Akademische Einsamkeit

15. März 2010

Was? Deine Magisterarbeit hat über 140 Zeichen? Wer soll denn das lesen?

Heute steht es fest. Die halbjährliche Arbeit, die in so einem großen schwarzen Buch mit silbernen Lettern auf der Front endete, scheint zumindest das Notwendigste bei den Gutachtern ausgelöst zu haben, insofern meine Zulassung zu den schriftlichen Abschlussprüfungen erfolgt ist, die dann wiederum in einem Monat beginnen.

Ignorieren wir einfach mal die Tatsache, dass ich mich und meine Umwelt in den vergangenen sechs Monaten mit Angst-Depressions-Eskapaden – aus heutiger Sicht vermutlich grundlos – fast zu Tode genervt habe, ignorieren wir die Erkenntnis, dass ich nun noch mehr Menschen hasse und konzentrieren wir uns auf die Zusammenhänge, die sich nach sechs Monaten papierener Einsamkeit ergeben haben.

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Ich hatte alles geplant. Minutiös. Das Problem war nur, dass ich bereits bei der Planerstellung wusste, dass es so eh’ nicht funktionieren würde. Zwar gab es überall – an fast allen Universitäten außer an meiner eigenen – Anleitungen und Planungsrichtlinien, wie ein solches Großprojekt angegangen werden kann. Aber irgendwie scheiterten dann doch alle daran, dass “das Schreiben einer umfangreichen Magisterarbeit  in den Leitfäden des wissenschaftlichen Arbeits gern unter dem einzigen Punkt »Rohfassung erstellen« zusammengefasst” wird. Mein Plan folgte somit dieser Vorgabe und ich schrieb in hochroten Lettern “Magisterarbeit verfassen” von September ‘09 bis Januar ‘10 in meinen Kalender.

Was nun in dieser rotmarkierten Zeit passierte, war das klassische “In-seinem-eigenen-Saft-schmoren”, “Sich-um-sich-selbst-drehen”, das beliebte “Bezugspunkte-zur-Realität-verlieren” und was irgendwie angenehm seltsam war: ein intellektuelles Vereinsamen. Je tiefer ich in diese seltsame Arbeit, deren Ergebnis 4/8 einer Note ausmachen wird, die nach Überreichung des Zeugnisses in der außerakademischen Realität keinen Wert hat, eindrang, desto mehr verlor ich zunächst den Kontakt zu dem, was man Umfeld nennt und schließlich zu mir selbst.

Denn es war eine Mechanik, die plötzlich existierte. Jeder Morgen lief gleich ab. Die Zeiten zwischen Nachtausklang und Arbeitseintritt variierten kaum. Das Ergebnis ist nun, dass ich die einzelnen Tag nicht unterscheiden kann. Alles fühlt sich an wie der gleiche graue Nebel. Die unzähligen Zigarettenpausen sind identisch, die Ängste und aufflammenden Panikattacken und die kurzen Phasen des Hochgefühls, wenn ein Absatz mal besonderes gefallen hat oder ein Mitleser der Arbeit ein gütiges Urteil fällt verkommen zu einem einzigen grauen Masse der Gleichmäßigkeit des Schreckens. Ich fror meine sozialen Kontakte nicht ein, hatte aber selbst das Gefühl in der Interaktion mit ihnen nicht auf sie richten zu können. Ständig standen Fragen im geistigen Raum, die eine Restrealität erzeugte, welche ich meinen sozialen Kontakten übergab, aber in dem Wissen darum, dass es nicht ausreichte um wirklich zu menscheln. Facebook wurde mein Freund. Es war das soziale Umfeld in Dosen. Konsumierbar und auch wie ein Wasserhahn abdrehbar. Und so war es leichter die in mir schwappenden Fragen wie: “Wie lange brauch’ ich für jenes?”; “Habe ich das schon gelesen?”; “Trifft es den Punkt?” … also all diese schizoiden Fragen eines Menschen, der an einem Problem herumdoktert, das außer ihm vielleicht noch zwei drei Menschen auf diesem gottverlassenen Planeten interessiert1, zu ignorieren und im Rahmen der blauen Social-Anwendung lebensecht zu bleiben.

