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Monat: Oktober 2008

Danke Gott für dieses Leben

Es ist unfair im strömenden Regen an roten Ampeln warten zu müssen. Die Kapuze ist vollkommen durchgeweicht und das Regenwasser bildet kleine Bäche, in denen es über die Jacke abläuft. Die Brille ist voller winziger und auch nicht mehr so winzigen Tropfen. Die Hände werden nass und immer kälter.

Doch es gibt noch etwas unfaireres. Genau dann, wenn sich im strömenden Regen ein Pärchen neben dich an die Ampel gesellt, das quietschvergnügt unter dem Schirm steht und schnulzige Blicke tauscht. Doch die Gemeinheit endet hier nicht. Denn sie küssen sich, zumindest glaube ich, das durch mein eingeschränktes Sichtfeld erkennen zu können. Er streichelt auch ihre Wange und wischt einen Tropfen weg. Meine Füße sind nass. Die Stoffschuhe halten dem Wasser nicht mehr stand. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, sie fasst seine Hand und sie gehen über die Straße. Ich bleibe stehen, denn seitdem ich von der Polizei wegen des Überquerens einer roten Ampel ermahnt wurde, ist es mir unangenehm Steuergelder nachts um elf zu verschleudern, wenn doch richtige Verbrecher gefangen werden könnten.

Die Ampel bleibt weiter rot. Die beiden sind schon auf der anderen Straßenseite angekommen. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. Mir ist kalt. In diesem Moment rast ein Auto an mir vorbei und spritzt mich komplett (!) nass. Alles, aber auch alles war nass und schwer und scheiße.

Danke Gott für dieses Leben. Einsam kroch in nach Hause.

Morgen geht es rund

Seltsames Wochenende. Zeitweise kristallklar, größtenteils verstörend. Menschen enttäuschen einen immer wieder. Merken es selbst nur nicht. Was ja an sich okay ist. Sich ständig um die anderen scheren, wäre zu sozial. Zu großen Leistungen bin ich heute nicht fähig. Die Universität hat gerade heute ihre Arme um mich geschlossen. Die unterbrochene Hausarbeit schafft ihr übriges. Es nervt derzeit nur. Gottseidank regnet es. Nicht auszudenken, wenn der herannahende November vom Oktober auf eine andere Weise begrüßt worden wäre.

Der Terminkalender ist voll. Berstend. Schönes Wort. Morgen wird es dann ganz übel. Ich muss zum Abholen eines Scheines direkt in die Sprechstunde. Ausdrücklich muss ich mit dem Professor selbst sprechen, wie die Email des Sekretariates es geheißen hat. Klingt irgendwie nach Ärger oder zumindest Stunk oder sonst was.

Während ich dies hier schreibe, das bereits jetzt schon belanglos ist, befinde ich mich in Wartestellung. Ein neues technisches Gerät soll sich zum dem restlichen Krempel dieses Raums gesellen. So richtig will es aber nicht kommen. Das ärgert.

Nun denn, ich beobachte jetzt mal den Regen beim Fallen. Wo ist eigentlich die aktuelle Radiohead-Platte? Warum ist der Kaffee schon wieder alle?

Bahnfahrt

Ich hab ja dann heute früh meinen Ipod vergessen. Es gibt schlimmeres. Sehe ich ähnlich. Trotzdessen verlief dieser Tag aufgrund einer kleinen Ungereimtheit völlig anders. So stellte ich in der Thulb den Rechner hin und begann zu arbeiten; ohne davor, wie üblich, die wichtigsten Schlagzeilen und Jenenser Blogs abzusurfen, Auch hatte ich keine Lust den obligatorischen pre-Hausarbeits-Weltschmerz-Blogeintrag zu verfassen. Ich schob die Schuld auf den gestrigen, verstörenden Tag. Denn als ich gestern im Zug saß und von Heimat zu Heimat fuhr, da setzte sie sich neben mich. Im Gepäck hatte sich Tasche und Instrumenten-Tasche, die ich als freundlicher Student der Geisteswissenschaft und natürlich schwachen armes gerne über unseren Köpfen verstaute.

Wie der Automatismus im Leben so läuft, blieben wir natürlich im Gespräch. Sie studiert, was sonst, Musikwissenschaften in Weimar und war auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie das ganze Wochenende belastet hatte. Sie sei froh, endlich zurück in ihre Wohnung zu können. Schlaf sei das Primärziel. Doch ich erfuhr noch mehr. Das letzte Semester hatte sie im Ausland verbracht. Nordeuropa war das Ziel. Doch sie war enttäuscht, nichts von alledem, was versprochen wurde, konnte gehalten werden. Die Unterkunft war noch okay, die Lehre war es auch, aber dass sie die mühsam erarbeiteten Scheine nicht in Weimar einbringen durfte, wurmte sie.  Es schien fast so, meinte sie, dass sie vergeblich dort spielte und lernte und arbeitete. Nichts wurde ihr gewährt. Alle vergleichbaren Themen musste sie in Weimar noch einmal belegen. Irgendwie tat sie mir dann Leid. Der Zug passierte gerade Gera und zu fortgeschrittener Stunde, ich war ja bereits ein wenig länger unterwegs als sie, wurde ich von dem schlecht gedämpften Geratter müde.

