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Leuchtturmwärter

Keine Ahnung, woher das kommt.

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Seine Hände suchten im Spülbecken nach Besteck, erfühlten aber nur das angewärmte Metall der Edelstahlspüle. Er gab es auf. Hatte er wirklich alle Löffel, Messer und Gabel aufgewaschen? Er ließ das Wasser aus dem Becken. Und da fand sich doch noch ein kleiner vergessener Plastiklöffel. Er wusch ihn unter den Wasserstrahl ab und legte ihn zu den anderen auf das Handtuch.

Er war der letzte und einzige. Er war es. Er war der letzte Leuchtturmwärter auf der Welt. Alleingelassen im Meer. Weit und breit kein Land, kein Stein und keine Seele mit der man sich unterhalten könnte. Früher gab es immer eine Zwei-Mann-Besatzung für einen Leuchtturm, damit man abends Schach spielen konnte. Heute aber ist man allein, weil eigentlich eine Maschine diese Aufgabe ersetzten und komplett erfüllen sollte, aber an diesem letzten Leuchtturm die Arbeits- und Pflichterfüllungswut der Maschinen halt gemacht hat.

Der Leuchtturmwärter konnte sich noch erinnern, wie er früher immer die Leuchttürme angesehen hat. Egal ob nachts oder tags, bei Regen, Wind, Eis, Sturm… immer waren sie da, immer leuchteten sie ihr Signal in die unglaublichen weiten des Meeres.

Der Leuchtturm stand auf einem kleinen Felsen inmitten des Nordmeers. Um ihn herum kreisförmig bildeten sich die Schaumkronen. Geschützt durch einen Wall des Todes dachte der alte Leuchtturmwärter. Kein großes Schiff kann diesen letzten bemannten Felsen im Meer erreichen. Keine wollte ihn auch erreichen. Obwohl sich jeder an dem Leuchtturm orientiert und diesem dankte, wollte dem Leuchtturm keiner zu Nahe zu kommen. Der alte Leuchtturmwärter stand an einem der Gucklöcher des Turmes und betrachtete die unruhige See. Wild, war sie. Aufgeschäumt und aufgepeitscht durch den Wind und die unruhigen Seelen stürmte es da draußen so dahin. Er stieg die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinauf. Hinter einer Glastür stand sein schwerer hölzerner Schreibtisch auf dem Karten der See und des Festlandes verstreut lagen. An den Wänden hingen Bilder von dem Leuchtturm und Schiffen und allerlei anderen Seemannszeug. Der Leuchtturmwärter setzte sich schnaufend und erschöpft vom Treppenaufstieg hinter seinen Schreibtisch, knipste mit zwei Fingern die Tischbeleuchtung an und begann mehr oder weniger vertieft die Karten zu studieren. Obwohl er jeden Winkel dieses Meeres in- und auswendig kannte, sah er es als seine berufliche Pflicht an sein Gedächtnis niemals zu unterfordern. Deshalb setzte er seinen Kopf jeden Abend diesem Training aus. Das Surren des Generators holte ihn wieder und wieder aus den Gedanken. Nachts wenn er schlief, zeigte das Surren ihm, dass sich die Lampe des alten Leuchtturms noch bewegt und eventuell nicht vorbereitete Schiffe ihre Orientierung nicht verlieren. Aber wenn er wach war, zermarterte dieses Geräusch sein Gehirn.

All Abendlich ging er zum Funkgerät und wartete darauf, dass sich das Festland meldete und ihm am Leben erhielt.

Die Tage, wie auch die Nächte waren sehr einsam für den alten Leuchtturmwärter. Am Tage reinigte er die Scheiben des Turmes und beobachtete die See, dies konnte er stundenlang tun. Einfach auf die Wellen starren und ihre unendliche Vielfalt genießen. Manchmal wünschte er sich, dass ihn eine Welle wegtragen würde. Sie sollte ihn packen und an sich reißen. Einfach verschleppen, nie wieder kommen. Er würde nie wieder alleine sein. Die Wellen würden um ihn herum bleiben…als Freunde bis in den Tod.

Des Nachts schlief der alte Leuchtturmwärter. Unruhig, wie seine See. Wie seine Wellen.

