Archiv für die Kategorie „Urban Desire“

Bahnfahrt

Montag, 13. Oktober 2008

Ich hab ja dann heute früh meinen Ipod vergessen. Es gibt schlimmeres. Sehe ich ähnlich. Trotzdessen verlief dieser Tag aufgrund einer kleinen Ungereimtheit völlig anders. So stellte ich in der Thulb den Rechner hin und begann zu arbeiten; ohne davor, wie üblich, die wichtigsten Schlagzeilen und Jenenser Blogs abzusurfen, Auch hatte ich keine Lust den obligatorischen pre-Hausarbeits-Weltschmerz-Blogeintrag zu verfassen. Ich schob die Schuld auf den gestrigen, verstörenden Tag. Denn als ich gestern im Zug saß und von Heimat zu Heimat fuhr, da setzte sie sich neben mich. Im Gepäck hatte sich Tasche und Instrumenten-Tasche, die ich als freundlicher Student der Geisteswissenschaft und natürlich schwachen armes gerne über unseren Köpfen verstaute.

Wie der Automatismus im Leben so läuft, blieben wir natürlich im Gespräch. Sie studiert, was sonst, Musikwissenschaften in Weimar und war auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie das ganze Wochenende belastet hatte. Sie sei froh, endlich zurück in ihre Wohnung zu können. Schlaf sei das Primärziel. Doch ich erfuhr noch mehr. Das letzte Semester hatte sie im Ausland verbracht. Nordeuropa war das Ziel. Doch sie war enttäuscht, nichts von alledem, was versprochen wurde, konnte gehalten werden. Die Unterkunft war noch okay, die Lehre war es auch, aber dass sie die mühsam erarbeiteten Scheine nicht in Weimar einbringen durfte, wurmte sie.  Es schien fast so, meinte sie, dass sie vergeblich dort spielte und lernte und arbeitete. Nichts wurde ihr gewährt. Alle vergleichbaren Themen musste sie in Weimar noch einmal belegen. Irgendwie tat sie mir dann Leid. Der Zug passierte gerade Gera und zu fortgeschrittener Stunde, ich war ja bereits ein wenig länger unterwegs als sie, wurde ich von dem schlecht gedämpften Geratter müde.

Doch scheinbar hatte sie lange keinen Kontakt mehr mit zuhörenden Menschen gehabt. Sie redete weiter und ich hörte zu. “Ich habe für dieses Semester da oben so viel aufgegeben.” Der kurze Abriss der Geschehnisse, die mir da erläutert wurden, zeigten wirklich wie sie die Welt in Flammen hinter sich zurückgelassen hatte. Freunde und Freund enttäuscht, Mutter verärgert (Vater gab es nicht mehr) und jetzt als sie zurückkam, musste sie mit der Einsamkeit Vorlieb nehmen. Ich munterte sie auf. Natürlich versuchte ich es nur. Ich überlegte kurzzeitig meinen seelischen Müll in die Waagschale zu werfen um in einer ausgleichenden Funktion, ihr Schicksal abzumildern. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tat, weil mein Zielbahnhof heranraste oder ich doch irgendwelche Skrupel hatte.

Am Schluss blickte ich sie an und sagte: “Ziemlich viel für eine Stunde.” Ich denke in diesem Moment wurde ihr die Skurilität der Situation bewusst. Einem Fremden alle diese Dinge zu erzählen, die man ansonsten nur seinen besten Freunden auf einem Blog mit Geheimadresse mitteilt, war irgendwie anormal. Bevor ich aufstand und gen Tür tändelte, versprachen wir uns, uns nie wiederzusehen.

Bewahre die Zeit

Dienstag, 23. September 2008

Ich befülle meine Lunge mit Feuer. Kurz. Und lass es danach erkühlt wieder heraus. Die Fensterwand an der anderen Seite der Straße ist fast nicht mehr zu erkennen. Diese Herbstnebel ist wieder da. Wie oft wurde hier schon darüber geschrieben. Dick und milchig liegt er in den Straßen – erstickt Gedanken.
Wie oft wollte ich jetzt schon bei dir klingeln. Immer wieder stand ich vor deinem Haus. Blinzelte um sicherer zu sein, dass doch noch Licht brennt. Wie oft stieg ich die Stufen zur Tür hinauf. Wie oft stand ich vor dem Klingelbrett, um dann doch den Finger wieder zurückzuziehen, ihn wieder in die Tasche zu schieben. Zu gehen.
“Es ist nichts.” ist der schlimmste Satz, den man sagen kann. Ohne Worte ausgedrückt zeigt er sich nur in leeren Blicken, die nichts mehr wollen. Vielleicht nie etwas wollten.

