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Kategorie: Menschen (Seite 4 von 10)

Hoch ficken

»Dem wachsen Haare aus den Ohren.« sagte sie mir als ich den Hefter aus der Tasche hervorkramte, meine Stifte ordnete und mich auf die kommenden neunzig Minuten vorbereite, die sich vermutlich mit Dichterballaden der Neuzeit beschäftigen würde. Es war noch ein Proseminar, wobei das Pro nicht für professionell steht, sondern eher den Umstand kennzeichnete, dass man sich professionell durch Unkenntnis daneben benehmen nehmen kann. Für sie war es das zweite Semester. Ich kannte sie bereits aus anderen Seminaren. Sie blieb mir aus diesen immer als interessiert und lebenshungrigem, junge Studentin in Erinnerung. Sie mochte Partys und teilte meine Abneigung gegenüber Dozenten, wenn auch nur partiell.
Wir machten uns innerlich und miteinander über diesen jungen Typen, der da vorne gerade knittriges Papier aus einer bewusst zerlebten Ledertasche holte, lustig. Es ging herum, dass er der liebste Günstling eines Professors sei, zwar fachlich nicht inkompetent, aber doch durchaus das seichte Fahrwasser des Mäzen nutzend. Sein Sprache war klar, die Sätze logisch. Eigentlich mochte ich ihn ein wenig. Sie dagegen weniger. Sie fand ihn abstoßend. Zu seiner äußerlichen Lächerlichkeit, die sich im Wesentlichen aus einer runden, buckligen Figur (er war erst Ende zwanzig) und vor allem einer seltsamen Mischung aus schulterlangem, fluffigfettigem Haar, dass bei jeder Bewegung eine noch seltsamere Symbiose mit seinem Bart einging, der schief in seinem Gesicht lag, bestand, zusammensetzte, kam, trotz klarer Sprache, eher verwirrende Gedanken, die schwer nachvollziehbar waren. Das Seminar gestaltete sich recht einfach. Die Gedichte waren mit entsprechender Sekundärliteratur entspannt zu entschlüsseln, wenn man hierbei die gängige Lehrmeinung als wesentlich empfand.

Nach den neunzig Minuten tranken wir noch einen Kaffee und sprachen über eigentlich nichts wichtiges. Trivialitäten. Sie war an der Uni gar nicht interessiert; studierte Literaturwissenschaften eigentlich nur, weil sie in deutsch »ganz okay« war und ganz gerne schrieb. Ihr Vortrag, den sie vor wenigen Wochen hielt, war auch ganz okay, zwar recht wikipedialastig und sehr einführend, wie der Dozent am Ende anmerkte, aber solide. Sie sprach recht flüssig und klimperte regelmäßig und adrett mit den Augen.

Ich weiß gar nicht mehr wie dieses Seminar endete; ob ich überhaupt die letzten Veranstaltungen miterlebt hatte oder bereits, wieder getrieben war von Sorgen, irgendwelche Fristen nicht schaffen zu können, die letzten Sitzungen total verweigerte. Wir hatten uns ab und an noch mal getroffen, auf einem Kaffee. Irgendwann verloren wir uns dann auch aus den Augen.

Letztens stand ich erschüttert vor meinem Schließfach der Bibliothek. Ich steckte gerade Bücher hinein, eine Pause war das Ziel. Da stand sie wieder und streichelte das fluffigfettige Haar unseres einstigen Dozenten. Meine Hand wurde steif und drappierte zum wiederholten Mal das Buch auf immer die gleiche Stelle. Mein Schock konnte nicht tiefer sitzen. Sie hatte ihn gehasst, hatte ihn beleidigt, fand ihn abstoßend und widerlich und küsste ihn.

„Okay… jetzt erstmal durchatmen.“ Ich legte das Buch endlich ab und erging mich in weiterer Beobachtung. Sie war immer noch recht ansehnlich. Er hatte sich in den letzten zwei Jahren überhaupt nicht verändert. Bart und Haare schienen nicht gewachsen zu sein. Gewaschen aber auch nicht. Auf den zweiten Blick hatte sie sich aber schon verändert. Ich suchte nach dem Wort, das ihre Transformation beschreiben könnte. „Konservativ“ schien am angemessensten zu sein. Sie trug Perlenkette und die antikste Haarspange, die man in einem H&M kaufen konnte. Die beiden trennten sich. Er ging in Richtung Institut, sie nahm den Aufzug, um tiefer in die Bibliothek zu gelangen.

