Fremdheit

237HVielleicht geht es vielen so. Berlin erscheint auch nach wiederholten Besuchen zunächst als fremd, als seltsam riechender lärmenden Raum, der – teilweise erbaut auf Müll – seine große Klappe niemals halten kann und in immer bunteren Sprachen rumort und blubbert. Es ist ja nun gottseidank nicht so, dass ich genötigt wäre in dieser sich zu wichtig nehmenden Metropole leben zu müssen. Ich komme alle paar Jubeljahre mal vorbei und steuere spionagenhaft – still und lautlos – durch ihre (kulturellen) Versorgungsadern. Man will ja nicht vollgesuppt werden. Bedächtig achtet man darauf in den S- und U-Bahnen nicht allzu häufig mit zugekniffenen Augen aus den Fenstern zu starren, wenn der Zug in die Bahnhöfe einfährt. Denn ein echter Berliner, also jemand der da offenbar länger als ein halbes Jahr lebt, merkt sich die Ansagen oder hört diese als Bestätigung eines Wissens, dass er bereits besitzt. Der Touri und die Fremden starren aus den Zügen und kriegen hochrote Köpfe vom Aufspringen, wenn die Zielbahnhof erreicht ist und der Ausstieg droht.

Ja, droht. Denn hier wartet die nächste Herausforderung: Geht man nun nach links oder rechts? Verlässt man den Bahnsteig zum Anschluss oder zum Ausgang in die eine oder andere Richtung? Auch wenn es Schilder gibt, so schnell ist der Fremde nicht orientiert und muss anschließend doch wieder eine Richtungskorrektur vornehmen. Achtet doch einfach mal auf die verwirrt umhersteuernden Fremden in den Bahnhöfen der Stadt, die sich wie eine seltsame Erkrankung durch das Gewebe eines Körpers strauchelt.

Doch trotz all der Befremdlichkeit rutscht man in dieser Stadt erstaunlicherweise so schnell in die Phase der Vertrautheit, die im Wesentlichen aus einer Haltung reinen Desinteresses besteht. Es ist einem schlicht alles egal, genau wie den anderen hier, die mit dir durch diese Stadt laufen, fahren oder neben dir an irgendeiner Ecke sitzen. Die Leute sehen hier schon im Durchschnitt so fertig, bescheuert oder verwirrt, übertrieben, pompös, grandios oder heldenhaft aus, dass man sich wegen der eigenen Anwesenheit und Teilnahme am Leben der Stadt eigentlich keine Gedanken machen muss. Man kann Jogginghosen zu wirklich jedem Anlass tragen, man kann sich zu jedem erst einmal komisch benehmen oder seltsame Dinge verlangen. Alles in dieser Stadt ist schon eingepreist. – – Wenn man nicht gerade mit einem eintattoweirden oder blutig eingeritzten Hakenkreuz auf der Stirn daherkommt, muss man sich eigentlich um nichts Sorgen machen (vermutlich stellt auch Letzteres den Durchschnittsberliner vor nur wenig oder gar keine Akzeptanzprobleme).

Nun gut, ich war aus der Provinz im Südwestens in den Nordosten, in die Metropole gekommen. Dabei hörte ich Geschichten, die mich an meine Begegnung mit der Metropole erinnerten. Fremdheit und deren Überwindung. – Eine gute Freundin tut sich auf diversen Dating-Portalen um. Nach Jahren der Einsamkeit, in denen eben nicht so viel ging, war sie fast gepackt von einem Fieber zwischen Chatting, Dating und der nächsten wilden Geschichte im Bett. Vielleicht übertreibe ich, aber ich hatte das Gefühl, wir sprachen fast ausschließlich über diese neuen Entwicklungen. Von Dates, die mit seltsamen Sprüchen begannen, ironiefreien Chats, bei denen sie intellektuell völlig überlegen war, und schnellen und schmutzigen Treffen, bei denen zwischen digitalem Kennenlernen und der ersten körperlichen Nähe nur wenige Stunden oder Tage vergingen.

