Pete und Pete

Vor ein paar Tage bei Vox.com einen spannenden Beitrag gefunden. In den USA hat Nickelodeon offenbar damit begonnen, alte Shows aus den 90ern erneut auszustrahlen. Und da sind sie wieder die Erinnerungen: Rockos modernes Leben, Doug, Hey Arnold!, Ren&Stimpy, Rugrats, Clarissa und viele viele mehr und … vor allem Pete und Pete. Bevor es das Internet gab, also bevor es Internet für mich gab, was letztlich bis 2001 (!) dauern sollte, war das allnachmittägliche Zappen nach der Schule durch die Cartoon- und Kinderserien der Sender heiliges Ritual und lieb gewonnenes Ritual.

Man müsste aus heutiger Sicht mit der nun inzwischen angeeigneten Vernunft all diese Serien noch einmal sichten, um vielleicht zum ersten Mal zu erfassen, welche pädagogische Raffinesse in ihnen lag und somit welche pädagogische Relevanz diese für meine eigene Entwicklung hatten. Und damit meine ich jetzt nicht irgendwelche popkulturellen Referenzen oder irgendwie geartetes Fakten nahe kommendes Wissen. Es geht mit vielmehr um das, was man für gewöhnlich moralisches Wissen oder auch moralische Kompetenz nennt. Also all das, was – etwas böse ausgedrückt im Elternhaus und in der Schule zu kurz kommt, da die Hektik des Alltags eine intensive Aneignung dieses Wissens verhindert. Was ist gut? Was ist böse? Wie verhalte ich mich richtig bzw. konkreter welches Verhalten muss ich an den Tag legen, um von anderen bzw. einer moralische Gemeinschaft gewertschätzt zu werden. Der findige Leser erkennt an dieser Stelle natürlich eine Überlegung, die unter anderem von Richard Rorty vorgebracht wurde und der ich im Wesentlichen zustimme.

„Die Lektüre […] von Romanen kann es Lesern ermöglichen, ihre Vorstellungskraft von den Scheuklappen zu befreien, die ihnen Eltern, Lehrer, Sitten, Gebräuche und Institutionen angelegt haben, und auf diese Weise ein höheres Maß an Individualität und Eigenständigkeit erlangen.“?1

Streicht aber an dieser Stelle den Roman oder die Literatur… oder besser erweitert diesen eben auch mit Fernsehserien, Filmen etc. Wie dem auch sei… interessiert eh‘ keinen. Irgendwann speiste dann auch unser heimischer Kabelanbieter diesen seltsamem „Kindersender“ mit dem orange-weißen Logo ein. Und die oben genannten Serien bereicherten meinen Nachmittag. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge, sollte ich doch nicht den ganzen Nachmittag fernsehen, lieber Schulaufgaben machen oder lernen und wenn schon nicht das, dann wenigstens raus und vor die Tür gehen und mich ein wenig bewegen. Nachvollziehbar finde ich diese Wünsche wenigstens. Eine Serie möchte ich aber ein wenig herausheben: Pete und Pete. Immer wenn die ersten paar Takte des Opening Themes der fiktiven Band Polaris anlaufen, dann fühle mich in eine quasi unbeschwerte Zeit zurückversetzt, in der alles möglich, obgleich vieles verboten war und genügend Zeit existierte, die noch neue und so wundervolle Welt zu entdecken. Kindheit halt:

Warum hebe ich diese Serie so heraus? Für mich war Pete & Pete eine der ganz wenigen Serien, bei der die gerade formulierte Erkenntnis, dass mit dieser Serie mein moralischer Kompass, mein Verständnis von gut und schlecht, von akzeptablem oder auch überbordend richtigem Verhalten herausgebildet wird, bereits damals deutlich vor meinen Augen stand. Ich spürte das als Kind bzw. sehr junger Erwachsener, dass diese Serie trotz ihrer teilweisen strangeness, die mit Belanglosigkeiten aufgefüllt wird, einen fetten moralischen Kompass hat, der manchmal deutlicher oder manchmal auch nur durch die Zeilen der Protagonisten hindurch deutlich wird.

Die reflektierte Art des Eltern Petes – quasi erwachsen – das Verhalten, die Fehler, die Gefühle und Sorgen seiner Umwelt, d.h. seiner Familien, seiner Freund, Bekannter und Fremder zu beschreiben und einzuschätzen imponierten mir. Auch das am Ende, was man heute vermutlich als „zu platt“ empfinden würde, immer kleinere Lehren, die zu verbesserten Weltzuständen führen würden, wenn wir sie alle beherzigen würden, ist ein unglaublich wichtiges Feature der Serie. Somit: Jedem sei sie ans Herz gelegt. Kauft euch die DVD oder durchforstet das Netz nach Folgen. Lohnt sich.

