Ich hab ja dann heute früh meinen Ipod vergessen. Es gibt schlimmeres. Sehe ich ähnlich. Trotzdessen verlief dieser Tag aufgrund einer kleinen Ungereimtheit völlig anders. So stellte ich in der Thulb den Rechner hin und begann zu arbeiten; ohne davor, wie üblich, die wichtigsten Schlagzeilen und Jenenser Blogs abzusurfen, Auch hatte ich keine Lust den obligatorischen pre-Hausarbeits-Weltschmerz-Blogeintrag zu verfassen. Ich schob die Schuld auf den gestrigen, verstörenden Tag. Denn als ich gestern im Zug saß und von Heimat zu Heimat fuhr, da setzte sie sich neben mich. Im Gepäck hatte sich Tasche und Instrumenten-Tasche, die ich als freundlicher Student der Geisteswissenschaft und natürlich schwachen armes gerne über unseren Köpfen verstaute.

Wie der Automatismus im Leben so läuft, blieben wir natürlich im Gespräch. Sie studiert, was sonst, Musikwissenschaften in Weimar und war auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie das ganze Wochenende belastet hatte. Sie sei froh, endlich zurück in ihre Wohnung zu können. Schlaf sei das Primärziel. Doch ich erfuhr noch mehr. Das letzte Semester hatte sie im Ausland verbracht. Nordeuropa war das Ziel. Doch sie war enttäuscht, nichts von alledem, was versprochen wurde, konnte gehalten werden. Die Unterkunft war noch okay, die Lehre war es auch, aber dass sie die mühsam erarbeiteten Scheine nicht in Weimar einbringen durfte, wurmte sie.  Es schien fast so, meinte sie, dass sie vergeblich dort spielte und lernte und arbeitete. Nichts wurde ihr gewährt. Alle vergleichbaren Themen musste sie in Weimar noch einmal belegen. Irgendwie tat sie mir dann Leid. Der Zug passierte gerade Gera und zu fortgeschrittener Stunde, ich war ja bereits ein wenig länger unterwegs als sie, wurde ich von dem schlecht gedämpften Geratter müde.

Doch scheinbar hatte sie lange keinen Kontakt mehr mit zuhörenden Menschen gehabt. Sie redete weiter und ich hörte zu. „Ich habe für dieses Semester da oben so viel aufgegeben.“ Der kurze Abriss der Geschehnisse, die mir da erläutert wurden, zeigten wirklich wie sie die Welt in Flammen hinter sich zurückgelassen hatte. Freunde und Freund enttäuscht, Mutter verärgert (Vater gab es nicht mehr) und jetzt als sie zurückkam, musste sie mit der Einsamkeit Vorlieb nehmen. Ich munterte sie auf. Natürlich versuchte ich es nur. Ich überlegte kurzzeitig meinen seelischen Müll in die Waagschale zu werfen um in einer ausgleichenden Funktion, ihr Schicksal abzumildern. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tat, weil mein Zielbahnhof heranraste oder ich doch irgendwelche Skrupel hatte.

Am Schluss blickte ich sie an und sagte: „Ziemlich viel für eine Stunde.“ Ich denke in diesem Moment wurde ihr die Skurilität der Situation bewusst. Einem Fremden alle diese Dinge zu erzählen, die man ansonsten nur seinen besten Freunden auf einem Blog mit Geheimadresse mitteilt, war irgendwie anormal. Bevor ich aufstand und gen Tür tändelte, versprachen wir uns, uns nie wiederzusehen.