Bevor er sich in die Leuchtturmkoje zum Schlafen legte, zündete sich manchmal  eine Pfeife an, stieg zwei Etagen höher und ging auf die Plattform. Er sah bewusst dem Signallicht nicht in die Augen, denn ansonsten würde es Minuten dauern, bis er wieder ohne kleine bunte Punkte sehen könnte. Er paffte an seiner frisch gestopften Pfeife und starrte in die See. Weit und breit keine Ablösung in Sicht, dachte er.

Eigentlich wollte er gar nicht weg. Die Einsamkeit war ihm auf seltsame Weise zum Freund geworden. Zu einem Freund, der vorher größter Feind war, den man versuchte mit allen Mitteln zu bekämpfen und merkte, dass der einzige Weg ihn zu besiegen, nur die Freundschaft ist und schließlich durch diese selbst erzeugte Sympathie die Feindschaft komplett begraben wurde.

Doch auf einmal sah er ein Licht am Horizont. Zwischen den dunklen Wellen und dem schwarzen Himmel tauchte ein beständig scheinendes Licht auf. Der Leuchtturmwärter rannte hinunter zu seinem mit Karten überladenen Tisch und kramte ein Buch hervor. Es war kein Schiff gemeldet für diese Nacht. Hoffentlich wissen die Männer da draußen was ihnen hier blüht. Eine raue See, Felsen und ein viel zu geringer Tiefgang für das Schiff.

Der alte Leuchtturmwärter stieg wieder eine Etage hinauf zum Betriebsraum. Hoffentlich macht der Generator nicht schlapp. Hoffentlich geht die Lampe nicht kaputt. Eine Reparatur wurde nachts Stunden dauern. Das Schiff würde kentern und… Er wagte sich gar nicht vorzustellen, was da passieren könnte. Er griff zu seinem Fernglas und beobachtete weiter das kleine weiße Licht, was da irgendwo zwischen Horizont und Wasser fahren musste unbeirrbar dem Ziel entgegen. Der alte Leuchtturmwärter versuchte ruhig zu bleiben und die Prozesse mit seiner gewohnten Routine ablaufen zu lassen. Es beunruhigte ihn, dass das Licht immer näher kam.

Er ging wieder zurück in sein Arbeitszimmer und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Er beobachtete das Licht oder Schiff weiter durch ein Guckloch, es schien immer näher zu kommen.

Plötzlich flackerte das Licht und das Surren des Generators verstummte. Der alte  Leuchtturmwärter zuckte auf. Schnell schrieb er in sein Dienstbuch, die Ankunft eines Schiffes um 2:05 und den Ausfall des Generators zum Betrieb des Signallichtes um 2:17. Der Leuchtturmwärter rannte hinunter in einen kleinen Raum, ergriff seinen Werkzeugkoffer und versuchte nun im Betriebsraum den vermutlich nicht richtig defekten Generator wieder zum Laufen zu bringen. Er schraubte die Verdeckklappe ab und überprüfte die Kontakte. Es schien alles in Ordnung zu sein. Er rannte abermals in den Abstellraum um den Spannungsmesser zu holen. Wie konnte dies nur passieren? Welcher Gott trieb dieses Schiff hierher an diesen düsteren Ort. Welcher wahnsinnige traute sich bei dieser See in das Meer? Jeder ist verrückt der bei diesem peitschenden Stürm nicht in eine n schützenden Hafen fährt oder diese Flut umfährt.

Er stürzte.

Einige Wochen später erreichte das erste Patrouillenschiff den Leuchtturm. Das Signallicht leuchtete bereits aus der Ferne wie eh und je. Das Schiff sollte erkunden was mit dem alten Leuchtturmwärter geschehen sei, da dieser seit einiger Zeit keine Rückmeldung mehr gab.

Man fand ihn Tod und allein auf den Treppenstufen… das Signallicht brannte. Allein.

Das ist es also

Ich bin jetzt 25 Jahre alt. Ich habe weder einen Job noch gute Aussichten, jemals einen zu haben. Ich rauche am Tag 1 ½ Schachteln Zigaretten und muss bei Krebskranken in Krankenhausserien wegschalten. Ich habe angefangen Sport zu treiben. Seitdem schmerzt mein Körper. Ich habe früher bis in die Nacht arbeiten können. Heute fallen mir um neun die Augen zu. Ich bin gut im Pläne machen. Mein Terminkalender ist prall gefüllt, Aufgaben sind sortiert und detailliert geplant. Nur komme ich nie dazu sie zu erledigen. Ich stehe jeden Morgen früh auf, doch wenn ich abends ins Bett gehe, bin ich in all meinen Bereichen nicht vorangekommen. Ich bin Literaturwissenschaftler und habe seit einem halben Jahr kein Buch mehr gelesen. Ich bin Kind. Und schaffe es nicht mal einmal im Monat mit meiner Familie zu telefonieren. Ich fühle mich schlecht. Doch niemand darf es wissen. Ich sitze vor einem blinkenden Cursor und kann nichts dagegen tun. Ich hasse die Menschen um mich. Doch darf ich es ihnen nicht sagen. Ich will allein sein. Doch kann ich es nicht.

