»Dem wachsen Haare aus den Ohren.« sagte sie mir als ich den Hefter aus der Tasche hervorkramte, meine Stifte ordnete und mich auf die kommenden neunzig Minuten vorbereite, die sich vermutlich mit Dichterballaden der Neuzeit beschäftigen würde. Es war noch ein Proseminar, wobei das Pro nicht für professionell steht, sondern eher den Umstand kennzeichnete, dass man sich professionell durch Unkenntnis daneben benehmen nehmen kann. Für sie war es das zweite Semester. Ich kannte sie bereits aus anderen Seminaren. Sie blieb mir aus diesen immer als interessiert und lebenshungrigem, junge Studentin in Erinnerung. Sie mochte Partys und teilte meine Abneigung gegenüber Dozenten, wenn auch nur partiell.
Wir machten uns innerlich und miteinander über diesen jungen Typen, der da vorne gerade knittriges Papier aus einer bewusst zerlebten Ledertasche holte, lustig. Es ging herum, dass er der liebste Günstling eines Professors sei, zwar fachlich nicht inkompetent, aber doch durchaus das seichte Fahrwasser des Mäzen nutzend. Sein Sprache war klar, die Sätze logisch. Eigentlich mochte ich ihn ein wenig. Sie dagegen weniger. Sie fand ihn abstoßend. Zu seiner äußerlichen Lächerlichkeit, die sich im Wesentlichen aus einer runden, buckligen Figur (er war erst Ende zwanzig) und vor allem einer seltsamen Mischung aus schulterlangem, fluffigfettigem Haar, dass bei jeder Bewegung eine noch seltsamere Symbiose mit seinem Bart einging, der schief in seinem Gesicht lag, bestand, zusammensetzte, kam, trotz klarer Sprache, eher verwirrende Gedanken, die schwer nachvollziehbar waren. Das Seminar gestaltete sich recht einfach. Die Gedichte waren mit entsprechender Sekundärliteratur entspannt zu entschlüsseln, wenn man hierbei die gängige Lehrmeinung als wesentlich empfand.

Nach den neunzig Minuten tranken wir noch einen Kaffee und sprachen über eigentlich nichts wichtiges. Trivialitäten. Sie war an der Uni gar nicht interessiert; studierte Literaturwissenschaften eigentlich nur, weil sie in deutsch »ganz okay« war und ganz gerne schrieb. Ihr Vortrag, den sie vor wenigen Wochen hielt, war auch ganz okay, zwar recht wikipedialastig und sehr einführend, wie der Dozent am Ende anmerkte, aber solide. Sie sprach recht flüssig und klimperte regelmäßig und adrett mit den Augen.

Ich weiß gar nicht mehr wie dieses Seminar endete; ob ich überhaupt die letzten Veranstaltungen miterlebt hatte oder bereits, wieder getrieben war von Sorgen, irgendwelche Fristen nicht schaffen zu können, die letzten Sitzungen total verweigerte. Wir hatten uns ab und an noch mal getroffen, auf einem Kaffee. Irgendwann verloren wir uns dann auch aus den Augen.

Letztens stand ich erschüttert vor meinem Schließfach der Bibliothek. Ich steckte gerade Bücher hinein, eine Pause war das Ziel. Da stand sie wieder und streichelte das fluffigfettige Haar unseres einstigen Dozenten. Meine Hand wurde steif und drappierte zum wiederholten Mal das Buch auf immer die gleiche Stelle. Mein Schock konnte nicht tiefer sitzen. Sie hatte ihn gehasst, hatte ihn beleidigt, fand ihn abstoßend und widerlich und küsste ihn.

„Okay… jetzt erstmal durchatmen.“ Ich legte das Buch endlich ab und erging mich in weiterer Beobachtung. Sie war immer noch recht ansehnlich. Er hatte sich in den letzten zwei Jahren überhaupt nicht verändert. Bart und Haare schienen nicht gewachsen zu sein. Gewaschen aber auch nicht. Auf den zweiten Blick hatte sie sich aber schon verändert. Ich suchte nach dem Wort, das ihre Transformation beschreiben könnte. „Konservativ“ schien am angemessensten zu sein. Sie trug Perlenkette und die antikste Haarspange, die man in einem H&M kaufen konnte. Die beiden trennten sich. Er ging in Richtung Institut, sie nahm den Aufzug, um tiefer in die Bibliothek zu gelangen.

Die Pausen zu vergrübeln ist nicht immer die beste Lösung, manchmal aber unvermeidlich. Weiter brachte mich das nicht. Wenige Tage später erfuhr ich weitere, pikante Details dieser Liebschaft. Sie hatte sich als Hilfskraft am Lehrstuhl des bereits erwähnten Mäzen beworben. Dabei dann auf einer Institutsveranstaltung eben genannten Dozenten näher kennen und (und jetzt kommt die Romantik) lieben gelernt. Gut, konsternierte ich, „Menschen ändern sich“, aber mein natürliches Misstrauen schrie mich an und vermutet andere Motive als Liebe.

Ich beendete den Gedankengang, denn die nächste Information überrannte mich. Sie ist jetzt im siebten Semester und beginnt ihre Magisterarbeit. Scheinbar hatte sie den fluffigfettigen Dozenten als Katalysator ihrer beginnenden Arbeitswut genutzt. Ein neuer Mensch binnen zwei Jahren, soso. Ist man ein guter Mensch, glaubt man in solche Fällen an die wahre Liebe. Ist man ein realpessimistischer Mensch unterstellt man anderes. Es könnte z.B. der Versuch sein, ein besseres standing in einer Hierarchie zu erlangen. In Anbetracht der Komik, die der Anblick dieses Paares hervorruft, ist dieser Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen.

Aber ich merke gerade, dass ich beim Schreiben dieser Gedanken wie ein widerliches Arschloch erscheinen muss. Bitte sehr. Sie hat sich übrigens gerade von ihm getrennt. Und auch schon einen neuen Freund. Ebenso Dozent, nur ohne fettiges Haar.