Die Pausen zu vergrübeln ist nicht immer die beste Lösung, manchmal aber unvermeidlich. Weiter brachte mich das nicht. Wenige Tage später erfuhr ich weitere, pikante Details dieser Liebschaft. Sie hatte sich als Hilfskraft am Lehrstuhl des bereits erwähnten Mäzen beworben. Dabei dann auf einer Institutsveranstaltung eben genannten Dozenten näher kennen und (und jetzt kommt die Romantik) lieben gelernt. Gut, konsternierte ich, „Menschen ändern sich“, aber mein natürliches Misstrauen schrie mich an und vermutet andere Motive als Liebe.

Ich beendete den Gedankengang, denn die nächste Information überrannte mich. Sie ist jetzt im siebten Semester und beginnt ihre Magisterarbeit. Scheinbar hatte sie den fluffigfettigen Dozenten als Katalysator ihrer beginnenden Arbeitswut genutzt. Ein neuer Mensch binnen zwei Jahren, soso. Ist man ein guter Mensch, glaubt man in solche Fällen an die wahre Liebe. Ist man ein realpessimistischer Mensch unterstellt man anderes. Es könnte z.B. der Versuch sein, ein besseres standing in einer Hierarchie zu erlangen. In Anbetracht der Komik, die der Anblick dieses Paares hervorruft, ist dieser Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen.

Aber ich merke gerade, dass ich beim Schreiben dieser Gedanken wie ein widerliches Arschloch erscheinen muss. Bitte sehr. Sie hat sich übrigens gerade von ihm getrennt. Und auch schon einen neuen Freund. Ebenso Dozent, nur ohne fettiges Haar.

Das Archiv

Beeindruckende Doku bei bildflimmern.de: The Archive.

Genie ohne Chaos

Hier wird derzeit gearbeitet. Eigentlich wird immer gearbeitet. Nur dieses Mal direkt für die Universität. Mein Mitbewohner schreibt Hausarbeit. Ich eigentlich auch, nur derzeit muss ich wieder mal kurz etwas „fertiglayouten“ und es gilt auch noch einige Blogs zu reparieren. Beim Rundgang durch die WG viel mir jedoch ein entscheidender Unterschied auf:. Der Arbeitsplatz. Ich sitze in meinem Zimmer. Blick auf die belebte Straße, viel (derzeit extrem viel) Licht. Die Kulturarenaproben beginnen. Mein Platz ist aufgeräumt, sortiert, zweckorientiert.  Nur wesentliche Unterlagen liegen bereit. Der Rest ist vom Tisch verbannt. Aufgeräumter Tisch, aufgeräumte Gedanken… ich werde aber nicht fertig.

Mein Mitbewohner sitzt in der Küche. Ich weiß jetzt nicht genau, warum er nicht in seinem Zimmer arbeitet; vermutlich weil es derzeit leicht chaotisch ist. Außerdem befürchte ich, dass er ein Denknomade ist. Er muss für Kapitel, Absätze, ganze Arbeiten (eben alle klassischen Stufen einer geisteswissenschaftlichen Hausarbeit) die Räume oder auch die Arbeitsorte wechseln. So kann er durch die Rückkehr in alte Arbeitsräume Gedankengänge direkt wieder aufnehmen. Soweit zur Theorie. Leider hinterlässt seine Arbeitswut ein Chaos, das ihn aber auch bereits während des Arbeitsprozesses begleitet. Neben Laptop, Büchern und Zetteln türmen sich Dinge und Utensilien der restlichen Mitbewohner auf dem Küchentisch: Teller, Tassen, Reste von Nahrung, die im Status der Verzehrvorbereitung weilen usw. Überall fällt der Blick auf Dinge, Unruhe… er wird nicht fertig.

Wir haben hier somit zwei Konzepte des Arbeitens, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Chaos gegen Organisation. Und doch hängen am Schluss beide Konzepte samt der Typen, die sie verfolgen, in der Luft.

