In dem Moment als die Tatsache an die Straßenbahnfensterscheibe klatschte, dachtest du über früher nach. Eigentlich dachtest du gar nicht an früher… zunächst nicht. Du hast dir die Frage gestellt, ob es einen gewissen Punkt gibt, an dem alles schwieriger geworden ist. Du sahst vor Kurzem eine Episode von Lauras Stern und warst überwältigt von der Einfachheit, mit der dort dem Leben begegnet wurde. Kleinigkeiten, die an manchen Tagen wunderschön funkeln, aber an anderen schwer im Herzen liegen, werden aufgedröselt, analysiert und mit einer moralisch richtigen Lösung beseitigt. Dabei dachtest du schließlich an früher wie du mit blauweißem Schlafanzug auf den kalten Fliesen des Badzimmers standest und dich fertig für die verhasste Nachruhe machtest. Du standest auf Zehenspitzen – damit das Blut in deinen Füßen nicht allzu stark abgekühlt würde (doch eigentlich wusstest du dies damals noch gar nicht) – du hast einfach gefroren.
Um die Zeit zu vertreiben und einen Badbesuch mit entsprechender Länge herauszuarbeiten, hast du Grimassen gezogen, die mit seltsamen Grunz- und Knacklauten versehen wurden. Abschließend öffnetest du den Wasserhahn und eine reißenden Strudel Wasser marschierte den Abfluss des Waschbeckens hinunter. Es war die Imitation des abschließenden Abspülens von Zahnputzbecher und Zahnbürste, die reglos und vollkommen unberührt im Bad zurückblieben als du das Licht gelöscht hattest. Die allabendliche Zeremonie wurde durch den Gute-Nacht-Kuss beendet und du bist im Bett verschwunden, Licht aus, Gespenster projizierten sich nun von ganz alleine an die Wand.
Irgendwo in dieser Kette muss ein Fehler gelegen haben, denn nur wenige Augenblicke nach deiner Einkehr in Kissen, Bettlaken und Decke ging die Tür auf, das Licht knackte an und eine hochgezogene Augenbraue wollte sagen: „Deine Zahnbürste ist noch ganz trocken. Komm, putz dir die Zähne.“ Wenige Momente später folgten die Worte aus dem geschwungenen Mund deiner Mutter. Jetzt die Augen zukneifen und einem der Agonie ähnelnden Tiefschlaf vorzutäuschen, wäre bei dieser eindeutigen Sachlage wohl eher schändlich gewesen.
Schon leicht benommen, entstiegst du dem Bett und verrichtest unter den langsam müder werdenden Augen deiner Mutter – die Zahnpasta brannte und der Fußboden war immer noch widerlich kalt – die Arbeit am Zahn. Ohne wiederholten Gute-Nacht-Kuss gingst du abermals nicht ins Bett. An diesem Abend bist du mit dem Geschmack und dem Geruch einer industriellen Kräutermischung im Mund eingeschlafen – die Monster an den Kinderzimmerwänden rochen es auch.
Laura hatte auch solche Probleme und – unglaublich – genau wie diese fiktive Figur aus bewegten Strichen mit in Kindersprache gepressten Gedanken eines Erwachsen, der sich krampfhaft hineinzuversetzen sucht, was ein Kind in den jeweiligen Situationen sagen würde, folgte ich der Aufforderung meiner Mutter und verrichtete unter ihrer Aufsicht wie gefordert.
Heute überprüft keiner mehr die Zahnbürste. Die Kindheit ist vorbei und die Frage, wann dies geschah wird mit Leere beantwortet. Niemand hält dich mehr auf dem Weg. Du springst von Zeit zu Zeit, Tag zu Tag und bist an nichts außer an dein eigenes Ich rückgekoppelt – manchmal nicht mal an das. Überall erblickst du Glück, Wege des Glücks; nur hast du ab einem bestimmten Punkt verlernt, den richtigen Weg einzuschlagen. Stattdessen schlägt das Leben auf dich ein, während du stumm unter Tische kriechst und mit angezogenen Beinen auf etwas wartest. Auf was? Vielleicht, dass heute Nacht wieder jemand feststellt, dass deine Zahnbürste erneut trocken blieb.