Archiv für die Kategorie „Urban Desire“

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Freitag, 1. Mai 2009

wiese

Ich träume schon seit geraumer Zeit nichts mehr. Ich mache mir dahingehend auch nichts vor. Mein Tagleben hat sich in mein Nachtleben geschlichen und mein Hirn hat kapituliert offenbar vor all dem Müll, den es da sehen und nachfühlen muss.  Es gibt kein Bild und keinen Ton aus. Ich versuche nicht ständig an mich zu denken. Irgendwie weiterzugehen, aber ständig holt einen das Eigene ein und steht unweigerlich neben einem. Die Sonne scheint heute. Die Musik spielt leise und bäumt sich ein wenig gegen das Graue des Tages. Ich habe meinen Computer mitgenommen und versucht anderen Orten zu denken, doch sobald ich diesen Rechner aufklappe und die weißen Seiten sehe, die eigentlich keine sind, passiert nichts. Ich kann das ich nicht zurückfahren und weitergehen. Es klebt an mir. Ich bin auch ein Tor, der glaubt sich selbst zu bändigen. Irgendetwas in mir will, dass ich es aufschreibe, glaubt, schreiben ist so gut wie reden, doch niemand wird es lesen, niemand wird zuhören.

Früher dachte ich stets, dass all das nur in wirklich schlechten Filmen passiert. Ich meine damit diese Sinnlosigkeit von Fehlern, das bewusste Falschmachen von Dingen, die man besseren Wissens natürlich richtig gemacht hätte. Aber nun erstmal langsam: Früher dachte ich stets an eine große Stadt. An ein große Stadt, die mich beherbergt. Ich würde in einem modernen Haus wohnen, viel Stahl noch mehr Beton und darin würde es einfach funktionieren. Der Fehler dieser Vorstellung war natürlich ich. Denn nie hatte ich nur einen blassen Schimmer davon, was ich da eigentlich tun würde… in diesem großen Gebäude aus Stahl und Beton. Es war aber genau besehen kein Fehler im Traum. Es war stets nur eine Lücke. Man war so fokussiert auf einen kleinen Teilbereich des zukünftigen Lebens, dass natürlich stets besser sein würde als der Normzustand der aktuellen Existenz, dass der globale Eindruck fehlte. In diesem Träumen stand ich nie müde an der Supermarktkasse und betrachtete das verklebte Warenband, das immer mehr Krümel in die Dunkelheit beförderte, ich saß auch nie alleine auf dieser großen, alten, schweren Couch mit einem lauwarmen Kaffee auf dem Beistelltisch und lechzte nach stabilen Wlanempfang. Ebenso gab es keine traurigen Nachmittage und auch nie zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten, die nicht durch ein langes Gespräch auf eine Parkbank… oder noch besser auf weiß-rot gepunkteten Decke im saftiggrünen, hohen Gras gelöst werden konnten. Probleme waren in dieser Welt einfach Mangelware. Beziehungen wurden einfach beendet und es gab ein starkes Gewitter, der Regen plätscherte stets romantisch gegen die Fenster und wenn man doch mal lange wach war, war natürlich der nächste Morgen mit ausreichend Schlaf versehen.

Die Sonne musste so in diesem mit Glück zugeschissenen Universum auch nicht jeden Tag scheinen. Denn es war auch unglaublich toll bei leichtem Regen und einem kühlen Wind auf dem Altbaubalkon von Freunden zu sitzen und mit warmen Laugenbretzeln in der Hand den guten Platten von Oasis zu lauschen. Hatte ich jemals die Idee von Abgabeterminen? Von Geldnot, Durchfall oder auch Tabakmangel an Sonn- und Feiertagen? Ich fürchte nicht. Ich lief gepflegt mit perfekter Figur durch die Strassen. Traf Freunde in Cafés mit Sofas, deren rissige Lederbezüge nach warmen Kaffeebohnen dufteten. Der Kaffee war stets heiß und ich schmeckte in ihm die weite Welt. Keine Angst ließ mich zurückblicken. Nur nach vorne. Und was ich da sah, war nicht klar umrissen. Es fühlte sich nur gut an. Man plante immer etwas, hatte was laufen, es hatte Erfolg. Es war gut.

