Das GIGANETZ-Jena

Wir waren ja vor einer Weile in Berlin. Es war schön. Es gab U-Bahnen, S-Bahnen, Hunde, Hipster und Döner. Wie man das halt so gewohnt ist. Es gab aber auch eine breit aufgestellte Plakatkampagne der Telekom. Es ging um die Zukunft der Zukunft der Internetverbindung. Also es ging nicht um (A)DSL oder VDSL, nein… das Plakat bewarb das GIGANETZ. Das Giganetz ist der neue heiße shit der Telekom und der Telekommunikationsbranche. Glasfaserkabel, Lichtgeschwindigkeit und dann bald auch WARP-Antrieb. Yeah. Für gute 60 Euro kann man sich dann alles im Komplettpaket nach Hause holen: Internet, Telefon und jede Menge Filme und alles HD.

Schöne schnelle Welt: mit „theoretisch möglichen“ 200 Mbit pro Sekunde lädt man sich laut Telekom ein gängiges Video (in 4,7 Gb-DVD-Größe… wtf?) nicht mehr nur in lahmen knapp 3 ½ DSL-3000-Stunden herunter, sondern braucht nun nur noch giganetische 3 Minuten und 8 Sekunden. Wow.

Aber langsam: Für die 60 Euro gibt es aber erstmal nur 100 Mbit. Trotzdem wird fröhlich auf der Produktseite die theoretisch mögliche Geschwindigkeit beworben und mit den ach so langsamen DSL und VDSL-Anschlüssen verglichen. Aber noch langsamer: Wir sind hier erst am Anfang der Lichtgeschwindigkeit. Wir befinden uns zunächst in der ersten Ausbaustufe des Giganetzes. Selbst der schon vom Giganetz übertroffene VDSL-Anschluss ist erst in gut 100 Städten verfügbar. Beim Giganetz wird der Flaschenhals noch enger. Es gibt momentan gut 20 Ausbaugebiete, die teilweise giganetzifiziert sind: von Mettmann bis Chemnitz.

Screenshot von der Giganetz-Website der Telekom

Selbst in Berlin, die Stadt, in der wir die Plakaten zum ersten Mal sahen, gibt es kein Ausbaugebiet. Ein paar Quadratmeter von Potsdam sind betroffen mehr nicht. Eigentlich seltsam, da laut Wikipedia gut 60 Prozent des deutschen Glasfasernetzes im Boden unter dem Großraum Berlin begraben liegen.

Das gute Jena wird in keiner der Auflistungen erwähnt. Stimmt. In der Mitte Deutschlands klafft ein riesigen giganetzfreies Loch. Wieso jetzt eigentlich Jena? Wenn man die Print- und Onlinekampagne genau betrachtet, wird man als Jenaer und Jenenser stutzig. Man ist ja gewohnt im Technologiezentrum Thüringens teilweise von der Breitbandentwicklung ein wenig abgekoppelt zu werden. Seit Jahren herrscht vor allem in Teilen des Damenviertels und im Stadtteil Ziegenhain DSL-Unterversorgung. Man bekam keinen Anschluss. Ein paar Unerschrockene haben schließlich mit einer Vereinsgründung reagiert und als NAOS Jena e.V. recht erfolgreich die abgetrennten Bereiche wlanifiziert, so dass nicht immer stabil, nicht wahnsinnig schnell, aber immerhin funktionierend, die dortigen Mieter Internet jenseits der 56k-Grenze genießen konnten. Auch sonst scheint Jena mit der Breitbandanbindung teilweise unzufrieden zu sein.

Besieht man sich nun aber die aktuelle GIGANETZ-Kampagne der Telekom genau, erkennt man, dass die Telekom die stets und immer noch abgekoppelten Jenaer doch nicht vergessen hat. Die Marketingabteilung sendet einen Gruß an Jena. Denn das Hintergrundbild der Print- und Onlinekampagne zeigt die nächtliche Silhouette eines thüringer Bildungs- und Technologiestandortes… richtig: Jena!

Ich habe diesen Screenshot vom Hintergrundbild mal aus den Daten des Webauftrittes herausgefischt. Man erkennt klar den Fürstengraben, die Thulb, den Botanischen Garten, das von hineinretouchierten Gebäuden umstellte Planetarium und vor allem gerade den Teil des Damenviertels, der laut momentanen DSL-Verfügbarkeitscheck bis heute nicht mal DSL erhalten könnte.

Im Interesse aller hoffe ich einfach, dass dies nur bedeutet, dass DSL, VDSL und all der lahme Kram einfach übersprungen wird und es bald heißt: Das GIGANETZ ist in Jena!

(Danke an Franzi für den Hinweis und die Identifikation der Stadt.)