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Schlimmer war jedoch – und dies bleibt trotz alle Monotonie separiert – der Kampf mit sich selbst. Ab einem gewissen Punkt war das Kompetenzlevel des Umfelds überschritten und ich war allein. Allein mit der Frage “Kann man das so schreiben?”; “Nimmt man mich damit noch ernst?”; “Klingt das wissenschaftlich?”; “Ist das richtig?”; “Gibt es überhaupt ein richtig?”. Diese akademische Einsamkeit korrelierte beständig mit Versagensängsten, die an manchen Tagen eine Nacht mit mir zum Höllenritt oder auch meinen Fingern einen blutigen Hautverlust zu Teil werden ließen. Ab einem gewissen Zeitpunkt – ich denke trotz allem Grau(s), dass es ab Mitte Januar ‘10 gewesen sein muss – war das Schreiben der Arbeit eigentlich nicht ein Problem der Wissenschaftlichkeit oder des Wissens selbst2, sondern vielmehr ein Kampf mit mir selbst. Indem ich feststellte, der einzige zu sein, dem das Thema wirklich etwas sagte und irgendwie wirklich etwas bedeutete, verlor ich das, was ich in meinem Leben immer brauchte: Absicherung; jemand der mir die Bestätigung gibt: “Ja! Das ist richtig.” Die Menschen, die ich um Hilfe bat, so sehr sie sich auch mühten, konnten mir nie ganz die Sicherheit beschaffen, nach der ich gierte, sondern nur die am schlimmsten blutigen Stellen verbinden. Aber gottseidank taten sie es. So ein Blut ist ja auch endlich.

In diesem Bilde kroch der letzte Monat in atemberaubender Geschwindigkeit vorbei. Und ich musste – nachdem mein nicht geplanter Plan bis auf den letzten Tag fast hervorragend aufging – schon wieder feststellen, ein halbes Jahr Älter geworden zu sein, ohne dass ich eine merkliche Verschlechterung meiner physischen Konstitution konstatieren konnte3.

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Trotz einiger Hindernisse und dem seltsamen Gefühl, es dann trotz aller Zweifel geschafft zu haben, dieses Ding rechtzeitig in eine Druckerei zu bringen, nichts Wesentliches vergessen zu haben und gegen eine Unterschrift drei von diesen schwarzen Büchern mit ihrer henochischen Sprache an das entsprechende Amt regel- und gesetzeskonform vertickt zu haben, ärgere ich mich. Denn tausende von Studenten, Doktoranden und sonst wer schreiben umfangreiche Arbeiten, Tausende erleben dieselbe Mühsal, ohne dabei am Ende die Notwendigkeit zu sehen, wimmernde Blogeinträge zu verfassen. Es ist mir fast schon peinlich, diese akademische Lappalie so auszudehnen, aber vermutlich gehört es zu irgendeiner seltsam gearteten Reife, die über einen kommt, diesen noch viel seltsameren Wesenszug am eigenen Ich zu akzeptieren.

Ab heute ist urbandesire wohl wieder da.4

  1. Ich sehe dies als Normalfall der akademischen Themenwahl auf geisteswissenschaftlichem Gebiet an, was einiges aussagt []
  2. schließlich waren zu diesem Zeitpunkt mit über 80 Seiten über 70 Prozent der Arbeit getan []
  3. solche Sätze sind schreckliche Überbleibsel einer unsicheren akademischen Ausdrucksweise und Kernelement meiner Stilistik []
  4. Ich mag jetzt übrigens Fußnoten (pdf, 68kb) und griechische Zeichen []

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13. Februar 2010

ftw?

23. Januar 2010

In dieser Krise unbescholtener Stunde
Stehe ich abseits und betrachte all das was passiert
Trotz erschrockenem Inneren … die Augen stehen ruhig
Spielen etwas vor, soll es sein, ist nicht, wird es doch
Bleibt es so, so schließen sich unsere Augen wieder
Schlucken hinunter, was uns betrifft und
Wofür niemand etwas kann… stehen Zeichen da

Stehe abseits nun jetzt mit geschlossenem Aug
Wann er tönen endlich wieder Lieder, welche
Es vermögen, die zu strafen, die  wert es sind
Wann erhebt sich wieder jene Faust, des Toten
Totgesagtem
Er soll auferstehen, er soll aufsteigen, schöner als zuvor
Uns leiten, Licht verdunkeln und Licht geben

Stehe abseits nun, blicke mutig aufwärts
Strenge Augen an um dies zu sehen.
Bitte zeig dich du alter Geist… bitte hilf uns
In dieser schweren Stunde, zerkaue die Seile
Die uns hielten sind verblasst durch die Idee
Deines Angesichts in unserem Herzen
Zeig dich uns

Auf alten Kräften berufend stehen wir auf so
Erzittert vor uns und unserer Wut
Ihr habt uns alles genommen und seid hinfort
Niemand kann euch fangen, meint ihr tönend
Doch nicht gesehen wir, beachtet
Wir halten euch fest, teeren euer Gefühl
Beenden euer Leiden, euer jämmerliches
Dasein durch das Zeigen keiner Fehler

Ich werdet das erleiden, was  euch gebührt
Und uns zugeführt wurde, eure Sessel sind zerkaut
Eurer Tabak schnell und zügig aufgeraucht
Es ist vorbei, ihr werdet sehen und kein Retter
Wird euch leiden sehen und eingreifen wie
Es Moral gebührt, den Moral habt ihr mit allen
Uns angetan’en Dingen verschnürt.

