Ist es wirklich sinnvoll jetzt schon, den Tod der PDF in der Wissenschaft zu fordern?

workplace

Als ich mir vor über einem Jahr ein iPad kaufte, war ich lange Zeit skeptisch, ob ich irgendwann einmal darauf auch Text lesen werde. Also jetzt nicht Texte im Internet, sondern allerlei Geschriebenes in Form von Papern, Bücher etc. Das iPad sollte nicht nur meinem privaten Medienkonsum bereichern (was es tat), sondern vor allem auch im akademischen Umfeld zum Einsatz kommen und da meinen Workflow digitalisieren. Es ging mir nicht nur darum, Papier zu sparen, sondern die Digitalisierung von Zitaten, relevanten Textstellen für mich zu vereinfachen. Denn bisher machte ich es, wie vermutlich ein Großteil der geisteswissenschaftlichen (!) Forschung und Studierendenschaft.

Wenn ein Fachbuch oder ein Fachtext nicht digital (das heißt für gewöhnlich als PDF) vorlag und das war bis 2010 fast immer der Fall, dann ging ich in die Bibliothek, bemühte die Katalogsuche und Fernleihe und organisierte mir die entsprechende Druckausgabe des gesuchten Werks. Wenn dies erfolgreich war, schnappt ich mir das Buch mitsamt Kopierkarte und stellte mich in die Kopierzimmer-Reihe und wartete. Wenn ich an der Reihe war, atmete ich betört den Tonergeruch ein und kopierte mir, wenn möglich auf Recyclingpapier, die Texte, die ich anschließend zusammenhefte, durchlas, kommentierte, ggfs. exzerpierte und in riesigen Ordner, Ablagen und Hefter archivierte. Benötigte ich Textstellen, dann setzte ich mich an den Rechner und tippte vergnüglich Relevantes in das Bibliographieprogramm oder die Arbeit.

Aus heutiger Sicht betrachtet bot dieser Workflow natürlich noch Optimierungsmöglichkeiten. Und heute 2013 ist es dann auch ein wenig anders. Zum einen sind natürlich mehr Bücher und noch mehr wissenschaftliche Artikel elektronisch als PDF verfügbar. Zum anderen konnte ich durch Buchscanner, OCR-Software (Adobe Acrobat Pro), PDF, Dropbox und das iPad für mich einen angenehmeren Workflow gestalten. Das heißt aber auch, dass noch heute gilt: wenn ein Text nicht digital verfügbar ist bzw. einfach zu teuer, um ihe zu erwerben, mache ich mich in die Bibliothek auf und suche mir das entsprechende Werk. Anstatt aber papierne Kopien zu erstellen, stehe ich nun am meist unbesetzten Buchscanner, den es auch in fast jeder großen Universitätsbibliothek gibt, und scanne mir die gewünschten Texte zusammen.
Am Rechner führe ich eine Texterkennung durch und lese die so nun durchsuchbaren und gut kommentierbaren zu fast 90% auf dem iPad1 Logischerweise fällt auch das Abtippen von relevanten Textstellen und Zitaten weg. Durch simples Copy-and-Paste ist ein wichtiger Text ruckzuck bibliographiert und exzerpiert2.

Ich bin an sich recht zufrieden mit diesem Ablauf. Weniger Papier muss herumgeschleppt werden. Auf allen Geräten, die ich besitze, ist mein gesamter Literaturapparat verfügbar. Kommentare und Notizen können nicht nur leicht editiert, sondern auch zeitlich als auch endgerätetechnisch nachverfolgt werden. Auch entfällt das nervige Abtippen von Textstellen. Aber es ergeben sich noch mehr Vorteile. Hier sei vor allem die Durchsuchbarkeit des einstigen Papiers genannt. Ich verbrachte früher viel Zeit mit dem Anlesen von Textteilen, die für mein Interesse nicht vordergründig sind. Das Durchsuchen der durch ein OCR-Programm lesbar gemachten PDFs erleichtert mir das Auffinden von für mich relevanten Textstellen ungemein.

