Spuren im Hand

Ich lese nun gerade (seit einer Weile) Clemens Meyers “Als wir träumten“. Sicherlich kann man meinen Beitrag zu diesem Buch wieder unter der Überschrift “Überflüssiges eines pseudoseniblen Mittzwanzigers” subsummieren. Eines sei jedoch gesagt. Ich habe wenig Zeit zu lesen und meide ängstlichst Bücher, die mehr als 300 Seiten haben. Bei Meyer war ich mutig. Gar größenwahnsinnig mir 500 Seiten einverleiben zu wollen. Doch jede Nacht betet ein Teil in mir, dass dieses Buch nie enden wird, während ein anderer Teil schreit: “Lass es enden.” Es frisst mich innerlich auf. Und jetzt stellt sich der Literaturwissenschaftler in mir die Frage: Warum?

Scheinbar weist diese Buch für meine Generation gerade noch genug identifikatorisches Potential auf. Beschreibt es doch die Jugend und das entschleunigt schnelle Leben eines Protagonisten (Danie) kurz vor bzw. kurz nach der Wendezeit. (Auch der Begriff “Wendezeit” lässt aufhorchen. Verbinden sich scheinbar damit Dinge, die von vielen nicht verstanden werden bzw. nachvollzogen werden können: z.B. ein komplette Umkrempelung von Biographien, sozialen Status, aber auch einfach dem Absterben von ideologischen Theoriegebäuden, mit dem ein Mensch, aber auch ein Kind, erst einmal zurechtkommen muss.) Das Buch greift mich an, denn auch wir hatten Angst vor Nazis, die uns auf die Fresse geben, auch wir hatten Angst und Mut, den Tag versinnlosen zu lassen und Dinge auszublenden. Auch wir logen, wobei dies keine Generationsspezifika sind. Doch das Debüt, vielmehr die Protagonisten von Clemens Meyer gehen einen Schritt weiter. Sie erleiden stellvertretend alles, was in diesen Jahren eine junge Seele zerstören kann und zeigen wie reihum so etwas überstanden oder daran zerbrochen werden kann.

Lange Zeit überlegte ich wie ein solch’ lektor- und somit auch verkaufsfreundlicher Titel “Als wir träumten” in logischer Relation zum Buch gesetzt werden kann. Zu einfach scheint die These, dass abseits all des Leidens, des Versagens und des sprichwörtlichen Dahinvegetierens in kleinen Träumen noch so etwas wie Hoffnung zu finden ist. Die These musste zu einfach sein. Denn die Figuren scheinen niemals hoffnungslos zu sein. Sie sind nicht pessimistisch oder gar enttäuscht über ihre Situation. Sie scheinen einen Realismus an den Tag zu legen, den kaum ein Intellektueller für sich öffnen kann, vielmehr begreifen sie abseits unserer Einschätzung ihrer Leiden, dass sie einfach so sind.  Dass zwischen alle den widerlichen Fidschikippen und dem extremen – fast übermenschlichen – Alkoholgenuß beschädigtes und beschädigendes Leben wohnt, das auf seine Weise strahlt.

Auf über 500 Seiten hat Clemens Meyer nicht immer viel zu sagen, es ist kein durchstilisiertes Buch mit Sentenzen und Wahrheiten, jedoch ist Meyer versucht die Wahrheit aus einer Zeit herauszupressen, die ihm offenbar am Herzen lag. Viele werden dieses Buch nicht mögen, viele werden sich Fragen wozu, andere werden verstehen.