 

 

  1. Rorty 2003, 50 []

Perlenschnur

 

Leere

‘Nichts ist für immer’ ist so ein Satz, den man einfach nicht widerspruchsfrei äußern kann.

„Hey, nichts ist für immer. Alles hat ein oder besser sein Ende.“ *Betretenes Schweigen.* „Aber nein, sei nicht so negativ, denke doch an [hier bitte beliebiges Beispiel aus bierigen, zigarettengeschwängerten Küchengesprächen einfügen]…“

Ich glaube, wir alle werden mit der tief in uns verwurzelten Überzeugung geboren, dass bestimmte Dinge für immer währen. Wir müssen uns am Anfang auch gar nicht gegen diesen Gedanken wehren. Wenngleich wir bei dem Herauspurzeln zur Geburt vielleicht zum ersten Mal die Erfahrung machen müssen, dass Dinge doch nicht für immer währen, ist dies zu diesem Zeitpunkt letztlich nicht relevant, können wir uns ja schließlich kaum an diesen Moment – an diese Brise – der Veränderung erinnern (außer vielleicht dieser Schelm hier). Auch unsere Kindheit umweht dann doch recht oft die Brise der Unveränderlichkeit. Wir wachsen, verändern uns in eine Welt hinein, die für uns statisch ist. Die wenigen Punkten, die wichtig sind, Familie, Spielzeug, der Tag sind ausreichend gleich, fest und hart im Boden verankert, um glücklich zu sein.

Doch dann weitet sich die Welt; wird zwar nicht mehr bunter aber beweglicher und zuckender. Man trachtet schließlich danach zusätzliche Pflöcke einzuschlagen, die einem halt bieten können, damit einen der Strudel dann doch nicht so arg erwischt. Man glaubt, diese neuen Pflöcke sind wie die alten. Doch das stimmt nicht. Ab einem bestimmten Punkt ist der Boden des Lebens keine statischer, fester Granit, sondern nicht vielmehr als ein schleimiges Erde-Gras-Gemisch, das sich aber zu Anfang kaum vom alten, gewohnten Granit unterscheidet. Setzt man zu oft auf die falschen und zu wenigen Pflöcke, wird es häßlich. Dann erfährt man – als würde ein Zug in einen hineinrasen, ohne dass man es vorher ahnt – was es heißt, dass vieles und letztlich nichts für immer ist.

Man strauchelt im Angesicht dieser Erkenntnis. Wenn man ein wenig mehr Gefühl hat als eine Banane, dann strauchelt man an diesem Punkt einfach. Ich selbst glaube bis heute, dass mich diese Erkenntnis vergiftet hat. So stark vergiftet, dass mein ganzer Energieumsatz verändert wurde und auch die Gewöhnung nicht dazu geführt hat, mich darauf einzustellen. Doch das Gift ist widerlicher als man zunächst denkt. „Nichts ist für immer“ ist der Ausgangspunkt für den Folgegedanken, dass es dann ja doch eigentlich eventuell im Wesentlichen bei Lichte betrachtet unter Umständen sicherlich genau besehen nichts bringt, weiter nach Holzstöcken zu suchen, die als Pflöcke dienen können.

 

Alles, was nun folgt, ist Einsamkeit. Und Stille.

Wir gehen in die Säue

Wenn man seinen eigenen Puls sucht. Wenn nichts pulsiert oder pocht. Wenn nichts schlägt und tickt. Wenn alles versunken ist in einer unermesslichen Tiefe. Wenn die Ströme rückwärts durch dunkle Wälder fließen. Wenn die Schatten sich vor dem Sturm krümmen. Wenn die kläglichen Schreie im Wind verheulen. Wenn die Wegspur nicht zu sehen ist. Wenn das Kratzen die Haut schroff macht. Wenn der Atemzug luftlos verhallt. Wenn man sich zurückwünscht. Wenn man sich fortwünscht. Wenn selbst die traurigste Nacht keine schönen Worte hervorbringt…

 

…dann schreibt man so etwas.

Status

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann mobil einfach nicht bloggen. Ich mag die WordPress-iOS-App durchaus gerne. Aber nur, wenn es darum geht mal eben fix einen gefundenen Fehler in einem bestehenden Artikel auszumerzen. Aber einen regulären Beitrag verfasse ich so ungern damit. Anders als Federico Viticci, der beeindruckender Weise seinen kompletten Workflow auf das iPad ausgerichtet hat und darüber zahlreiche sehr interessante Artikel verfasst hat. Aber gut, er nutzt ja nicht die WordPress-App, sondern Editorial und hat offenbar auch ein ganz eigenes CMS für das Blog macstories.