 

Halbig - bearbeitete Textseite

 

Mein Fazit ist also, dass ich mit meinem Workflow an sich ganz zufrieden bin. Ich forsche in einer Zunft, in der – anders als beispielsweise in vielen Naturwissenschaften aber auch zunehmend in anderen empirischen Wissenschaften – keine ausgeprägte Online-Journal-Kultur existiert. Die Norm ist oft das gedruckte Buch oder der im Sammelband abgedruckte Fachtext, der auch entsprechend nach Ausgabe und Seite zitiert wird. Deswegen fällt es auch auf, dass mein Workflow recht zentriert um das PDF herum aufgestellt ist, da sich auf diese Weise sozusagen Ausgabe und konkrete Seitenzahl mitdigitalisiert.

Aber das PDF steht in diesem Zusammenhängen stark in der Kritik. Es wird nicht nur hinsichtlich seiner kommerziellen Abhängigkeit zu Adobe, sondern auch wegen begrenzter Darstellungsmöglichkeiten auf verschiedenen Leseendgeräten kritisiert (Stichwort: sich zu Tode scrollen). Dies ist darauf zurückzuführen, dass es schießlich ein seitenbasiertes Format als Grundlage nimmt, welches sich dementsprechend nicht hochgradig skalierbar zeigt wie etwa eine html-Seite oder eine auf XML basierendes E-Book. Diese wesentlichen Punkte sind offenbar der Grund, warum man sich wünscht, die „Krücke“ PDF zugunsten neuer, vorteilhafterer Formate endlich loszuwerden.

Als Alternativen werden dabei natürlich der html-Artikel (Smart Article) sowie das XML-basierte eBook (sei es als .epub, .mobi usw.) ins Auge gefasst. Die Vorteile dieser Formate liegen natürlich auf der Hand. Sind geboren im Bildschirm und nicht mehr eine reine Abstraktion des Buches bzw. der papiernen Textseite. Dementsprechend spricht ihre erhöhte Anpassbarkeit für die Lesbarmachung auf verschiedene Endgeräte, die Durchsuchbarkeit (obwohl sie diese mit einer durch OCR-Techniken durchsuchbaren PDF teilen) sowie die Durchsetzung des Textes mit nicht-textuellen Elementen für diese Formate.

Was jedoch ganz klar aufgegeben werden muss – sowohl bei html-Artikel als auch den eBook-Formaten – ist das Denken innerhalb der Normseite. Paginierung, Seitenzahlen etc. sind für diese Formate einfach nicht mehr von Belang. Und natürlich kann man sich fragen, warum man gerade beim digitalen Lesen noch Seitenzahlen benötigt. Denn sobald es Seitenzahlen gibt, gibt es logischerweise ein irgendwie geartetes System von Seite, das dann vermutlich auch als Setzungsparadigma verwandt wurde und dementsprechend die freie Skalierbarkeit von html-Text oder eBook zunichtemacht.

So sehr ich natürlich die Möglichkeiten der neuen Formate begrüße, habe ich damit auch so meine Sorgen und Zweifel. Zum einen darf das Infragestellen von Seitenzahlen nicht darauf hinauslaufen, jegliches Auffindungssystem (und nein, ich meine jetzt nicht die konkrete Suche nach Textstellen) innerhalb des digitalen Textes gleichsam mit zu verwerfen. Zum anderen darf es nicht darauf hinauslaufen, dass die fehlende Lösung eines geeigneten Auffindungs- und Verweisungsystems des digitalen Fachartikels zu einer Infragestellung wissenschaftlicher Zitierweisen führt. Die fürchterliche Neigung vor allem im englischsprachigen Raum und naturwissenschaftlichen Metier das Zitat herrlich unkonkret zu lassen, indem nur noch auf die gesamte Publikation verwiesen wird (see Schreiber 2012) kann vielleicht in einer von Papern und Zeitschriften dominierten Forschung noch ausgehalten werden, sobald es aber um Bücher und verschiedenster Publikationen geht, ist dieser Zustand nicht auszuhalten. Es genügt bei einem Hinweis auf Habermas’ Kritik an Derrida Habermas 1983 hinzurotzen. Es ist ein Service für den Leser und ein Element wissenschaftlicher Redlichkeit hier konkret zu werden: Habermas 1983, S. 219-247. Auch bei einer Zitation eines Gedankens oder Gedankengangs (das berühmte indirekte Zitat) ist es in einer Buchkultur, die die gegenwärtige Geisteswissenschaft immer noch ist, notwendig konkret zu werden, denn sonst versperre ich dem Leser meines Textes das Verstehen und den kritischen Nachvollzug meines Gedankengangs.