In dieser biedermeierischen Wohlbefindlichkeit lag ich nachts nie wach. Die hitzigen Angstwellen durchströmten mich auch nie von den Haarspitzen bis zu den Zehen, wo das Kribbeln meinen Unterleib zusammenzucken ließ. Liebe war nur positiv. Man ging gemeinsam ins Bett und blickte sich kurz vor dem Einschlafen noch einmal tief in die Augen, um eventuell das Bild des anderen tiefer in den Traum zu reißen als nötig. Des morgens weckte uns nicht ein monoton industrieller Wecker auf. Es war nicht so, dass jemand mit Gewalt die viel zu kurze Nacht beendete, um die Bettinsassen in den Morgen auszukotzen. Nein. Es war vielmehr ein sanftes Hinübergleiten aus dem Schlaf in Tag. Und der erste Blick des Tages lag auf einem wundervollen, sonnengetränkten Körper in weißen Laken. Ihr Nacken war umspielt von leicht tändelnden Härchen. Und ich küsste die warme Haut und beobachtete wie ganz langsam die Druckstellen des Kusses verschwanden.

So viel dazu. Wirklichkeit ist etwas anderes. Jetzt ein Gegenbild aufzubauen wäre sinnlos. Negative Vorzeichen, die den Sätzen vorangehen reichen eigentlich aus. Nennt sich performatives Lesen, lieber Leser.

Sich selbst Entscheidungen abzuringen tut weh. Immer besteht die Hoffung, dass sich alles von selbst ergibt. Eines dann doch mal endlich zum anderen führt. Einfach so. Aber nein. Leben heißt dann wahrgenommen werden und als solch’ Wahrgenommener ist man ja verpflichtet Dinge zu regeln. Richtig zu regeln. Keine Ahung wie all das gehen soll.

Jenseits jeglicher Skalen II

Freitag, 10. April 2009

Du stehst auf und deine Augen sind verklebt vom Salz deiner Tränen. Du reißt mit aller Gewalt die Wimpern auseinander, um überhaupt etwas zu sehen. Der Blick in den Spiegel offenbart die Qual und Leere der Nacht. Tonlos führst du die Zahnbürste in den Mund. Du bist allein.

Am Frühstückstisch liegen noch die Krümel vergangener Nächte auf dem Tisch. Sie leisten dir Gesellschaft. Dein Teller will sie beiseite schieben. Er schafft es nicht; er kann sie nur verdecken. Der Kaffee läuft schwarz in die Kanne. Gurgelnd, fasst verreckend füllt die Maschine die Kanne. Du wolltest den ganzen Morgen schon etwas aufschreiben. Eigentlich nur etwas gestehen. Du bist froh darüber, dass neben der Kaffeetasse kein Stift liegt, der dich nötigen würde, diese in sich gelogenen Fetzen auf deine Hand und deine Finger zu kritzeln. Alles, was du in den letzen Monaten aufgeschrieben hattest, waren Sätze, die ein Anführungszeichen als Vorbote trugen. Ausdruck deines Kampfes gegen die Planlosigkeit. Dabei merkst du nicht, dass dein Leben ein einziger Plan ist. Gefühlt mit Bahnfahrten, Fressstunden und ein wenig Geficke am Abend.

