urbandesire

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Monat: Mai 2009

100000 ist dann doch eine große Zahl

Viele Artikel würden seit meinem ersten Aufruf geschrieben, viele Nachrichten und Stellungnahmen verlesen, es wurde viel diskutiert… noch sind die Kritiker nicht verstummt und die Mitzeichnerzahl bewegt sich auf die 100000 Marke zu. Deswegen kann ich nur raten und bitten sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen. Diese können recht umfangreich ergooglt werden (Zensurula etc.) oder auch auf netzpolitik.org eingesehen werden. Für die Basisinformationen sollte zunächst aber erstmal dies genügen: zeichnemit.de Hier können alles Grundinformationen der letzten Wochen nachgelesen und auch weitere Hintergrund zur Epetition recherchiert werden.

Schön, dass es jetzt endlich auf urbandesire.de blinkt.

UPDATE: In der aktuellen Debatte gibt es zwei neue, kontroverse, interessante und doch recht gegensätzliche Artikel. Die Zeit nimmt mit Heinrich Wefing eine krude und für mich zum Teil nicht haltbare Stellung ein, indem sie sinnloserweise ideologisiert: Wider die Ideologen des Internets! (Artikel mit Ausrufezeichen sind immer mit Vorsicht zu genießen.) Christian Stöcker betrachtet imho das Problem differenzierter und sieht die Menschen des Portesbewegung nicht als eine anonyme Masse an, sondern versucht einen Wesenbereich abzustecken, den er als Generation C64 betitelt. Er will darauf aufmerksam machen, was im Namen der Politik schleichend für Grundrechtsverletztungen durch die Regierung begangen werden. Der sehr lesenswerte Artikel heißt: Die Generation C64 schlägt zurück.

Ein Plädoyer für das Vergessen

Was erwartet man vom Leben? Zum einen vermutlich nicht vergessen zu werden. Man will diesen Sud aus Erinnerungen, Fetzen von Leben und Glück konservieren. Ich habe dafür ein Regal. Es ist eigentlich ein sehr schönes Regal. Schweres, duftendes Holz, weich abgeschmiergelt, unlackiert. Darin Regalböden mit nicht Vergessenem. Ganz unten habe ich in Konservengläser Geruche gesperrt. Fein sortiert. Ein kleines weißes Schild auf diesen Gläsern verrät den Inhalt. Dieses da beispielsweise: „Frühling 2005“ Darin der salzig-modrige Duft von Meeresmuscheln, der sofort das Gefühl von knirschendem Sand unter den Füßen hochkommen lässt. Oder dieses hier „Irgendwann 2006“: Eigentlich riecht es überhaupt nicht. Vermutlich war es ein ruhiger Nachtmittag auf dem Sofa; an einem Tag, an dem nichts passierte, die Luft flirrte und irgendwie die Welt stillzustehen schien.

Die Geruchssektion ist nicht so gut bestückt. Darüber ist ein Regalboden mit CDs. Oh, Gott Musik. Der Regalboden hat schon leicht Kratzspuren, weil die Hüllen so oft umsortiert wurden. Ich kann mich nie entscheiden, ob einer alphabethischen Reihenfolge oder einer biographischen Folgen soll. Erster hat natürlich den Vorteil einer besseren Auffindbarkeit des Lebenssoundtracks, letztere ist authentischer. Stimmt… über diesen Song lernte ich diesen oder jenen kennen und lieben. Somit wird hier regelmäßig umgeräumt, doch der Bestand bleibt eigentlich. Es sind Alben aus guten Tagen dabei. Tagen, an denen vermutlich die Sonne schien oder das Wetter in seiner Gänze egal war. Man hatte seine Hand auf dem Bauch des anderen und es war gut noch mal eine Stunde an der Luft zu sein. Dann gibt es aber auch die sich häufende Sektion von Platten, die … naja sagen wir es mal so weniger guten Gefühlen Pate standen. Unglaublich wie viel und gleichzeitig wie wenig es dann doch wieder ist. Fasse ich diese zerkratzen CDs an, kommen mit kalte Abende an meinem Schreibtisch in den Sinn. Ich starrte auf die Schreibtischplatte und fuhr mit den Fingern die tiefen Schluchten und Risse meines Herzens nach. Tagelang saß ich vermutlich so und das Sonnenlicht vermochte es nicht den Raum zu erhellen. Aus einem Gemisch aus Kaffee und Zigaretten formte ich mir Träume, die mich die ganze Nacht wach hielten und mich bewegungslos gen morgen ritten ließen. Die traurigen Melodien versetzt mit noch schrecklicheren Textzeilen und immer wieder because we are separate … sind zu einer wesentlichen Substanz meines Herzens geworden. Niemand wird das je verstehen. Niemand kann das auch verstehen. In aller Verlogenheit glaubt der Betrachter dieses Regal irgendetwas von all dem nachvollziehen zu können und will sich dabei nicht eingestehen, dass seine verständnissvolle Tiefe mit einem oberflächlichen Selbstbemitleidung umrandet ist, die zwar Tränen ausspuckt, aber eben aus den falschen Gründen.

