Heute war die letzte Möglichkeit eine Sprechstunde wahrzunehmen. Mein Gutachter war gut gelaunt, hatte er doch insgesamt nur eine Stunde anberaumt, um Studenten durch ihre Hausarbeiten, Hausarbeitsergebnisse und Magisterarbeiten zu dirigieren. Für mich war es der Tag der Wahrheit. Am Ende der 45 Minuten (sorry für die anderen) war ich erleichtert und gleichsam ernüchtert. Es ging heute darum meinen Schlachtplan absegnen zu lassen. Ich habe erstmals bei einer schriftlichen Arbeit einen methodischen Rahmen entwickelt, der als Gerüst für die komplette Analyse dienen soll. Weiterhin mussten verschiedene Nebenschauplätze gleichsam Kampfgebiete der Goethischen Poetik sondiert, bewertet und gegebenenfalls rausgeschmissen werden.

Ich hatte vor diesem Tag ein wenig Bange. Krankten doch meine bisherigen Arbeitsabschnitte stark an einer konkreten wirklich fassbaren Fragestellung. Es war zwar klar, worum es geht, es war klar welche Textstellen und welche theoretischen Aspekte relevant werden sollen, jedoch ein Prinzip bzw. eine Arbeitsmaxime, mit deren Hilfe ich durch den kompletten Komplex kommen könnte, fehlte. Nach den 45 Minuten war Vieles abgesegnet und ich werde es voraussichtlich auch so machen. Doch als es darum ging, meine Thesenvorschläge zu erörtern, wollte sich niemand wirklich festlegen. Auch mein Gutachter blieb gleichsam schwammig:

Finden sie einen theoretischen Rahmen – nutzen sie dafür eklektisch ausgewählte Theorien, Begriffe, Aspekte und Diskurse, schaffen sie sich eigene Begriffe und Schemata, die ihnen die Möglichkeit bieten, die ausgewählten Textabschnitte zu erhellen.

Ich deute dies so: Auf der einen Seite haben wir Diskurse. Diese sind in verschiedener Wertigkeit vorhanden: Geologie, Geschichte, Naturphilosophisches, Soziales sowie Goethes eigenen Standpunkte, die man vorsichtig aus seinen naturwissenschaftlichen Schriften herausarbeiten kann. Dabei sollte es zu keiner reinen Verklammerung der wissenschaftliche Theorien mit dem poetischen Werk kommen (in etwa so wie es Dorothea Lohmeyer in ihrem Werk Faust und die Welt veranstaltete), sondern der Einbezug der nicht-poetischen Schriften sollte mit einer gewissen Distanz geschehen.

Der Einfluss dieser Diskurse mitsamt der naturwissenschaftlichen Schriften soll innerhalb des Faust II so verstanden werden, dass es Goethe darauf anlegte, verschiedene wissenschaftliche Theorien – die so an sich nicht anschaulich sein können, durch das dramatische Gewand darzustellen. Dabei erleben die Diskurse und mit ihnen das darin steckende Wissen eine poetische Transformation, die es mit Hilfe eines Begriffsappartes (Symbol, Allegorie, weitere stilistische Mittel, Kollektivsymbolik etc.) zu beschreiben gilt, um zu zeigen, dass diese Diskurse enthalten sind, andere vielleicht weniger prägnant darin stecken und noch andere einfach Vorstellungen findiger Interpreten sind.

Wichtig – und jetzt kommts – ist natürlich nicht der Aufwärmer bereits explizierter Analysen von Faust II zu sein, sondern mit eigenem Kopf durch den Text duchrzugehen.

Ich denke, jetzt kann es losgehen.