urbHast du dich selbst vergessen? Eher nein. Irgendwo zwischen den Fragen liegst du noch. Dazwischen vielleicht. Alle paar Wochen kommt die große Abrechnung. Hast du dir das selbst alles so vorgestellt? War so zurechtgelegt, geplant? Zweifel vergehen niemals, sie werden nur andere. Als du noch nicht hier angekommen warst, hattest du ein Bild von dir selbst und ein Bild von deiner Zukunft. Irgendwie sah das anders aus. Irgendwie war da mehr Licht und logischerweise weniger Dunkel.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich vor Jahren in meinem Zimmer mit dem blauen Teppich und dem kalten Metall saß. Es muss auf dem Sofa gewesen sein. Der Staub zwirbelte durch die Luft und das leere Fenster gab den Blick frei auf den blauen Himmel. Der passte nicht zum Blau des Teppichs. Akzeptiert. Ich las damals Bücher, die eigentlich keine Bücher waren. Popliteratur nannte sich das Phänomen in den Endneunzigern. Im Prinzip nichts anderes als die Worte talentfreier Autoren. Jedoch warfen sie mit Signalwörtern um sich. Es ging um Musik, um Partys, ums Saufen und irgendwie auch ums Kotzen. Liebe wurde begriffen als das Korpulieren in variantenreichen Stellungen mit immer neuen Partnerinnen.

Jetzt knapp zehn Jahre danach (ich glaube, dass ich das erste Mal »10 Jahre« schreibe über etwas, was ich schon mit Verstand begriff und das nicht im gleißenden Licht der Kindlichkeit steht) habe ich solche Partys erlebt. Wenngleich auch das Korpulieren fehlte und auch der üppige Drogenkonsum, der dafür notwendig zu sein schien. Normales Leben eben, ohne stilisierte Selbstdarstellung zum Verkauf einer immer größeren Auflage. Naja jedenfalls gab mir all dies ein zukünftiges Lebensgefühl… so wird es werden… so wird es sein, denn so ist es gedacht. Ich denke es würde für alle sehr peinlich werden, wenn ich jetzt beschreibe, wie ich mir die Zukunft ausmalte. Auf jeden Fall spielten Agenturen, tolle Jobs und Zeit eine große Rolle. Es war eine Mischung aus Büchern, Musik, Menschen und einer alles umfließenden Glückseligkeit, die damals nicht danach fragte, wie es weitergehen soll… wo die Reise hingeht.Jetzt ist das Leben zehn Jahre weitergezogen. Mit mir. Irgendwann kam dann auch das Internet bei mir an. Nicht nur als beständige Quelle musikalischer Hörempfehlungen, sondern als riesiger Spielplatz, Informationsgott und Kommunikationsmittel, das ich – nicht wie etwas das Telefon – genau nach meinem Geschmack verwendet werden kann. Antworte, wann du Lust hast, antworte, auf wen du Bock hast. So gesehen ist dem Internet zu danken, da es einigen psychologischen Stress abwendete. Das Netz wurde zu meiner Popkultur. Es war ein riesiger Mix aus Musik, Literatur, Design, Fotografie und dem, was man heute wohl grob als Technologie bezeichnet. Jeder Dienst, alles neue, musste ausprobiert werden. Blogs waren die neue Popliteratur. So vielfältig, dass jeder noch so große Verlag sich daran die Zähne ausgebissen hätte. Zudem war alles kostenlos. Einfach alles.

Aber ich habe trotzdem einen hohen Preis bezahlt. Das Netz hat meinen Medienkonsum komplett verändert. Das Fernsehen starb schrittweise aus. Heute besitze ich keinen Fernseher mehr. Schlimm ist das vermutlich nicht. Letztens sah ich Menschen, die medial aufbereitet in einem Dschungel kampierten… für Geld? Für Nichts? Das Netz ist aber nicht besser. Wenn auch ein Vorzeichen verändert wurde. Ich bestimme den Programmplan. Jedoch musste ich ebenfalls schrittweise einsehen, dass mein jugendlicher Glaube an die eigene Einzigartigkeit ausschließlich im Unwissen begründet war. Lesson learned. Du bist nicht einzigartig und du bist auch lange noch nicht so toll wie du immer dachtest und denkst. Es gibt so viele, die besser schreiben, so viele die schönere Fotos machen, so viele die mehr drauf haben. Es gibt einfach viel zu viele. Wenn innerhalb der Monitorabmessung und binnen weniger Sekunden die geballte Kreativtät einer ganzen Welt auf dich einstürzt, kann das zeitweise sehr verstörend sein. Um das alles in mich aufzusaugen, bin ich von Kakao auf Kaffee umgestiegen. Anfangs glaubte ich noch, es würde die Dauer meiner Gehirnaktivität verlängern. Heute ist es einfach nur noch günstiger. Wasser statt Milch. Jacobs statt Kaba (Okay seien wir ehrlich: Markus Kaffee statt Aldi Trinkschokolade).

Dann kamen die sozialen Netzwerke. Flickr, last.fm, studivz, tumblr usw. usf. Selbstdarstellung pur. Ein probates Mittel direkt in den Vielkampf mit den anderen einzusteigen. Sieh mal dieses Foto, dieser ach so schöne Text und erst mein Musikgeschmack. Ich kann die Band kaum aussprechen – trotzdem geil. Die Popkultur der ersten Jahre ist schon längst in Vergessenheit geraten. Niemand interessiert sich mehr für Oasis, Strokes, niemand liest die talentfreien Popliteraten, die in den Feuilletons gleichzeitig gehasst und geliebt wurden… und die ich so bewunderte.

Inzwischen befinden ich mich vermutlich in Stufe drei des Erwachsenwerdens. Popliteratur spielt nur noch am Rande eine Rolle. Allenfalls als Chimäre der Vergangenheit und aktualisiert mit dem Gedanken: „So nicht“. Das Netz ist Alltag geworden. Die Filter des Gehirns verkraften die unendlich produzierte Kreativität des Globus heute schon ganz gut. Ich klicke schneller. Heute geht es eher um die Suche nach einem Platz auf dieser Welt. Ein weitere Herausforderung. Ich muss Entscheidungen treffen, die schneller zeigen wie, wie stark sie meine Zukunft beeinflussen. Es gibt ja kein zurück. Kein Revidieren und kein noch mal. Und so lechze ich nach Wochenende, an denen ich in meinem Zimmer auf dem Sofa liegen kann. Und wenn ich den Kopf gegen die Kissen presse und leicht verdrehe, sehe ich zwischen all dem urbanen Müll den Himmel. Der heute ausnahmsweise mal blau. Wie damals.