Auch sollte berücksichtigt werden, dass Texte nicht nur im Digitalen exisitieren und somit eine Auffindungs- und Verweissystem auch offline anschlussfähig sein muss. Und an einem solchen Auffindungssystem kranken all diese neuen Textformate des Digitalen, weshalb es auch offenbar noch verfrüht ist, den Tod der PDF in der Wissenschaft einzufordern.

Weder der Smart Article noch das eBook haben keine erkennbar solide Strategie für ein Zitationssystem entwickelt. Zumindest keines, das auch den Sprung aus dem Bildschirm heraus schaffen könnte und einigermaßen mitteilsam bleibt. Denn natürlich könnten Zitate und entsprechende Verweise mithilfe von Links umgesetzt werden. Aber dies funktioniert nur im rein digitalen Paradigma. Bekanntlich sollten aber Informationen auch außerhalb des Rechners mitteilsam bleiben. Aber bis heute habe ich kein entsprechendes Zitationsystem umgesetzt gesehen. Weder iBooks noch der Kindle lassen einen Ansatz eines Zitationssystem erkennen, bei dem konkrete Textstellen herausgestellt werden können.

Alle kehren gezwungenermaßen aber gleichzeitig unsinnigerweise zurück zur Seite (iBooks) oder zur Position (kindle) zurück. Warum gezwungenermaße? Offenbar benötigt der Leser ein solches Referenzsystem. Und dies gilt aus obigen Gründe im besonderen Maße für die Wissenschaft. Warum unsinnig? Weil diese Zählsysteme – gerade bei iBooks – nicht zuverlässig sind. Ändere ich den Screen, die Schriftgröße oder das Layout im Allgemeinen, dann ist die zitierte Stelle an diesem Punkt des Dokumentes nicht mehr auffindbar. Ich kann in die Literaturangabe ja nicht wirklich noch Informationen zu den von mir verwendeten Darstellungsoptionen geben, oder?

Ohne ein plattformübergreifendes Zählsystem bleiben ebooks oder html-Artikel für die Wissenschaft vorerst nur schwer nutzbar. Was bietet sich also als Alternative an? Zeichen, Wörter, Absätze? Schließlich sind Zeichen, Wörter oder Absätze wesentlich nun einmal im Text vorhanden und offenbar adäquater als die durch das digitale Format verlorengegangene Seite. Aber  in Wirklichkeit sind Zeichen oder Wörter keine sinnvolle Größe. Sie spielen vor allem innerhalb des Editierungsprozesses eine große Rolle, aber für den akademischen und nicht-akademischen Endanwender scheinen sie mir sehr unpraktisch. Zu riesig können gerade bei umfangreichen Werken oder Texten die Zahlen werden. Wie findet man sie auf? Muss man abzählen? Gibt es ein passables Zählsystem? Absätze sind genauso wenig hinreichend adäquat. Zwar werden die Zahlen nicht allzu riesig, aber was macht man, wenn ein Text nicht in Absätzen strukturiert oder in Absätzen überstrukturiert ist? Hier fehlt eine sinnvolle Vergleichbarkeit zwischen Texten.

Die Seitenzahl war immer eine vom konkreten Textlayout unabhängige Größe, die ausreichend genau bzw. hinreichend grob war, um einen guten Kompromiss zwischen Auffindbarkeit von Textstellen und schneller, merkbarer Weitergabe von Zitationsstellen zu gewährleisten. Auch besaß die Seitenzahl immer die Eigenschaften einen Aussage über den Umfang des Textes zu machen.