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11. Januar 2010

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28. Dezember 2009

12 Stunden

23. Dezember 2009

Es ist nun heute schon der dritte Tag, der die volle Distanz enthält. Damit ist das Sitzen in der Bibliothek von 9-22 Uhr gemeint. Einfach um Hirn, Aufmerksamkeit und die Zeit vollends auszuquetschen und… um das eigene Zimmer möglichst arbeitsfrei zu halten.

Vor wenigen Wochen war das noch nicht möglich. Gen 17-18 Uhr war ich verbraucht, leer und müde und fand irgendwie genug Gründe nach Hause zu gehen. Heute unter der Maßgabe, dass in 2 Monaten Abgabe der Magisterarbeit ist, hab ich zwar immer noch genug Gründe nach Hause zu gehen, jedoch interssieren diese nicht mehr. Ich bin inhaltlich bei der Textanalyse endlich angelegt, Einordung, 1 Szenenabschnitt sind auch schon durch. Der zweite Teil wird das Mammutstück und soll noch vor dem Jahreswechsel begonnen werden. Worttechnisch sind wird bei gut 18000 Wörtern und knapp 60 Seiten. Ich würde sagen ohne Schluss ca. 70 %. Es bleibt aber irgendwie schwer einzuschätzen, ob die Zeit wirklich reicht und ich entspannt in die Abgabewoche gehe. Ich hoffe es. Momentan ist das irgendwie sehr schwer einzuschätzen.

Ich hatte da ja mal eine Grafik vorbereitet. So der Stand heute.

Dazu gönne ich mir einen spannenden Rhythmus. Alle 90 Minuten krieg ich ein Päuschen, aber möglichst nicht länger als 15 Minuten und dann wieder zurück an Tisch und MacBook. Trotzdem kann ich mal aufgerechnet sagen, schreibe ich nette vlt. 3 Stunden. Das finde ich unglaublich in Anbetracht der so langen Gesamtarbeitszeit pro Tag. Sicherlich… viel Recherche, Nachlesen, Suchen, Notieren etc … bestimmt knapp 4-5 Stunden. Aber wo geht der Rest (Pausen mal abgezogen) hin? Irgendwo verliere ich Zeit und ich ahne, dass das Netz dafür in gewisser Weise verantwortlich ist.

Hoffen wir auf den Flow, der uns zum Ende trägt.

(via FaustII)

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22. Dezember 2009

urbandesire.de – Jahrescharts 2009

20. Dezember 2009

Das Jahr nähert sich dem Ende und es ist ja zur guten Tradition geworden, dass ich meine “Platten des Jahres” vorstelle. Viel neues kann ich nicht berichten. Auch ich empfand dieses Jahr (wie auch schon das letzte) als nicht sonderlich innovativ. Aber vermutlich liegt das eher an meinem steigenden Alter. Trotzdem die TopTen des Jahres 2009. Wie immer gilt, die Platten müssen nicht notwendig alle aus dem Jahre 2009 stammen.

10.  Alexisonfire – Old Crows, Young Cardinals (2009)

Das aktuelle Album von Alexisonfire hat mich leider nicht so vom Hocker gehauen wie es die Vorgänger mit Coolness und extrem locker schaffen konnten. Die Hymnen fehlen, die Härte verliert sich im poppigen Spiel, zuviel Gruppenshouts und insgesamt zu glatt produziert. Zwar gab es mit Burial ein fast auf ein City And Colour-Album passende Hymne, auch ab und an schön Rockiges, aber leider nichts Weltbewegendes, so dass es nur zu einen guten, aber leider letzten Platz in den Jahrescharts reichte.

09. Converge – Axe To Fall (2009)

Mathcore aus Boston. Seit Jahren ist diese Band für mich unschlagbar, wenn es um soundtechnische Verwüstung geht. Der Gehörgang gehört vollkaskoversichert, denn nichts findet sich am Ende da wieder, wo es zuvor stand. Mit ihrem aktuellen Album Axe To Fall haben sie sich dieses Jahr wieder in die TopTen gespielt. Doch dies liegt vor allem daran, weil sie die Sache diesmal etwas anders angegangen sind. Es herrscht nicht mehr die ausschließliche brutale Soundgewalt, sondern die verspielteren Zwischenparts sind bedeutsamer und langwieriger. Teile der Platte sind sogar fast ruhig nüchtern (!) und nicht nur im Dampfhammer-Modus entstanden. Ich liebe diese Platte einfach.

