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Monat: Januar 2011

delicious diigo

Es lässt mich nicht los. Was tun wir, wenn wir bookmarken? Speichern wir die Seite ab, um sie nur zu einem späteren Zeitpunkt wiederzufinden? Ist es wirklich nur der Versuch einer Abkürzung, um ein eventuell nerviges Suchen zu vermeiden? Schon möglich. Früher war das so. Ich legte mir ein Lesezeichen in meiner Lesezeichenleiste an, ein kleines buntes Favicon und ein Wort waren nun aufzufinden, verbanden mich irgendwie mit den Informationen. Bookmarks waren etwas Privates, gingen zunächst nur mich etwas an, erfüllten ihre Gedächtnisstütze, erleichterten das Ansurfen häufig besuchter Webseiten. Und dann kam del.icio.us.

Delicious brach mit der Idee, dass das Lesezeichen nur im Nachttisch im Buch steckten. delicious brachte uns plötzlich dazu, dass Buch an einem öffentlichen Ort liegen zu lassen. Im Park. Wo alle es sehen können, stehen bleiben vor einem Regal mit einem Haufen Lesezeichen, säuberlich sortiert und wenn die Passanten wollten, können sie mein Regal abonnieren und ich reiche ihnen sekündlich frisch meine neusten Funde und Interessen im Netz weiter. delicious schafft es so „eine genuin egoistische motivation […] in eine soziale Aktion“ umzuverwandeln. Wenn ich den Markus von hackr.de hier richtig verstehe, dann bleibt der Vorgang des bookmarkens streng genommen weiter eine private – gar eine egositische Handlung, die Vernetzung treibt es aber zu einer sozialen Aktion. Auch wenn der Vergleich etwas skrupellos ist, ähnelt das bookmark-Verhalten des Web 2.0 dem Hobbeschen Menschen im Natur- bzw. Kriegszustand. Mit seinem naturfundierten egoistischen Eigeninteresse – manifestiert im Recht eines Jeden auf Alles – treibt der Naturmensch sich zwar selbst in den Naturzustand, aber gleichzeitig wirkt der Egoismus wie ein Hebel, der ihn sozial macht. Die Einsicht des Individuums ist für dieses notwendig, um zu verstehen, dass Kooperation und Rechtsverzicht die einzig tauglichen Mittel sind, den Kriegszustand zu beenden. Der Egoismus macht, so verwirrend das auch klingt, sozial. Auch wenn der Vergleich an fünf bis sechs Stellen hinkt, verdeutlicht er ein Prinzip. Egoismen können so aneinandergereiht und geformt werden. In menschlichen, sozialen Gruppen entsteht somit etwas Neues – ein neuer Raum. Ganz automatisch. Ohne, dass wir das eh gemerkt hätten. Das ist die große Stärke von delicious. Es ist die aktiv-passive Community, die mit ihren egoistischen Speichertechniken, einen Trendfinder, eine Art Suchmaschine für das unbewusste Streben des Netzes kreieren konnte.

Fraglich ist, ob das den Gründern des Dienstes bzw. den heutigen Entwicklern oder – und hier fällt das Urteil sicherlich negativ aus – yahoo bewusst geworden ist. Verfolgt man nun die nun langsam verhallende Diskussion um delicious und social bookmarking wird meist angemerkt, dass es ein Web2.0-Urgestein Dienst ist, der als erster neben Flickr den Namen Web2.0 irgendwie verdient hat. delicious als die „altehrwürdige Bookmarkverwaltung“, die verdrängt wird von Tools wie instapaper, evernote, google reader kombiniert mit der google suche oder auch der Linkschleuder Twitter (darüberhinaus auch durch tabbed browsing). Diese Verdrängung impliziert eine grundsätzliche Veränderung des Konzeptes des „bookmarking“. Was wir wieder finden wollen, suchen wir offenbar lieber in Suchmaschinen, per twitter-hashtag und andere Kanäle. Die Relevanz von delicious kann somit weiterhin nur darin bestehen, ein Informationsregulator zu sein, der menschlich bewusst-unbewusst gesteuert verschlagwortet, ansammelt und weiterverteilt.