Dieses Leben ist zu einem System geworden, für das es keine Alternative gibt. Und wie immer, wenn es keine Alternative gibt, bleibt es so. Es ist unbeschreiblich beängstigend wie schnell das alles passierte. Vor wenigen Monaten dümpeltest du noch zwischen großen Träumen, unbeschreiblichen Augen, atemlosen Nächten und unendlichen Morgenden herum und heute sitzt du allein in einem kalten Raum. Die Hand auf deinem eigenen Bauch. Das Schlucken fällt schwer und wird nur möglich durch Kaffee. Immer wieder schiebst  du diese schwarze Flüssigkeit in dich hinein in der Hoffnung danach nicht mehr derselbe zu sein. Doch all dies befindet nicht über deine Identität, es ist doch nur das gefärbte Wasser ohne Funktion.

In dir steckt keine feste Identität… nur noch Entitäten. Dies ist dir klar geworden, als du in den Spiegel oder in die Schaufensterscheiben dieser Stadt blicktest. Das bist nicht du. Zurückgefallen aus einer seienden Identität in eine sich ständig wandelndes, unspezifizierbares Dasein… jenseits jeglicher Skalen. Noch klarer wurde es dir als wildfremde Menschen deinen Zustand bemerkten und befremdlich die Lippen spitzten. Sie sprechen nicht mehr mit dir, sie nehmen dich wahr, glauben aber, nicht deine Sprache zu sprechen. Irgendwie stimmt das ja auch. Du bist vermutlich der einzige Mensch, der noch nicht mal seine innere Stimme versteht. Sie spricht in einer dir unbekannten Sprache. Manchmal des Nachts brüllt sie dich an und fängst im Schlaf an zu weinen oder schüttelst dich unter Tränen. Am nächsten Morgen habt ihr beide euch beruhigt. Nur noch deine Augen sind verklebt.

Jenseits jeglicher Skalen

Sonntag, 1. März 2009

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Gebrochene Herzen sind etwas Schlimmes. Am Tage sind sie rational. Alles hat Ursachen, Zwecke, die Logik läuft. Doch des Nachts geht gleichsam mit der Helligkeit der Welt auch die Helligkeit der gebrochenen Herzen verloren. Zweifel an allen Fronten, unbeschreibliche Ängste und der kindliche Trotz von Verflossenen summieren sich zu nutzlosen Leid auf. Wie ist dieses Lächeln zu verstehen? Wie dieser Blick zu deuten? Wo hat das alles seinen Anfang genommen?

Auf der Suche nach einer Gebrauchsanweisung hat man sich im Strudel des Gefühls verloren. Deutet falsch und dann wieder richtig. Was bleibt ist ein chronischer Weltschmerz jenseits jeglicher Skalen. Doch es fühlt sich so gut an. Der Weg ins Nichts ist seltsam abgelaufen. Teil von etwas zu sein bedeutet stets Einsamkeit aufgrund der Ungewissheit noch nicht getroffener Entscheidungen, die dann schließlich in ihrer Konsequenz als Bollwerk vor einem stehen können.

Was bleibt ist süße Ungewissheit und eine Hand im Haar, die sagen will: “Bleib doch, bleib doch.”

Als ich von Kakao auf Kaffee umstieg

Samstag, 24. Januar 2009

urbHast du dich selbst vergessen? Eher nein. Irgendwo zwischen den Fragen liegst du noch. Dazwischen vielleicht. Alle paar Wochen kommt die große Abrechnung. Hast du dir das selbst alles so vorgestellt? War so zurechtgelegt, geplant? Zweifel vergehen niemals, sie werden nur andere. Als du noch nicht hier angekommen warst, hattest du ein Bild von dir selbst und ein Bild von deiner Zukunft. Irgendwie sah das anders aus. Irgendwie war da mehr Licht und logischerweise weniger Dunkel.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich vor Jahren in meinem Zimmer mit dem blauen Teppich und dem kalten Metall saß. Es muss auf dem Sofa gewesen sein. Der Staub zwirbelte durch die Luft und das leere Fenster gab den Blick frei auf den blauen Himmel. Der passte nicht zum Blau des Teppichs. Akzeptiert. Ich las damals Bücher, die eigentlich keine Bücher waren. Popliteratur nannte sich das Phänomen in den Endneunzigern. Im Prinzip nichts anderes als die Worte talentfreier Autoren. Jedoch warfen sie mit Signalwörtern um sich. Es ging um Musik, um Partys, ums Saufen und irgendwie auch ums Kotzen. Liebe wurde begriffen als das Korpulieren in variantenreichen Stellungen mit immer neuen Partnerinnen.

