Archiv für die Kategorie „Literatur“

Die Weisheit der Urbanität

Mittwoch, 30. Juli 2008

Gehe ich durch meine Heimatstadt, schlagen mir an allen möglichen Stellen Lebensweisheiten entgegen. Sie sind an Hauswände geschrieben, in farblich passenden Lettern, schön dezent, trotzdem Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Zwei Fragen beschäftigen mich. In den seltensten Fällen wird der Autor (sei er auch anonym) genannt. Warum nicht? Ich denke, das soll die Universalität der Aussagen unterstreichen. Mit einem Autorennamen verbindet sich irgendeine Theorie, immer eine Geschichte, die die eigene Bedeutungszuweisung unterläuft oder gar abkürzt. Doch der verallgemeinernde Charakter dieser Sätze oder Sentenzen muss sich bezugsfrei entfalten. Die zweite Frage ist die Frage nach den Verursachern. Wer kommt auf die Idee einen Malermeister samt Lehrling zu engagieren, um diese Sprüche an die Wand zu pinseln? Sind dies Kunstprojekte oder moralisch tief verankerte Hausbesitzer, die die Welt verbessern wollen? Ich wittere fast einen Skandal. Vielleicht gibt es staatliche Subventionen, wenn man eine Hauswand nicht nur weißelt, sondern sie darüber hinaus noch zu einer Projektionsfläche für Lebensweisheiten macht?

Habe ich Zeit, gehe ich gern auf die Suche nach den Verfassern. Um es kurz zu machen. Die besten Sprüche stammen aus der Antike bzw. der Spätantike. Mit ihrer Rückbindung an die Tradition der Meditation, die nicht nur die eigene Seele ermahnen soll, sondern in ihrer Allgemeingültigkeit auch die Seelen aller (Lesenden), knallen diese Sentenzen am besten. Kostprobe gefällig?

Liebe das, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn was könnte dir angemessener sein?

Voraussetzung des Verständnisses dieser Aussage ist, zu wissen, dass der Sprecher davon ausgeht, dass man selbst mit seinem Schicksal hadert. Im Laufe eines Lebens bricht so viel Unheil über einen herein, so vieles geht schief und man fühlt sich an die Prüfungen Hiobs erinnert. Doch anstatt darüber zu verzweifeln und sich nach den Ursachen der Qualen und Leiden zu fragen, soll man sich im Innern umwenden und die Perspektive ebenso drehen. Das Leben bricht nicht einfach über uns herein. Es ist ein unendlicher Strom von Entscheidungen, die Reaktionen hervorrufen. Scheinbar geht es um das Abwägen von Optionen. Doch doch die Frage nach den Optionen im Leben ist nicht so einfach zwischen gutem und schlechtem Ergebnis zu unterteilen. Die Tatsache, dass eine Entscheidung getroffen wird und getroffen werden muss (auch wenn das “widerfährt” hier ein passives Lebensprinzip suggeriert, sollte man das Leben – und so meint es auch der Autor Marc Aurel – als etwas Gestaltbares sehen), führt dazu, dass es nur einen einzigen wirklichen Lebensweg deiner Person gibt. Im Moment des Treffens der Entscheidung schlägt man eine Richtung ein. Die Kategorien richtig und falsch verlieren ihre Bedeutung. Sie gelten nicht mehr, da es ja im Fällen der Entscheidung nur diesen einen Weg gibt. Alle anderen möglichen Optionen werden nichtig.
Sicherlich könnte jetzt schlau Skeptiker behaupten, dass ich doch eine Entscheidung sofort revidieren kann und dann exakt das Gegenteil mache. Gut. Aber dann hast du die erste “falsche” Entscheidung benötigt, um die zweite Entscheidung zu treffen. Dieses Motiv sein Leben in seiner Ganzheit mit alle seinen Entscheidungen, mögen sie über kurz oder lang doch indirekt kategorial zuordbar (zu gut oder schlecht) sein, zu lieben, ist ein in der Literatur häufig anzutreffendes. Auch Paulo Coelho propagiert in seinem Werk “Der Alchimist” diese Grundeinstellung: “Das Leben ist wirklich großzügig mit dem, der seinen persönlichen Lebensweg folgt.” Beide, Aurel und Coelho, knüpfen dabei an die menschliche Vergänglichkeit an. Das Hadern und Kritisieren des eigenen Lebens wird unzumutbar in Anbetracht der Tatsache, dass man nur ein Leben hat und dieses obendrein zeitlich begrenzt ist.