Ich hing an ihren Lippen, aber eben anders als die anderen. Die ganze Zeit fragte ich mich, wie sie diese Fremdheit überbrückt und in den Modus der Nähe gelangt. Vermutlich ist diese Frage eigentlich naiv. Wir sind ein soziales Wesen und ein nicht zu verachtender Teil und Wesens ist darauf ausgelegt, zu kooperieren, Nähe zu suchen und Verbindungen zwischen uns und den anderen zu detektieren. Aber in diesem Moment fragte ich mich wirklich, ich der seit über zwei Jahren keine Nähe mehr hatte, ob man diese Mauer bestehend aus Fremdheit auch nur für einen kurzen Moment überwinden kann, ohne hemmungslos sich selbst zu verlieren. Wie wird aus einem Chat-Gesicht mit kurzen Sätzen ein Treffen zum Ficken oder gar noch mehr?

Was meine Freundin da berichtete, war für mich schon mehr als eine Herkules-Tat. Denn hier wurden nicht nur seelische Masken entrissen, sondern auch Kleidungsstücke herabgezogen, die beide jeweils für sich eigene Wahrheiten hervorbringen, die im städtischen Alltag sonst gut gehütet sind. Aus all dem folgt keine Erkenntnis für mich in diesem Text. Nur ein offener Mund gefüllt mit Erstaunen. Und noch ein Link zu einem Fotoprojekt, das sich diesem seltsamen Moment immer wieder versuch zu stellen:

“In my work titled „intimate strangers“ I suggest randomly chosen strangers to have an intimate acquaintance. I take photographs with them in their private space; their living rooms, bedrooms, bathrooms, back yards, and any place that’s scorched with their personal memory. I request that they look at me, think about me, and remember me. The encounter is singular and short, and harbors a sensation of its infinite possibilities, a unique and magical moment overpowering the everyday stale and automated existence. In every encounter I stage an intimate moment, an artificial acquaintance.”
initimate stranges

 
aus: intimate strangers1
 

  1. Für Bilder auf der Projektseite auf next klicken []

links for 2016-01-02

Pete und Pete

Vor ein paar Tage bei Vox.com einen spannenden Beitrag gefunden. In den USA hat Nickelodeon offenbar damit begonnen, alte Shows aus den 90ern erneut auszustrahlen. Und da sind sie wieder die Erinnerungen: Rockos modernes Leben, Doug, Hey Arnold!, Ren&Stimpy, Rugrats, Clarissa und viele viele mehr und … vor allem Pete und Pete. Bevor es das Internet gab, also bevor es Internet für mich gab, was letztlich bis 2001 (!) dauern sollte, war das allnachmittägliche Zappen nach der Schule durch die Cartoon- und Kinderserien der Sender heiliges Ritual und lieb gewonnenes Ritual.

Man müsste aus heutiger Sicht mit der nun inzwischen angeeigneten Vernunft all diese Serien noch einmal sichten, um vielleicht zum ersten Mal zu erfassen, welche pädagogische Raffinesse in ihnen lag und somit welche pädagogische Relevanz diese für meine eigene Entwicklung hatten. Und damit meine ich jetzt nicht irgendwelche popkulturellen Referenzen oder irgendwie geartetes Fakten nahe kommendes Wissen. Es geht mit vielmehr um das, was man für gewöhnlich moralisches Wissen oder auch moralische Kompetenz nennt. Also all das, was – etwas böse ausgedrückt im Elternhaus und in der Schule zu kurz kommt, da die Hektik des Alltags eine intensive Aneignung dieses Wissens verhindert. Was ist gut? Was ist böse? Wie verhalte ich mich richtig bzw. konkreter welches Verhalten muss ich an den Tag legen, um von anderen bzw. einer moralische Gemeinschaft gewertschätzt zu werden. Der findige Leser erkennt an dieser Stelle natürlich eine Überlegung, die unter anderem von Richard Rorty vorgebracht wurde und der ich im Wesentlichen zustimme.