Wir waren auf der Suche nach einem gemeinsamen Himmel. Da, wo Sterne zueinander passen. Da, wo nicht nur ein Mond über uns wacht. Da, wo am Tage die Sonne nie in den Augen schmerzt. Du lebst nun unter einem anderen Himmel. Deine Sonne steht höher und hier bei mir verdecken die Wolken den Mond. Ich hatte die Tür offen gelassen. Früher bist du hineingeschlichen. Hast dich niedergelassen und wolltest nicht gehen. Jetzt schließe ich die Tür hinter mir. Du musst vorbeigehen. Manchmal achtest du vielleicht, ob der Türspalt erleuchtet ist.

Unwissenheit ist nur die naive Form der Ungewissheit. Vor, zurück und nichts geht. Die Tür bleibt wohl zu. Ich habe jetzt das Fenster offen und warte darauf, dass der Nebel ins Zimmer zieht. Die Lungen sind immer noch voll von Feuer. Es ist kalt. Rum gefriert nicht.

Neustart

Donnerstag, 4. September 2008

Es gibt Enttäuschungen im Leben, über die kommt man nie richtig hinweg. Auf unerklärliche Weise sind diese Enttäuschungen immer mit Menschen verbunden, die einem wichtig sind. Oder danach: wichtig waren. Aber eigentlich noch wichtig sind. Noch enttäuschender ist es dann, wenn man feststellen muss, dass Reden – das Allheilmittel – doch nichts taugt. Und man fragt sich, ob dieser desolate Zustand nun auf die Situation, auf die Personen oder auf einen selbst zurückzuführen ist.

Im Zweifelsfalle würde ich immer auf mich selbst tippen. Nichts ist schlimmer als verletzter Stolz, nichts ist schlimmer als gekränkte Menschen, die blindlings in Wut und Zorn um sich selbst schlagen. Am Ende wacht man aus der Betäubung auf: blind, desorientiert, aber vor allem mit einem grobmaschigen Gedächtnis ausgestattet, das soviel durch die Lücken fallen ließ. Die Tage kreiseln um einen. Der Morgen wird der Abend, der Abend wird der Morgen… dazwischen nur dagesessen und dem Kaffee beim Frieren zu gesehen.

Leider gibt es in sozialen Beziehungen keinen Neustartknopf. Obwohl diese Metapher darüberhinweg täuscht, dass auch ein Neustart theoretisch nur noch mal die ganzen Gefühle neulädt, noch mal von Vorne beginnen lässt… jedoch die letzten Abstürze tief im Gedächtnis behält. Ein wirklich Neustart ist nicht möglich.

Ein Samstag

Samstag, 23. August 2008

Früher liebte ich Samstage. Sie waren die wunderbarsten Tage der ganzen Woche. Der Freitag ist auch nicht schlecht. Das Wochenende liegt noch vor dir, trotzdem hast du meist einen harten Tag hinter dir. Der Samstag bedeutete jedoch Arbeitsfreiheit und die Option den Tag bis ins Endlose zu strecken, da doch am nächsten Morgen ausgeschlafen werden konnte. Ich tat sinnlose Dinge: Ausschlafen, etwas Lesen, ich lief manchmal einfach so durch die Stadt, abends dann Freunde treffen, trinken, trinken und sich über die Zukunft freuen.

Seitdem ich im Hauptstudium angekommen bin, hat meine Woche vollends ihre Struktur verloren. Es macht einfach keinen Unterschied, ob es sich um einen Dienstag oder einen Samstag handelt. Samstag sind die Termine ein wenig anders, aber der Trott des Tages ist dem eines Wochentages identisch. Einfach identisch. Die besondere, herausgelöste Stellung des Samstages ist zerstört worden durch Arbeit, Termine und Ängsten.Früh aufstehen, dann irgendwie antriebslos und kreativitätsfrei die Luft verpesten, dann mit schlechtem Gewissen endlich aufraffen, nur um nach wenigen minderproduktiven Stunden endlich mit dem Verdienen des Lebensunterhaltes zu beginnen.

Mein heiliger Samstag, oh du mein heiliger Samstag säkularisiert durch die Hölle des Lebens, zerfressen von der Angst des Lebenden, belacht durch die Lebenden. Sei stark, irgendwann sind wir wieder vereint.

Alone with everybody

Dienstag, 19. August 2008

Der Kaffee steht still im Glas, kalt schon seit Stunden. Die Musik säuselt durch den Raum. Nichts bewegt sich, alles steht still. Die Hände liegen still im Schoß. Die Brust senkt sich langsam, nachdem sie sich kurz zuvor gehoben hatte. Alles ist wie immer. Es ist der erste Tag, der seit langem ohne Regen grau ist. Klopfzeichen von den Nachbarn beenden den Schlaf. Ich stehe auf und mache den Rechner an und starre auf das Weiß des digitalen Papiers. Irgendwie haben sich ein paar Buchstaben in den letzten Wochen dort versammelt. Verstreut säumen sie die Ecken, irgendwie ohne Sinn. Der Stillstand des Zimmers hat sich heute auf meinen Geist übertragen.

