links for 2016-01-02

Pete und Pete

Vor ein paar Tage bei Vox.com einen spannenden Beitrag gefunden. In den USA hat Nickelodeon offenbar damit begonnen, alte Shows aus den 90ern erneut auszustrahlen. Und da sind sie wieder die Erinnerungen: Rockos modernes Leben, Doug, Hey Arnold!, Ren&Stimpy, Rugrats, Clarissa und viele viele mehr und … vor allem Pete und Pete. Bevor es das Internet gab, also bevor es Internet für mich gab, was letztlich bis 2001 (!) dauern sollte, war das allnachmittägliche Zappen nach der Schule durch die Cartoon- und Kinderserien der Sender heiliges Ritual und lieb gewonnenes Ritual.

Man müsste aus heutiger Sicht mit der nun inzwischen angeeigneten Vernunft all diese Serien noch einmal sichten, um vielleicht zum ersten Mal zu erfassen, welche pädagogische Raffinesse in ihnen lag und somit welche pädagogische Relevanz diese für meine eigene Entwicklung hatten. Und damit meine ich jetzt nicht irgendwelche popkulturellen Referenzen oder irgendwie geartetes Fakten nahe kommendes Wissen. Es geht mit vielmehr um das, was man für gewöhnlich moralisches Wissen oder auch moralische Kompetenz nennt. Also all das, was – etwas böse ausgedrückt im Elternhaus und in der Schule zu kurz kommt, da die Hektik des Alltags eine intensive Aneignung dieses Wissens verhindert. Was ist gut? Was ist böse? Wie verhalte ich mich richtig bzw. konkreter welches Verhalten muss ich an den Tag legen, um von anderen bzw. einer moralische Gemeinschaft gewertschätzt zu werden. Der findige Leser erkennt an dieser Stelle natürlich eine Überlegung, die unter anderem von Richard Rorty vorgebracht wurde und der ich im Wesentlichen zustimme.

„Die Lektüre […] von Romanen kann es Lesern ermöglichen, ihre Vorstellungskraft von den Scheuklappen zu befreien, die ihnen Eltern, Lehrer, Sitten, Gebräuche und Institutionen angelegt haben, und auf diese Weise ein höheres Maß an Individualität und Eigenständigkeit erlangen.“?1

Streicht aber an dieser Stelle den Roman oder die Literatur… oder besser erweitert diesen eben auch mit Fernsehserien, Filmen etc. Wie dem auch sei… interessiert eh‘ keinen. Irgendwann speiste dann auch unser heimischer Kabelanbieter diesen seltsamem „Kindersender“ mit dem orange-weißen Logo ein. Und die oben genannten Serien bereicherten meinen Nachmittag. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge, sollte ich doch nicht den ganzen Nachmittag fernsehen, lieber Schulaufgaben machen oder lernen und wenn schon nicht das, dann wenigstens raus und vor die Tür gehen und mich ein wenig bewegen. Nachvollziehbar finde ich diese Wünsche wenigstens. Eine Serie möchte ich aber ein wenig herausheben: Pete und Pete. Immer wenn die ersten paar Takte des Opening Themes der fiktiven Band Polaris anlaufen, dann fühle mich in eine quasi unbeschwerte Zeit zurückversetzt, in der alles möglich, obgleich vieles verboten war und genügend Zeit existierte, die noch neue und so wundervolle Welt zu entdecken. Kindheit halt:

Warum hebe ich diese Serie so heraus? Für mich war Pete & Pete eine der ganz wenigen Serien, bei der die gerade formulierte Erkenntnis, dass mit dieser Serie mein moralischer Kompass, mein Verständnis von gut und schlecht, von akzeptablem oder auch überbordend richtigem Verhalten herausgebildet wird, bereits damals deutlich vor meinen Augen stand. Ich spürte das als Kind bzw. sehr junger Erwachsener, dass diese Serie trotz ihrer teilweisen strangeness, die mit Belanglosigkeiten aufgefüllt wird, einen fetten moralischen Kompass hat, der manchmal deutlicher oder manchmal auch nur durch die Zeilen der Protagonisten hindurch deutlich wird.

Die reflektierte Art des Eltern Petes – quasi erwachsen – das Verhalten, die Fehler, die Gefühle und Sorgen seiner Umwelt, d.h. seiner Familien, seiner Freund, Bekannter und Fremder zu beschreiben und einzuschätzen imponierten mir. Auch das am Ende, was man heute vermutlich als „zu platt“ empfinden würde, immer kleinere Lehren, die zu verbesserten Weltzuständen führen würden, wenn wir sie alle beherzigen würden, ist ein unglaublich wichtiges Feature der Serie. Somit: Jedem sei sie ans Herz gelegt. Kauft euch die DVD oder durchforstet das Netz nach Folgen. Lohnt sich.