Aber jetzt mal Schluss mit diesen kreisenden Gedanken, um Relevanz und Mär des Social Bookmarkings. Ich nahm den sunset von delicious als Ausgangspunkt mal einen anderen Dienst auszuprobieren. Mein Wahl viel dabei nicht auf das visuell orientierte Zootool oder auch pinboard, sondern diigo. Der Massenexodus hat vermutlich viele Menschen zu anderen Diensten getrieben, vielleicht haben viele wie ich auch einfach ihre Bookmarks bei einem anderen Dienst importiert, ohne delicious ganz den Rücken zu kehren. Ein perfektes Ausgangspunkt anhand der Linie meiner Bedürfnisse die beiden Dienste – diigo und delicious – zu vergleichen.

Digest of Internet Information, Groups and Other stuff ist wirklich ein beschissener Name. Zumal man ohne Recherche gar nicht darauf kommt, was das heißen könnte: Diigo. Klingt wie ein amerikanischer Mex-Tex-Koch. Ist aber momentan einer der featurereichsten und technologisch umfangreichsten Bookmarking-Dienste im Netz.

Fangen wir mit dem offensichtlichen an: mit der Optik. Diigo ist kurz gesagt: absolut häßlich. Wirklich. So lieblos wie das Menü, Linkcontent und Navigation zusammengebracht werden, schliesse ich nicht auf ein durchdachtes UI-Konzept, sondern durch beständig entwickelte Kompromisse, die die häufig nachgerüsteten Features notwendig werden ließen. Delicious hingegen – auch wenn es vermutlich Gegenmeinungen gibt – wirkt subjektiv auf mich geordneter. Vielleicht liegt es an den Strichen, den dominierenden Farbtönen aus Grau und Blau und den durchdachten Mouse-Over-Animationen. Es ist stringent und vor allem darauf ausgerichtet, zu sortieren, zu archivieren und zu suchen.

Im Hinblick auf die Funktionen kann diigo alles, was delicious als Funktionen sein Eigen nennt, nur mit dem Unterschied, dass Diigo weit darüberhinaus reicht. Allein am Feature des Post-to-Blog wird das deutlich. Delicious kann automatisch täglich Links an ein vorher definiertes Blog senden. Alles, was bei delicious landet, wird automatisch weitergepostet – alle 24 Stunden. Diigo ist das feinfühliger. Nicht nur, dass es möglich ist Listen anzulegen (das nicht-ganz-Äquivalent zu den delicious-Bundles), sondern das Send-To-Blog-Feature ist vollständig steuerbar: Listen, alles, einzelne Einträge sind abwählbar, bevor man sendet sogar noch editierbar. Ja, das heißt auch, dass automatisch gesendet werden kann, aber auch eine manuelle Blogbefeuerung möglich ist. Dabei ist die Konfiguration dieser Funktionen keine Raketentechnik, sondern recht simpel. Es ist also verwunderlich, warum delicious an dieser Funktion über die Jahre hinweg nicht nachgebessert hat. Die Social Media-Integration ist beiden Anbietern nicht geglückt. Twitter klappt, der Rest muss über Plugins geregelt werden. Jedoch bleibt die Frage im Raum stehen, wozu man dies wirklich benötigt. Links gehen ja gleich ab in die Networks und werden nicht es archiviert, um sie erneut zu publizieren. Von daher… alles okay.

Gegen Geld ist es bei diigo möglich sämtliche Bookmarks zu cachen, was ehrlich gesagt, ungeheuer wichtig werden kann, denn oftmals verschwinden Inhalte hinter Bezahlarchiven (faz.net) oder werden vom Netz genommen.

Viel interessanter ist dabei das sogenannten Bookmarklet beider Anbieter. Während delicious schon vor Jahren mit seiner Firefox-Extension den Weg ging, sich in die Browserbookmarks einzufressen und sonst nicht viel Neues zu bieten hat außer eben das Bookmarken selbst mit Tags (bzw. automatisch erkannten Tags, description usw., will diigo an dieser Stelle mehr: neben dem klassischen Bookmarken (respeketive wie bei delicious) ist es möglich, Textstellen zu markieren, mit Notizen zu versehen und – siehe da – auch in Social Networks (twitter, facebook, GoogleBuzz, Email und diigo-Kurz-URL) weiterzuverbreiten.