Ich wiederhole mich: Solange es kein adäquates, plattformübergreifendes, formatunabhängiges Zählsystem gibt, dass als Basis eines Zitationssystems fungieren kann, scheinen mir die Rufe nach dem Tod der PDF und der Inthronierung von html-Artikeln und eBook-Formate als verfrüht. Da ist noch ein bisschen was zu tun.

  1. Ich habe dazu zahlreiche PDF-Reader-Tools für das iPad ausprobiert und mich konnte am meisten der GoodReader überzeugen. Auch wenn es momentan bei dieser App noch an einem Update für iOS7 mangelt. Die vielen Absürze nerven. Aber man ist ja leidensfähig. []
  2. der Vollständigkeit wegen: Ich verwende zur Katalogisierung meiner Bibliographie Citavi []

What remains

„You never know when something is going to happen to change your life. You expect it to arrive with fanfare, like a wedding or a birth, but instead it comes in the most ordinary of circumstances. Afterward I tried to find something to explain what had happened. But the night was ordinary. It usually is, I think, when your life changes. Most people aren’t doing anything special when the carefully placed pieces of their life break apart.“

aus: Carole Radziwill: What Remains. A Memoir of Fate, Friendship, and Love (2005)

Die bösen Ebook-Raubkopierer

Es ist schon interessant, welche Wogen verschiedene Ereignisse in der Öffentlichkeit haben. Die Schließung von kino.to durch sächsische Ermittler erhielt nicht nur ein Medienecho und befeuerte erneute die Debatte zu Fragen des Urheberrechts und dessen Schutz sowie zu Fragen der Möglichkeiten staatlicher Intervention mithilfe von Zensur und Grundrechtseinschnitten. Nein auch die „Nutzer“ selbst meldeten sich recht offen zu Wort, wenn man diverse Facebook-Pinnwände oder Timelines auf Twitter beobachtete. Viele Menschen waren auf der Suche nach Alternativen für ihre Abendgestaltung und wurden natürlich auch fündig.

Eine viel kleinere Woge der Entrüstung und Aufmerksamkeit hat die Schliessung der Plattform library.nu hervorgerufen. Man musste schon nach Meldungen suchen, die auch auf den online verfügbaren Nachrichtenportalen wenig sichtbar präsentiert waren. Ich denke, der Grund ist recht einfach. Die Popularität von library.nu ist aufgrund der spezifischen Zielgruppe nicht zu vergleichen mit de von kino.to, piratebay.org und ähnlichem. Und doch ist die einstige Existenz der Plattform bemerkenswert und es sinnvoll darüber noch einmal kurz zu reflektieren.

Zunächst einmal ist library.nu nichts anderes als die Anwendung des „kino.to-Prinzips“ auf ebooks: es ist ein „Verzeichnis mit Links auf mehr als 400.000 raubkopierte E-Books sowie den angeschlossenen Filehoster ifile.it“ SpOn am 15.02.2012. Nutzer erhielten eine technische Infrastruktur, mit der es möglich ist ebooks in den üblichen Formaten sowie Digitalisate hochzuladen und zu teilen. So entstand im Laufe der Zeit ein riesiger durchsuchbarer Katalog, der es ermöglichte kostenlos Bücher per DDL auf die eigene Festplatte herunterzuladen. Nicht ganz klar ist, wie stark der „community-Aspekt“ zu beurteilen ist. Das heißt es scheint bisher noch unklar, wer letztlich die ungeheure Zahl der Bücher, die sich mit mittelgroßen Universitätsbibliotheken messen lassen kann, in das System eingepflegt hat. Handelt es sich mehr um eine kriminelle Vereinigung, die den Upload systematisch betrieben hat oder war es dann doch die große Zahl der Nutzer, die zur Pflege des Katalogs beitrugen. Wie aus einem Interview von XX mit der Redaktion von hr2-Kultur der Tag hervorgeht, fanden sich auf der Plattform auch zahlreiche aktuelleste Werke, teilweise sogar noch unveröffentlichte Titel. Ob dies nun für professionelle Strukturen jenseits der technischen Plattform spricht, lässt sich momentan noch nicht entscheiden. Man wird sehen, ob weiter Details in den nächsten Tagen mitgeteilt werden. Was jedoch sicher ist, dass ein internationaler Zusammenschluss aus zahlreichen Verlagen wie Cambridge University Press, John Wiley & Sons, Oxford University Press, Springer, Taylor & Francis, C.H. Beck sowie De Gruyter, um die wichtigsten einmal zu nennen, koordiniert durch den Börsenverein des deutschen Buchhandels gegen die Hintermänner privat ermittelte und nun 17 einstweilige Verfügungen vor dem Landgericht München I erwirkte, die dann natürlich flux nach Irland überstellt wurden, von wo aus das illegale Treiben seiner Ausgangspunkt nahm und jetzt durch Unterlassungsverfügungen beendet wurde.