Nichts ist also schlimmer als wenn diese Lieder versehentlich noch einmal im Musikabspielgerät landen und die ersten Takte bereits solch‘ einen Sog entwickeln, der einen, egal in welcher Situation man gerade steckt, tief in die Dunkelheit presst… Gehen wird deshalb weiter. Regalbodennummer drei ist zweigeteilt. Zum einen befinden sich hier Bücher. Ja. Literatur, die verantwortlich ist, dass ein man etwas kollektives empfindet. Ja und dann ist ja noch das mit der Axt und dem Meer in uns usw. Okay alles Komponenten, die diese Bücher haben. Aber ihre wichtigste Eigenschaft ist, dass ich sie nicht mehr lesen kann. Es reicht schon der erste Satz und ich stehe diesem Buch nicht mehr neutral gegenüber und möchte es an liebsten mit hassvollen Stoßgebeten einem glimmenden Feuer übergeben. Der andere Teil dieses Regalbodens ist bestückt mit Fundsachen aus dem Bereich „Scheiße, die passieren musste und nicht zu verhindern war…“ Da liegt zum Beispiel die erste Zigarettenschachtel, die unter neuen Vorzeichen geraucht wurde. Also nicht mehr als Spaß und Zeitvertreib, sondern konsquenter Bedürftigkeit und anhängender Sucht. Oder auch ein kleines Plastiktütchen. Darin befindet sich das Ergebnis meines Versuches die ganzen ernstgemeinten Worthülsen zahlreicher SMS zu konservieren. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist. Das Regal ist an dieser Stelle ziemlich vollgepackt. Alle Exponate des Leidens erscheinen dabei gleichzeitig als solche der Leere. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie zu beschriften. Im gemeinsamem Kontext sagen sie dem Betrachter genug.

Darüber habe ich an der Regalrückwand Fotografien angebracht. Eigentlich hatte ich sie angebracht. Sie sind verschwunden. Zunächst hatte ich sie nur umgdreht. Aber ich mochte nicht mehr auf diese weißen Flächen starren, die mir nie das Gefühl gaben, weitermachen zu können. Immer blieb mein Blick kleben und dachte an die andere Seite. Schließlich entschied ich mich in einer stark alkoholisierten Nacht die Bilder zu entfernen und sie in eine Schublade zu schieben. Beim Wegpacken fiel mir auf, dass sie bereits ganz verblichen waren. Sie wollten mir nichts mehr sagen. Hatten sie doch schon so lange weh getan und symbolisierten sich doch auch irgendwie den Urgrund dieses Schrankes selbst. Somit ist dieses Regalboden leer. Eigentlich wie ich. Relikte können mein Leben nicht erfüllen. Ich bin leer. Nicht absichtlich, eher leer gespielt.

Keiner der beteiligten wird das je verwinden können. Dafür gibt es diese Relikte. Doch ihre bloße Anwesenheit soll mich nicht länger am Fortbestand hindern. Genug Existenz wurde durch den falschen Glauben an Relikte zerstört. Der Wille war nie da dafür, es kam einfach zum Vergessen. Aber dann doch nie ganz.

Bloglesung, Nummer 3

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Es ist wieder soweit. Die Thüringer Bloglandschaft entkrampft die Faust und schlägt das Buch auf. Die dritte Thüringer Bloglesung ist in intensiver Vorbereitung. Bastih und Jojo stellen das Organisationsteam und somit sind Ort und Zeit schon gesetzt: am 06.06.2009 im Café Markt 11 in Jena (Gott, ist diese Seite braun). Der Beginn ist 19 Uhr. Und einige bekannte Bloggergrößen sind wieder mit dabei: Textspeier, Pulsiv, Robby, Bastih, Jojo und auch evt. Smikey. Ich werde auch etwas dazubeitragen. Ein paar Textchen der letzten zwei Jahre. Es ist ja viel passiert seit 2007, als ich meinen Intro-Outro-Vortrag so verbockte. Genauere programmatische Aspekte + optische Kommunikationsmittel werde sicherlich noch bekannt- und ausgegeben. So long.

(Update: Irgendwie sind die Links im Text optisch nicht hervorgehoben. Keine Ahnung warum. | Update²: Klappt wieder, war nur der Browsercache… wie sinnlos diese Updates doch sind.

Update³: Jojo hat das Banner fertiggestellt. Oben zu sehen.)

Alleingelassen

wiese

Ich träume schon seit geraumer Zeit nichts mehr. Ich mache mir dahingehend auch nichts vor. Mein Tagleben hat sich in mein Nachtleben geschlichen und mein Hirn hat kapituliert offenbar vor all dem Müll, den es da sehen und nachfühlen muss.  Es gibt kein Bild und keinen Ton aus. Ich versuche nicht ständig an mich zu denken. Irgendwie weiterzugehen, aber ständig holt einen das Eigene ein und steht unweigerlich neben einem. Die Sonne scheint heute. Die Musik spielt leise und bäumt sich ein wenig gegen das Graue des Tages. Ich habe meinen Computer mitgenommen und versucht anderen Orten zu denken, doch sobald ich diesen Rechner aufklappe und die weißen Seiten sehe, die eigentlich keine sind, passiert nichts. Ich kann das ich nicht zurückfahren und weitergehen. Es klebt an mir. Ich bin auch ein Tor, der glaubt sich selbst zu bändigen. Irgendetwas in mir will, dass ich es aufschreibe, glaubt, schreiben ist so gut wie reden, doch niemand wird es lesen, niemand wird zuhören.