Die Bookmarkverwaltung auf der Website selbst, ist bei beiden recht ähnlich. Ich sehe aber leicht Vorteile aufgrund der optischen Aufbereitungen bei delicious. Die delicious-Links sind bei diigo „Items“, bundles sind bei delicious tag bundles, während Listen bei diigo item-Listen. Diigo-Listen können noch einmal in sections unterteilt werden, gut für die eigene Stukturierung bzw. dem sortierten Weiterverbreiten in anderen Publikationen. Das Bearbeiten von tags klappt bei beiden Recht gut, optisch natürlich Pluspunkte für delicious. Einzig die Bearbeitung von Listen finde ich bei diigo gruselig: keine Masseneditierung, alles sehr behäbig. Auch das Hinzufügen einzelner Items zu mehreren Listen ist imho nicht möglich. Seltsam. Der workflow bei diigo ist somit ein wenig anders. Wer aber gleich zu Beginn des Bookmarking-Prozesses ein wenig mitdenkt, was seine eigene Sammel- und Archivierungstruktur anbelangt und auch gleich ordentlich taggt, wird schnell alles wiederfinden und im Nachhinein kaum etwas ändern müssen.

Ein wichtiger Aspekt – vielleicht der wichtigste, wenn man meine obigen Worte berücksichtigt, ist die Community bzw. das Network. Es gibt nichts Spannenderes als den bookmarking-Stream zu beobachten und aktuell das Denken der Nutzer nachzuvollziehen. Was ist wichtig, was ist hinreichend bedeutend, um abspeichert zu werden? Hier sehe ich für mich persönlich einen klaren Vorsprung für die delicious-Community. Das Recherchieren – obwohl technisch bei beiden Anbietern recht identisch – versorgt mich bei delicious mit den besseren spannenderen Ergebnissen. Es bleibt also in den nächsten Monaten wichtig zu beobachten, wohin die Entwicklung geht. Ich denke nicht, dass delicious sterben oder gar aussterben wird. Der sinnlose Massenexodus aufgrund einer kleinen Meldung, ist menschliche Hysterie, die sich vornehmlich im Web gerne bildet. Delicious als Urgestein des Web2.0 ist noch zu wichtig, um einfach abzutreten. Ich denke es wird sich schon en business angel finden, der unterstützt; der aber hoffentlich auch darauf besteht, die technologische Entwicklung voranzutreiben. Vor allem im Hinblick auf die Nutzbarmachung der/des „Wisdom/Bookmarking of  the crowd“. Denkbar wären zeitlich filterbare Resulate, endlich die Integration des Seiten-Cachings, eine spannendere Verzahnung der tags usw.

Momentan gibt es also nur wenig Gründe umzusteigen. Es sei denn man ist interessiert am Neuen. Diigo neben vielen anderen ein guter Kandidat. Vor allem, weil man durch das nette Feature „Save To Delicious“ beide Accounts bei diigo und delicious synchron halten kann, wenn man die Bookmarks zunächst im diigo abspeichert.

urbandesire.de – Jahrescharts 2010

Wenn ich die Statistiken von last.fm an jedem Jahresende auswerte, um die Jahrescharts zusammenzustellen, dann glaube ich in jedem Jahr erneut, dass die richtigen guten Sachen dann doch nicht herausgekommen sind. Im letzten und vorletzten Jahr ließ ich mich zu der Bemerkung herab, das Jahr als schwach einzuschätzen. Obgleich ich einschränkte, dass es vermutlich an meinem steigenden Alter liegt. Ich weiß es nicht. Dieses Jahr war ganz in Ordnung: schöne neue Hardcore-Platten, ich entdeckte gegen Ende des Jahres meine Liebe zu Deep-Techno, Electro und Dub Step (alles natürlich in Maßen) und ab und an mal eine nette Indie-Perle.

Es ärgert mich noch immer, dass ich keinerlei statistische Fähigkeiten habe und somit aus dem vorhandenen Datensatz bei last.fm nicht viel machen kann. So zum Beispiel keine Skalierung in der Form, wie sich das Erstspieldatum eines Albums auf die Position im Ranking auswirkt. Was nichts anderes heißt, wie stark die Relevanz eines Albums, das erst im November herausgekommen ist, für die Jahrescharts. Egal. Die zehn Positionen bleiben recht subjektiv ausgewählt.

