number nine is coming

Nein nicht früh. Nicht zehn Uhr früh. Abends. Genau dann, wenn in den Kneipen fast nur noch Alkoholisches bestellt wird. Der Blick auf dem Monitor ist entspannend. Alles ist scharf. Sobald aber der Blick raus in die Welt muss, wird das Entziffern der Straßenschilder zur Schwierigkeit. Alles ist unscharf. Und das ist auch irgendwie gut so. Der Kaffee soll versuchen die Kälte aus dem Körper zu treiben, die sich aufgrund des konsequenten Schlaf- und Nahrungsmangel im Körper eingenistet hat. Schlaf- und nahrungslos, weil man in unglaublichem Eifer und kompromisslos ein Projekt begonnen hatte und zügig zu Ende führte. Nun läuft das pdf rauf und runter und man ist stolz. Viel weniger darüber, dass es gefällt, mehr noch über die Umstände wie es entstand. Man betrachtet die Zeit und glaubt gar nicht, dass man fähig war so etwas durchzuziehen, ohne wie üblich abzusterben und dem Dunst des Herumdämmerns zu verfallen.

Solche Tage und Momente bringen Erkenntnisse zu tage, die schwierig zu verkraften sind. Einerseits muss man einsehen, dass ein Leben mit dem sturen Abarbeiten von Theorien, Lesen von Büchern (die einem mehr oder minder aufgezwungen werden) und Anfertigen von plagiatsverdächtigen Dreissigseitern, ohne dabei nach links und rechts zu schauen, einen nicht glücklich machen wird. Niemals glücklich machen kann. Sind doch die Themen oftmals belanglos, manchmal auch zu kompliziert und diesig. Inkompatibilität, ganz einfach.
Auf der anderen Seite steht nun der Komplex, der häufig als das Kreative bezeichnet wird. Man darf frei arbeiten. Man ist es selbst. Spricht über die Ästhetik, nicht über angelesene Worthülsen. Doch der scheinbare Frieden trügt. Ist doch auch dieses Erschaffen – das Diabolische in uns – nicht einfach, nicht immer da, genauso stockend wie diese elenden Dreissigseiter. Manchmal passiert einfach nichts und man ist genauso enttäuscht und verbittert und sieht in der Kreativität ebenfalls die leeren Worthülsen, nur etwas hübscher verpackt. Ebenso schiebt der Glauben das Wissen, doch nicht gut genug zu sein, einen immer wieder ins Abseits. Das leider zurecht.

So ist der Mensch ein urbanes Desaster, ein Segler zwischen den Welten, der genau weiß, dass kein Hafen ihn jemals glücklich machen wird, er auch in keinem mit seinem Boot anlegen kann, um schließlich mit den anderen an Land zu gehen.

Anders gesagt, um auch die Liebhaber der Dreissigseiter zu befriedigen: Im Menschen stecken zwei grundlegenden Lebensprogramme. Eines davon zwingt ihn zur Selbsterhaltung, dem Festhalten am Gegebenen. Es ist unsere konservative Tendenz. Das andere Programm mauert dagegen, aber nicht indem es Mauern errichtet, sondern expandiert. In die Welt und in die Seele. Stets auf der Suche nach Möglichkeiten, die Neugierde zu befriedigen. Daraus entwächst die Kreativität. Somit haben wir alle zwei Seelen in unserer Brust, eine dissoziative Identitätsstörung wie manche sagen würden. Es kommt nur darauf an, wie gut man es beim Abfinden damit verdeckt.