„Die Lektüre […] von Romanen kann es Lesern ermöglichen, ihre Vorstellungskraft von den Scheuklappen zu befreien, die ihnen Eltern, Lehrer, Sitten, Gebräuche und Institutionen angelegt haben, und auf diese Weise ein höheres Maß an Individualität und Eigenständigkeit erlangen.“?1

Streicht aber an dieser Stelle den Roman oder die Literatur… oder besser erweitert diesen eben auch mit Fernsehserien, Filmen etc. Wie dem auch sei… interessiert eh‘ keinen. Irgendwann speiste dann auch unser heimischer Kabelanbieter diesen seltsamem „Kindersender“ mit dem orange-weißen Logo ein. Und die oben genannten Serien bereicherten meinen Nachmittag. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge, sollte ich doch nicht den ganzen Nachmittag fernsehen, lieber Schulaufgaben machen oder lernen und wenn schon nicht das, dann wenigstens raus und vor die Tür gehen und mich ein wenig bewegen. Nachvollziehbar finde ich diese Wünsche wenigstens. Eine Serie möchte ich aber ein wenig herausheben: Pete und Pete. Immer wenn die ersten paar Takte des Opening Themes der fiktiven Band Polaris anlaufen, dann fühle mich in eine quasi unbeschwerte Zeit zurückversetzt, in der alles möglich, obgleich vieles verboten war und genügend Zeit existierte, die noch neue und so wundervolle Welt zu entdecken. Kindheit halt:

Warum hebe ich diese Serie so heraus? Für mich war Pete & Pete eine der ganz wenigen Serien, bei der die gerade formulierte Erkenntnis, dass mit dieser Serie mein moralischer Kompass, mein Verständnis von gut und schlecht, von akzeptablem oder auch überbordend richtigem Verhalten herausgebildet wird, bereits damals deutlich vor meinen Augen stand. Ich spürte das als Kind bzw. sehr junger Erwachsener, dass diese Serie trotz ihrer teilweisen strangeness, die mit Belanglosigkeiten aufgefüllt wird, einen fetten moralischen Kompass hat, der manchmal deutlicher oder manchmal auch nur durch die Zeilen der Protagonisten hindurch deutlich wird.

Die reflektierte Art des Eltern Petes – quasi erwachsen – das Verhalten, die Fehler, die Gefühle und Sorgen seiner Umwelt, d.h. seiner Familien, seiner Freund, Bekannter und Fremder zu beschreiben und einzuschätzen imponierten mir. Auch das am Ende, was man heute vermutlich als „zu platt“ empfinden würde, immer kleinere Lehren, die zu verbesserten Weltzuständen führen würden, wenn wir sie alle beherzigen würden, ist ein unglaublich wichtiges Feature der Serie. Somit: Jedem sei sie ans Herz gelegt. Kauft euch die DVD oder durchforstet das Netz nach Folgen. Lohnt sich.

 

 

  1. Rorty 2003, 50 []

links for 2015-05-10

  • „Die Natur kann sehr grausam sein. Gerade, wenn es um ungeborenes Leben geht. Und gerade, wenn es um Menschen geht. Drei von vier winzigen Embryos verwirft sie rücksichtslos.“

  • Dieser Text ist herrlich, denn er ändert komplett die Perspektive: „Als wir anhielten, lief der Motor weiter und das Auto vibrierte – obwohl es stand! Der Motor verbrannte weiterhin Treibstoff, ohne das Auto zu bewegen. Kann das wirklich wahr sein? Ja, erklärte der Verkäufer, das sei so bei Verbrennern: Der Motor läuft immer und verbrennt Treibstoff – sogar wenn der Wagen steht.“ – sehr zu empfehlen sind auch die beiden Podcasts von omega tau: 1. Elektromobilität (http://goo.gl/uw6QxB) sowie zu Verbrennungsmotoren (http://omegataupodcast.net/?p=1891)

  • „Größtenteils atemlos sind Tocotronic auf diesem Album. Und doch liegt die Band für einige Stücke nur herum. Man kann sich das vorstellen. Diese vier wunderschönen Männer. Sie sind nackt zwischen zerwühlten Laken. Ihre warmen, nach Liebe riechenden Hände streichen über kitzelnde Armhaare.“ …lol, was für eine „bemühte“ Rezension.

  • „Sukzessive verliert die deutschsprachige Nachkriegsliteratur ihre Großväter. Mit dem Tod von Siegfried Lenz im letzten Jahr und nun Günter Grass stellt sich vermehrt die Frage: Was bleibt von diesen Schriftstellern? Was bleibt überhaupt von den »Kahlschlagliter­aten« der Gruppe 47? Wer liest heute noch Alfred Andersch, Wolfdietrich Schnurre, Heinrich Böll? Ketzerisch gefragt: Wer kennt sie überhaupt noch – außer als Zitate?“

  • Schöner Artikel über Lese-Communitys wie LovelyBooks und eine kleine Analyse zu der Einsicht, dass ich mich in diesen einfach nicht wohl fühle. Mein persönlicher Eindruck war, dass all die Literatur, die ich gerne lese, da einfach nicht oder wenn, dann nur rudimentär stattfindet.