Doch scheinbar hatte sie lange keinen Kontakt mehr mit zuhörenden Menschen gehabt. Sie redete weiter und ich hörte zu. „Ich habe für dieses Semester da oben so viel aufgegeben.“ Der kurze Abriss der Geschehnisse, die mir da erläutert wurden, zeigten wirklich wie sie die Welt in Flammen hinter sich zurückgelassen hatte. Freunde und Freund enttäuscht, Mutter verärgert (Vater gab es nicht mehr) und jetzt als sie zurückkam, musste sie mit der Einsamkeit Vorlieb nehmen. Ich munterte sie auf. Natürlich versuchte ich es nur. Ich überlegte kurzzeitig meinen seelischen Müll in die Waagschale zu werfen um in einer ausgleichenden Funktion, ihr Schicksal abzumildern. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tat, weil mein Zielbahnhof heranraste oder ich doch irgendwelche Skrupel hatte.

Am Schluss blickte ich sie an und sagte: „Ziemlich viel für eine Stunde.“ Ich denke in diesem Moment wurde ihr die Skurilität der Situation bewusst. Einem Fremden alle diese Dinge zu erzählen, die man ansonsten nur seinen besten Freunden auf einem Blog mit Geheimadresse mitteilt, war irgendwie anormal. Bevor ich aufstand und gen Tür tändelte, versprachen wir uns, uns nie wiederzusehen.

Wunden

Wenn Wunden wieder aufgehen, dann gehen sie halt wieder auf. Ja, mein Gott. Okay. Man sitzt in seinem Zimmer, einem Sumpf aus Erinnerungen, und sie platzen einfach auf. Der süß-bittere Eiter schlakt heraus und versaut dir den ganzen Fußboden. Du kannst in deinem Zimmer nicht mehr stehen. Alles ist voll.

Jetzt kann man sich fragen warum? Tun wir das. Eine Möglichkeit ist natürlich, du bist mit den zahlreichen Wunden deines Lebens nicht sorgsam genug umgegangen. So eine Wunde hat ja die sinnlose Eigenschaft nichts Systemkritisches zu sein. Die Wunde ist da, doch das gesamte System kann trotz einiger Einschränkungen recht problemlos weiter funktionieren. Somit ist es leicht, sie zu vergessen. Noch leichter, sie zu verdrängen. Man lebt dahin, presst die Wunde in den Alltag und alles scheint gut zu gehen. Wenn da nicht die kleinen Risse in den Wänden wären, aus den Nägel herausstarren. Es kommt wie es kommen muss: Du bleibst hängen. Die Wunde reißt auf.

Eine weitere Möglichkeit ist wesentlich fieser. Sie setzt voraus, dass die Wunden bekannt sind. Vermutlich hattest du dir irgendwann einmal die Wunden öffentlich geleckt. So zum Spaß oder auch weil es sein musste. Du kann sich doch auch nicht immer verstecken. Wunden liegen frei, brach auf den Menschen und warten naturgemäß darauf aufgerissen zu werden. Und auch hier kam es dazu wie es kommen musste. Irgendwer schafft es irgendwie das Brecheisen in Position zu bringen und spreizt die Wunde, jetzt klafft sie. Warum tut er das? Natürlich hat dieser irgendwer nur ein Ziel, im Bösen wie im Guten, er will den Finger in die Wunde legen.

Ist die Wunde einmal wieder offen, dann ist der Mechanismus nicht mehr aufzuhalten. Zuerst kommt kurz das Blut. Es versaut dir den Tag. Alles ist voll davon, jedes Glas, das du in die Hand nimmst, jeder Stift ist blutig. Doch irgendwie will die Wunde wieder zusammenkommen. Einmal aufgeplatzt, also in einem ihrer zwei Existenzzustände, ist sie versessen darauf, sich zu schließen. Nicht mehr offen zu stehen. Garniert wird dieser fundamentale Ereignis durch Wundwasser. Es läuft und läuft bis die Luft es erhärtet. Irgendwann ist die offene Wunde dann auch wieder abgedichtet. Das System funktioniert trotz einiger Einschränkungen problemlos weiter…

Naja und manchmal da platzt halt so eine auf. Ist ja auch gar nicht so schlimm. Wächst ja wieder zusammen.

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