Ich bin jetzt 25 Jahre alt. So ist das also.

Zeitmanagement

Nachdem ich nun meinen treuen Begleiter – das Moleskine – offenbar wirklich verloren habe und somit auch ein Teil meiner Planungen dahin war, habe ich heute meinen Arbeitsplan, der für August bis Dezember 2009 den groben Punkt “Rohfassung erstellen” beinhaltete, ein wenig detaillierter ausgeführt. Things (tolle Software übrigens…) hat das mal für mich festgehalten:

Ich kann derzeit schwer einschätzen, wie ich zeitlich liege. Ansich sind dreißig Seiten ganz okay. Ich fühle aber, dass ich hinterherhinke, was dem Punkt geschuldet ist, dass doch nicht alles bis in die wichtigen Details durchdacht ist.

Ich schwanke oft, inwieweit ich Dinge – so z.B. den Wissensdiskurs, Goethes persönliches “Wissenmanagment”, die Auswahl relevanter sprachlicher Mittel, die in die Analyse einbezogen werden soll – auswähle und erwähne. Gerade an Kapitel- und Abschnittsanfängen steht die Schreibarbeit zu lange still.

Meine Hoffung ist jetzt irgendwie dieser detaillierter Arbeitsplan, der mich hoffentlich Schritt für Schritt anleiten kann, so dass insgesamt etwas Rundes und Zusammenhängendes herauskommt, das auch noch bis zum Abgabedatum im Februar fertig ist.

Zeitgeschehen

Ich wusste, dass es auf solche Beiträge hinauslaufen wird. Auf Beiträge, die damit beginnen, dass ich mich zunächst entschuldige, solange nichts mehr von mir hören lassen zu haben. Weiterhin würde der zweite Satz damit beginnen, dass ich den aktuellen Stand, die aktuellen Verwicklungen zum Besten gebe. Nach dieser Auflistung würde dann irgendwo am Ende des kleinen Beitrags die prophetische Aussage stehen, dass ich Besserung gelobe. Obwohl ich all das jetzt nicht mache, sei es doch irgendwie implizit mit gedacht.

Wenn alles gut geht, wird das hier in Jena mein letzter Herbst sein. Somit ist es eine reine Freude, dass dieser mit einem brutalen Temperaturabsturz begann, der die obligatorische 90-Min-Zigarette zunächst zu einer Farce und dann zu einer Qual werden ließ. Zeitweise hegte ich den Gedanken noch einmal alles, was ich die Jahre so in Jena im Universitätsumfeld trieb, äußerst bewusst und intensiv wahrzunehmen. Etwas von alledem zu konservieren, dass es doch erhalten bliebe. Schließlich sagen ja auch alle, dass die Studienzeit die beste Zeit sei. Ich kam dann aber doch wieder davon ab. Denn viele der Dinge, die ich hier trieb in den letzten Jahren habe ich und werde ich niemals gern gemacht haben. Büffeln für Latein; die Leere in einem, wenn man sich fragt, wozu das alles; diese unglaublichen Menschenmassen, die sich in jeder Ecke regen; die Ahnungslosigkeit, wenn man auf einen blinkenden Cursor blickt, der einem im Takt dazu anschieben will, etwas aufzuschreiben und man sich bei jedem Tastendruck jedoch fragt: kann man das so schreiben, stimmt das, nimmt man mich ernst… ist das wissenschaftlich, ist die Formulierung okay…?

Wie also klar ersichtlich sein sollte, gehöre ich nicht zu dem Teilbereich der Akademiker, die intuitiv gefühlt einfach drauf los schreiben können und irgendwo passend ankommen. Alles wird bis zur letzten Zersetzung zerdacht, was nicht heißt, dass das Destillat dann qualitativ den Rahmen sprengt. Vielmehr verbleibt es in der Mittelmäßigkeit und der festen Überzeugung, das Interessante, das Spannende dann doch nicht klar und prägant “rübergebracht” zu haben.

