urbandesire

searching since 2004

Monat: Juli 2008 (Seite 1 von 2)

Die Weisheit der Urbanität

Gehe ich durch meine Heimatstadt, schlagen mir an allen möglichen Stellen Lebensweisheiten entgegen. Sie sind an Hauswände geschrieben, in farblich passenden Lettern, schön dezent, trotzdem Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Zwei Fragen beschäftigen mich. In den seltensten Fällen wird der Autor (sei er auch anonym) genannt. Warum nicht? Ich denke, das soll die Universalität der Aussagen unterstreichen. Mit einem Autorennamen verbindet sich irgendeine Theorie, immer eine Geschichte, die die eigene Bedeutungszuweisung unterläuft oder gar abkürzt. Doch der verallgemeinernde Charakter dieser Sätze oder Sentenzen muss sich bezugsfrei entfalten. Die zweite Frage ist die Frage nach den Verursachern. Wer kommt auf die Idee einen Malermeister samt Lehrling zu engagieren, um diese Sprüche an die Wand zu pinseln? Sind dies Kunstprojekte oder moralisch tief verankerte Hausbesitzer, die die Welt verbessern wollen? Ich wittere fast einen Skandal. Vielleicht gibt es staatliche Subventionen, wenn man eine Hauswand nicht nur weißelt, sondern sie darüber hinaus noch zu einer Projektionsfläche für Lebensweisheiten macht?

Habe ich Zeit, gehe ich gern auf die Suche nach den Verfassern. Um es kurz zu machen. Die besten Sprüche stammen aus der Antike bzw. der Spätantike. Mit ihrer Rückbindung an die Tradition der Meditation, die nicht nur die eigene Seele ermahnen soll, sondern in ihrer Allgemeingültigkeit auch die Seelen aller (Lesenden), knallen diese Sentenzen am besten. Kostprobe gefällig?

Liebe das, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn was könnte dir angemessener sein?

Voraussetzung des Verständnisses dieser Aussage ist, zu wissen, dass der Sprecher davon ausgeht, dass man selbst mit seinem Schicksal hadert. Im Laufe eines Lebens bricht so viel Unheil über einen herein, so vieles geht schief und man fühlt sich an die Prüfungen Hiobs erinnert. Doch anstatt darüber zu verzweifeln und sich nach den Ursachen der Qualen und Leiden zu fragen, soll man sich im Innern umwenden und die Perspektive ebenso drehen. Das Leben bricht nicht einfach über uns herein. Es ist ein unendlicher Strom von Entscheidungen, die Reaktionen hervorrufen. Scheinbar geht es um das Abwägen von Optionen. Doch doch die Frage nach den Optionen im Leben ist nicht so einfach zwischen gutem und schlechtem Ergebnis zu unterteilen. Die Tatsache, dass eine Entscheidung getroffen wird und getroffen werden muss (auch wenn das „widerfährt“ hier ein passives Lebensprinzip suggeriert, sollte man das Leben – und so meint es auch der Autor Marc Aurel – als etwas Gestaltbares sehen), führt dazu, dass es nur einen einzigen wirklichen Lebensweg deiner Person gibt. Im Moment des Treffens der Entscheidung schlägt man eine Richtung ein. Die Kategorien richtig und falsch verlieren ihre Bedeutung. Sie gelten nicht mehr, da es ja im Fällen der Entscheidung nur diesen einen Weg gibt. Alle anderen möglichen Optionen werden nichtig.
Sicherlich könnte jetzt schlau Skeptiker behaupten, dass ich doch eine Entscheidung sofort revidieren kann und dann exakt das Gegenteil mache. Gut. Aber dann hast du die erste „falsche“ Entscheidung benötigt, um die zweite Entscheidung zu treffen. Dieses Motiv sein Leben in seiner Ganzheit mit alle seinen Entscheidungen, mögen sie über kurz oder lang doch indirekt kategorial zuordbar (zu gut oder schlecht) sein, zu lieben, ist ein in der Literatur häufig anzutreffendes. Auch Paulo Coelho propagiert in seinem Werk „Der Alchimist“ diese Grundeinstellung: „Das Leben ist wirklich großzügig mit dem, der seinen persönlichen Lebensweg folgt.“ Beide, Aurel und Coelho, knüpfen dabei an die menschliche Vergänglichkeit an. Das Hadern und Kritisieren des eigenen Lebens wird unzumutbar in Anbetracht der Tatsache, dass man nur ein Leben hat und dieses obendrein zeitlich begrenzt ist.

