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Wolken

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Album of the week – Gisbert zu Knyphausen – dto.

Gisbert zu Knyphausen - dto.Das Leben erkennen. Sich selbst erkennen. Ein Ziel, das zwischen all den stumpfen Geschichten irgendwie mitschwingt. Man sucht als Mensch Identifiaktionspotentiale. Jeder. Auch die, die immer behaupten, dass sie das nicht brauchen. Sie lügen. Ich habe in den letzten Monaten zahlreiches Identifikationspotential aus dem Debüt des jungen Gisbert zu Knyphausen, der mit dieser Platte die Platte des Frühjahrs und gar des beginnenden Sommers gemacht hat (und das bei so starker Konkurrenz wie Death Cab For A Cutie, The Kooks, Kettcar, The Notwist etc.). Der wichtige Unterschied bei der Identifiaktionsausschöpfung ist es nun, zu wissen, dass eine Platte so etwas vermag. Es mitbekommen und somit bewusst mitschwimmen in den Texten und Gedanken; natürlich auch den Tönen.

Abwechslungsreich, indieologisch, aber wechslungsreich kommt die Platte daher. Mit unterschiedlicher Instrumentierung, manchmal sehr spärlich: sanfte Gitarrenklänge in „Wer kann sich schon entscheiden?“ bishin zu druckvollem Bandspielv „Erwischt“ zeigt bereits, dass sie Frontmann und Band sich nicht erst entwickeln müssen, sondern bereits auf einem Level angekommen sind, das mutvoll und virtuos den Kontrast von laut und leise, schnell und langsam birgt.

In zahlreichen Rezensionen wird auf die Melancholie der Platte verwiesen. Ich sehe hier keine Melancholie. Die Platte hat einfach Vergangenheit. Da singt und spielt ein Mensch, de in seinem Leben Erfahrungen gemacht hat – Erfahrungen, die sowohl für die ganze Generation, aber auch für jeden Einzelnen sprechen können -, die er anschließend sehr gut vertonen konnte. Somit erscheint der Melancholieanspruch als marginal, denn richtige Traurigkeit will sich nicht einstellen, sondern eher eine Hoffnung heraus aus Dunkelheit und Leiden zu kommen.

Der Einschätzung der Sprachspielern, dass beinahe alles davon, was sich an den Texten auf der Platte versammelt, zitierenswert ist, kann ich nur beiflichten. Es ist ein Sammelsurium von wunderschönen Gedanken, Bildern und Vergleichen, die in der deutschen Musik eher selten sind.

Ich spüre gerade wie diese Rezension schrittweise abkackt und ich dem, was auf dieser Platte passiert nicht gerecht werde, deswegen gibt es dieses mal etwas einmaliges auf urbandesire.de… einen Kaufbefehl.

Anspieltipps: Neues Jahr, Der Blick in deine Augen, Sommernacht, Seltsam durch die Nacht

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Die Dose Mitleid

Kreuzweises Können

Heute den Wahlschein für die Fachschafts-, Gremien- und StuRawahlen ausgefüllt. Hatte ja bereits ein wenig mitbekommen vom Uni-Wahlkampf. Trotzdem blieben bei vielen Namen nur Fragezeichen übrig. Mithilfe der Wahlbeilage des Akrützels und studiVz gelang es mir einige Mitglieder diverser Strömungen besser einzuschätzen und evt. das Kreuz an einer geeigneteren Stelle zu setzen.

Jetzt bleibt eigentlich nur die Frage, welcher Student noch so einen Aufwand betreibt, um ein paar Informationen über die Kandidaten, Listenvorschläge und deren zugehöriger Programme und Ideen zu erhalten. Es hat ja schon ein Weile gedauert, bis ich mir einen Überblick verschaffen konnte, zumal nun immer noch Fragezeichen stehen. Zu viele Fragezeichen; die es eigentlich rechtfertigen würden, den Stimmzettel nicht abzugeben. Auch die Tatsache, dass sich zahlreiche Burschenschaftler über den RCDS in die Wahllisten eingeschlichen haben (man kann sagen, was man will: die Frage, ob jemand Mitglied einer Burschenschaft ist, korrespondiert immer mit seinem politischen Programm und seinen Vorstellungen, wobei ich aus Erfahrung weiß, dass diese nie meine waren), ist nicht sofort einsehbar und eigentlich erschütternd.