Das von kino.to und diversen Klonen bekannte Geschäftsmodell, das sich letztlich durch auf den Seiten geschaltete Werbung refinanziert, hat hier erneut über einen gewissen Zeitraum Erfolg gehabt. Was jetzt auffällt sind natürlich die Verlage selbst. Es sind wissenschaftliche Fachverlage, keine Publikumsverlage, die gegen library.nu aktiv wurden, was uns auch gleichzeitig zur Zielgruppe führt. Library.nu war nicht nur irgendein Linkverzeichnis für ebooks, sondern vielmehr eine riesige Fachbibliothek in recht beeindruckender Vielfalt und Qualität, die neben Digitalisaten in Form gescannter pdfs auch alle anderen gängigen Dateiformate .epub, .djvu zum Teil auch direkte pdfs der Verlage, die offenbar mit Lizenzen in deren Plattformen erworben wurden, beherbergte. Auch zahlreiche journals, wenn man Rückschlüsse von den beteiligten Verlagen ziehen will, mussten somit verfügbar gewesen sein.

Es fällt mir gerade schwer, das von Verlagen und Koordinatoren vorgelegte Motiv, von bloßer Piraterie, um Umsätze zu generieren, ohne einen letzten Einwand, zu akzeptieren. Sicherlich die finale Ausprägung des System library.nu erweckt den Anschein, dass es hier ausschließlich um systematischen Urheberrechtsbruch zur Generierung von Einnahmen geht. Doch für mich scheint diese Motivanalyse dann doch etwas zu holzschnittartig. Ich vermute bei der Geburt der Idee dieser Plattform, dass noch andere Motivationen einen Ausschlag gaben, was mich zurück zu den Verlagen führt, die erstaunlicherweise mitnichten Publikumsverlage sind, mit denen sich doch in Hinsicht auf die Leserzahlen vielmehr Umsatz hätte generieren können.

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„Hypothesen sind Netze, nur der wird fangen, der auswirft.“

Druck. Wir stehen unter Druck. Ich stehe gerade ein wenig unter Druck. Denn der Dystopist hat einen interessanten Artikel zur aktuellen Guttenberg-Plagiat-Doktor-Gedöns-Affäre veröffentlicht. Es ist natürlich ein teilweise interessanter Einblick eines Forschers, der sich im Wissenschaftsbetrieb befindet und die Standard-Meinung zu Plagitaten und nicht richtig gekennzeichneten Zitaten aufführt. Schön und gut. Scheinbar kommt noch mehr. Aber bisher wird für mich beim Dystopisten, aber auch in den einschlägigen Medien, eine wichtige Kernfrage unterschlagen.