Jetzt knapp zehn Jahre danach (ich glaube, dass ich das erste Mal »10 Jahre« schreibe über etwas, was ich schon mit Verstand begriff und das nicht im gleißenden Licht der Kindlichkeit steht) habe ich solche Partys erlebt. Wenngleich auch das Korpulieren fehlte und auch der üppige Drogenkonsum, der dafür notwendig zu sein schien. Normales Leben eben, ohne stilisierte Selbstdarstellung zum Verkauf einer immer größeren Auflage. Naja jedenfalls gab mir all dies ein zukünftiges Lebensgefühl… so wird es werden… so wird es sein, denn so ist es gedacht. Ich denke es würde für alle sehr peinlich werden, wenn ich jetzt beschreibe, wie ich mir die Zukunft ausmalte. Auf jeden Fall spielten Agenturen, tolle Jobs und Zeit eine große Rolle. Es war eine Mischung aus Büchern, Musik, Menschen und einer alles umfließenden Glückseligkeit, die damals nicht danach fragte, wie es weitergehen soll… wo die Reise hingeht. (weiterlesen…)

panta rhei

Mittwoch, 7. Januar 2009

Es soll sich regen, schaffend handeln, Erst sich gestalten, dann verwandeln; Nur scheinbar stehts Momente still. Das Ewige regt sich fort in allen: Denn alles muß in Nichts zerfallen, Wenn es im Sein beharren will.

Der Mensch lebt ja bekanntermaßen nur einmal. Okay, lassen wir den östlichen Religionen ihren Glauben. Jedoch… wenn man sich die Tatsache vor Augen halt, dass man alles nur ein einziges Mal machen kann (das gilt jetzt auch für die Buddhisten und Hinduisten, denn man wird ja als gleiches nicht als dasselbe reinkarniert), verliert das Leben irgendwie an Fröhlichkeit.

Das Sitzen in einer Kneipe mit Zigarette im Mund und vor sich hin dösendem Bier geschieht so nur ein ein einziges Mal. Der Moment einer grausamen Prüfung, wenn man in den Blicken des Prüfers die Enttäuschung über die gegebene Antwort entdeckt, gehört dann aber auch zu den Dingen, die nur eine einziges Mal durchgestanden werden müssen. Es ist auch nicht möglich den Besuch einer Stadt zu wiederholen. Die Parameter haben sich geändert. Man reist erstens nicht in dieselbe Stadt und ist zweitens auch nicht mehr man selbst. Die Parameter haben sich nur um winzige Millimeter verschoben. Alles ist anders. Die Zeit kennt keine Identität. Die Zeit kennt keine Kopie und die Zeit kennt keine Wiederholung (jedenfalls solange nicht bis eine mathematische Formel das Gegenteil beweist).

Das führt zur unvermeidlichen Erkenntnis, dass sich alles bewegt. Alles geht voran, getrieben vom Riemen der Zeit, der uns Individuen voranpeitscht zum Nichts. (heißt das jetzt, dass es im Ganzen doch etwas Unveränderliches, Statisches gibt? – das Nichts). Somit bleibt natürlich die Frage am Ende stehen, wie das Leben als ein Spiel betrachtet werden kann? Wenn Menschen dann meinen, das Leben sei ein Spiel wird es problematisch. Ist das Spiel des Lebens freiwillig oder erzwungen? Hat es eine klare Verortung und Verzeitlichung? Hat es Regeln? Sind diese Regeln gesetzt oder veränderbar? Spielt man es des Sieges wegen oder des Spieles selbst wegen?