Wer jetzt diese Zeilen liest, hat vielleicht eine Ahnung dafür bekommen, warum Menschen an Häuserwände diese Sprüche kleistern…

Literatur aus dem Buchregal

Freitag, 14. Dezember 2007

Aber die Leute haben nicht verstanden, was ich meinte, wie immer, wenn ich etwas sage, verstehen sie nicht, denn was ich sage, heißt ja nicht, dass ich das, was ich gesagt habe, gesagt habe, sagte er, dachte ich.

Schönheit im Wahn

Montag, 3. September 2007

Mein erstes Seminar in meinem Leben als Student war eine Nietzsche Seminar. Es ging um die Schrift “Die Geburt der Tragödie”. Ich hab damals nicht viel verstanden von der Bedeutung des dort geschriebenen. Die Worte und das “System ” dahinter waren mir klar, aber warum…? Ich mag Nietzsche bis heute, ich mag seine fast brutale und doch sanfte Art zu schreiben, dieses Rütteln am Leser bis man doch endlich verstanden hat, worum es geht. Ich habe nur immer das Gefühl, dass dieser Mensch ein unglaublich trauriger Mann gewesen sein muss. Letztens habe ich ein Video entdeckt, dass Nietzsche in seinen letzten Tagen (Wochen, Monaten) zeigt. Es ist vermutlich kein richtige Filmaufnahme, sondern nur eine gute Aneinanderreihung von Bildern aus der Fotoserie “Der kranke Nietzsche”. So hat man halt früher Filme gedreht. Ich fand sie in meinem Glauben an den traurigen Nietzsche sehr beeindruckend.

Symphatie für den Teufel

Freitag, 24. August 2007

Der Aufstand des TeufelsEigentlich kann er uns Leid tun. Der Teufel. Er ist ein gefallener Engel. Er, ein Wesen geschaffen von Gott, begrenzt und unbedingt. Und doch mit der großen Schöpfungslust seines Vaters ausgestattet. Er will schöpfen und autonom sein in einer Welt, die nach den festen Regeln Gottes verläuft und nur durch deren Befolgung hat er Anteil am Unendlichen seines Schöpfers hat.
Es ist der Fluch des Nachkommen, des Zweiten, des Wegebetreters nicht vollständig Herr seiner Umgebung sein zu können. Die Begrenzung seiner Schöpferkraft durch die bereits fertiggestellte Welt wurmt ihn. Ihn, der im Geiste ebenso zu Großem berufen sein will, es aber nicht ausleben kann. Alles, was er schaffen darf, sind Wesen, die in unabdingbarer Abhängigkeit zu Gott und damit der Teilhabe am göttlichen All leben. Ein Leben im immer gleichsam Perfekten, nicht reduzierbaren. Nichts eigenes, nicht individuelles.

Zum Leben gehört immer Individualität, eine gesunde Eigenheit des Ichs, eine Autonomie vom Ganzen, um sich somit selbst zu konstituieren. Es gibt kein Leben ohne Individualität.

Es ist somit nur eine Frage der Zeit bis das Streben nach Individualität im Herzen des Teufels so groß geworden ist, dass ihm nur der Aufstand – die Auflehnung – gegen Gott und seine gemachten Regeln bleibt. Doch der Aufstand ist hausgemacht. Er ist sozusagen eine Fehlkonstruktion Gottes. Man kann kein individualisiertes, schöpferisch-kreatives Wesen schaffen und dann verlangen, dass dieses sich mit einer Dienerfunktion zufrieden gibt. Ein individualisiertes Wesen wird niemals auf Dauer Stellvertreter einer anderen Macht sein können.

Es muss zum Unausweichlichen kommen. Die göttliche Mißgeburt stürzt in die Tiefe. Sie wird verbannt aus dem glorreichen Himmelsreich, dem Ort der Perfektion – hernieder auf den Boden, um dort ohne die göttliche Gnade weiter zu existieren. Und nun wird er erst zum Gegenspieler Gottes. Und dies nicht aus dem Grund einer Boshaftigkeit, sondern aufgrund seiner Individualität – seines Strebens nach Unabhängigkeit wegen.

