Descartes war ein Lügner. Nein. Descartes konnte es einfach nicht besser wissen. Wie auch. Begnadet wie er war. Es ist das großes Problem jeglicher Geisteswissenschaft, dass ihre Substanz von hellen und fast genialen Köpfen geschaffen wurde; Genies und Menschen, die am Rande des Wahnsinns standen oder die Grenze fies grinsend übersprangen. Sie finden Antworten auf Fragen, die ich noch nicht mal verstehe, deren Verständnis mir diese unglaublich schnelle Zeit auch nicht ermöglicht. Und so stochert man im Ich auf der Suche nach Irgendetwas. Man macht das beschämt, weil man nicht will, dass anderen diese verzweifelte Suche mitbekommen.

Mein Leid begann mit Descartes. Er war es. Ganz klar. Er war aber auch einer, der noch versuchte sein Gedanken, sein Idee verständlich zu machen, nicht nur einem drogengeschwängerten Fachpublikum Einlass in sein Reich zu gewähren. Er war ein kleiner Didakt. Boxte sich die Fakten so zurecht, dass er schließlich seine Fragestellung gleichsam einem Gegner vor sich aufgebaut hatte. Dann stieß er zu: Cogito ergo sum. Ich kann an allem Zweifeln, an allem, alles kann unecht sein, alles kann auf Lügen eines Dämons beruhen. Nur eines nicht. Im Moment des Zweifelns kann ich mir sicher sein, dass ich es bin, der zweifelt. Meine Existenz ist von diesem Standpunkt der Selbstreflexion aus, das einzig sichere, die einzig sichere Erkenntnis. Hier wird der radikale Zweifel scheinbar beendet und die Philosophie der Neuzeit beginnt schrittweise ihre riesigen Theoriegebäude darauf aufzubauen.

Das besondere des Menschen schien entschlüsselt zu sein. Doch die Theorie hinkt. Descartes richtet wie viele andere seine Versuchsanordnung zu stark daran aus, sein Ziel zu beweisen. Er vergaß Menschen wie mich. Menschen, die im Zweifeln und Denken das Ziel und so auch sich selbst vergessen. Menschen, die Wörter in fester Begeisterung schreiben; doch im nächsten Moment das Geschriebene abstoßend finden. Menschen, die in ihrem Leben keinen Anfang und kein Ende finden. Menschen, die sich in einem mittendrin befinden, mitten im Leben orientierungslos, weil über sich selbst und über das Ziel von allem im Unklaren.

Aus all dem kann nur folgen, dass ich nicht bin – oder ich mir zumindest nicht sicher sein kann, zu sein. Mir kam diese Erkenntnis nur über die Feststellung, dass ich versagt habe. Mein Leben ist zerstört. Ohne Ziel und mit Angst springt es durch die Tage. Kann sich weder umblicken, noch im grauen Nebel da vorne etwas sehen. Einzig die anderen, benachbarten Spuren, die von schönen Menschen befahren werden, ist es in der Lage zu sehen. Und mein Leben sieht, wie sie mit strahlenden Augen davon rasen, auf ein sicheres Ziel, ein Ziel, dass ihnen bestätigt zu sein, ein Ziel, dass sie in ihrer Existenz begründet und ihnen halt gibt, auch Widerliches über sich ergehen zu lassen.

Vor Jahren dachte ich, ich bin noch auf der Suche. Auf der Suche nach dem Ziel, dass die Tage leichter werden und die Lasten verschwinden lässt. Stattdessen bin ich verheddert, hier mit euch, auf diesen Seiten und in Projekten, denen ich nicht genug geben kann. Weil ich nicht bin.

Ich betrachte diesen Text als ein Ende. Ein Ende für bisherige Dinge. Ich werde mich in den nächsten Wochen von verschiedenen Dingen/Projekten in meinem Leben verabschieden. Vielleicht nicht für immer, aber auf jeden Fall für eine längere Zeit. Und diese Zeit werde ich nutzen, ein letztes Mal zu fragen wozu. Hoffentlich gibt es eine Antwort, die es schafft, dass ich mich besser fühle und nicht jede Nacht nicht schlafen kann und den Morgen verfluche, weil schon feststeht nichts zu schaffen. Vielleicht finde ich ja auch wieder Augen, die Hoffnung ausstrahlen, die mit Glanz die Rettung versprechen.