08. Gregor Samsa – Rest (2008)

Gregor Samsa fährt die Schiene, auf der man mich immer bekommt. Nach einem der besten Songs, der jemals produziert wurde aus dem Jahre 2002, habe ich erst in diesem Jahr – und zwar genau ein Jahr nach dem Erscheinen von Rest – diese Platte für mich entdeckt. Musikalisch gibt es ein paar kleinere Neuerungen, nichts Weltbewegendes. Aber sie ist die ruhige, melancholische Indie-electro-post-rock-ambient-Platte, die mich während des Hausarbeitschreibens stets treu begleitete, ohne langweilig zu werden. Sie ist es auch, die in der Küche manch’ späte Nacht versüßte. Somit zurecht in den Jahrescharts auf Platz 8.

07. Archive – Controlling Crowds (2009)

Archive. Ich verstehe diese Band einfach nicht. Ist es überhaupt eine Band? Ist es ein Haufen Verwirrter? Mit Controlling Crowds ist ein Platte entstanden, die vom Synthi-Orgelspiel über electro- und klaviergefrästen Beathymnen, tiefdepressivem Pianospiel, HipHop bishin zu Poprock und Indie einfach alles enthält. Es gibt keine Stimmung, in der ich diese Platte durchhören konnte, ohne dass nicht mindestens drei Lieder störend waren. Für diese freakige Erweiterung meines musikalischen Horizontes gibt es Platz 7.

06. Opeth – Watershed (2008)

Eine Liebe, die ich zu Beginn des Jahres (wieder-)entdeckte, war die zu der seltsamen Musikrichtung: Progressive Metal. Durchschlagend in dieser Hinsicht war dabei Opeth. Die Stimme, das Gitarrenspiel, Growlings und all das zog mich in eine Welt, die ich bis heute nicht verlassen konnte. Mit endlos langen Songs wird man nach knapp einer Stunde von Watershed, dem aktuellen Album von Opeth, entlassen. Und weiß nicht ein noch aus. Aber eins ist sicher, Platz sechs in den urbandesire.de-Jahrescharts ist erlaubt.

05. Katatonia – Night Is The New Day (2009)

In die gleiche Kerbe wie Opeth schlagen Katatonia. Progressive Metal vom Feinsten. Allein die ersten beiden Titel Forsaken und The Longest Year haben mich sprachlos gemacht. Die unplausible Mischung aus metaliger Härte mit der sanften und doch so leeren Stimme von Lord Seth ;-) ist so maßgeblich für das, was mich an Kataonia reizt. Ich bin mir sicher, dass für viele Fans dieses Genres Night Is The New Day das Album des Jahres wird. Bei mir reicht es für Platz 5.

04. Alice In Chains – Black Gives Way To Blue (2009)

Es ist die Wiedergeburt des Jahres. Nach dem Tod von Layne Staley im Jahre 2002 geht man als Liebhaber dieser Band und deren Musik davon aus, dass nichts mehr kommt. Oder wenn etwas neues kommt, es sich um einen Aufguss von Altem handelt oder konzeptionell völlig in eine andere Richtung geht. Bei Alice in Chains ist das dann doch wieder etwas anders. Nachdem sich quasi schrittweise wiedervereinigt wurde (erst mit sporadischen Konzerten, dann mit der Festanstellung von William DuValls als Nachfolger Staleys, hin zu neuen Studioaufnahmen), liegt seit Ende September 2009 Black Gives Away To Blue vor. Zunächst ist man immer wieder erstaunt, wie sich doch an manchen Stellen die Stimmen von Staley und DuVall ähneln. Es ist spannend zu sehen, wie DuVall den Spagat zwischen etwas eigenem und der Erinnerung an Staley bewältigt. Ähnlich (fast zu stark), aber dann doch wieder anders. Natürlich liegt hier kein zweites Would? vor, aber es ist ein sehr respektabler Neuanfang: All Secrets Known wabert sich so durch die Welt, Check my Brain dödelt mit dem Hirn und mit der Ballade Black Gives Away To Blue in Erinnung an Staley, ist man froh, Alice in Chains irgendwie wiederzuhaben, wenn auch ein wenig anders.