Der Teufel wird jedoch nicht vollständig verbannt. Er wird zu einer Grundkonstituente des neuen Lebens. Er gehört zu uns. Wir Menschen, Produkte der erneuten Schöpfung Gottes, bekommen den Keim des Teufels in uns eingepflanzt als unveränderlichen Teil unseres Wesens. Und so sind wir alltäglich hin- und hergeworfen zwischen dem Streben nach Selbstverwirklichung und Autonomie und der Teilhabe am entpersonalisierten Ganzen.

<causa>Das ist der Grund warum ich Filme wie “Der Exorzist” oder “Das Omen” nie ganz nachvollziehen kann. Sie sind Tradierungen eines Mythos, der nur eingesetzt wurde, uns kompatibel – früher mit Gott, heute mit der Gesellschaft und dem Zeitgeist – zu machen. Wir sind alle direkte Nachkommen des Teufels, nur dass wir dies vergessen haben.</causa>

Jochen Schmidt

Sonntag, 19. August 2007

Gestern wieder festgestellt, was Jochen Schmidt für ein Allerweltsname ist.

Jochen Schmidt ist der Autor des Buches “Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945“. Recht imposante Zusammenstellung und guter Detailüberblick. Eines der wenigen Fachbücher, das wirklich angenehm geschrieben ist und trotz zweier Bände nicht langweilt.

Gestern im Buchladen erneut ein Buch von Jochen Schmidt gefunden: “Seine großen Erfolge” darin folgende Textstelle:

Goethes Vater hat sich nie klargemacht, dass er es seit Goethes Geburt mit Goethe zu tun hatte, und statt die Gelegenheit zu nutzen, eine Koryphäe der Goetheforschung zu werden, hat er ihn auf pedantische Art zu erziehen versucht.

Man verstehe jetzt meine Verwirrung über Jochen Schmidt, da ich von diesem Herrn eher wissenschaftliche Publikationen gewöhnt war, anstatt in verwirrenden Kurzgeschichten, seltsame Feststellungen über Goethes Vater zu erfahren.

Meine Verwirrung hielt noch ca. eine halbe Stunde an (ca. 1 Bahnfahrt nach Hause). Als ich dann das Internet über Jochen Schmidt befragte und es sich herausstellte, dass es da zwei Autoren des gleichen Namens gab und der Jochen Schmidt des Geniegedankens nicht der Jochen Schmidt der Kurzgeschichten ist, war meine kleine germanistische Welt wieder in Ordnung.

Jochen Schmidt Nr. 1
Jochen Schmidt Nr. 2

Der Mensch ist Mensch

Donnerstag, 9. August 2007

“… der Mensch ist Mensch, und das bißchen Verstand, das einer haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet und die Grenzen der Menschheit einen drängen.”

(aus “Die neuen Leiden des jungen W.”)

U.P.

Dienstag, 5. Juni 2007

Habe gestern hundert Seiten Rilke gelesen. Will jetzt erstmal sterben. Oder im Nichts verschwinden, damit ich euch nicht zusehen muss, wie aus aufplatzenden Eiterbeulen euer Leben herausströmt und dann vielleicht noch bei mir landet.

Tomtetoll

Donnerstag, 2. November 2006

tomte_schoenheit_der_chanceIch weiß. Niemals sollte man als Leser und gar als Student der Germanistischen Literaturwissenschaften ein Buch vor dem Ende loben. Aber bei Tomte mache ich da mal ganz galant eine Ausnahme. Denn dieses Tourtagebuch ist schon auf den ersten zwanzig Seiten toll. Tomtetoll. Es geht um Freundschaft, Musik, Promitrash usw. Ich habe selten auf den ersten Seiten so häufig lachen müssen. Eigentlich noch nie. Und was sehen meine verzückten Augen im Inhaltsverzeichnis. Es gibt auch einen Tagebucheintrag vom 03.06.06, das war der Tag, an dem Tomte hier in Jena im Kassablanca spielten und ich mit dem Baytor und der Ani der Musik lauschte und wie am Eintrag zum Konzert ersichtlich, in Verzückung geriet. Auf diesen Tourtagebucheintrag freue ich mich deshalb schon sehr. Leider wird es noch ein wenig dauern, da ich dieses Buch nur sehr langsam, sozusagen schrittweise buecherstapel(jeden Morgen ein Kapitel aufm Klo) lesen kann. Da diverse Seminare, die ich mit dem Baytor und derHeldin teile, durchaus große Lektürelisten an den Tag legen und somit ca. 200 Seiten pro Woche gelesen werden müssen. Einziger sehr positiver Aspekt ist, dass sich mein Lektüreproblem in Anbetracht dieses Büchstapels (rechts) in Luft aufgelöst hat. Leider klafft aber auch somit ein riesiges Loch im Geldbeutel. Da diese Werk nun doch erst einmal gekauft werden müssen. Trotzdem bleibt anzumerken: Endlich angekommen im Hauptstudium.