Doch nicht ganz. (wie immer) Ich denke nach über die Menschen, die mir Ärger bereiteten und bereiten. Was tun sie nur gerade? Doch eigentlich ist es egal. Zur Fußnote verkommen füge ich den Worten auf dem Weiß der Leere weitere Buchstaben hinzu. Der Tag graut gen dunkel weiter. Der Nachbar klopft auch schon nicht mehr. Ich stehe auf. Das Herz bleibt sitzen.

Morsches Holz

Sonntag, 10. August 2008

Sich nicht sicher zu sein, was man tut und mit der quälenden Frage: Ist es das Richtige?… startet wieder mal ein Sonntagmorgen. Es ist früh. Die Straßen sind noch still. Kaum ein Lachen auf den Fußwegen, kaum ein Motorengeräusch in den Asphaltschluchten. Doch in wenigen Minuten kriechen sie wieder wie kleine Ameisen aus den Häusern. Laufen die einst stillen Straßen entlang. In hübscher Kleidung, zurechtgemacht und nicht ziellos.

Kennt man die Wahrheit, wird es einsam. Wörter auf weißem Papier sind dann das einzige, an das man sich klammern kann. Nichts ist jedoch schlimmer als die Sorgen. Man sorgt sich der Konsequenzen der verlorenen Zeit, die man leichtsinnig verstreichen ließ und man dummerweise heute nicht mehr weiß, warum man das tat. Ganz innen drin tobt der Streit, ob nun alleinige Verantwortung für den desolaten Zustand vorliegt oder ob nicht die Außenwelt einen kaputtgemacht hat. Man denkt an die Menschen, denen man die Verantwortung gerne dafür zuschreiben möchte. Man hat sie lange nicht mehr lächeln gesehen. Man hat sich eigentlich lange gar nicht mehr gesehen. Einsam sind Sonntage dieser Tage. Und es scheint kein Rezept für Besserung zu geben. Bevor der Tag wirklich beginnt, sucht man nach der Substanz, die einen kreierte. Es ist morsches Holz – altes, fauliges, morsches Holz – nicht gebaut um standzuhalten, nicht wasserfest und viel zu schwer, um an der Wasserkante zu schwimmen. Jeder Schlag dagegen lässt es brechen, zerbröseln und man hält es in den Händen. Schützen kann es nicht mehr.

Sinnloser Zweckoptimismus lässt den Zeiger der Uhr jetzt weiterlaufen, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde um Stunde… bis es irgendwann wieder Zeit wird, in die Matrazengruft zu steigen. Schlafen, der Zustand des Wartens auf die Sorgen von Morgen.

Stoptag

Freitag, 18. Juli 2008

Jeder kennt es sicherlich. Man lebt in den Tag, dieser beginnt, man macht etwas und dann bleibt alles stehen. Der Tag stoppt einfach. Es ist fast so als würde man am Anfang des Tages in ein Auto gestiegen sein, mit dem man besinnungslos in irgendeine Richtung fuhr bis plötzlich das Benzin alle ist. Dann blickt man vom Lenkrad und Tacho auf und die Fragen kommen. Sie klopfen einfach an deine Scheibe. Kurbelst du das Fenster herunter? Lässt du die Fragen zu?

Ich denke nichts ist schlimmer als die Tatsache, dass gewisse Dinge unausgesprochen im Raum stehen bleiben. Sei es aus Enttäuschung oder Bitternis. Doch es gibt nun mal Tage, da kann man nicht antworten, denn man weiß die Antwort selbst nicht. Man geht vielleicht sogar soweit, dass man glaubt, es gibt überhaupt keine Antwort. Somit stellt sich letztens nur noch die Vermutung ein, dass es schon eine Antwort geben muss, nur ob wir fähig sind sie zuerkennen, ungewiss bleibt. Der Tag steht still.

Das alte Pärchen da drüben hält Händchen.

Sinnvolle Verständnislosigkeit

Donnerstag, 10. Juli 2008

Man macht Fehler. Versucht sie sich einzugestehen, doch es nutzt nichts. Man sagt Dinge, die man lieber nicht gesagt hätte. Man wird von Menschen enttäuscht, von denen man es nicht erwartet hätte, nur um am nächsten Tag selber Menschen zu enttäuschen. Scheinbar liegt darin der Wahnsinn. Es ist eine Mechanik des Leidens. Man dreht sich im Kreis, um auf einer Seite das Porzellan festzuhalten, reißt man aber mit den Rest des Körpers gezwungenermaßen Wände ein, die alles tragen sollten.