 

 

  1. Rorty 2003, 50 []

links for 2015-05-10

  • „Die Natur kann sehr grausam sein. Gerade, wenn es um ungeborenes Leben geht. Und gerade, wenn es um Menschen geht. Drei von vier winzigen Embryos verwirft sie rücksichtslos.“

  • Dieser Text ist herrlich, denn er ändert komplett die Perspektive: „Als wir anhielten, lief der Motor weiter und das Auto vibrierte – obwohl es stand! Der Motor verbrannte weiterhin Treibstoff, ohne das Auto zu bewegen. Kann das wirklich wahr sein? Ja, erklärte der Verkäufer, das sei so bei Verbrennern: Der Motor läuft immer und verbrennt Treibstoff – sogar wenn der Wagen steht.“ – sehr zu empfehlen sind auch die beiden Podcasts von omega tau: 1. Elektromobilität (http://goo.gl/uw6QxB) sowie zu Verbrennungsmotoren (http://omegataupodcast.net/?p=1891)

  • „Größtenteils atemlos sind Tocotronic auf diesem Album. Und doch liegt die Band für einige Stücke nur herum. Man kann sich das vorstellen. Diese vier wunderschönen Männer. Sie sind nackt zwischen zerwühlten Laken. Ihre warmen, nach Liebe riechenden Hände streichen über kitzelnde Armhaare.“ …lol, was für eine „bemühte“ Rezension.

  • „Sukzessive verliert die deutschsprachige Nachkriegsliteratur ihre Großväter. Mit dem Tod von Siegfried Lenz im letzten Jahr und nun Günter Grass stellt sich vermehrt die Frage: Was bleibt von diesen Schriftstellern? Was bleibt überhaupt von den »Kahlschlagliter­aten« der Gruppe 47? Wer liest heute noch Alfred Andersch, Wolfdietrich Schnurre, Heinrich Böll? Ketzerisch gefragt: Wer kennt sie überhaupt noch – außer als Zitate?“

  • Schöner Artikel über Lese-Communitys wie LovelyBooks und eine kleine Analyse zu der Einsicht, dass ich mich in diesen einfach nicht wohl fühle. Mein persönlicher Eindruck war, dass all die Literatur, die ich gerne lese, da einfach nicht oder wenn, dann nur rudimentär stattfindet.

  • „Denn im Markt sind Ethik und Moral keine Tugenden, sondern bestenfalls Marketingstrategien.“  Leider… obwohl Adam Smith vermutlich widersprechen würde.

  • „Wir sind dabei, die Entfernung zu entfernen. Das geht doch schon bei der Liebe los. Die Sehnsucht, das Geheimnis, die Neugier, all das setzt Ferne und Abstand voraus.“

links for 2014-09-25

  • Cool.

  • „Netflix spricht augenscheinlich direkt aus, was sowohl Zuschauer als auch Branchenkenner seit Jahren empfinden: Fiktionales deutsches Fernsehen erscheint im internationalen Vergleich rückständig und bedeutungslos.“

    Vielleicht der meistgeteilte Artikel der letzten Woche. Als ich noch wetterte, dass die deutschen Sender die Produktion von qualitätiv inspirierenden TV-Serien verhinderten, da nicht massenkompatibel genug oder zu gewagt, geht der Artikel von Mark Wachholz noch weitere und diagnostiziert darüberhinaus eine Unfähigkeit deutscher Autoren und Produktionsfirmen jetzt bei der Änderung des deutschen Serien-Fernseh-Markt durch den Eintritt von netflix entsprechend gute Scripte und Ideen im Schubfach zu haben, die dem US-Konzern angeboten werden können.

  • Daniel von den belleslettres hat ein kleines Video und reichlich Informationen zur richtigen Anwendung von Anführungszeichen.

  • Die drei Arten von Bindestrichen 1. normal … 2. Geschützer Bindestriche: ? + ↑ + – 3. Bedingter Bindestrich: ? + – (verschwindet, wenn nicht gebraucht)

  • „Seeing masterpieces may be a soul-nourishing cultural rite of passage, but soaring attendance has turned many museums into crowded, sauna-like spaces, forcing institutions to debate how to balance accessibility with art preservation“ Die übermäßige Anzahl an Besuchern ist auch einer der Gründe, der mich von Kunstmuseumsbesuchen immer so ein wenig abschreckt. Dieses Gedrängel, diese Unruhe ist mir ein Greul, da es eh schon anstrengend ist dieser gesamten, manchmal einfach überbordenden Masse an aufgehängten oder hingestellten Werken zu folgen. Vielleicht sollte die Kunsttempel ja verkleinert werden, mehr kleinere Museen, verstreuter, dezidierter etc. Naja.