Früher dachte ich stets, dass all das nur in wirklich schlechten Filmen passiert. Ich meine damit diese Sinnlosigkeit von Fehlern, das bewusste Falschmachen von Dingen, die man besseren Wissens natürlich richtig gemacht hätte. Aber nun erstmal langsam: Früher dachte ich stets an eine große Stadt. An ein große Stadt, die mich beherbergt. Ich würde in einem modernen Haus wohnen, viel Stahl noch mehr Beton und darin würde es einfach funktionieren. Der Fehler dieser Vorstellung war natürlich ich. Denn nie hatte ich nur einen blassen Schimmer davon, was ich da eigentlich tun würde… in diesem großen Gebäude aus Stahl und Beton. Es war aber genau besehen kein Fehler im Traum. Es war stets nur eine Lücke. Man war so fokussiert auf einen kleinen Teilbereich des zukünftigen Lebens, dass natürlich stets besser sein würde als der Normzustand der aktuellen Existenz, dass der globale Eindruck fehlte. In diesem Träumen stand ich nie müde an der Supermarktkasse und betrachtete das verklebte Warenband, das immer mehr Krümel in die Dunkelheit beförderte, ich saß auch nie alleine auf dieser großen, alten, schweren Couch mit einem lauwarmen Kaffee auf dem Beistelltisch und lechzte nach stabilen Wlanempfang. Ebenso gab es keine traurigen Nachmittage und auch nie zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten, die nicht durch ein langes Gespräch auf eine Parkbank… oder noch besser auf weiß-rot gepunkteten Decke im saftiggrünen, hohen Gras gelöst werden konnten. Probleme waren in dieser Welt einfach Mangelware. Beziehungen wurden einfach beendet und es gab ein starkes Gewitter, der Regen plätscherte stets romantisch gegen die Fenster und wenn man doch mal lange wach war, war natürlich der nächste Morgen mit ausreichend Schlaf versehen.

Die Sonne musste so in diesem mit Glück zugeschissenen Universum auch nicht jeden Tag scheinen. Denn es war auch unglaublich toll bei leichtem Regen und einem kühlen Wind auf dem Altbaubalkon von Freunden zu sitzen und mit warmen Laugenbretzeln in der Hand den guten Platten von Oasis zu lauschen. Hatte ich jemals die Idee von Abgabeterminen? Von Geldnot, Durchfall oder auch Tabakmangel an Sonn- und Feiertagen? Ich fürchte nicht. Ich lief gepflegt mit perfekter Figur durch die Strassen. Traf Freunde in Cafés mit Sofas, deren rissige Lederbezüge nach warmen Kaffeebohnen dufteten. Der Kaffee war stets heiß und ich schmeckte in ihm die weite Welt. Keine Angst ließ mich zurückblicken. Nur nach vorne. Und was ich da sah, war nicht klar umrissen. Es fühlte sich nur gut an. Man plante immer etwas, hatte was laufen, es hatte Erfolg. Es war gut.

In dieser biedermeierischen Wohlbefindlichkeit lag ich nachts nie wach. Die hitzigen Angstwellen durchströmten mich auch nie von den Haarspitzen bis zu den Zehen, wo das Kribbeln meinen Unterleib zusammenzucken ließ. Liebe war nur positiv. Man ging gemeinsam ins Bett und blickte sich kurz vor dem Einschlafen noch einmal tief in die Augen, um eventuell das Bild des anderen tiefer in den Traum zu reißen als nötig. Des morgens weckte uns nicht ein monoton industrieller Wecker auf. Es war nicht so, dass jemand mit Gewalt die viel zu kurze Nacht beendete, um die Bettinsassen in den Morgen auszukotzen. Nein. Es war vielmehr ein sanftes Hinübergleiten aus dem Schlaf in Tag. Und der erste Blick des Tages lag auf einem wundervollen, sonnengetränkten Körper in weißen Laken. Ihr Nacken war umspielt von leicht tändelnden Härchen. Und ich küsste die warme Haut und beobachtete wie ganz langsam die Druckstellen des Kusses verschwanden.

So viel dazu. Wirklichkeit ist etwas anderes. Jetzt ein Gegenbild aufzubauen wäre sinnlos. Negative Vorzeichen, die den Sätzen vorangehen reichen eigentlich aus. Nennt sich performatives Lesen, lieber Leser.

Sich selbst Entscheidungen abzuringen tut weh. Immer besteht die Hoffung, dass sich alles von selbst ergibt. Eines dann doch mal endlich zum anderen führt. Einfach so. Aber nein. Leben heißt dann wahrgenommen werden und als solch‘ Wahrgenommener ist man ja verpflichtet Dinge zu regeln. Richtig zu regeln. Keine Ahung wie all das gehen soll.

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