Die Arbeit am Thema meiner Magisterarbeit gestaltet sich zum Teil sehr spannend, zum Teil aber auch katastrophal. Offenbar gehört diese Ambivalenz dazu. Ich habe den Einleitungsteil mit einigen qualitativen Abstürzen irgendwie hinter mich gebracht und arbeite nun gerade daran, das Konzept der Theorie in wenigen spannenden Zügen zu verschriftlichen. Immer auf dem wankelmütigen Weg nicht zu weit auszuholen, nicht zu viele Nebenaspekte zu würdigen und doch das Thema und das jeweilige Problem umfangreich genug darzulegen… ob ich dann mit dem gewählten Weg richtig lag, wird sich vermutlich (und auch dummerweise) erst am Ende herausstellen.

Ich stelle mir auch die Frage, ob ich konkrete Probleme einmal hier im Blog/Tumblr exemplarisch nachvollziehe und so vorstelle. Dabei also meinen Gedankengang mit der Meinung einiger Leser (kundig oder nicht) kollidieren lasse. Vielleicht mache ich das mal, denn irgendwie fehlt mir eine germanistischer Sparringspartner, mit dem man sich mal so ein paar Nächte um Theorie und Struktur der Arbeit prügeln kann. Denn ich bezweifle, dass mein Gutachter mit manch’ seltsamen Problem im Vorfeld konfrontiert werden sollte. Obendrein gibt er natürlich auch in diesem Semester zwei Veranstaltungen zum Thema…. Der Faust-Stoff in der europäischen Literaturgeschichte, eine nette mittwochnachmittägliche Vorlesung, und ein äußerst spannendes 8:15-Donnerstagmorgen-Hauptseminar, das Faust I+II im Lichte der neuesten literaturwissenschaftlichen Debatten präsentieren soll. Soweit so gut… bei beidem bin ich somit natürlich anwesend, bei letzterem soll ich dann auch, nachdem er mich irgendwie doch als seinen Prüfling erkannt hatte, Teile meiner Arbeit vorstellen… sogar ziemlich bald. Pessimistisch betrachtet, kann das richtig schief gehen, optimistisch wird es vielleicht die erhoffte Sparringsrunde, die mich zwischen “alles wird gut” und “es ist alles zu Ende” durch die eigene Realität und akademische Karriere als Student katapultieren wird.

Nebenbei bin ich aber gerade dabei, meinen Terminkalender zu überfüllen, 3 Seminare, 2 Mal Spocht, Liebschaft usw… es bleibt also die Frage, ob der zusätzlich Zeitdruck eine gewisse Effizienzsteigerung mit sich bringt oder dieses kleine Kartenhaus aus nicht mal mehr 4 Monaten Zeit zusammenbrechen lassen muss.

So long.

Ein Schatten haben

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Wenn ich versuche die Höhepunkte der letzten Tage zusammenzuzählen, dann bereitet mir dies nur wenig Mühe. Viele Höhepunkte gab es nicht. Vielleicht die Abschattung. Ja, ich habe einen Schatten. Eine Randabschattung. Den Fotografen unter uns ist dieses Phänomen vermutlich als Vignettierung bekannt. Und zum Teil wird es aufgrund des spannenden und dynamischen Effektes – bekannt durch die Lomographen – geliebt oder auch gehasst, da Bildbereiche plötzlich zu dunkel sind und aufgehellt und ausgeglichen werden müssen. Wie dem auch sei. Ich habe eine Randabschattung… Rechtes Augen, oben rechts, 30% … was auch immer.

Anscheinend ist die Netzhaut aber noch intakt. Es handelt sich um ein „vorübergehendes Symptom„. Nach dieser Diagnose, die einer nicht enden wollenden Anamnese folgte, stellte ich die Frage nach einer Prognose. Da ich aber Kassenpatient bin, reicht das vermutlich nur für die Diagnose. Abwarten und wenn es schlimmer wird oder gar nicht weggeht, wiederkommen. Ach so.

Also ich denke jetzt, dass ich blind werde. Ich bin mir sicher. Ich werde eines wunderschönen Wintermorgens aufwachen und nichts sehen, kein schwarz, kein grau. Ich habe einfach jegliche Vorstellung für Licht und Farbe verloren. So taste ich mich dann durch den Tag, der dann gleich wieder Nacht ist und eigentlich genauso auch gar nichts mehr.

Wäre ich doch nur Privatpatient…

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