Dann kommen Menschen, die sagen dir, das ist alles nur ein Spiel, das gespielt werden muss. Es gibt Regeln, an die kann man sich halten. Aber die Regeln existieren sowieso nur des Spieles wegen. Es geht auch nicht darum zu gewinnen oder nicht zu verlieren, es geht um die Teilnahme am Spiel selbst. Man spielt ein Spiel, um es zu spielen. Irgendwie ist da ein Zirkel festgetackert. Es ist vollkommener Quatsch ein Spiel des Spieles wegen zu spielen. Man spielt ein Spiel, um es zu gewinnen oder mitleidig zu verlieren.

An solchen Tagen würde ich mich gern in meine Kindheit zurückziehen. Durch die Potenzierung der Möglichkeiten fühlt man sich nicht gleich als Versager, weil das Leben an einem vorbeiging. Alles liegt noch vor einem. Alles kommt noch. Entscheidender ist jedoch, dass nichts gekommen ist. Es ist irgendwas passiert, nur nie das, was passieren sollte.

Es gibt lange Tage, an denen man nachts weinen könnte, an denen man sich dafür hasst, dass man diese Zeilen schrieb. Doch im Eigentlichen nicht dafür, dass man sie schrieb, sondern, dass sie gelesen werden und Bedeutung zugeschrieben wird. — Ja, ihr da draußen: lest dies. Hört auf mich kaputtzumachen. Hört einfach auf.

Der Satz

Sonntag, 6. Juli 2008

Es gibt Sätze, die will man einfach nicht lesen. Doch dann muss man durch. Man findet das Subjekt, schon gleich folgt das Objekt, das man dann selbst ist, und schließlich bringt ein Prädikat die Gewissheit, dass der bereits beginnenden “Tonfall” im Satz in Bezug zu sehen ist mit dem gesamten Satzinhalt. Die ausschmückenden Worte dazwischen, dahinter und davor dienen rein der Zurückhaltung, evt. auch der Schadensbegrenzung. Jedoch bleibt der Satz der Satz. Es gibt halt Spiele, die kann man nicht gewinnen; an manchen Tagen eben nur verlieren. Sätze versteht man häufig viel zu gut.

Die, vor denen wir Angst haben

Sonntag, 8. Juni 2008

Er saß auf Partys selten still in der Ecke. Er war im Rausch. Aus seinem Mund sprudelten unentwegt Gedanken, manchmal auch Hoffnungen. Er tanzte, rauchte und trank. Unbekümmert blendete er alles aus. Er war wie im Rausch. Aufgestachelt und aufgekratzt atmete er schneller. Zug um Zug bog sich sein Leben. Es bog sich um ihn herum, bis es ihn gefangen hatte. Er konnte nicht entkommen.
Jetzt saß er auf Partys still in der Ecke, wenn er überhaupt noch hinging. Seine einzige Hoffnung, dass dem, was jetzt ist, Besseres folgt, wurde beendet. Schlicht und abrupt war das. Ein einziges Gespräch, tief versunken in den Gedanken des anderen, erkannte er kurz die Wahrheit. Er hatte sich in diesem Moment von allen Gründen befreit. Er fragte sich nicht warum, warum er das wolle oder verlieren würde. Er beendete die Welt der Gründe. Denn eines war ihm nun klar. Alle lebten in der Welt der Gründe. Alles hatte seine Gründe. Dass es regnete, konnte begründet werden; dass die Sonne schien, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen gut lief, konnte begründet werden; dass es an manchen Tagen schlecht lie,f konnte vielfach begründet werden. Er hasste sich und die Menschheit dafür zwischen allem und jedem Relationen zu sehen und… diese zu begründen. Doch die Begründung hilft nicht, sie ist nichts als ein kurzer Augenblick des Durchatmens. Spätestens zum nächsten Herzschlag kommt sie wieder auf: die Frage nach dem Warum?
Immer wieder Gründe, Ursachen, Wurzeln, Motive, Anlässe und Auslöser. Immer wieder und wieder und wieder. Kein Grund hält für immer, wird immer wieder hinterfragt. Niemand ist sich dieses beständigen Leidens bewusst, niemand erkennt, dass darin das Unglück aller liegt. Das Leben leidet, weil es zersetzt wird bis auf das letzte Warum. Und anschließend der Grund für das Warum gesucht wird. Alle leiden und niemand erkennt das Unglück darin. Bis auf ihn. In diesem Moment war ihm klar, dass es für ihn keinen Grund mehr gab. Der Status des Unbegründbaren war einfach da. Und er war zu dem geworden, vor dem er immer Angst hatte.