10. Fotos – Porzellan

Fotos sind eine Band, für die man sich irgendwie rechtfertigen muss. Jedenfalls empfinde ich das so. Also ich muss mich dafür rechtfertigen. Während ich das Debüt nicht allzusehr leiden konnte, gefiel mir der zweite Release „Nach dem Goldrausch“ schon eher.  Indie, der immer etwas gedrosselt wird. Chöre, Streicher und Melodien und Riffs, die gerne hängenbleiben können. Nichts Außergewöhnliches. Dann kam „Porzellan“. Und ich kann die Entscheidung der Band nur begrüßen, nicht an der Stelle wieder angesetzt zu haben, wo das letzte Album stoppt. Es bleibt zwar bei der Klarheit und Simplizität der Vorgänger, aber auf einmal ist über Fotos die Nacht aufgestiegen. Das Vokabular, die elektronische Instrumentierung, die ganze Stimmung ist in einen tiefen Nebel eingehüllt, der mit einem ordentlichen Schuss Shoegaze-Industrial serviert wird. Ein Song wie „Nacht“ spricht an dieser Stelle Bände. Düster, ein elektronisches Depeche Mode-Riff, ein bisschen The XX-Distanziertheit. Wunderbar. Das Album rutscht in die TopTen, weil ich so eine musikalische Weiterentwicklung fabelhaft finde.

9. Eels – Endtimes

Schwere Entscheidung. Wie wahnsinnig muss man eigentlich sein, drei Alben innerhalb eines Jahres zu veröffentlichen. Mit der Trilogie – Hombro Lobo (Juni 2009); End Times (Januar 2010); Tomorrow Morning (August 2010) setzt E diesmal zwar keine absoluten Maßstäbe, aber für einen Platz innerhalb der TopTen reicht es allemal. Hätte er die Songsauswahl der Trilogie nur verdichtet und daraus ein einziges Album gemacht, dann wäre ein Platzierung weiter vorn möglich gewesen. Aber nun gibt es zu viele Schwachstellen auf den Alben verteilt, die so dahinplänkeln ohne zu berühren. Exemplarisch – nun ja – auch aufgrund seiner doch besonderen Güte, hat es End Times, die Mitte der Trilogie, auf Platz 9 geschafft. „Hombre Lobo“ trotz schöner düsterer Ansätze und einer gewissen Nähe zu meinem Eels-Allzeit-Favoriten „Souljacker“ gelingt es nicht ganz „End Times“ außer Kraft zu setzen. Dafür ist dieses Album so gespickt mit Trauer und Verzweiflung, dass man es unter der sanften Haube des allzu oft musikalischen Dahingeplänkels fast vergisst schmerzhaft zu genießen.

Es ist das Album danach. Nach dem Zusammenbruch, nach der Trennung… es fasst das Nach des Endes. Mit der genialen Songidee wie „Little Bird“, dem traurigen Einstieg mit „The Beginning“ und dem genialen „Unhinged“.

8. Jónsi – Go

Das ist mein Wecker. Irgendwie so „Go Go Go Kit Kit Kitty“ beginnt es. Die ersten Takte des Morgens, der die Nacht nicht so recht verdrängen will. Das Album hat mich überrascht. Hätte man das letzte Sigur Rós-Album „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ nicht gehabt, hätte man von etwas Neuem sprechen können. So ist es zumindest ähnlich, ohne dabei nur ein Aufguss zu sein. Ich bereue es, die aufwendige Tournee, die Jónsi in den letzten Monaten hinter sich gebracht hat, nicht genutzt zu haben. Aber sei’s drum. „Go“ ist ein hervorragendes Album eines herausragenden Musikers. Sehr zu empfehlen sind auch die zahllosen Live-Mitschnitt und Unreleased Songs, die dieser verrückte Type da in seinem Blog Victory Rose zusammengestellt hat.

7. Console  – Herself

Ich bin ja stolzer Besitzer einer Original The Notwist-Autogramm-Caféserviette. Immer wenn ich dann das neue und von mir lang ersehnte Konsole-Album höre, fasse ich wie ein kleines Kind die Autogrammserviette an und drücke sie an mein Herz. So verzückt bin ich von „Herself“. Die neuste Auskopplung von Martin Gretschmann, dem Mann hinter Console, bewegt sich in der Knautschzone von Elektropop und Ambient. Und dieser Mix wird belebt von der wunderbaren Stimme von Miriam Osterrieder, die in Songs wie „Bit for Bit“ oder  „A Homeless Ghost“ einfühlsam die Cyberpunk-Seele zum schwelgen bringt: „Bit For Bit We’re All Alone“. Ein wunderbares Album, wenn man abends wieder mal allein vor dem php-Code, den css-Hacks oder der entseelten Facebook-Pinnwand sitzt.