Wenn man sich dazu noch die „programmatischen Schwerpunkte“ der RCDS ansieht, glaubt man kaum, dass solche Inkompetenz unbeobachtet bleibt. Neben der Forderung eines auf Studenten auszuweitendes Bürgergeldes (das auch schon Papa Althaus für den Rest der Bürger fordert), steht man auch munter für die Einführung von „Studienbeiträgen“ (schlechthin als Studiengebühren bekannt, klingt aber nicht so medial abgenutzt), ohne Beitragshöhen zu nennen. Fraglich bleibt, wo der Sinn liegen soll, Studenten mit 600 Euro im Monat auszustatten, um ihnen dann pro Semester wieder reichlich Studiengebühren abzuknöpfen.

Ich hab die RCDS einfach mal rausgepickt. Auch bei den Jusos gibt es einige fragwürdige Ideen, die anscheinend nur nach dem Prinzip Che Guevaras funktionieren können: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Diese Utopien sind nachlesbar auf dem roten Campus.

Lustig wird es eigentlich erst beim Rest, deren politische Visionen nicht im Netz auffindbar sind. Selbst der „Wahlkampf“ wird so irgendwie „studentisch“ geführt. Man zeigt wenig Interesse, die eigenen Vorstellungen zu verbreiten, wenn man mal die größeren Strömungen außen vor lässt. Ich kann auf jeden Fall verstehen, wenn die Wahlbeteiligung ins Bodenlose sackt und die Wahlunterlagen mit Genuss im Papierkorb verschwinden.

Die, vor denen wir Angst haben

Er saß auf Partys selten still in der Ecke. Er war im Rausch. Aus seinem Mund sprudelten unentwegt Gedanken, manchmal auch Hoffnungen. Er tanzte, rauchte und trank. Unbekümmert blendete er alles aus. Er war wie im Rausch. Aufgestachelt und aufgekratzt atmete er schneller. Zug um Zug bog sich sein Leben. Es bog sich um ihn herum, bis es ihn gefangen hatte. Er konnte nicht entkommen.
Jetzt saß er auf Partys still in der Ecke, wenn er überhaupt noch hinging. Seine einzige Hoffnung, dass dem, was jetzt ist, Besseres folgt, wurde beendet. Schlicht und abrupt war das. Ein einziges Gespräch, tief versunken in den Gedanken des anderen, erkannte er kurz die Wahrheit. Er hatte sich in diesem Moment von allen Gründen befreit. Er fragte sich nicht warum, warum er das wolle oder verlieren würde. Er beendete die Welt der Gründe. Denn eines war ihm nun klar. Alle lebten in der Welt der Gründe. Alles hatte seine Gründe. Dass es regnete, konnte begründet werden; dass die Sonne schien, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen gut lief, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen schlecht lie,f konnte vielfach begründet werden. Er hasste sich und die Menschheit dafür zwischen allem und jedem Relationen zu sehen und… diese zu begründen. Doch die Begründung hilft nicht, sie ist nichts als ein kurzer Augenblick des Durchatmens. Spätestens zum nächsten Herzschlag kommt sie wieder auf: die Frage nach dem Warum?
Immer wieder Gründe, Ursachen, Wurzeln, Motive, Anlässe und Auslöser. Immer wieder und wieder und wieder. Kein Grund hält für immer, wird immer wieder hinterfragt. Niemand ist sich dieses beständigen Leidens bewusst, niemand erkennt, dass darin das Unglück aller liegt. Das Leben leidet, weil es zersetzt wird bis auf das letzte Warum. Und anschließend der Grund für das Warum gesucht wird. Alle leiden und niemand erkennt das Unglück darin. Bis auf ihn. In diesem Moment war ihm klar, dass es für ihn keinen Grund mehr gab. Der Status des Unbegründbaren war einfach da. Und er war zu dem geworden, vor dem er immer Angst hatte.

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