Es ist für mich nur von minderen Interesse, dass eine bisher so glaubwürdige Person wie Herr von Guttenberg plötzlich und vermutlich auch eindeutig des Promotionsplagiates überführt wird – ähnliche Auseinandersetzungen gab es bei Kohl, bei Putin und im literarischen Betrieb vor ein paar Monaten bei Airen und Helene Hegemann – wenn man sich den Workflow eines Politikers ansieht, ist das selbstständige Verfassen von Reden und Manuskripten eher die Ausnahme; ein weltweites und durchaus akzeptiertes Phänomen. Natürlich darf dies nicht für eine Doktorarbeit gelten, denn gerade hier steht die intellektuelle Eigenleistung des Verfassers im Vordergrund mit dem Mindestziel neue Aspekte zur Debatten der Forschung beizutragen, verschiedene Aspekte neu zu kombinieren oder sie an gewissene Themen mit eigenem Standpunkt abzuarbeiten. Das entdecken von neustem Land ist vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften meiner Ansicht nach eher selten. Es ist ein beständiges Aufsitzen auf vorhandenem, ein Remix, der unterfüttert wird durch noch nicht in den Kreislauf eingebrachtem Wissen, durch sprachliche Prägnanz von Aussagen, die so noch nicht hervorgehoben wurden. Was wichtig ist und worin in dem Dystopisten nun auch zustimme, ist das faire Kennzeichnen der entlehnten und zitieren Stellen. Das ist einfach Wissenschaft, das macht jeder und das ist auch notwendig, damit die Forschung weitergehen kann. Denn durch das Fehlen von Quellen – ein Phänomen, dass es übrigens auch extrem bei den gerade so schön auf das Thema schlagenden Mainstreammedien gibt – wird die Arbeit zum Inselmedium und somit nicht richtig nachvollziehbar, woher all das kommt: eine Sackgasse. Wissenschaftliche Arbeiten leben von offen gelebter Intertextualität und sind Oszillationsmedien.

Schlimmer aber als das guttenbergsche Ignorieren dieses Forschungsgrundsatzes ist der Shift der Debatte. Erstens: Von was soll all das ablenken? Riesige Artikel auf den wichtigsten Seiten der Zeitungen. Meldungen und Artikel zu viel wichtigen Themen: Finanz- und Wirtschaftskrise, HartzIV-Debatte, Revolutionen auf dem afrikanischen Kontinent und im Nahostraum sowie der eigentlich aufsehenerregende Tod von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan werden mit einem Streich zu kleinen Anhängseln auf Seite drei. Gleiches gilt für die Onlinemedien. Kein Besuch der Nachrichtenseiten war möglich, ohne auf der Startseite in prominenter Positionen Variationen des guttenbergschen Gesichtes in zum aktuellen Stand der Debatte passenden Ausdrücken zu sehen; gepaart mit Stockfotografien von Bücher- oder Blätterstapeln. All das ist beileibe nicht so wichtig, nicht weltbewegend. Ein kleiner Skandal, eine kleine Affäre, die in den nächsten Jahren nur noch in irgendwelchen TopTen-Listen der blödesten Fehltritte des politischen Berlins auftauchen wird.

Vielmehr sollte man das Entdecken des Plagiates als Ausgangspunkt nehmen, um über die Ursachen nachzudenken, die ich nicht unbedingt in der persönliche Fehlstellung und Selbstwahrnehmung des Betroffenen sehe, sondern vielmehr in einem Systemfehler, der durch zahlreiche hochschulpolitische Reformen noch verstärkt und begünstigt wurde und mit einer Wesensveränderung der Akademiker einhergeht. Der Dystopist spricht den Stress und die Belastung von Bachelorstudierenden an. Ich will das jetzt nicht überbewerten, aber es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die ich hochschulpolitisch als sehr problematisch empfinde. Es ist die Verschulung des Studiums zur Effizienzsteigerung, zur Ökonomisierung und Monetarisierung des akademischen Bereichs. Der deutsche Physiker Harald Lesch sprach in einem wunderbaren Rant in einer Folge des Podcasts „Elementarfragen“ über die fehlende Kultur des Vertrauens im Dunstkreis der Universitäten, die ein ruhiges Forschen verhindert und so auch das Entstehen von intellektuellen Höchstleistungen teilweise unterbindet. Ratingagenturen bewerten Studiengänge mit falschem Maß und beenden das wilde „Herumspinnen“ der Akademiker, was primär vielleicht nicht zielführend wirkt, aber wie die Geschichte stets bewiesen hat, mittel- und langfristig immer wieder neue Entdeckungen und Erkenntnisse ermöglichte: „Ein Mangel an Phantasie bedeutet den Tod der Wissenschaft.“1 Man studiert nicht mehr für das Thema, für die eigene intellektuelle und menschliche Weiterentwicklung, sondern soll passend und plan für die kommende Karriere studieren. So der Plan und ein Teil der Kritik Leschs.