6. The Chariot – Long Live

Wow. Das neue „The Chariot“-Album „Long Live“ ist wirklich lang. Mit einer Spieldauer von gut 30 Minuten überragt es den Vorgänger „The Fiancée“ mit gut 29 Minuten über eine (!) Minute. Der Name ist also Programm. Oder so. Musikalisch hat sicher ehrlicherweise nicht viel getan. Alles dabei: Metal-Gehämmer, Biester-Punk, Screams, Shouts und jede Menge Wut. Alles fein garniert mit der fast unmenschlichen Stimme von Josh Scogin (jap, ehemaliger Norma Jean-Christen-HC-Super-Duper-Band-Sänger). Also alles dabei für einen feinen Tanzabend mit Freunden und genießbar ab mittlerer Hörsturz-Lautstärke. Wer mit Chaos,  5-sekündlichem Melodikwechsel und jeder Menge Christenschmerz zurechtkommt, kann hier getrost hinhören – alle anderen werden es nie verstehen. Zu empfehlen sei noch das wirklich witzige Video zu Track No. 7: „David De La Hoz“. Und jetzt Schluss.

5. Trent Reznor – Atticus Ross: The Social Network

Der Trent. Düster. Düster und vor allem ruhiger ist er in den letzten Jahren geworden. Und genau das hat sich David Fincher für seinen Score zu „The Social Network“ zu Nutze gemacht. Herausgekommen ist bestimmt genau das, was Fincher vorschwebte. Wunderbar schwirrende Elektronik in stets sanften Mollakkorden, ein ergreifender Soundwall nach dem anderen, der sich vor dem Auge auftut und versucht der Aufbruchstimmung – damals 2003/2004 – nahezukommen. Funktioniert perfekt im Film. Spannenderweise ist der Score aber auch ohne die visuelle Unterstützung von Fincher ganz nett anzuhören, was für die Klasse von Trent Reznor und Atticus Ross spricht. Sehr zu empfehlen und deswegen zurecht in der Mitte der Jahrescharts platziert.

4. Philip Selway – Familial

Philip Selway hat auf “Familial” irgendwie alles richtig gemacht und er hat mit seinem ersten Soloalbum etwas gemacht, was man aus dem Umfeld von Radiohead wohl nicht erwartet hätte. Familial ist nicht wie Yorkes Eraser-Platten eine Electro-Fummelei hart an der Grenze des Hörbaren, sondern wunderbar sanfte Indie-Folk-Acoustic-Musik, die mit elektronischen Spielereien so sparsam verfährt, dass diese fast ins Unhörbare versinken. Ebenso richtig war es auch – so sehr ich auch Thom Yorke verehre – diesen eben nicht auftreten und das obligatorische Ständchen singen zu lassen, sondern vielmehr einen eigenen Schritt zu gehen, der die musikalischen Spuren Radioheads nicht verleugnet, aber eben doch bewusst anders klingen will. So ist bereits der Opener “By Some Miracle” richtungsweisend. Mit spärlicher Instrumentierung, gehauchtem Gesang und wenig sparsam eingesetzten elektronischen Effekten schlürft sich das Album ins Ohr und geht nicht mehr aus dem Ohr. Mal hier noch ein Piano, mal ein paar mehr elektronische Tipser und stets der gehauchte Gesang oder ein sanfter Background-Chorus. Es gibt keinen wirklichen Ausfall in den gut 32 Minuten. Allenfalls “Broken Promises” zieht dann doch zu sehr seinen Weg in Richtung eines schlechten Weihnachtslied-Refrains. Kann aber damit dieses hervorragende Album nicht wirklich trüben. (siehe Rezension)