Diese Fragen kreisen tief um die Definition des Spiels. Jeder kann sie an das Leben anlegen und für sich selbst beantworten. Jedoch unter der Prämisse der vorherigen Absätze kann eine Eigenschaft für das Spiel ausgeschlossen werden. Das Spiel ist nicht wiederholbar. Allenfalls erneuerbar, auffrischbar. Doch du spielst ein Spiel nie ein zweites Mal. Die Parameter sind andere.

Doch was nützen dir diese Erkenntnis. Naja, zunächst kannst du mit einem gewissen Lächeln auf Menschen schauen, die in ihren Lebensbeschreibungen in etwa Sätze angeben so wie diesen: “Lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre.” Doch sollte man den Spruch womöglich upgraden: “Lebe jeden Tag absolut, denn er ist der einzige seiner Art.” Ob du nun diese Tage absolut gar nicht oder absolut seiend lebst, ist dir dann selbst überlassen.

Das waren die Worte zum Sonntag. Am Mittwoch.

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Donnerstag, 4. Dezember 2008

Ich würde gerne zu BastiHs Herztönen (und eigentlich auch dazu) etwas schreiben, doch irgendwie will mein Geist gerade nicht. Ich ahne warum. Aber ihr solltet diese Texte lesen. Es wird euren Tag nicht retten, aber vielleicht euer Leben. Von mir nur so viel dazu wie es enden wird:

»Ich bin gewitzt, abgebrüht, ich durchschaue alles. Mich wird nichts mehr überraschen. Alle Katastrophen, die ich noch zu überstehen habe, werden mein Leben nicht auseinanderwürfeln. Ich bin darauf vorbereitet. Ich habe genügend von dem, was man Lebenserfahrung nennt. Ich vermeide es, enttäuscht zu werden. Ich wittere schnell, wo es mir passieren könnte. Ich wittere es selbst dort so lange, bis es mir auch dort passieren könnte. Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts verletzten. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe im Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren an Sehnsucht…«

C.H., Drachenblut/Der fremde Freund

Ausgebrannt

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Ich spüre gerade wie man ausbrennt. Lange Zeit dachte ich immer, es wäre vergleichbar mit einen starken Feuer, das einmal entzündet, mit hochroten, gelblich schimmernden Flammen in den Nachthimmel der eigenen Seele ragt. Ich dachte, es war dann doch nett anzusehen; so wie es das schwarze Innenleben erleuchtet und man kurzzeitig im Rausch der Geschäftigkeit gepaart mit Stolz durch die Welt lodert. Doch eigentlich ist das Ausbrennen ein sehr verhaltener Vorgang. Vergleichbar einem Kaminfeuer, das aber nicht nur im Sims selbst brennt, sondern sich hundertfach in allen Bereichen des Lebens ausdehnt.
Dabei knirscht und fiept es leise. Es zermalt dein Inneres; immer weiter und weiter. Irgendwann ist da der Zeitpunkt, an dem das Hochgefühl langsam abebbt. Der Schmerz kommt. Zunächst wird dieser nur registriert. Er ist halt da und tut weh. Man hetzt aber weiter. Kein Stillstand und der Schmerz der Flammen wird zur Gewohnheit. Du schliesst die Augen und aus dem dahinschwappenden Flammen wird langsam ein Strudel. Er zerrt an dir. Blut gerinnt, dein Körper wird fest, hart und ist gespannt. Du fährst dir über die Arme und kannst die Härchen nicht mehr spüren. Du bist kaltes, hartes Wachs. Adern schiebst du wie dürre Zweige über deine Handrücken. Sie knirschen. Bald sind es nur noch Sterne, die du siehst, wenn du die Augen schliesst.