Lebensqualität

Der Blick hat sich geändert. Der Ausblick ist knapp 10 Meter weitergerutscht. Von einem Blick auf eine Straße ist er zu einem Blick auf eine Kreuzung geworden. Ein Treffpunkt für Autos, Menschen und Fahrräder.
Ich bin umgezogen. „Wgintern“ könnte man sagen. Und so zeigt sich, dass die Entscheidung nach meinem Umzug aus Lobeda, nicht gleich neue Möbel zu kaufen und irgendwo hinzuziehen, sondern erstmal sich selbst abwartend zur Zwischenmiete weiterzuziehen, die richtige war. So ist mir klar geworden, was die Wohnqualität zur Lebensqualität macht. Was will man und was will man nicht, wie will man Leben, was für Annehmlichkeiten braucht ein Zimmer, um darin zu hausen und es nicht nur als Abstell- oder Schlafkammer zu nutzen. Relativ schnell war es eigentlich klar. Es muss hell sein, es sollte eine Sitzgelegenheit – sprich ein Sofa – haben und mit klaren Farben und Linien arbeiten. Ein Sessel ist ein Muss und natürlich nochmals Lich, Licht, Licht.
das neue zimmer des urbandesire
Auf obigem Bild ist zu erkennen, dass die Primärfarben rot und weiss sind. Mit leichten Einsprengseln eines schweren graublau. Auch war bei der Konzeptionierung des Zimmers klar, dass auf Sperrmüll oder An- und Verkauf verzichtet werden wird. Egal wie häufig mich Bekannte und Freunde von den Vorteilen dieses Straßeneinrichtungshauses überzeugen wollen, war ich nicht bereit dafür. Ich mag Möbel nicht, die von der Straße kommen. Die anderen reizt die Patina, das Gelebte der Möbel – für mich sind sie nur Sperrmüll.
Klingsor verfasste vor einigen Jahren mal eine Analyse über die möglichen Einrichtungsvarianten. Was sagt dein Zimmer über dich aus. Ich bin dabei jetzt nicht gut weggekommen. Meine „ikeaischen Stilplacebos“ sollen über meine noch mangelhafte Individualität hinwegtäuschen. Soweit so gut. Alternativorschlag zur Individualitätssteigerung wäre: Möbel selbst bauen. Soweit kommt es noch.

Aber lassen wir das. Der Schwachpunkt an Klingsors Artikel, der ihm wegen seiner soziologischen Kühle einfach mal verziehen sei, ist das Ausblenden des entscheidenden Faktors des Wohlfühlens. Es kommt nicht darauf an, Wohnlichkeiten auf eine gewisses Level der Individualität zu heben, sondern einzig, ob das Zimmer das Gefühl ermöglicht gerne nach Hause zu kommen. Dass das ikeaische Stildiktat nur Bedürfnisse schüren will, die den Traum vom schönen und glücklichen Wohnen erfüllen sollen, ist klar – jenseits dessen, kommt es einzig auf das Gefühl an, dass sich durch die Sehnsucht kennzeichnet, schnell nach Hause zu kommen, wenn die Wohnung nur noch wenige Schritte entfernt, schnell den Schlüssel ins Schloss zu rammen, die Treppenstufen hinaufzugleiten und in die Sphäre der eigenen – wenn auch nur diktierten – Individualität einzutauchen, sich wohl zu fühlen und das Sofa samt Bettkante mit der Zimmertür zu einem Reich zu verbinden, dass in hellem Licht dem Dunkel der Welt trotz.

Hey und manchmal ist es nicht schlimm zur Zielgruppe eines schwedischen Großkonzerns zu gehören, dessen Marketingmaßnahmen offenbar anschlagen – sei es auch nur aus dem verdeckten finanziellen Motiv.

Anruf

Heute Anruf vom Telekommunikationsanbieter erhalten. Nach einer Rechnungsanalyse sei das Team (sic!) zu der Überzeugung gekommen, dass dieser bisherige Vertrag so für mich nicht optimal ist. Ich hätte durchschnittliche Rechnungen von soundsoviel Euro. Mit dem neuen Vertragsmodell würde ich etwas mehr bezahlen – grundsätzlich so viel wie meine Durchschnittsrechnung – obendrein aber noch mehr Freiminuten, noch mehr Frei-SMS und nochnoch günstigere Minutenpreise erhalten.

Mein erster Einwand war: Durchschnittsrechnungen sind bei der Analyse gefährlich. Denn im letzten Monat – so müsste ihr Analyseteam ja festgestellt haben – hatte ich ein extrem hohe Rechnung – die für den höheren Durchschnittsbetrag zuständig war – nur aufgrund sinnloser Hotlinegespräche, die zurückzuführen sind – und das wissen sie ja leider nicht – auf eine defekte Festnetztelefonanlage. Diese hatte mich genötigt, dass kleine Mobiltelefon vermehrt zu nutzen.

Mein zweiter Einwand war: Ich habe ihre neuen Tarifmodelle bereits registriert; nur, das von ihnen beschriebene Angebot könnte ich aus den zahlreichen Banner und dem grauen Kleingedrucken so nicht entnehmen und das ist ja doof, weil an der Hotline ja alles mündlich abläuft.

Mein dritter Einwand war: Ich finde es von ihrem Unternehmen unfair, mich am Telefon zu einem Vertragswechsel zu bewegen, ohne die Empfehlung zu geben, mir ein paar Tage Bedenkzeit zu gönnen. Die Information, dass jenes „Super“-Angebot nur noch bis Samstag gilt, tut ihr übriges.

Irgendwie merkten wir dann beide, dass dieses Telefonat heute zu nix führt. Sie ruft mich am Samstag noch einmal an… wahrscheinlich, um dann die Schlinge zuzuziehen.

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