Noch dazu bin ich immer wieder mit dem gegenwärtigen Aussehen von urbandesire.de unzufrieden. Habe aber auch keine Zeit, mich wirklich um die Theme-Entwicklung zu kümmern. Während es mich lange Zeit nervte, dass mein Theme durch Sidebar und Klimbim von den Artikel ablenkte, und ich dazu entschied auf ein neues Theme zu setzen, dass die Texte in den Vordergrund rückte, war es mir dann wieder zu kahl und zu umständlich auch permante Inhalte wie Menüs, Blogroll etc. einzupflegen. Deswegen habe ich heute mal wieder auf ein neues Theme umgestellt, dass so etwas wie einen Kompromiss darstellt. Ein bisschen Menü und Klimbim oben und unten… und der Rest fokussiert sich auf die Texte.

Es nervt sowieso, dass diese ganze Widgetisierung der WordPress-Themes, ihrer Anpassbarkeit so stark zusetzt. Wo man früher einfach mal einen html-Schnipsel irgendwo hinzufügen oder mal eben fix Schriftgröße oder Linkauszeichungsfarbe in der CSS-Datei varieren konnte, muss man heute endlos komplizierte Stylesheets durchwühlen und rumtesten, bis man die Funktion gefunden hat, die Wirkung zeigt. Na klar, dem Laien wird es nun wesentlich einfacher gemacht im Rahmen des vorgebene Algorithmus das Theme nach seinen Wünschen anzupassen, wer diese Regeln aber verlassen will und nur ein interessierter Laie und kein html/css/php-Profi ist, hat es nun ein ein ganze Ecke schwerer. Oder man setzt halt auf ein altes, simples Theme und nimmt sich die Zeit ein eigenes Child aufzubauen, der den Vorstellungen entspricht. Aber wer macht das schon bzw. wer hat dafür noch Zeit?

Egal. Interessanter ist es aber, dass viele der alten Bloggerkollegen und -kolleginnen (muss man jetzt eigentlich gendern…?) verschwunden und/oder unbekannt verzogen sind. Einige wenige Leuchttürme der ehemaligen Jenaer und Thüringer Blogosphäre, in der ich persönlich Social-Mediamäßig sozialisiert worden bin, existieren noch und blubbern so fleißig vor sich hin… aber viel sind verschwunden oder nur noch bei twitter, oder so. Das ist lustig, da ich meiner naiven und jugendlichen Leichtsinnigkeit immer gedacht habe, so Bloggen, das ist eine Wesenfrage und somit eine Sache für die Ewigkeit. Wer einmal damit angefangen hat, der wird nie wieder aufhören. Aber so ist es nicht. Leben ändern sich, Prioritäten variieren und Zeit wird knapp. Dies gilt vor allem, wenn man mit seinem Blog nie so richtig die Anonymität verloren hat. Also nie „Erfolg“ hatte oder populär geworden ist. Diejenigen, die es geschafft hatten, sind mehr oder weniger immer dabei hängengeblieben. Egal.

 

 

Stay the same.

Seasons change,
it will never be the same.
I’m hopin‘ I won’t stay the same.
Reasons strange.
Why we all must play these games?

 

Die kalte Hand schiebt sich an der feuchten Socke entlang. Die Socke ist verknäult und irgendwie hat es die Waschmaschine nicht geschafft, die Fusseln aus der Stoffstruktur herauszulösen. Nach dem Versuch zwei, drei dieser Fusselbündel herauszulösen, gebe ich entnervt auf. Die Werbung lügt. Man kann  seine schmutzige Wäsche nie so waschen, dass sie im Anschluss daran wirklich rein ist. Irgendetwas, seien es auch nur kleine irritierende Fussel, bleibt immer hängen. 

Symptomatisch wie mir scheint. Habe ich noch schmutzige Wäsche zu waschen? Bin rein? Schuldlos? Schmutzige Wäsche hat jeder. Das lässt sich einfach nicht verhindern. Wichtiger scheint aber der Zeitpunkt, wann man sie wäscht. Der Zeitpunkt also, an dem man sich wieder zur Reinheit bekennen will. Während sich bei der anschließende Nach-Hausarbeits-Zigarette der Rauch des verbrennendenen, sich zu Asche wandelnden Tabaks mit dem Geruch des Weichspülers vermengt, denke ich darüber nach, wann ich also meine Wäsche immer so gewaschen habe? Tat ich es rechtzeitig? Bin ich momentan rein? Ich muss mit einer gewissen Genugtung zugeben, dass ich es zumindest immer versucht habe, rechtzeitig den Korb in die Maschine zu werfen, das Vollwaschmittel aus Entschuldigungen und den Weichspüler aus Reue hinzuzukippen und der Waschtrommel dabei zuzusehen, wie sie sich in Bewegung setzt und dabei das Programm anläuft, an dessen Ende meine Weste rein, die Entschuldigung angenommen, die Schuld abgewaschen ist. Außer einmal.