So ist ein Doktortitel – dies jetzt bitte nicht über alle Maßen allgemeinernd verstehen – nichts weiter geworden als ein Karriereschritt, bei vielen nicht mehr eine Tat aus innerer Überzeugung sich einem Thema hinzugeben, zu einer Debatte etwas beizutragen. Ein Doktortitel ist Prestige, der offenbar ein weiterhin hohes Ansehen in der Gesellschaft geniesst, der den Promovierenden irgendwie profiliert und zu höherem Respekt verhilft. „Herr Dr. Soundso“ wird so Teil der intellektuelle Elite der Gesellschaft. So die Wahrnehmung. Dass diese vielleicht durchaus richtige Wahrnehmung der Promotion jedoch dazu führt, dass eine solche nur noch als Durchlauferhitzer für eine angestrebte Karriere umfunktioniert wird und fungiert, ist die eigentliche bedauerlich Fehlentwicklung, die an diesem Skandälchen sichtbar wird. Seien wir ehrlich: Man kennt das Leben und den Arbeitstag von Politikern, man kennt den Arbeitsablauf des Abfassens einer ernsthaften wissenschaftlichen Arbeit. Beides ist nahezu nicht – und wenn nur unter großen gar riesigen Entbehrungen – vereinbar. Dass bei Guttenberg nun zu Tage tretenden Plagiat ist nicht nur Ergebnis von formalen Fehlern und mangelnder Sorgfalt (dafür ist das Ausmaß zu umfangreich), sondern von mangelndem Herzblut und falscher Motivation. Die Motivation bestand vielleicht nur darin, dem guten Ton zu entsprechen, die eigene und intellektuelle Leistungsfähigkeit zur Schau zu stellen und sich in späteren politischen Debatten etwas mehr Gewicht verschaffen zu können. Natürlich sind dies alles nur Mutmaßungen meinerseits, jedoch kann ich mir jenseits einer Ghostwriter-These, diese zahlreichen „Schlampereien“ in einem eigenen Baby „Doktorarbeit“ nicht anders erklären.

Das skizzierte Phänomen ist aber leider nicht nur ein Einzelfall eines populären Promovierenden Guttenbergs, sondern eine durch politische Fehlentscheidungen, die von unserer Gesellschaft akzeptiert und teilweise von den Medien gefeiert wurden, heraufbeschworene Entwicklung akademischer Bildung in Deutschland. Schade, dass dies in den Debatten kaum oder nur wenig abgebildet und nachgezeichnet wird. Einige wenige Artikel beschäftigen sich aber mit dieser Frage:

Der Titel des Beitrages ist ein Novalis-Zitat.

UPDATE: Da ist mir dann doch ein Artikel der Zeit vom 16.02.2011 entgangen, der sich der Frage von Hochschulpolitik respektive Leistungsdruck an der Universität und Guttenbergs Plagiat als prominentes Beispiel für diese Entwicklung stellt. Dagny Lüdeman, die Redakteurin im Ressort Wissen von ZEIT ONLINE ist, wittert einen gewissen „Opportunismus“, der den Grund abliefert sich einem Dissertationsprojekt zu widmen. Das ähnelt meinen Überlegungen stark. Schade, dass dieser Aspekt in den Medien nicht weiter verfolgt wurde. (01. März 2011)

  1. Johannes Kepler []

Das Eis meiner Begriffsstutzigkeit

Das Buch (Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“) war – was mein Verständnis des Zeitproblems anlangt – die Axt, die das Eis meiner Begriffsstutzigkeit sprengte […] Daß ganz gleich, was wir denken, die Zeit ein unhintergehbare Voraussetzung dieses Denkens ist, dass wir uns nie Zeit ohne Zeit und auch nie keine Zeit ohne Zeit vorstellen können, daß Zeit wie der Raum eine Grundmodalität unserer Welt- und Selbstsicht darstellt, und zwar jeder uns irgendwie begreiflichen Welt, nicht nur des Newtonschen vierdimensionalen Universums […].

aus: Thomas Lehr – Das gestörte Experiment.
Literarische Seitenblicke zur Naturwissenschaft (SPRITZ 2006)