Doch dann wird es erst richtig schlimm. Die Flammen brannten die ganze Zeit, nicht groß, nicht intensiv, doch verkohlten sie dir jeden letzten Rest Vernunft und du verstehst wie stark der Körper von der Seele abhängig ist. Die Zahlen auf der Waage nehmen Größen an, die du seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hast, der letzte Film, den du im Kino gesehen hast, ist schon seit Wochen auf DVD erschienen, die letzten vier Bücher liegen angefangen irgendwo in deinem Zeitchaos… du kannst dich an den Inhalt der ersten 10 Seiten sowieso nicht mehr erinnern. Jede Stunde Schlaf ist eigentlich nur ein Luftholen zwischen dem Wachzwang. Jedes Gespräch wird umhüllt von Hast. Du fragst häufiger nachdem, was eigentlich besprochen werden sollte.

Wenn du ausbrennst, lässt sich das Leben dazu Zeit. Es ist nicht der Lucky Strike, der dich mit einem Schlag vernichtet – große Zerstörung verträgst du, ziehst dich zurück in den Bunker – aber wenn das Feuer einmal dein Herz erreicht hat und schrittweise alles in dir verkohlt, dann ist dies der wahre Rundumschlag, der Leben auslöschen kann.

Das Leben als ewige Wiederkehr

Samstag, 15. November 2008

Das Leben läuft weiter. Mit Sicherheit. Ich weiß nicht, ob du es geahnt hast, ob du die möglichen Zeichen sahst. Du sahst ihr im Kerzenschein in die Augen, das Radio spielte irgendwas, es war ja egal. Woche für Woche hattest du dein Leben in Position geschoben. Pläne geschmiedet. Keine Angst gehabt. Ausgerichtet auf den wichtigsten Fixpunkt im Universum. Man sah es am Glanz in deinen Augen. Das war etwas Besonderes. Das Leben ist schön, sagtest du immer. Immer wieder. Was hast du nur alles gegeben? Und jetzt wird es dir genommen.

Am Anfang geht es nach dem Krieg nur um das Begreifen.  Das Leichenzusammenkehren passiert gleichzeitig mit einem in-sich-verschlungen sein.  Doch Tatsachen sind keine Träume und keine Wünsche.  Sie müssen verstanden werden. Das bedeutet nicht, dass du Entscheidungen bis in den letzten Winkel der Logik durchdringen musst… kannst du auch gar nicht. Manchmal reicht einfach auch nur das Abfinden, das Akzeptieren. Irgendwann klaut dir deine Geist die Illusion der Perfektion dieser Zeit. Du siehst überall Risse und überall Dreck. Und bis dahin ist es okay, betrunken traurige Musik zu hören.

Danke Gott für dieses Leben

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Es ist unfair im strömenden Regen an roten Ampeln warten zu müssen. Die Kapuze ist vollkommen durchgeweicht und das Regenwasser bildet kleine Bäche, in denen es über die Jacke abläuft. Die Brille ist voller winziger und auch nicht mehr so winzigen Tropfen. Die Hände werden nass und immer kälter.

Doch es gibt noch etwas unfaireres. Genau dann, wenn sich im strömenden Regen ein Pärchen neben dich an die Ampel gesellt, das quietschvergnügt unter dem Schirm steht und schnulzige Blicke tauscht. Doch die Gemeinheit endet hier nicht. Denn sie küssen sich, zumindest glaube ich, das durch mein eingeschränktes Sichtfeld erkennen zu können. Er streichelt auch ihre Wange und wischt einen Tropfen weg. Meine Füße sind nass. Die Stoffschuhe halten dem Wasser nicht mehr stand. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, sie fasst seine Hand und sie gehen über die Straße. Ich bleibe stehen, denn seitdem ich von der Polizei wegen des Überquerens einer roten Ampel ermahnt wurde, ist es mir unangenehm Steuergelder nachts um elf zu verschleudern, wenn doch richtige Verbrecher gefangen werden könnten.