Wer jetzt diese Zeilen liest, hat vielleicht eine Ahnung dafür bekommen, warum Menschen an Häuserwände diese Sprüche kleistern…

links for 2008-07-30

links for 2008-07-19

Stoptag

Jeder kennt es sicherlich. Man lebt in den Tag, dieser beginnt, man macht etwas und dann bleibt alles stehen. Der Tag stoppt einfach. Es ist fast so als würde man am Anfang des Tages in ein Auto gestiegen sein, mit dem man besinnungslos in irgendeine Richtung fuhr bis plötzlich das Benzin alle ist. Dann blickt man vom Lenkrad und Tacho auf und die Fragen kommen. Sie klopfen einfach an deine Scheibe. Kurbelst du das Fenster herunter? Lässt du die Fragen zu?

Ich denke nichts ist schlimmer als die Tatsache, dass gewisse Dinge unausgesprochen im Raum stehen bleiben. Sei es aus Enttäuschung oder Bitternis. Doch es gibt nun mal Tage, da kann man nicht antworten, denn man weiß die Antwort selbst nicht. Man geht vielleicht sogar soweit, dass man glaubt, es gibt überhaupt keine Antwort. Somit stellt sich letztens nur noch die Vermutung ein, dass es schon eine Antwort geben muss, nur ob wir fähig sind sie zuerkennen, ungewiss bleibt. Der Tag steht still.

Das alte Pärchen da drüben hält Händchen.

Absichten

Die Finger hacken auf Tasten ein. Nur einen Satz im Kopf: Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern. Vieles hat sich geändert in den letzten Wochen. Ich bin nur noch produzierender Teil der Blogosphäre. Habe in einem Akt der Verzweiflung mein digitales Leben auf ein Mindestmaß zurückgefahren. Alle von mir gelesenen Abonnements zahlreicher deutschsprachiger aber auch internationaler Blogs sind unwiderruflich gelöscht – by the way: scheinbar ist es nicht wirklich möglich, einen GoogleReader-Account zu löschen – und werden in der Form so von mir nie wieder gelesen werden. Auch sind diverse Accounts zahlreicher sozialer Netzwerke der „Inneren Revision“ zum Opfer gefallen… Tumblr, Pownce, Twitter (wobei ich bei letzterem noch ca. 5 Monate Zeit habe zu überlegen, ob ich den Datenbestand nicht doch wieder reaktivieren will) usw.

Ich wurde in letzter Zeit häufiger gefragt warum. Die Antwort ist denkbar einfach: fehlende Medienkompetenz. Wer im real life sein Geld verdienen muss oder Derivaten eines Berufsleben nachgeht, braucht eben genug Puffer, um diesem „Hobby“ zu frönen. Möchte man ein richtiger Teil dieser Blogosphärenbewegung sein, braucht man Zeit: Zeit zu lesen, Zeit zu klicken, Zeit zu lesen usw. Der unaufhaltsame Informations- und Veröffentlichungsstrom war für mich aber nur noch schwerlich zu bewältigen. Es ist nicht wie mit Musik, die aufgrund von Genretrennung, es ermöglicht den Überblick zu behalten. Ein Text führt zum nächsten usw. und muss mehr oder weniger aktiv rezipiert werden. Der Feedreader wird aber nie, wirklich niemals, eintragslos sein, wenn man die kritische Masse von ca. 100 Abonnements überschritten hat, es sei denn man löscht ihn aus dem digitalen Leben.
Es ging zu viel Zeit unproduktiv verloren, zu viel Zeit, die mir nur Mehrwert auf Gebieten brachte, die mir jetzt (und in aller Voraussicht auch in Zukunft) nichts nützen werden. Es tut mir natürlich ein wenig Leid um die zahlreichen Blogs, die ich schon seit Jahren verfolgte, deren Entwicklung ich mitvollzog, deren Schönheit an Texten meinen Alltag manchmal bereichern konnten (doch eben nicht genug, um meinen Entschluss zu ändern), aber auch die inspirierenden Grafik- und Designblogs etc. sind auf gewisse Weise ein schmerzlicher Verlust. Aber keine Entscheidung ohne Opfer.
Somit bin ich aufgewacht aus dem digitalen Traum, der mich knapp vier Jahre meines Lebens jeden Tag begleitete.
Ich lasse es einfach mal offen, ob ich dieses Blog hier schließen werde. Aus meiner Blogosphärenerfahrung zeigt sich häufig die Tendenz des „nicht-lassen-können“, wenn dann so ein Blogdings ungenutzt im Raum steht und es kribbelt in den Fingern, doch wieder etwas zu veröffentlichen. Aber meine Blog kann gern aus euren Feedreadern entfernt werden, so wird der Tod quasi von außen hervorgerufen und irgendwann werde ich mich fragen, ob es sich überhaupt noch lohnt, die Hostingkosten jeden Monat zu begleichen

Ältere Beiträge

© 2026 urbandesire

Theme von Anders NorénHoch ↑