Beim Durchblättern meiner Statistiken und Beiträge auf diesem Blog ist mir aufgefallen, dass ich sehr lange nicht mehr über die typische Blogthemen geschrieben habe. Beispielsweise hatte ich lange keinen Zusammenstoß mit unangenehmen Mitmenschen, lange gab es auch keinen Einsatz der Wohnheimgestapo. Ich könnte, dachte ich mir, aber über die erste Bahnfahrt im neuen Semester schreiben.

Es gibt in der Regel zwei Arten von Studenten. Für die einen ist die vorlesungsfreie Zeit wirklich nur eine vorlesungfreie Zeit, da diese gespickt ist mit Klausuren und Hausarbeiten. Die anderen nennen diese vorlesungsfreie Zeit Semsterferien. Sie nutzen diese auch als wirkliche Ferien. Wer, wie ich selbstverschuldet zu den ersteren gehört, freut sich, wenn in einer Studentenstadt wie Jena nach spätestens 2 Wochen „Semesterferien“ Ruhe eingekehrt ist. Das heißt, Plätze in der Mensa sind zu jeder Tageszeit verfügbar, man findet einen Platz in der Bilbiothek (auch wenn man erst um 11:30 Uhr kommt) und das schönste die Straßenbahne und Busse sind leer. Und aus irgendeinem Grund fallen ohne diese ganzen Studenten in dieser Zeit die stadtbekannten Irren gar nicht so stark auf.

Doch sobald der Unibetrieb wieder anläuft, teilt man sie die zu engen Waggons mit Irren, Wahnsinnigen und Erstsemestlern. Meiner erst Fahrt in diesem Semster führte mich am Montagmorgen um 8:30 Uhr in die Jenaer Bibliothek. An Bord der Linie 4 von [ACHTUNG: Sozialer Brennpunkt] Lobeda-West in Richtung „Stadtzentrum“ war natürlich die jeder Bahn zugehörige Irre. Sie zuckte nervös auf ihrem Sitz hin und her. Quetschte den Kopfe gegen die Scheibe und roch einfach nur unangenehm.
Schräg dahinter wurde der Spaß umrandet von ehemaligen weißrussische Hammerwerferinnen, wahlweise auch Kugelstoßerinnen. Sie sprachen aufgeregt, vermutlich über die Schönheit des Daseins. Kicherten ab und zu und grenzten sich ab. Wichtig taten außerdem die zwei Medizinstudentinnen, die noch viele wichtiger über diverse Uniinhalte und Dozentenwünsche eine lautstarke Disputation hielten. Es fehlte eigentlich nur noch die Frage: „Und hast auch schon mal einmal Blut ziehen dürfen…?“ Eine ähnlich Variante der Zusammenrottung neben Weißrussinnen und Medizinstudentinnen sind Chinesen. Sie treten in Bahnen und Bussen eigentlich nur in Grüppchen auf. Also mindestens zu zweit. Manchmal gesellt sich auch ein chinesischer Herr dazu. Glücklicherweise wird in diesem Rahmen nur leise diskutiert.

Das Schönste an Fahrten zu Semesterbeginn sind die Anblicke der Erstsemesterstudenten. Man kennt das ja noch aus seiner eigenen Vergangenheit. Parolen wie: „Jetzt geht das Leben los.“ oder „Endlich mach ich das, was mir gefällt…“ bestimmen da den Alltag. Oftmals stellt sich bereits nach wenigen Wochen Ernüchterung ein, da dann doch alles anders kommt als gedacht. Auch in meiner Bahn zum Semesterbeginn fuhren einige Erstsemester mit. Eine davon muss eine Germanistin gewesen sein. Denn sie konnte nicht darauf verzichten ihre gebundene Faustausgabe beim Lesen so zu halten, dass jeder, der in ihre Richtung blickte, diese nicht als das primäre Erkennungszeichen ihrer Person wahrnehmen konnte. Ich wollte eigentlich hingehen und mitteilen, dass ihre vorliegende Ausgabe nicht „kritisch“ ist, somit gekürzt und ohne Fußnotenapparat und daher in den Seminaren etc. der Universität unbrauchbar ist. Ähnlich erging es mir. Vielleicht dachte sie sich ja auch, dass, bevor sie ihre NDL 1-Vorlesung für das erste Semster bestritt, es ratsam wäre, noch einmal den Faust gelesen zu haben.

Garniert wurde das ganze durch gesprenkelt platzierte Rentner, die mürrisch dreinblickten. Rentner bevölkern die Straßenbahn zu jeder Tageszeit. Gen Abend bis in die Nacht wird es dann weniger. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die vorlesungsfreie Zeit handelt oder nicht. Sie nutzen beim Einsteigen gern etwaige Gegenstände, um sich Sitzplatzbeschaffungsvorteile zu sicher. Das Drängeln und Schubsen kommt dann vermutlich nur aufgrund ihrer Unsicherheit zu stande. Die Straßenbahnführer „schmeißen“ sich ja auch immer so gern in die Kurven. Beim Aussteigen, besser, wenn man selbst aussteigen will, wird gerne nicht Platz gemacht und mit dem Gedanken ihrerseits quittiert: „Beam dich doch raus.“ (Wissen Rentner eigentlich was „Beamen“ ist?) Auch sind es häufig die erfahrenen Vertreter dieser Rasse, die andere nicht aussteigen lassen, da sie von Außen die Tür blockieren, um möglichst schnell den gewünschten Sitzplatz zu erhalten. Es geht also nur um den Sitzplatz.
Es fehlt nur noch, dass ein überheblicher, großgewachsener Passagier der Straßenbahn aufgezählt wird, der diese Bahnfahrt spannend genug fand, um sie in sein Blog zu posten. So ein Arsch.