In mir lebt eine Imitation meiner selbst. Gestern Nacht kam sie raus. Es war 4.09 Uhr und ich beendete die Arbeit. Habe verschiedene Dinge erstellt, für gewisse Jenaer Vereine. Ich stand dann auf dem Balkon. Hände ans Geländer und betrachtete die Schemen der Bäume, die sich im Wind wiegten. Und plötzlich sprach mich Jemand an. Er saß in den vergilbten Korbsesseln, die seit meinem Einzug auf dem Balkon vor sich hin verwittern. Kleine, weiße Farbpartikel, die vom Rattan abgeplatzt waren, hatten sich auf seinem schwarzen Hemd angesammelt. Er hatte seinen Arm auf die Lehne gestellt und seinen Kopf mit dieser Konstruktion abgestützt. Er blickt mit leerem Blick auf die wiegenden Schemen.

Die Stimme klang gleichsam fremd und vertraut. Der Tonfall war mir bekannt. Irgendwoher, irgendwann. Er sprach über Parkbänke. „Sie sind unglaublich traurig…“ sagte er „während alle darauf Sitzenden immer wieder verschwinden, manchmal spurlos, häufig bewusst, stehen Parkbänke fest verwurzelt mit ihrem Untergrund, verschraubt mit dem Boden, einbetonierte schwere Stahlträger…“ Ich sah ihn an. Die Augen blickten noch immer hinüber zu diesen vermutlichen Bäumen. Leicht viel Regen auf das Geländer und ließ das Metall klingen.

Er verstummte. Vermutlich lauschten wir beide dem Schlag der Tropfen, genossen die Schallwellen, die dem restlichen Regen den Takt zu geben schienen. „Du bist eine Bank. Man kann auf dich bauen, auf dich setzen.“ Er atmete laut ein und wieder aus. „Aber du bist gefangen. Weil du einbetoniert bist. Fest mit dem Boden verwachsen. Kommst nicht raus, kommst nicht vom Fleck. Du willst immer mitgehen, wenn wieder einer aufsteht. Du wartest immer darauf, dass dich jemand mitnimmt. Aber alle sehen, dass man dich nicht mitnehmen kann. Und so stehst du da. Schmiedest den ganzen Tag pläne, wohin du willst, was du alles machen möchtest und vergisst dabei, dass du nicht weg kannst, dass du still stehst. Einbetoniert.“

Er hörte auf zu sprechen und blickte mich an – zwei, drei Sekunden. Er schüttelte den Kopf. Ich blickte weg. Ich suchte im Regen nach einzelnen Tropfen, deren Weg nach unten ich verfolgen konnte. Langsam wurde aus dem Schwarz der Nacht ein Dunkelblau. Die Sonne kam.