Buchstock

Freitag, 13. Oktober 2006

Der liebe Baytor bewarf mich, vielen Dank:

Ein Buch, das mein Leben verändert hat:

Paulo Coelho – Der Alchimist — es lohnt sich zu leben immer.

Ein Buch, das ich mehr als einmal gelesen habe:

Johann Wolfgang von Goethe – Faust — und ich habs gern getan

Ein Buch, das ich auf einer einsamen Insel gern bei mir hätte:

Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften — weil ich es noch nicht gelesen habe und es zwei dicke Wälzer sind

Ein Buch, das mich zum Lachen gebracht hat:

Stephen Chbosky – Vielleicht lieber morgen — “they did it in doggystyle with a sandwichbag”

Ein Buch, das mich zum Weinen gebracht hat:

Wolfgang Rudzio – Das politische System der Bundesrepublik Deutschland — grrr

Ein Buch, das hätte geschrieben werden sollen:

Ein Buch über die Techniken der Fäkalkunst — gell Jojo?

Ein Buch, das nie hätte geschrieben werden sollen:

Louis Begley – Der Mann, der zu spät kam — siehe hier

Ein Buch, das ich gleich lesen werde:

Helga Köhler-Seidel – Tage aus Glas — es kommt bald, bestimmt!

Ein Buch, das ich schon immer mal lesen wollte:

Da gibt es hunderte… gar tausende, aber es fehlt die Zeit.

Die nächsten fünf Opfer dieses Stöckchens:

Da meine bisherigen Stöckchen immer seltener beantwortet werden, gebe ich sie nun nicht mehr weiter. Das Stöckchen endet hier.

Buchhändler

Sonntag, 27. August 2006

Ich denke nur wenige von euch haben den Film “em@il für dich” gesehen. Insgesamt schlängelt sich die Liebesgeschichte um die Existenz von zwei Buchläden: Einmal die riesige Filiale von Fox-Books (Tom Hanks) und dem kleinen “Laden an der (um die) Ecke” (Meg Ryan). Und wie es immer so ist, verdrängt natürlich der riesige kapitalistische Buchladen das kleine Buchgeschäft (eigentlich ein Kinderbuchladen).buch Es gibt jedoch eine entscheidende Szene: Nachdem der kleine Buchladen mangels Kunden geschlossen werden musste, begibt sich Meg Ryan Monate später in die “Filiale des Bösen” und belauscht unter Tränen ein Gespräch zwischen einer Kundin und einem Verkäufer, der nicht wusste von welchem Buch die Kundin sprach und was sie eigentlich wollte, da er die Geschichte, die von Kundin nur bruchstückweise wiedergegeben wurde, nicht kannte. Meg Ryan mischte sich nun heulend ein, weil sie als ehemalige Besitzerin eines kleinen “liebvollen” Buchladens die Bücher natürlich las, die Geschichten kannte und sofort den Titel des gesuchten Buches nennen konnte.

Jetzt stellt sich mir die Frage ist das wirklich so? Na gut; klar ist, wenn ich in einer modernen Thalia- oder Hugendubel-Filiale ein Buch suche, muss ich mindestens Titel und Autor kennen (am besten natürlich die ISBN). Aber war das schon immer so? War es früher vielleicht möglich hineinzuspazieren und mit Metainformationen (also weden Autor, Titel, Verlag und ISBN) und trotzdem das richtige Buch zu finden. Dies würde ja grundsätzlich bedeuten, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer in Buchhandlungen mehr sein müssten als Kassiererinnen und Regalauffüller.

Nach dem erfolglosen Lesen dieses Buches und auch anderer Bücher wünsche ich mir derzeit schon sehr eine kompetente Verkäuferin, die anhand meiner Lesegewohneheiten meinen Geschmack ermitteln kann und mir “Leseempfehlungen” geben kann. Aber dieser Wunsch wird wohl unerfüllt bleiben. Und so stöbere ich mich bereits zum vierten Mal durch die Regale und bin mit keinem Buch zufrieden.

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