03. Japandroids – Post-Nothing (2009)

Die Band ist einfach zu nerdy. So viel Geschrammel und Gedrücke. Verquaste Stimmen, stilvolle Wechsel der Modi und Tempi, aber dann doch ein so brennendes Gitarrenspiel. So muss das mit dem Garagerock am Ende der ersten 10 Jahre des neuen Jahrtausends laufen. Die Band begleitet uns alle weiter voran. Klingen dabei nach so viel Vertrauten, so viel Geliebten und Gehasstem zugleich. Man möge denken, da fahren 2 Typen in einem altem VW-Bus durchs Land und rufen gellend aus: “Wir schrammeln uns durchs Leben. Denn so ist der NERD. So muss das eben klingen. Platz 3 an die Japandroids mit Post-Nothing.

02. Savoy Grand – Accident Book (2009)

Zugegeben ich fand die Vorgängeralben (People and what they want, Burn The Furniture) des 2009er Accident Book von Savoy Grand besser. Ganz klar. Da ich aber die Band erst in diesem Jahr entdeckt und alle drei Alben gleichzeitig auf mich einstürmen, wird das aktuelleste herausgegriffen, steht aber für die Band als Ganzes. Denn diese ist konsequent. Gefühle können einfach besungen werden, auch mal sanft, fast peinlich. Aber nie nicht ergreifend. Mit Hymnen wie Day Too Long oder Last Night On Earth gleiten wir auf dem weißen Schnee da draußen ganz sanft aus dem Jahr. Eine ganzjährige Winterplatte. Platz 2 an Savoy Grand.

01. The XX – XX (2009)

Ja… ich geb es zu. Ich bin dem Hype erlegen. Man muss sich nur mal fragen, wie viel man weglassen kann. Immer. Bei jeder Gelegenheit. Die Antwort für den britischen Indie haben The XX gegeben. Aus meiner Rezension:

Ein gewisser Minimalismus schwingt mit, betrachtet man das Cover des Debütalbums xx von The xx. Das Cover ist sogar so schlicht, dass man eigentlich im Netz gar nicht nach einer jpg-file suchen müsste, sondern es in Photoshop auch selbst erstellen könnte. Bei Albumnamen und Bandnamen geht es gleich weiter. Alles schön schlicht. Bis auf das berühmte “The”, das vermutlich weniger ästhetisches Statement ist als dann doch den Coolness-Faktor zu verstärken sucht. Basic Space mehr braucht es dann nicht. Die Platte klingt in ihrem Minimalismus, in ihrer reduzierten Form extrem erwachsen. Nur die Stimmen verraten das doch junger Alter der vier Londoner. Es könnte der Vorwurf des Langweiligen kommen – oder gar schlimmer des betont Langweiligen. Alles ist reduziert, es herrscht manchmal momentlang Stille, die Texte werden gehaucht und nur ab und an pocht der Drumcomputer durch die Boxen. Alles scheint in Schwebe zu liegen, die Musik gleitet umher, still und in die Stille selbst verliebt. Doch ist es keine Langweile. Es ist die andächtige Liebe in die Ruhe, leicht tändelnd durch das Leben zu schreiten und einer sanften Melodie zu folgen, die einen beruhigend nach wilder Macht gen Morgen dösen lässt.

Langeweile hört sich anders an. Haben doch diese vier jungen Menschen gute Recherche in der Musikgeschichte der letzten Jahre, zum Teil Jahrzehnte betrieben. Gar manches Riff nimmt Anklänge an Interpol oder den Editors ohne deren treibende Kraft zu übernehmen. Auch Bloc Party sind vernehmbar. Das Tastenspiel des Keybords stammt hingegen aus älteren Dekaden. New Order schwingt da mit. Garniert alles durch diesen durch komplette Platte zurückgehaltenen Gesang. Melancholisch, irgendwie traurig und zuürckhalten, nur niemals aufregend.

The xx sind vielleicht nicht der nächste Superhype wie etwas die Artic Monkeys oder Bloc Party, jedoch wird sich die Platte sicherlich in einen Musiksammlungen wiederfinden, wenn der nächste Partyabsturz durch laute Musik in der Nacht geheilt werden muss. Dafür eignen sich die vier auf jeden Fall. Auch ohne langweilig zu werden.

Keine Ahnung wie die Band es mit so einer Rezension auf Platz 1 der urbandesire.de-Jahrescharts geschafft hat. Weder war mein Jahr besonders langweilig, noch ist die Langweile als Lebensmotto für die Zukunft geplant. Vielleicht lag es an der Monotonie des Alltags… Lesen, schreiben, lesen, schreiben, lesen, schreiben, Note… fertig. Platz 1 halt.