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Es gab hier lange nichts mehr zum Thema Musik – keine wirren musiktheoretischen Essays und die letzten Rezensionen zu Platten stammen auch aus dem Jahr 2011. Doch heute ist ein Tag, an dem es sich wieder lohnt. Pünktlich zum Frühlingsanfang ist die neuste Platte von Ólafur Arnalds For Now I Am Winter in den Läden, den Online-Stores und auf den bekannten Download-Plattformen aufgeschlagen.

Früher trafen mich Platten ja meistens unvorbereitet, aber seitdem die Künstler auch ganz gerne Mal auf allen Social-Media-Kanälen feuern, kann man erstens eine Neuerscheinung kaum noch verpassen und zweitens eine adäquate Vorfreude und Erwartungshaltung aufbauen. So einige Informationen werden dann wohldosiert gestreut – hier etwa die Hintergründe zum This Place was a Shelter oder auch, da Arnalds ja jetzt quasi erstmals auf einem Major erschienen ist eine Single plus Video.

Aber mit der Erwartungshaltung ist das ja so ein Sache. Gerade bei Ólafur Arnalds. Seine Musik ist nicht nur weit weg vom Mainstream, sondern muss auch kategorial anders behandelt werden als das neue Album deiner Electric Superdance Band. Trotz aller teilweisen elektronischen, post-rockigen und teilweisen indiepoppigen Einschübe, handelte es sich bei Arnalds einzelenen Werken stets um klare definierte Instrumentalmusik, bei der entweder das Klavier umsäuselt wurde mit elektronischen Klängen oder kammermusikalische Streicherarrangements den Ton angaben. Innerlich hatte ich das Gefühl, dass diese Konstellation nie ausgereizt werden kann, da ich auch beispielsweise nicht müde werden, die noch stärker bis ausschließlich auf das Piano konzentrieren Werke von Ludovico Einaudi zu hören. Doch bei den letzten Veröffentlichungen spürte man meiner Ansicht recht deutlich, das Arnalds kein großes Interesse hatte, an dieser an sich funktionierenden Konstellation etwas zu ändern. Einschneidend empfand ich dann 2012 die Kooperation mit Nils Frahm. Logischerweise rückte die Electronic mehr in den Vordergrund – zwar immer noch getragen von den Streicherarrangements – aber eben konzentrierter.

Vielleicht ist ja von diesem musikalischen Ausflug etwas hängen geblieben. Auf jedenfall bemerkt auf For Now I Am Winter einige Neuerungen. Die auffälligste ist vielleicht: es gibt Gesang. Richtig, da singt jemand. Es ist Arnor Dan, Sänger der frisch gegründeten Band Agent Fresco. Nicht mein Fall. Aber gut. Die zweite Neuerung, die dann doch recht fix auffällt, ist das die Arrangements opulenter geworden sind. So beginnt der Opener Sudden Throw wie gewohnt nur um sich nach knapp 1:30 Min. in orchestrale Höhen aufzuschwingen. Dies bedeutet aber nicht Orchester anstatt der typischer Kammermusik. Denn im zweiten Song Brim werden diese Elemente unter einen für Arnalds Verhältnisse recht zackigen Beat miteinander verwoben. Ich finde das äußerst gelungen.

Auch der Song Reclaim ist ein mustergültiges Beispiel für diese musikalische Horizontöffnung. Mit dem Zusatz, dass auch noch Gesang zu hören ist. Beeindruckend ist für mich auch das Neuarrangement von This Place Was a Shelter, das als eher kurzes Outro bereits auf der Living Room Songs EP zu hören war und eine beeindruckende Metamorphose durchgemacht hat und vielleicht neben Only The Winds zu den stärksten Songs des Albums gehört.

Als Fazit kann man nur sagen, dass es sich bei For Now I Am Winter vielleicht um das viellseitigst und somit auch bisher beste Album von Ólafur Arnalds handelt. Denn die Erweiterung seiner bisherigen musikalischen Spielart durch stärker hervortretende elektronische und rhythmische Elemente sowie die wunderbar eingeflochteten Orchesterabschnitte sind äußerst gelungen. Nichts verdeckt sich gegenseitig, spielt sich gegenseitig aus, sondern geht eine wundervolle bis imposante Symbiose ein. Die Elemente besiedeln einander und verstärken sich. Einzig der Gesang ist wie bereits erwähnt nicht mein Fall. Das liegt aber vermutlich nicht an der Tatsache, dass mit gesanglichen Parts an sich experimentiert wurde, sondern vielmehr an der mir nicht zusagenden Stimme von Arnor Dan.

Ich freue mich darauf, die Songs im Juni in Karlsruhe live zu hören.

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