientiert sich in Ewiggestrige. Diesen Fakt muss man anerkennen. Sicherlich ist es notwendig in den Fächern Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte (etc.) die Alten zu studieren. Doch die Relevanz im Broterwerb ist nicht vorhanden. Niemand braucht das. Niemand bezahlt dafür und wenn wir es im Großen ansehen, geht es schließlich nur darum, sich für seinen Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft bezahlen zu lassen. Einzig etwas vermag die Geisteswissenschaft. Sie kann einen Menschen aufzeigen, was ihn wirklich interessiert und gibt ihm neben dem Studium (BA/MA mal ausgenommen) doch durchaus Zeit, diese Interessen zu verfolgen

Warum ist also in den Geisteswissenschaften – sprich in ihrem Kernbereich – so wenig wirtschaftlich verwertbares Potenzial. Wieso ist es für alle Studierenden nur eine schöngeistige Nebenhandlung, sodass die Brötchen durch anderes verdient werden müssen. Interessanterweise habe ich jeden Cent Geld in meinem Leben ohne erworbene Fähigkeiten meines Studiums verdient (Kommentare, dass wir nicht wirklich Fakten lernen, sondern „Problemlösestrategien“ – wir also gemäß dem Begriff „Universität“ zu »Universalisten« für schließlich jeden Bürojob werden, werden ignoriert). Auch meine derzeitige Tätigkeit – nein, nicht das mit den Dosen – benötigt Fähigkeiten, die weit abseits meines Studiums liegen und die ich mir wirklich autodidaktisch antrainiert habe. Eine kürzere und mit mehr Geld gesegnete Ausbildung hätte vermutlich ein vergleichbares Ergebnis erbracht.

Trotzdem: Ich würde nichts anders machen. Denn es gibt noch einen entscheidenden Faktor, der die Geisteswissenschaft unverrückbar in den Lebensläufen möglichst vieler Menschen verankern sollte. Der Geist wird frei. Man denkt nach. Über die Welt, die Zusammenhänge und lebt nicht nur von Paper zu Paper; von Klausur zu Klausur. Naja und wenn Philosophiestudenten und Literaturwissenschaftler zusammensitzen, dann sieht das Weintrinken und Zigarettenrauchen auch irgendwie ehrlicher aus.

Das Leben als ewige Wiederkehr

Das Leben läuft weiter. Mit Sicherheit. Ich weiß nicht, ob du es geahnt hast, ob du die möglichen Zeichen sahst. Du sahst ihr im Kerzenschein in die Augen, das Radio spielte irgendwas, es war ja egal. Woche für Woche hattest du dein Leben in Position geschoben. Pläne geschmiedet. Keine Angst gehabt. Ausgerichtet auf den wichtigsten Fixpunkt im Universum. Man sah es am Glanz in deinen Augen. Das war etwas Besonderes. Das Leben ist schön, sagtest du immer. Immer wieder. Was hast du nur alles gegeben? Und jetzt wird es dir genommen.

Am Anfang geht es nach dem Krieg nur um das Begreifen.  Das Leichenzusammenkehren passiert gleichzeitig mit einem in-sich-verschlungen sein.  Doch Tatsachen sind keine Träume und keine Wünsche.  Sie müssen verstanden werden. Das bedeutet nicht, dass du Entscheidungen bis in den letzten Winkel der Logik durchdringen musst… kannst du auch gar nicht. Manchmal reicht einfach auch nur das Abfinden, das Akzeptieren. Irgendwann klaut dir deine Geist die Illusion der Perfektion dieser Zeit. Du siehst überall Risse und überall Dreck. Und bis dahin ist es okay, betrunken traurige Musik zu hören.

Suche die Zeichen, Hund.

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