  • „Unsere Leute verdienen nicht genug“. Von nun an sollte die gesamte Belegschaft 30 Prozent mehr Gehalt bekommen. „Sie hielten mich für verrückt, aber ich habe das durchgesetzt“, sagte Albrecht mit verschmitzter Mine. Selbst am Sterbebett sollte ihn das noch beschäftigen, gab er seinen Nachfahren auf: „Bezahlt unsere Leute gut, sie leisten viel.“ Es schwingt da irgendwie eine gewissen Romantik in dem Artikel mit, die mir nicht zusagt. Er ist jenseits aller sicherlich berechtigten Würdigungen der Aldi-Bürder absolut kritikfrei. Aldi, seine Geschäftsleitung etc. pp. sind offenbar das menschlischst, fairste und beste Unternehmen der Welt. Beeindruckend.

  • Wer zunehmend mit befristeten Verträgen konfrontiert ist, sucht den Ausweg im Beamtentum, wo eine lebenslange Anstellung und Planbarkeit noch machbar ist. Wer in die Länder der Eurozone mit über 50% Jugendarbeitslosigkeit schaut, weiß, dass er lieber nicht 3 Semester als herumstreifender Haschrebell durch Berlin ziehen sollte. Wer von Personalabteilungen sofort aussortiert wird, wenn der Lebenslauf nicht den Kriterien im Computer entspricht, optimiert ihn und schreibt jeden Blödsinn rein. Das Letzte, was man dann noch braucht, sind Weckrufe von der FAZ.

links for 2014-06-07

  • „Die Gefahr einer Unterwanderung der ‘Tierschutzpartei’ durch demokratieferne Strömungen wie Rechtsextremismus und ‘Religionsgemeinschaften’ wie UL ist latent vorhanden und hat teilweise bereits Erfolge erzielt. Das wird durch Ignorieren der ‘Tierschutzpartei’ von Seiten der Medien unterstützt. Wer unter dem Radar der öffentlichen Meinung fliegen darf, hat ernsthafte Kontrolle nicht zu fürchten.“

  • „Ende 2013 haben wir unser Auto dann tatsächlich verkauft und sind jetzt seit einem halben Jahr ohne eigenes Fahrzeug. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.“ sehr interessant. Vor allem die Zahlen, Kosten und persönlichen Einschätzungen. Ich spiele ja auch immer wieder mit dem Gedanken, aber für mich ist Carsharing – Bahn etc. mach ich ja schon – irgendwie in meiner Stadt noch nicht präsent genug.

  • „«Das Problem ist, dass vor allem die wohlhabende Elite wählt», sagte Gnarr. «Deshalb wird die Politik auch für sie gemacht. Money talks, bullshit walks.“ Toller und langer Beitrag über die Bürgermeister-Amateure von Reykjavik.

  • „Die Diskrepanz zwischen der KOMPAKT-App und dem von ihr angebotenen Inhalt lässt sich am besten mit einer Analogie aus eurem Geschirrschank beschreiben: Wenn wir uns die App als Tasse vorstellen, als die schönste Tasse, die euer Esszimmer-Schrank hergibt. Aus einem wertigen Material, handwerklich makellos verarbeitet, getragen von einem perfekt geschwungenem Griff und handbemalt mit euren Lieblingsfarben. Dann gleicht der Inhalte einem Schluck Brackwasser aus dem Auffangbecken eines vernachlässigten Klärwerkes. Im Osten der UDSSR. 1970.“

  • „Adidas verdoppelte die Zahlungen auf 20 Millionen Euro jährlich und bekam den Zuschlag bis 2018. Das ist weit unter Marktwert, schätzen Experten. Nike warb Adidas darauf den französischen Fußballverband ab, der erhält nun mehr als 42 Millionen im Jahr. Die Marketing-Abteilung des DFB erhielt Medienberichten zufolge Dankesanrufe von den französischen Kollegen.“ Adidas ist ja auch Thema in der aktuellen Folge der Anstalt: http://goo.gl/5zvzhc

  • Es ist war ja bald wieder WWDC. Und rechtzeitig dazu, werden an vielen Stellen wieder Überlegungen und Wünsche zur Zukunft und Entwicklung der verschiedenen Produktsparten geäußert. Michael Grothaus hat aus Entwickler- aber auch Anwendersicht eine umfangreiche, mit Aussagen zahlreicher Experten gespickte Analyse über OS X geschrieben. Sehr lesenswert.

    Reform der Lehrpläne: Die Schreibschrift stirbt aus

  • Also wenn ich mir meine Schreibschrift betrachte, so meine ich hat die Ausbildung zur deutschen Normalhand(schreib)schrift nicht viel gebracht.