Ich kann mich an einige solcher Waschetage erinnern, an denen alle Beteiligten die Trommel zustopften und auf das reinigende Programm der Vergebung hofften. Um jetzt mal mit dieser widerlichen Waschmaschinen-Metaphorik zu brechen, solche Gespräche sind etwas Widerliches. Ich finde sie vor allem anstrengend – wenn man sich nichts vorwerfen kann; wenn man sich nicht betrogen hat, wenn man sich nicht belogen hat, wenn man sich nicht weh getan hat – aber trotzdem etwas nicht stimmt und man zur Einsicht kommt, dass es so nicht weitergeht.

Ein Gespräch war anders, denn ich war beschmutzt. Es war irgendwann im Frühjahr nach einer euphorischen und intensiven Zeit über die Wintermonate. Gleichsam mit dem Tauwetter, das Pflanzen und Steine aus der Eiskruste befreit, wurde unsere oder vielleicht auch nur meine fixierte Liebe befreit. Ich war zu dem Zeitpunkt enorm unglücklich. Fühlte mich allein, fühlte mich stets versetzt und begriff nach einer Zeit des Unverständnis dieser Situtation, dass die angesetzten Erwartungen an das Uns, nicht eingeholt werden können. Und so striffen wir vermutlich wochenlang wie Tiger um das letzte Stück Fleisch, ohne erkannt zu haben, dass es längst verdorben war. Aber stabil instabile Zustände, so auch der einer kaputten Beziehung, sind einfach nicht so leicht zu ändern. Ich begann aus der Enttäuschung und einer gewissen Machtlosigkeit heraus Fehler zu machen und beschmutzte meine Weste. Aber diese war zu dem Zeitpunkt, und das soll jetzt irgendsoetwas wie Rechtfertigung sein, eh’ schon zerissen und zu nichts mehr zu gebrauchen.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus: Mit pochenden Herzen besuchte ich sie und ging nach wenigen Minuten oberflächlichem Geplänkel und einem kühlen Kuss zum Angriff über und beendete die Beziehung. Einfach so. Ich veriet nicht, dass ich jemanden kennengelernt hatte und mir eigentlich schon die Finger, wenn nicht gar die Hände, verbrannt hatte. Das Gespräch endet ohne Tränen, sondern mit einer seltsamen Erleichterung auf beiden Seiten. Ich bin mir nicht sicher, ob sie jemals erfahren hat, was damals die wirklichen Gründe des Ende unseres Uns waren. Oder ob sie jemals erfahren hat, dass es Möglichkeiten für einen Fortbestand gegeben hätte. Bei einem kleinen Fingerschnips von ihr… oder einem Klaps in die richtige Richtung. Es kam aber anders und bis heute liegt dieses Bündel dreckige Wäsche hier herum. Es tut mir noch heute unendlich leid.

Vielleicht ist dieses Bündel auch der Grund, warum ich sie nach diesem letzten Gespräch nie wiedergesehen habe, nie wieder gesprochen habe. Es ist wirklich seltsam, wenn ich heute, als die Zigarette herunterbrannte, daran denke. Und das Perfide in unseren heutigen Zeiten sind die sozialen Netzwerke und ihre nie endenden Freundschaften. Man war sich nah, spürte sich körperlich, hoffte auf Zukunft und ließ die jeweils eigenen Universen kollidieren. Und dann… nach einem solchen Waschgang entfernt man sich endlos, nur um sich dann nie ganz aus den Augen zu verlieren, weil stets ein nichtsagendes Profil mit immer unverständlich werdenderen Statusmeldungen gefüllt wird. Gerade am Anfang waren diese sozialen Netzwerke für mich eine Qual. Auf der Topliste ganz oben: Partyfotos. Sie lächeln zu sehen, in Armen Fremder machte mich fertig. Doch die Zeit und die Sache mit den Wunden tat ihr Übriges. Es verging. Die Universen entfernten sich.

Ich kann es heute trotzdem irgendwie einfach nicht fassen, dass ich sie nach all dem – für mich Bedeutendem –nie wieder gesprochen habe. Sicherlich legte es damals keiner darauf an. Ich aus Schuld. Sie vielleicht wirklich aus Desinteresse oder verborgener Kränkung. Oder es ist einfach passiert. Aber es schockiert mich trotzdem. So weiß ich heute einfach nicht, ob sie noch dieselbe ist, ob sie noch das gleiche Lachen hat, das gleiche Denken…? Seltsam, was das Leben so für Wege geht. Das Bündel dreckige Wäsche wird wohl ewig hier liegen bleiben.