  • „Denn im Markt sind Ethik und Moral keine Tugenden, sondern bestenfalls Marketingstrategien.“  Leider… obwohl Adam Smith vermutlich widersprechen würde.

  • „Wir sind dabei, die Entfernung zu entfernen. Das geht doch schon bei der Liebe los. Die Sehnsucht, das Geheimnis, die Neugier, all das setzt Ferne und Abstand voraus.“

links for 2014-09-25

  • Cool.

  • „Netflix spricht augenscheinlich direkt aus, was sowohl Zuschauer als auch Branchenkenner seit Jahren empfinden: Fiktionales deutsches Fernsehen erscheint im internationalen Vergleich rückständig und bedeutungslos.“

    Vielleicht der meistgeteilte Artikel der letzten Woche. Als ich noch wetterte, dass die deutschen Sender die Produktion von qualitätiv inspirierenden TV-Serien verhinderten, da nicht massenkompatibel genug oder zu gewagt, geht der Artikel von Mark Wachholz noch weitere und diagnostiziert darüberhinaus eine Unfähigkeit deutscher Autoren und Produktionsfirmen jetzt bei der Änderung des deutschen Serien-Fernseh-Markt durch den Eintritt von netflix entsprechend gute Scripte und Ideen im Schubfach zu haben, die dem US-Konzern angeboten werden können.

  • Daniel von den belleslettres hat ein kleines Video und reichlich Informationen zur richtigen Anwendung von Anführungszeichen.

  • Die drei Arten von Bindestrichen 1. normal … 2. Geschützer Bindestriche: ? + ↑ + – 3. Bedingter Bindestrich: ? + – (verschwindet, wenn nicht gebraucht)

  • „Seeing masterpieces may be a soul-nourishing cultural rite of passage, but soaring attendance has turned many museums into crowded, sauna-like spaces, forcing institutions to debate how to balance accessibility with art preservation“ Die übermäßige Anzahl an Besuchern ist auch einer der Gründe, der mich von Kunstmuseumsbesuchen immer so ein wenig abschreckt. Dieses Gedrängel, diese Unruhe ist mir ein Greul, da es eh schon anstrengend ist dieser gesamten, manchmal einfach überbordenden Masse an aufgehängten oder hingestellten Werken zu folgen. Vielleicht sollte die Kunsttempel ja verkleinert werden, mehr kleinere Museen, verstreuter, dezidierter etc. Naja.

  • „Unsere Leute verdienen nicht genug“. Von nun an sollte die gesamte Belegschaft 30 Prozent mehr Gehalt bekommen. „Sie hielten mich für verrückt, aber ich habe das durchgesetzt“, sagte Albrecht mit verschmitzter Mine. Selbst am Sterbebett sollte ihn das noch beschäftigen, gab er seinen Nachfahren auf: „Bezahlt unsere Leute gut, sie leisten viel.“ Es schwingt da irgendwie eine gewissen Romantik in dem Artikel mit, die mir nicht zusagt. Er ist jenseits aller sicherlich berechtigten Würdigungen der Aldi-Bürder absolut kritikfrei. Aldi, seine Geschäftsleitung etc. pp. sind offenbar das menschlischst, fairste und beste Unternehmen der Welt. Beeindruckend.

  • Wer zunehmend mit befristeten Verträgen konfrontiert ist, sucht den Ausweg im Beamtentum, wo eine lebenslange Anstellung und Planbarkeit noch machbar ist. Wer in die Länder der Eurozone mit über 50% Jugendarbeitslosigkeit schaut, weiß, dass er lieber nicht 3 Semester als herumstreifender Haschrebell durch Berlin ziehen sollte. Wer von Personalabteilungen sofort aussortiert wird, wenn der Lebenslauf nicht den Kriterien im Computer entspricht, optimiert ihn und schreibt jeden Blödsinn rein. Das Letzte, was man dann noch braucht, sind Weckrufe von der FAZ.