Kaffee am CaféEine heimliche Leidenschaft bleibt Kaffee. Trinken, trinken, trinken. Besser noch mit einem netten Gesprächspartner. Früher gab es da selten Schwierigkeiten. Heute ist ein Besuch in Kaffeehäusern eher selten. Sind doch die Gesprächspartner anders. Na gut. Das war jetzt fies. Lügen wir uns nichts vor. Ich bin anders. Ich bin der neue, der alte, der, der Änderungen akzeptieren muss. Sollte ich mich selbst richtig einschätzen und dem Stress eines lang dauernden Cafébesuches entgehen? Ja sollte ich. Aber eingefahrene und aus der Vergangenheit mich überkommende Gewohnheiten sind einfach schwer abzuschütteln.

So platziert man Körper und Geist zu Getränk, Gebäck und Gespräch in wohlig warmen Wirtshäusern und spricht, speist und schlürft. Doch der Frieden trügt. Es ist eigentlich eine Messe. Eine Leistungsschau. Der Gegenüber stellt seinen Boliden von Leben hin, klappt die Motorhaube auf und kommentiert die Schönheit der Ventile, mit denen es ihm gelungen ist, dieses Praktikum zu erreichen und seine 1,3er Magisterarbeit in 4 Monaten abzureißen. Naja und jetzt noch fix die Prüfungen und dann endlich weg von hier. Man will ja nicht bis Ende zwanzig an der Uni rumhängen. Naja², es sieht ja auch schon gut aus. Erstmal Ausland und dann in eine große Stadt, ich hab da auch schon eine Agentur im Auge, die sind echt gut…

Ich spielte kurzzeitig mit dem Gedanken mich auf die Suche zu begeben nach Stellen, die es lohnen, madig gemacht zu werden. Ich unterließ es. Ich unterlasse das in letzter Zeit häufig. Meistens wird mir diese darausfolgende Teilnahmslosigkeit als Desinteresse ausgelegt. Aber so ist es nicht. Es ist ein Schutzmechanismus für die Umgebung. Sie soll weiter ihr Leben leben. Angenehm war auch, dass mein Gesprächspartner nicht nach mir fragte. Es waren 2 1/2 Stunden und zwei Latte Macchiato und nie kam nur ein Ansatz von Interesse an meinem Befinden. Gott, war das angenehm. Nicht, dass es mir peinlich wäre im 10. Semester zu sitzen und noch fünf verfickte Scheine – alle durch Hausarbeit – machen zu müssen, dabei an einer latenten Schreibblockade zu leiden und deswegen auch der größte studentische Versager der Straße zu sein, nein, kein Problem, aber es ist immer so etwas wie Rechtfertigung im Spiel. Ich fühle mich genötigt es herunterzuspielen und Ausflüchte zu finden. Problem bleibt halt, dass es diese einfach nicht gibt. Ich weiß nicht woran es liegt und woran es lag. Es ist einfach so, es hat gedauert und dauert noch an.

Aber ich wäre ja nicht ich, wenn nicht Analysen folgen würden. Die Zeit, die nicht zum produktiv sein genutzt wird, verbleibt ja glücklicherweise immer zur Selbstbefragung. Eine tiefergehende Betrachtung hat ergeben, dass ein multikausales Geflecht besteht. Nur kurz ein Abstract. Zum einem sind es Inkompatibilitäten. Universität ist für mich Schwachsinn. Zwar interessiert mich zahlreiches brennend, aber dieses reine Kämmerleingehocke mit dem Versuch Plagiatsvertuschung zu betreiben, bringt mich nicht voran. Diese ungesunde Mischung aus Anonymität, Unfreundlichkeit, Oberflächlichkeit und Selbstdarstellung ist für mich nur zeitweise erträglich. Im Grunde krankt mein Herz dran. Aber hier wird der schwarze Peter Personen und Institutionen in die Schuhe geschoben. Dann wäre da noch der Leistungsdruck. Totschlagargument für mich. Diese Gesellschaft möchte keine Menschen, sondern möchte Produktionseinheiten und LEISTUNGsträger – physisch wie imateriell – schnell mit Schule und Uni fertig werden. Hauptsache Geld verdienen, möglichst viel, um diesem sozialen Abstieg zu entgehen. Schnell, irgendwas. Mit 25 am besten schon in trockenen Tüchern. Aber auch hier wird der schwarze Peter jemandem oder vielmehr etwas zugeschoben, das primär nichts dafür kann.

Der Fehler liegt wie bei den meisten Sachen im System selbst. All das was jetzt los ist, hinter dem stehe ich nicht 100% weder dieses Blog, noch die Fotos, noch diverse Engagements und am wenigsten die Uni. Letztere widert mich vor allem nur noch an. Eklig. Diese widerlichen Menschen, diese überheblichen Dozenten, diese Leere in allem. Man könnte es auch kurz zusammenfassen: Ich hab meinen Weg noch nicht gefunden. Meine Familie pumpt Geld in eine Ausbildung, die ich zwar zu Ende bringen werde, die aber mit bestandenem Abschluss in meiner Tasche mein Leben und Geist wieder zurück auf Null setzen wird. Irgendwas werde ich schon mitnehmen. Ein paar Theorien, eine gewisse Oberflächlichkeit, viel mehr aber nicht. Nichts Nennenswertes.

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang
Versehen mit jedem Sterbsakrament:
Mit Zeitung. Und Tabak. Und Branntwein.
Misstrauisch und faul und zufrieden am End.

Ich bin zu den Leuten freundlich. Ich setze
Einen steifen Hut auf nach ihrem Brauch.
Ich sage: Es sind ganz besonders riechende Tiere
Und ich sage: Es macht nichts, ich bin es auch.

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
Setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Und ich betrachte sie sorglos und sage ihnen:
In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.

Gegen Abend versammle ich um mich Männer
Wir reden uns da mit „Gentlemen“ an.
Sie haben ihre Füße auf meinen Tischen
Und sagen: Es wird besser mit uns. Und ich
frage nicht: Wann?

Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen
Und ihr Ungeziefer, die Vögel, fängt an zu schrein.
Um die Stunde trink ich mein Glas in der Stadt aus
und schmeiße
Den Tabakstummel weg und schlafe beunruhigt ein.

Wir sind gesessen, ein leichtes Geschlechte
In Häusern, die für unzerstörbare galten
(So haben wir gebaut die langen Gehäuse des
Eilands Manhattan
Und die dünnen Antennen, die das Atlantische Meer
unterhalten).

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie
hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es.
Wir wissen, daß wir Vorläufige sind
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.

Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich
hoffentlich Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit
Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen
Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in
früher Zeit.

(B.B.; Vom armen B.B.)