3. Escapado – Montgomery Mundtot

Fies, wenn einem die Band wegstirbt. Alle austreten bzw. es ja schon reicht, wenn der Sänger aussteigt. So geschehen bei Escapado – der norddeutschen Hardcore-Hoffnung der letzten drei Jahre, die mit „Hinter den Spiegeln“ und „Initiale“ einen ganz eigenen, oft belächelten Weg gegangen sind. Mit dem nun dritten Album „Montgomery Mundtot“ wird dieser Weg – vermutlich wegen des unerschrockenen und auch Hintergrundsstrippenzieher-Gitarristen Sebastian Henkelmann – auch einfach weiter beschritten. Escapados Musik lebt, nicht wie immer gesagt wird von den Texten oder den Vorschusslorbeeren, die Hardcore-Bands in unserem subkulturignorierendem Land ab einem bestimmten Status nun mal erhalten, sondern von dem Spiel des eben bereits erwähnten Sebastian Henkelmann. Das, was er da im Studio aber auch live ganz unaufgeregt – fast entspannt – an Sound, Gitarrenriffs, Verspieltheit und Einfallsreichtum im Gitarrenspiel an den Tag legt und hörbar produziert, ist es, was diese Band vorantreibt. Gepaart mit dem neuen Sänger Felix Schönfuss ist ein wunderbares drittes Album herausgekommen. Bei dem man sich bloß fragt, was ist ab Song fünf passiert? Viel zu entspannt für eine Hardcore-Platte wird es da, aber gut. Trotzdem fein gemacht – es passt ja erst zusammen, wenn es sich widerspricht. Platz 3.

2. Gisbert zu Knyphausen – Hurra! Hurra so nicht

Ich finde ja ein „Übersong“ macht zwei, drei mittelmäßige Songs wett. Und genau das ist der Grund für Platz zwei für „Hurra! Hurra so nicht“. Das neue Album von Gisbert zu Knyphausen versammelt jede Menge guter bis sehr, sehr guter Songs in seinen gut 45 Minuten Spielzeit. Neben dem für Gisbert imposanten Opener „Hey“, dem wunderschönen „Seltsames Licht “, einer beeindruckenden Introspektive wie „ Morsches Holz“ und vielen mehr. Allen ist gemeinsam, dass Gisbert als Singer und Songwriter stets mit textlichem Sachverstand im Mittelpunkt steht. Die Musik begleitet ihn, es lohnt sich also stets die Texte zu hören, zu deuten oder zum Teil auch zu verstehen. Der Übersong des Albums – wahrscheinlich der beste in Gisberts Karriere ist für mich „Kräne“, der auch so ein peinliche Auskopplung wie „Melancholie“ vergessen machen kann. Danke für das schönste Sommerlied der letzten Jahre.

1. The Hirsch Effect – Holon: Hiberno

Finale. Das ist jetzt ein wenig speziell. Das ist jetzt auch nicht mehr nur Musik. Das ist Kunst. The Hirsch Effect machen vor, was Dieter Bohlen, The Scorpians oder auch die gesamte versammelte Riege von Castings-„Stars“ und Casting-„Bands“ in ihren kompletten Karrieren nicht hinbekommen haben. Auf „Holon: Hiberno“ versammeln sich pro Song mehr musikalische Einfälle, Tempowechsel, Ideen, Rhythmusdrehereien als die eben genannten auf drei Alben (wenn sie denn überhaupt so viele haben) insgesamt produzieren können. Deswegen ist es auch schwer, diese Musik zu hören. Man kann sie auch nicht hören, man muss sie begreifen, das Unstete nicht nur als Merkmal anerkennen, sondern einzuordnen wissen. Auf „Holon: Hiberno“ ist ein Song nicht einfach ein Song, sondern es sind musikalische Gebilde mit Themen, Motive, Ideen usw., die sich über mehrere Tracks erstrecken können. Dabei werden Riffs, Schreie, Chöre, elektronische Schnispel und vieles Weitere in Szene gesetzt, ohne bloß aneinandergereiht zu werden. Dazu gesellt sich ein skandierender Gesang, der die Musik mehr umspielt als sie ihn. Schließlich endet es oft im Soundbrei, der dann plötzlich durchbrochen wird von Ruhe und Ordnung – nur ein Durchatmen bis es weiter geht mit der Soundhölle. Dieses Muster nun über mehrere Tracks entfaltet, lässt das Hören dieses Debütalbums zu einer kleinen intellektuellen Herausforderung werden und sucht auf dem deutschen Markt seines Gleichen. Deswegen Platz 1. Einen Eindruck kann man sich im Stück „Vituperator“ holen, in dem das eben erklärte Prinzip in knapp 6 Minuten durchgespielt wird.

So. Das war es für 2010. Raussuchen könnte ihr euch den Krempel ja selbst.

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