Grundsätzlich: Man kann die kommenden vier Absätze lesen oder auch gleich – in guter alter Bloggermanier – zum fünften übergehen.

Ist „Mainstream“ nun ein Schimpfwort oder nicht? In einer quasipluralistischen Gesellschaft, wie der unsrigen vermutlich ja. Die Individualisierung des 20. Jahrhunderts hat den heutigen Menschen in Hinblick auf totalitäre Regime soweit getrieben, dass es einfach nicht mehr „schick“ ist Mainstream zu sein. Ein Individuum definiert sich trotz immerwährender Gruppenzugehörigkeit einfach gern über sich selbst. Out sein ist In („Ich bin keine Zielgruppe„). Man kann dies nur ad absurdum führen durch den Umkehrschluss, dass nun alle Vorzeigeindividualisten nun doch wieder einer Gruppe angehören: dem „Antimainstream“.
Kritik am kulturellen Mainstream ist aber immer schwer. Im Politischen wird die Sache schon einfacher. Wer mit distinktiven Ansichten prahlt, verliert schnell seine Berechtigung in einer zwar pluralistischen, aber trotzdem am Konsens interessierten Gesellschaft, die Definitionsmacht und Mitbeteiligung einzufordern. Je extremer – je weniger Mainstream, desto schwieriger wird es. Trotzdem darf es natürlich nicht zur so oft zitierten „Tyrannei der Mehrheit kommen“. Gerade nicht im Pluralismus.

Seit der Aufklärung glauben wir nun daran, dass die wahre Kunst nur aus uns selbst hervorgebracht werden kann. Somit stellt jeder Künstler mit seinem Werk die aus der Innerlichkeit heraus produzierte Individualisierung zur Schau. Was der breiten Masse gefällt wird zum Mainstream – seit den 90er Jahre des 20. Jahrhunderts auch gerne gehypt.

Gerade in der Musik und Literatur wird aber dieses Denken zum Schlagwort des guten Geschmacks. Bei der Diskussion mit bestimmten Anhängern diverser Submusikgenre kann sich dem Urteil nicht erwehrt, dass bestimmte Musiker nicht aus dem Grund fehlendem musikalischen Gefallen nicht gehört werden, sondern aufgrund der Zugehörigkeit zum Mainstream. Viel zu viele Musikliebhaber haben ihre Vorurteilslosigkeit verloren und achten nicht auf das rauschhafte (das quasidionysische) der Musik, sondern auf andere kulturelle und soziologische Faktoren – wenn auch zum Teil unbewusst. Die Kritik an den Mainstreamkritiker ist also berechtigt, sollte doch als einzige Tugend des Musikliebhabers das Gefallen der Musik an sich stehen und der Versuch unternommen werden, andere Faktoren – wie Gruppenzugehörigkeit und Medieninteressen – ausgeblendet werden.

Bleibt nur die Frage zu klären, was nun Mainstream ist. Das tolle an Statistik ist nun vermutlich die Tatsache, dass ihre Ergebnisse zwar interpretiert werden müssen, dabei die Voraussetzungen der Erhebung beachtet werden müssen, die Ergebnisse an sich nicht subjektiv sind.

So habe ich die mir bekannten Jenaer Blogger, die ihren Musikgeschmack der Social Software „last.fm“ anvertraut haben, durch das offizielle „Last.fm-Mainstream-O-Meter“ gejagt, um die Ergebnisse hier an den öffentlichen Pranger zu stellen. Technisch gesehen errechnet das Mainstream-O-Meter anhand der persönlichen Hörgewohnheiten im Vergleich zu den Hörgewohnheiten der restlichen Last.fm-User den Grad des persönlichen Mainstreams. Hier die Ergebnisse:

Baytor: 52,94 %
tageausglas: 32,80 %
urbandesire: 31,22 %
beetlebum: 23,27 %
robat: 18,07 %
klingsor: 12,52 %

Berechnung vom 31.05.2007 (14 Uhr)

Soviel dazu. Jetzt kann sich jeder seine Gedanken dazu machen (vielleicht gibt es auch eine psychologisch motivierte Interpretation dazu – wer will?). Ich persönlich muss anmerken, dass sich in meiner last.fm-Topten einige Mainstreamschwergewichte wie „The Killers“, „Oasis“, „The Smashing Pumpkins“ oder auch die „Eels“ verbergen, die ordentlich gewichtet, mich zu über einem Drittel dem Mainstream zugehörig erklären. Wobei jetzt zu Fragen bleibt: Sind die Eels Mainstream? Oder ist der Mainstreambegriff nur eine Frage des Standpunktes?