Die Ampel bleibt weiter rot. Die beiden sind schon auf der anderen Straßenseite angekommen. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. Mir ist kalt. In diesem Moment rast ein Auto an mir vorbei und spritzt mich komplett (!) nass. Alles, aber auch alles war nass und schwer und scheiße.

Danke Gott für dieses Leben. Einsam kroch in nach Hause.

Bahnfahrt

Montag, 13. Oktober 2008

Ich hab ja dann heute früh meinen Ipod vergessen. Es gibt schlimmeres. Sehe ich ähnlich. Trotzdessen verlief dieser Tag aufgrund einer kleinen Ungereimtheit völlig anders. So stellte ich in der Thulb den Rechner hin und begann zu arbeiten; ohne davor, wie üblich, die wichtigsten Schlagzeilen und Jenenser Blogs abzusurfen, Auch hatte ich keine Lust den obligatorischen pre-Hausarbeits-Weltschmerz-Blogeintrag zu verfassen. Ich schob die Schuld auf den gestrigen, verstörenden Tag. Denn als ich gestern im Zug saß und von Heimat zu Heimat fuhr, da setzte sie sich neben mich. Im Gepäck hatte sich Tasche und Instrumenten-Tasche, die ich als freundlicher Student der Geisteswissenschaft und natürlich schwachen armes gerne über unseren Köpfen verstaute.

Wie der Automatismus im Leben so läuft, blieben wir natürlich im Gespräch. Sie studiert, was sonst, Musikwissenschaften in Weimar und war auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie das ganze Wochenende belastet hatte. Sie sei froh, endlich zurück in ihre Wohnung zu können. Schlaf sei das Primärziel. Doch ich erfuhr noch mehr. Das letzte Semester hatte sie im Ausland verbracht. Nordeuropa war das Ziel. Doch sie war enttäuscht, nichts von alledem, was versprochen wurde, konnte gehalten werden. Die Unterkunft war noch okay, die Lehre war es auch, aber dass sie die mühsam erarbeiteten Scheine nicht in Weimar einbringen durfte, wurmte sie.  Es schien fast so, meinte sie, dass sie vergeblich dort spielte und lernte und arbeitete. Nichts wurde ihr gewährt. Alle vergleichbaren Themen musste sie in Weimar noch einmal belegen. Irgendwie tat sie mir dann Leid. Der Zug passierte gerade Gera und zu fortgeschrittener Stunde, ich war ja bereits ein wenig länger unterwegs als sie, wurde ich von dem schlecht gedämpften Geratter müde.

Doch scheinbar hatte sie lange keinen Kontakt mehr mit zuhörenden Menschen gehabt. Sie redete weiter und ich hörte zu. “Ich habe für dieses Semester da oben so viel aufgegeben.” Der kurze Abriss der Geschehnisse, die mir da erläutert wurden, zeigten wirklich wie sie die Welt in Flammen hinter sich zurückgelassen hatte. Freunde und Freund enttäuscht, Mutter verärgert (Vater gab es nicht mehr) und jetzt als sie zurückkam, musste sie mit der Einsamkeit Vorlieb nehmen. Ich munterte sie auf. Natürlich versuchte ich es nur. Ich überlegte kurzzeitig meinen seelischen Müll in die Waagschale zu werfen um in einer ausgleichenden Funktion, ihr Schicksal abzumildern. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tat, weil mein Zielbahnhof heranraste oder ich doch irgendwelche Skrupel hatte.

Am Schluss blickte ich sie an und sagte: “Ziemlich viel für eine Stunde.” Ich denke in diesem Moment wurde ihr die Skurilität der Situation bewusst. Einem Fremden alle diese Dinge zu erzählen, die man ansonsten nur seinen besten Freunden auf einem Blog mit Geheimadresse mitteilt, war irgendwie anormal. Bevor ich aufstand und gen Tür tändelte, versprachen wir uns, uns nie wiederzusehen.